
Man fragt sich, was bei der Rezeption dieser Oper schiefgelaufen ist, denn langanhaltender Beifall des Premierenpublikums in der Düsseldorfer Oper belohnte die konzertante Aufführung der „Königin von Saba“ von Charles Gounod. Die Königin von Saba, die um 950 v. Chr. den weisen jüdischen König Salomo besucht haben soll, ist ein Sujet der Buchreligionen. Das Alte Testament berichtet lediglich vom Besuch der heidnischen Königin, in Gounods Oper verspricht sie dem König, der in der Oper Soliman heißt, die Ehe, weil er sie mit seiner Weisheit beeindruckt, verliebt sich dann aber in seinen Baumeister Adoniram und macht ihr Eheversprechen wieder rückgängig. Sie ist die klassische Frau zwischen zwei Männern, die allerdings ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt und den König am Vorabend der geplanten Hochzeit mit einem Schlaftrunk außer Gefecht setzt und sich zu ihrem Geliebten absetzt. Sie begegnet dem König der Juden als Frau auf Augenhöhe. (Rezension der Premiere vom 16. Mai 2026)
Charles Gounod, längst mit „Faust“ etabliert, schrieb neun Jahre danach, Premiere am 28. Februar 1862 in der Opéra de Paris, seine siebte Oper „Die Königin von Saba“ als fünfaktige Grand Opéra. Das Sujet, eine Geschichte, die in monumentaler Architektur mit spektakulären Bühneneffekten und schmetternden Fanfaren von historischen Königen und Baukünstlern erzählte, schien, nachdem die Librettisten Jules Barbier und Michel Carré im zweiten Akt noch einen explodierenden Schmelzofen mit hochdramatischen Chorszenen eingefügt hatten, ideal für eine fünfaktige Grand Opéra. Vorlage war die Erzählung: „Histoire de la Reine du Matin et de Soliman“ aus Gérard de Nervals „Voyage en Orient“.
Dabei kommt der attraktive Baumeister Adoniram nicht etwa durch seinen Rivalen, König Soliman, zu Tode, sondern durch drei unzufriedene Mitarbeiter. Sie überfallen ihren verhassten Chef bei seiner Ausreise aus Jerusalem mit der Königin von Saba in einem engen Tal und bringen ihn aus Rache um. Er stirbt in den Armen der Königin.
In Charles Gounods Oper steht das Dreiecksverhältnis der Königin von Saba, Balkis, zum jüdischen König Salomo – in der Oper Soliman – und zu dessen Baumeister Adoniram im Mittelpunkt. Der Künstler beeindruckt Balkis so sehr, dass sie ihn dem König vorzieht. Adoniram ist ein charismatischer Meister der Baukunst und des Bronzegusses, der in seiner Werkstatt viele Mitarbeiter beschäftigt. Ein Bronzeguss, bei dem der Schmelzofen explodiert und glühende Lava ausstößt, soll auf offener Bühne gezeigt werden und wird hier durch dramatische Lichteffekte angedeutet. Bei der Uraufführung wurde diese Szene gestrichen, weil sie zu gefährlich schien – Feuer auf der Bühne! Der Baumeister Adoniram ist, vielleicht am ehesten Benvenuto Cellini von Berlioz vergleichbar, anders als die üblichen Tenöre, ein selbstbewusster Künstler, ein strenger Chef und ein Mann, der sich sofort in die Schönheit der Königin verliebt. Dass ihn die Königin dem König Soliman vorzieht, kann er zunächst nicht glauben. Die drei Intriganten berichten allerdings dem König, er sei ihr Liebhaber geworden und schüren des Königs Eifersucht. Gounod schafft hier zwei ungewöhnliche Operngestalten, die naturgemäß Kaiser Napoleon III. nicht gefielen und auch das Publikum irritierten. Die Oper wurde bei der Uraufführung 1869 nicht verstanden und gnadenlos verrissen, denn Gounod hatte es gewagt, gegen die gängigen Klischees – leidender romantischer Tenor, hilflose schicksalsergebene Sopranistin – zu verstoßen. Bereits nach 15 Vorstellungen wurde die Oper abgesetzt und auch in Frankreich nur noch selten aufgeführt.

Ein solches Repräsentationstheater konzertant zu zeigen, ist legitim, denn die psychologische Durchdringung des Librettos mit vielfarbigen Stimmungsbildern des Orchesters, hochdramatischen Arien, Ensembles und Chorszenen erkennt man bei einer konzertanten Aufführung viel besser. Die Aufstellung des Chors hinter dem groß besetzten Orchester ist Dekor genug. Die Musik ist typisch Gounod: kantable Melodien mit großen lyrischen Bögen, feiner Orchestrierung, die die Sänger:innen transparent und elegant begleitet, ohne sie zu überdecken, Ausdruck und dramatische Atmosphäre statt bloßer Virtuosität und romantischer Klang mit warmen Harmonien und zarten Klangfarben prägen seine Musik. Gounod benutzt bereits im Vorspiel ein Leitmotiv, um die gemeinsame Herkunft der Königin von Saba und des Adomiran aus dem Geschlecht der Tubal-Kain, einer Schmiededynastie aus den Reich der Königin von Saba, anzudeuten.
