„Die Winterreise“ in Hohenems: ein unvergessliches Ereignis

Liederabend/ Andrè Schuen, Daniel Heide/Foto @ SCHUBERTIADE HOHENEMS 2026

Franz Schuberts Die Winterreise, op. 89, D 911, bestehend aus 24 Liedern in zwei Teilen (Februar 1827 und Oktober 1827) nach Gedichten von Wilhelm Müller, ist einer der beliebtesten Liederzyklen der deutschen Sprache. Am 2. Mai 2026 im Markus-Sittikus-Saal während der Schubertiade in Hohenems haben André Schuen (Bariton) und Daniel Heide (Klavier) den Zyklus dargeboten.

 

 

Nach der Interpretation durch André Schuen und Daniel Heide schien der Sänger eher die Rolle eines externen Erzählers einzunehmen, wenn auch in der ersten Person, was dazu führte, dass mich die Geschichte weniger in ihren Bann zog und fesselte, als es hätte sein können. Dieser Ansatz ermöglichte jedoch eine Art von Dramatik, in der Schuen seine dunkle Baritonstimme zur Geltung bringen konnte.

Der Gesamteindruck ist geprägt von Virilität und der Eindruck, dass der Erzähler wütend, frustriert und empört darüber sei, von einer Frau zurückgewiesen worden zu sein, die er zu heiraten erwartet hatte. Diese Interpretation weicht von meiner eigenen Sichtweise auf die schattenhafte Figur ab, die ich als zerbrechlichen und verzweifelten Mann sehe, der sich so hoffnungslos und von Trauer überwältigt fühlt, dass er den Wert seiner eigenen Existenz in Frage stellt.

Im Eröffnungslied „Gute Nacht“ war der Ton tröstlich, aber in „Die Wetterfahne“ zeigte Schuen eine andere Seite der Figur, gekennzeichnet durch Wut, Bitterkeit und Ironie. In „Gefror’ne Tränen“ wurden Gesang und Klavierbegleitung pointillistisch und staccato, wodurch eine emotionale Entfernung zwischen dem Erzähler und der Geschichte entstand.

In bestimmten Liedern, wie beispielsweise „Erstarrung“, hatte Schuen scheinbar in die Rolle geschlüpft. Das langsame Tempo, das für „Der Lindenbaum“ und „Wasserflut“ gewählt wurde, suggerierte eine nachdenkliche Pause. In „Auf dem Flusse“ lassen das bedächtige Tempo und die entsprechenden Stimmmodulationen den Ausbruch des Wahnsinns ahnen, der durch lauten und wütenden Gesang unterstrichen wird.

Rückblick“ und „Irrlicht“ waren von Wehmut und emotionalem Schmerz geprägt. Die beiden Arten des Leidens (das körperliche und das seelische), die in „Rast“ aufeinandertreffen, wurden mit einer gewissen Zurückhaltung dargestellt.

Frühlingstraum“ begann verträumt, doch die Zeile „Es schrien die Raben vom Dach“ hatte eine entsprechende Eindringlichkeit. Dasselbe galt für „Einsamkeit“. In „Die Post“ wurde eher Ironie und Bitterkeit als romantische Sehnsucht betont. Der Wunsch der Figur, alt zu sein, kam in „Der greise Kopf“ deutlich rüber, die in der mittleren Zeile „Wie weit noch bis zur Bahre!“ fast zum Stillstand kam.

Schuen ließ den Erzähler in „Die Krähe“ erfreut klingen, dass der Geier, ein Zeichen des nahenden Todes, ihm folgte. Der Wahnsinn setzte sich in „Letzte Hoffnung“ und „Im Dorfe“ mit einem emotionalen Zusammenbruch und Hilflosigkeit fort.

Liederabend/ Andrè Schuen, Daniel Heide/Foto @ SCHUBERTIADE HOHENEMS 2026

Der stürmische Morgen“ klang angemessen furchterregend, wohingegen „Täuschung“ den Eindruck eines verzweifelten Versuchs erweckte, Hoffnung dort zu finden, wo keine ist. Die größte Feinheit zeigte sich in „Der Wegweiser“ und „Das Wirtshaus“, die beide die Bereitschaft zum Tod und die Enttäuschung darüber vermuten lassen, dass er sein Leben weiterführen muss.

Interessanterweise wurde das rauschhafte „Mut“ mit einer eher gedämpften Ton vorgetragen. Mit den letzten beiden Liedern, „Die Nebensonnen“ und „Der Leiermann“, fand der Zyklus einen überzeugenden Abschluss. Schuen klang verwirrt und desillusioniert, als die metaphorische Reise und das Leben der Figur zu Ende gingen.

Am Steinway & Sons-Flügel war Heide ein bemerkenswert engagierter und aufmerksamer Partner, der mal die Führung zu übernehmen schien, mal folgte, dabei aber stets auf jede Nuance des Gesangs achtete. Heide war weit mehr als nur ein Begleiter; er unterstrich und kommentierte fast jedes Wort des gesungenen Textes. Mit einem Stil, der raffiniert war, ohne die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, wirkte Heide stets so, als würde er ganz im Dienste der Musik stehen.

Diese Aufführung war beeindruckend und packend und hat das Publikum angesichts des tosenden Applauses am Ende sicherlich begeistert. Das hat mich gefreut, als eine andere Sichtweise im Gegensatz zu meinem eigenen Verständnis des Werks, und ich freue mich darauf, mehr von diesen Künstlern zu hören.

Der intime Markus-Sittikus-Saal verfügt über eine Akustik, die sich hervorragend für Gesang, Klavier und Kammermusik eignet, da der Klang unmittelbar, warm und klar ist, ohne Nachklang, der Details übertönen könnte. Umgeben von Bergen bietet Hohenems einen einzigartigen Ort, um Schuberts Musik zu erleben. Plätschernde Bäche und historische Häuser spiegeln die Themen wider, die in vielen seiner Lieder zum Ausdruck kommen. Daneben gibt es Museen, darunter das Franz-Schubert-Museum und das Schubertiade-Museum.

 

  • Rezension von  Dr. Daniel Floyd / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Schubertiade Hohenems 
  • Titelfoto: Liederabend/ Andrè Schuen, Daniel Heide/Foto @ SCHUBERTIADE HOHENEMS 2026
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