Oper Dortmund: „MADAMA BUTTERFLY“ – Einsam in einer bunten Welt

Theater Dortmund/Madama Butterfly/ Andrea Shin (Pinkerton), Anna Sohn (Cio-Cio-San)
©Thomas Jauk, Stage Picture

Butterfly schliesst die Schiebetüren, nachdem sie und ihr Kind dahinter verschwunden sind. Pinkertons verzweifelte „Butterfly!„-Rufe erklingen und mit den letzten wuchtigen Klängen der Oper öffnen sich diese charakteristischen  japanischen Raumteiler wieder und Madama Butterfly und ihr kleiner Sohn liegen eng nebeneinander auf der Bühne. Eine entsetzte Kate Pinkerton erkennt die Situation und flüchtet aus dieser zusammen mit ihrem Mann, dem einstigen Ehemann der Butterfly. Stille. Danach frenetischer Beifall. Jubel und Ovationen als Anna Sohn sich dem Publikum zeigt. Ihre Butterfly traf ins Herz. Generalmusikdirektor Gabriel Feltz und die Dortmunder Philharmoniker fluten geradezu den Orchestergraben mit den Emotionen der Puccini-Partitur. Und Regisseur Tomo Sugao zeigt eine MADAMA BUTTERFLY die tief berührt und die während ihrer Zeit des Wartens von einer naiven verliebten Braut zu einer Frau gereift ist, die ihr Schicksal ohne einen Mann an ihrer Seite selbst bestimmt.  (Rezension der Premiere vom 15.9.2019)

 

Tomo Sugao, der bereits in der letzten Dortmunder Saison mit TURANDOT einen weiteren Pucciniklassiker auf die Bühne brachte, verlegte seine BUTTERFLY in die aktuelle Zeit.

Theater Dortmund/Madama Butterfly/ Anna Sohn (Cio-Cio-San), Hyona Kim (Suzuki)
©Thomas Jauk, Stage Picture

Die Zeit der vielen bunten Lichter, der Winkekatzen und der allgegenwärtigen Handys und deren oftmals nervtötende Nutzung. Dies in einem Bühnenbild (Frank Philipp Schlößmann), das eher zeitlos, da japanisch-konventionell gestaltet ist. Schiebetüren, wie sie aus japanischen Häusern jedem bekannt sind, bestimmen auch das Bild dieser Inszenierung. Und sie sind viel im Einsatz. Mal sind sie Raumteiler, dann Trennwände und an wieder anderer Stelle Paravents. Ansonsten ist die Bühne relativ leer. Zwei Kisten, eine große und eine eher kleine, dienen als spärliche Sitzgelegenheiten für Besucher der Butterfly. Sie selbst und ihre Dienerin sitzen klassisch auf dem Boden. Die Kostüme (Mechthild Seipel) sind diesem gesamten Umfeld angepasst. Viel Farbe und das typische japanische Manga-Anime-Design. Lediglich Pinkerton und der Konsul, beide Amerikaner, heben sich mit ihrer Kleidung von den anderen handelnden Personen, alle aus Butterflys Heimat, ab. 

Sugao beginnt schon früh in seiner Inszenierung damit auf das Ende der Tragödie hinzuweisen. Denn schon während der Hochzeitsvorbereitungen von Butterfly und B.F. Pinkerton lässt er eine – für Butterfly unsichtbare – Braut über die Bühne laufen. Eine große, blonde Frau mit Sternenbanner-Schärpe.

Theater Dortmund/Madama Butterfly/ Penny Sofroniadou (Kate Pinkerton), Andrea Shin (Pinkerton), Anna Sohn (Cio-Cio-San)

Am Ende wird diese stumme Rolle, die immer wieder in entscheidenden Momenten auftaucht, zur Kate Pinkerton (Penny Sofroniadou), der amerikanischen Frau des scheinbaren Ehemannes der Madama Butterfly. Aber schon während der Hochzeitsnacht zieht es Pinkerton zu dieser Phantombraut hin. Zwar verbringt er mit Butterfly die Nacht, bekundet ihr seine Liebe, aber kurz darauf geht er zurück in die Staaten und lässt die schwangere Butterfly zurück. In dieser Inszenierung ist Pinkerton, der US-amerikanische Marineleutnant, ein völlig oberflächlicher Typ. Arrogant, unsympathisch, ständig am herumfuchteln mit seinem Handy, immer bereit fürs nächste Selfie oder Gruppenfoto, unsensibel und taub für die Ermahnungen seines Konsuls, der ihn darauf hinweist, dass dieses japanische Mädchen an diese soeben geschlossene Ehe glaubt. In Wahrheit ist es eine Scheinehe für den amerikanischen Soldaten. Zur Frau gibts noch das passende Haus, oder auch umgekehrt und beides ist jederzeit kündbar bei vollem kostenlosen Rückgaberecht. Und doch legt Tomo Sugao in einigen Szenen Wert darauf, die aufflackernden Zeifel und Skrupel dieses Marineleutnants zu zeigen. Aber letztendlich bleibt dieser Pinkerton ein Unsympath. Erst als er am Ende erkennt, was er der jungen Butterfly angetan hat, scheint er zu bereuen.