Liana Aleksanyan, mit zwei beeindruckenden Roben als Primadonna assoluta wahrhaft königlich gekleidet, verkörperte mit großer Verve die Frau, die einem biblischen König auf Augenhöhe begegnet und sich den Luxus erlaubt, aus Liebe einen Künstler vorzuziehen – mit beeindruckenden Lyrismen und einem strahlenden, überwältigenden lyrisch-dramatischen Sopran. Die armenische Sopranistin ist seit 2023/24 Mitglied des Ensembles der Oper am Rhein und wurde in der vergangenen Spielzeit als Tatjana, in dieser Spielzeit als Chrysothemis, hoch gelobt.
Der französische Tenor Sébastien Guèze, Darsteller des Adomiran, ist international im französischen Fach aktiv, seit er 2015 in der Oper Bonn als Hoffmann überzeugte. Sein Tenor ist höhensicher und ausdrucksstark. Er gab sowohl den jungen Liebenden mit betörenden Lyrismen als auch den strengen Arbeitgeber mit beeindruckender Autorität. Die Tücken der französischen Tenorpartie meisterte der auf Partien wie Don José, Werther, Roméo und Hoffmann international spezialisierte Sänger mit Bravour. Die Liebesgeschichte der beiden war vergleichbar mit Gounods „Roméo et Juliette“.
Bogdan Taloș als König Soliman zeigte große Bassfülle sowohl bei der Gestaltung des gefeierten, weisen autoritären Herrschers als auch bei der des düpierten Verliebten. Seine Eifersuchtsarie war ein Paradestück psychologischer Durchdringung, und sein Versuch, Balkis zurückzugewinnen kann durchaus als versuchte Vergewaltigung gedeutet werden, die sie nur durch einen Betäubungstrank abwenden konnte, der ihn außer Gefecht setzte.
Die drei Aufständischen, Andrés Sulbaran, Jake Muffett und vor allem der Bass Valentin Ruckebier waren aus dem Ensemble hochkarätig besetzt und machten die Frustration über die vermeintliche Zurücksetzung durch ihren Meister glaubwürdig. Annabel Kennedy als Adomirans Gehilfe Bénoni und Charlotte Langner als Vertraute der Königin trugen hohe Stimmfarben bei. Der von Albert Horne einstudierte Chor kommentierte eher und sang meist unisono, aber trat auch als Aktionsträger in Erscheinung, zum Beispiel bei der Darstellung der Panik des Volkes bei der Explosion des Schmelzofens.
Die Duisburger Philharmoniker unter der Leitung von Hendrik Vestmann vervollständigten den Eindruck einer typischen französischen Grand Opéra, indem sie delikate Orchesterfarben der Blechblasinstrumente, der Holzbläser und der Hörner sowie satte Streicher weitgehend als dienende Begleitmusik zu den mehrteiligen Arien und Ensembles, aber auch zur Schaffung von Stimmungen in den Vorspielen beitrugen. Den dramatischen Höhepunkt der Explosion des manipulierten Hochofens zeichnete das Orchester wie eine heftige Naturkatastrophe, assistiert von den Panikschreien des Chors.
Es ist eine veritable große französische Oper und psychologisch erheblich komplexer als manch andere Werke aus der Zeit, die noch stärker typisiert sind. Gounod zeichnet hier eine starke Frau, die den Mut hat, zu ihrer Liebe zu einem Künstler zu stehen und dafür sogar einen biblischen König düpiert. Das war auch einer der Gründe, warum das Publikum des autoritären französischen II. Kaiserreichs mit der Handlung überfordert war, zumal die drei aufständischen Arbeiter ihren Chef am Ende umgebracht haben – ein weiterer Tabubruch. Die Pariser Oper hatte gerade das Fiasko mit Wagners „Tannhäuser“ erlebt, der unter anderem vom Publikum abgelehnt wurde, weil das obligatorische Ballett mit deutlich erotischen Bezügen nicht im vierten Akt, sondern am Anfang der Oper stand. Vergleicht man Gounods „Königin von Saba“ mit der Pariser Fassung von Wagners „Tannhäuser“ erkennt man, dass dort die Dramatik viel stärker aus der Persönlichkeit des Titelhelden resultiert und dass Orchester und Chor viel mehr Dynamik entfalten. Man denke nur an die Einwürfe des Chors beim Sängerstreit!
Trotzdem ist „La Reine de Saba“ eine psychologisch durchdachte feinsinnig instrumentierte Geschichte einer starken Frau, die sich für einen selbstbewussten Künstler entscheidet. Die Form der Grand Opera hatte sich allerdings überlebt, die Spielpläne füllten sich mit den Werken Verdis und Wagners. Es handelt sich jedoch um hinreißende Musik, die es verdient, wieder aufgeführt zu werden, und die auch ohne szenische Realisation Freude macht. Die Aufführungsdauer einschließlich Pause beträgt zwei Stunden, 45 Minuten, denn man hat das Ballett zu Beginn des vierten Akts weggelassen, weil es nur die Handlung aufhält. Die Produktion wird von WDR 3 aufgezeichnet und soll im Herbst 2026 in der Reihe „WDR Oper“ gesendet werden. Es gibt noch Karten, sowohl in Düsseldorf als auch in Duisburg.
- Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Deutsche Oper am Rhein
- Titelfoto: Deutsche Oper am Rhein/ DIE KÖNIGIN VON SABA/ Foto: Jochen Quast
Danke für den Kommentar, ich werde am 12. Juni rein gehen und bin sehr gesapnnt, ich weiss das diese Oper in Düsseldorf vor meiner Zeit aufgeführt wurde, damals auch konzertan unter Alberto Erede. Das ist wohl in der Intendanz von Kurt Horres gewesen, vor der Wende noch. Bin sehr gespannt.