Marathonläufer im Bayreuther Ring: Klaus Florian Vogt als „Siegfried“? JA BITTE!

Bayreuther Festspiele 2026/ SIEGFRIED/ Foto: Enrico Nawrath

Wollen wir auf diesen am Boden liegenden KI-Nibelungen nun ein weiteres Mal eindreschen? Nein, das wäre unflätig. Denn er ist tot! Am dritten Abend, dem Siegfried ist die Luft aus diesem aufgeblasenem Video-KI-„Ring des Nibelungen“ nun endgültig entwichen. Der vorangegangenen Kritik von Lynn Sophie Guldin am so belanglos wie gescheiterten KI-Konzept von Marcus Lobbes und Nils Corte ist nichts mehr hinzuzufügen. Verlegen wir den Fokus in diesem Bericht nun auf das Ensemble und einen ganz besonderen Heldentenor. (Rezension der Vorstellung v. 7. August 2026)

 

Klaus Florian Vogt ist vor vielen Jahren als dauer-säuselnder Lohengrin mit blonder, lang wehender Haarespracht zu Weltruhm gelangt. Sein Stolzing in den Meistersingern von Nürnberg suchte zugleich seinesgleichen. Vogts Rollendebüt als Siegmund an der Bayerischen Staatsoper im Jahr 2012 hingegen, eine weitaus dramatischeren Partie als seine vorausgegangenen Rollen, stieß nur auf gemischte Resonanz: Im Vergleich bspw. mit Jonas Kaufmann, so hieß es, fehle Vogt das heiß-brodelnde Wälsungenblut. Sein erster Tannhäuser, fünf Jahre später, galt damals als seine wohl härteste Wagner-Partie. Inzwischen hat dieser Ausnahmesänger von der Nordseeküste selbst die härtesten Gipfel des Wagnerschen Heldentenorfachs erobert und sich gerade dort etabliert, wo man ihn einst am wenigsten vermutet hat. 2024 sein Debüt als Tristan an der Semperoper Dresden, im Jahr zuvor der erste Siegfried am Opernhaus Zürich – die mörderischste aller Heldentenorpartien, vor der fast jeder andere Star-Tenor zurückschreckt.

Bayreuther Festspiele 2026/ SIEGFRIED/ Foto: Enrico Nawrath

Bei den Bayreuther Festspielen wagt Vogt nun den Marathon: Alle vier großen Tenorrollen des Ring des Nibelungen innerhalb eines einzigen Zyklus (und das gleich 3x im Festspielsommer 2026) – vom Loge im Rheingold über den Siegmund in der Walküre bis zum doppelten Siegfried in Siegfried und Götterdämmerung. Wahnsinn? Gewiss. Denn so, in dieser geballten Folge, hat es vor ihm in Bayreuth noch keiner gewagt. Siegfried Jerusalem und Wolfgang Windgassen verkörperten bei den Bayreuther Festspielen zwar ebenfalls diese vier Partien – und sogar zusätzlich den Froh im Rheingold – doch zwischen ihren Einsätzen verging so mancher Sommer. Aus Vogt, einst als ätherischer Schwanenritter gestartet, ist nun ein Wagner-Marathonläufer geworden: Vier Rollen, vier völlig unterschiedliche vokale Profile und dazwischen kaum Gelegenheit zum Atemholen. So sollte es nun ausgerechnet der herausforderndste „Siegfried-Siegfried“ sein, in welchem Vogt wie in keiner Rolle zuvor triumphierte. Es ist die umfangreichste Heldentenor-Partie der Opernliteratur, und wer hat sie vor Vogt nicht schon alles niedergebrüllt, nur um dann im Finale doch ohne Stimme dazustehen? (Wir schweigen!) Bei Klaus Florian Vogt jedoch kein einziger hässlicher Ton, keine Spur von vokalen Einbrüchen. Die sicheren Höhen, die klare Artikulation und seine geradezu verblüffende Leichtigkeit ermöglichen ihm einen Siegfried, bei dem man um nichts bangen muss. Alles ist da, alles bleibt verfügbar. Dieser Siegfried blüht auf und schwingt sich in einem großen Gesangsbogen liedhaft von Spitzenton zu Spitzenton. Es ist eine wahre Freude.

In der Partie des Wotan und Wanderers musste sich das Publikum an diesem Abend von Michael Volle verabschieden. Seit den Tagen von Hans Hotter hat es kaum einen Wotan von diesem Format gegeben – und so schnell wird es keinen zweiten geben. Volles Stimme trägt mühelos durch den Raum, doch seine eigentliche Größe liegt in der Phrasierungskunst. Er weiß es, jedem Wort Bedeutung zu geben und jedem noch so feinen Gefühl Ausdruck zu verleihen. Er durchdringt seinen Wotan mit Stimme, Geist und Authentizität. Zum Schlussapplaus wäre daher ein Kniefall angemessener gewesen als jeder noch so frenetische Jubel: Ein Zeichen der Dankbarkeit für einen Wotan, der selbst nach 150 Jahren Bayreuther Festspiele noch neue Maßstäbe gesetzt hat.

Neben dem Wotan von Michael Volle erweist sich der Mime von Gerhard Siegel als weitere Idealbesetzung des Abends. Seine Stimme verfügt über eine beinahe heldentenorale Durchschlagskraft, seine auf den Punkt gebrachte Phrasierung und die geradezu knallige Artikulation – zuweilen hart an der Grenze zur Überzeichnung – verliehen der Figur eine präzise Kontur und schneidende Charakteristik, gerade so, wie es das Publikum von einem würdigen Gegenspieler Wotans und Siegfrieds verlangt. Ähnlich ausdrucksstark, doch umso düsterer, erklang der klug phrasierende Jochen Schmeckenbecher als Alberich. Christa Mayer, bekannt für ihr stupendes Textverständnis, ihre saftigen Tiefen und ihre mitunter scharf konturierte, stets ausdrucksstarke Mittellage, erwies sich als würdige Erda. Sie verlieh ihrer Figur mit somnambul entrückter, zugleich sinnierender Präsenz eine eigentümlich orakelhafte Autorität. Peter Rose gestaltete in seiner genialen Art einen rau intonierenden, bedrohlichen Fafner. Victoria Randem brillierte in der Partie des Waldvogels mit kristallklar leuchtender, einvernehmender Sopranstimme. Bedauerlicherweise sang sie aus dem Off (war dennoch kostümiert), was ihrer Textverständlichkeit nicht zugutekam.

Über Camilla Nylunds Entwicklung von der Eva in den Meistersingern zur triumphierenden Brünnhilde in allen drei Ring-Opern als auch auf Christian Thielemanns atemberaubendes Wagnerdirigat wird in unserem Bericht zu Götterdämmerung näher eingegangen werden.

 

  • Rezension von Phillip Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Bayreuther Festspiele 2026
  • Titelfoto: Bayreuther Festspiele 2026/ SIEGFRIED/ Foto: Enrico Nawrath
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