Bei Cio-Cio-San, genannt Butterfly, zeigt Sugao allerdings viel von der inneren Wandlung und Reifung dieser 15 jährigen Braut, die drei Jahre später als junge und verlassene Mutter Suizid begeht. Insgesamt eine schlüssige Regie, mit gerade bei der Hauptdarstellerin teils unter die Haut gehenden Darstellungen und Momenten, aber auch mit typischen Klischees, die vielen Butterfly-Inszenierungen zueigen sind. Butterflys Selbsttötung stellt Sugao auf der Bühne nicht da. Er lässt sie und ihren Sohn hinter eine Schiebetür verschwinden, nachdem sie sich ein weißes Gewand übergestreift hat. Am Ende sieht das Publikum Butterfly und ihren Sohn leblos nebeneinander liegen. Zugegebenerweise ein starkes Bild. »Ehrenvoll sterbe, wer nicht mehr in Ehren leben kann«.

Theater Dortmund/Madama Butterfly/ Anna Sohn (Cio-Cio-San)
©Thomas Jauk, Stage Picture

Gerade eine MADAMA BUTTERFLY-Aufführung steht oder fällt mit der Hauptdarstellerin. Die Dortmunder Premierenbesucher waren sich bei Anna Sohn allerdings lautstark einig. Großer Jubel und viele Bravorufe für sie und ihre Leistung. Sehr überzeugend stellte sie den nur dreijährigen Reifeprozeß dieser jungen Geisha da. Vom naiven Mädchen, dass auf den Bräutigam wartet, über die wartende junge Frau, die jeden Tag aufs Meer blickt um zu sehen, ob Pinkertons Marineschiff einläuft, bis hin zur tief verletzten, aber entschlossenen, Frau und Mutter, die für sich nur den einen Ausweg sieht: den Tod. Die südkoreanische Sopranistin, die u.a. bei Mirella Freni und Renata Scotto in Mailand Operngesang studiert hat, legte viel Gefühl in ihren Gesang, wusste aber auch, an den exponierten Stellen der Partie ihrer Stimme Dramatik und Kraft zu verleihen. Die berühmte Arie „Un bel di vedremo…“ sang sie mit viel Inbrunst und es war sicher schade für die weiter weg sitzenden Zuschauer, ihr dabei nicht ins Gesicht sehen zu können. Denn wie sie mimisch diese innere Gefühlsachterbahn, allein schon in dieser Szene, darstellte, war ergreifend.

Dem B.F. Pinkerton gab der Tenor Andrea Shin eben jenes bereits erwähnte arrogante und überhebliche Profil, dass diese Rolle ausmacht. Puccini hat in dieser Oper den Tenor gesanglich nicht mit der gleichen Fülle wie der einer Butterfly bedacht. Daher konzentrieren sich die Rezensionen über einen Pinkerton auf den ersten Akt und die Finalszene. Aber dort trat Shin kraftvoll und höhensicher auf, ergänzte sich gesanglich besonders im großen Duett im I. Akt mit Anna Sohn.

Theater Dortmund/Madama Butterfly/ Andrea Shin (Pinkerton), Mandla Mndebele (Sharpless)
©Thomas Jauk, Stage Picture

Die Partie des amerikanischen Konsuls, Sharpless, wurde vom Dortmunder Bariton Mandla Mndebele gesungen und dargestellt. Der Südafrikaner, seit letzter Saison Ensemblemitglied der Oper Dortmund, verlieh seiner Rolle viel menschliche Züge. Insbesondere im Zusammentreffen mit Butterfly im zweiten Akt spielte er seine starke Bühnenpräsenz besonders aus. Seine kräftige Stimme passte optimal zu der zu spielenden Rolle eines US-Konsuls. 

Als Dienerin Suzuki konnte Hyona Kim ihre kraftvolle Mezzosopranstimme wieder einmal auf der Dortmunder Bühne präsentieren. Zudem gab sie der Rolle sehr viel darstellerisches Profil. Das trifft auch auf Fritz Steinbacher zu, der den leicht überdrehten und devoten Heiratsvermittler Goro spielte.

In den kleineren Partien dieser Oper rundeten Denis Velev als Onkel Bonzo, Min Lee als Fürst Yamadori und Ian Sidden als Onkel Yakuside das Solistensemble ab. Namentlich erwähnen möchte ich auch die Bühnendarsteller der weiteren Rollen: Hiroyuki Inoue, Juyoung Kim, Natascha Valentin, Hitomi Breitzmann und Keiko Matsumoto.

Der Opernchor des Theater Dortmund unter der Leitung von Fabio Mancini war auch für diese Produktion  bestens einstudiert und fest und wirkungsvoll ins Regiekonzept mit eingebunden. Das die Bühne an manchen Stellen recht voll war, liegt natürlich auch an der tollen Mitarbeit der Statisterie und Kinderstatisterie des Theater Dortmund, die wie stets, sehr engagiert an einer Operninszenierung mitwirkten.

Am Pult der Dortmunder Philharmoniker stand der Musikalische Leiter des Abends, GMD Gabriel Feltz. Feltz, der im Vorfeld der Premiere schrieb, dass diese Oper seine liebste Puccinioper sei, vermittelte dem Publikum diese Zuneigung durch sein emotionales Dirigat, welches insbesondere in den dramatischen Höhepunkten der Oper von teilweise fesselnder Intensität war. Aber auch den leisen Stellen dieser Oper, hier besonders der „Summchor“ zum Ende des zweiten Aktes, gab Gabriel Feltz Raum und das nötige musikalische Gefühl.

 

  • Rezension von Detlef Obens / DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Dortmund / Stückeseite
  • Titelfoto: Theater Dortmund/Madama Butterfly/ Anna Sohn (Cio-Cio-San)
    ©Thomas Jauk, Stage Picture
  • und auch an dieser Stelle wieder vielen Dank an Thomas Jauk (STAGE PICTURES) für die wundervollen Fotos!

 

2 Gedanken zu „Oper Dortmund: „MADAMA BUTTERFLY“ – Einsam in einer bunten Welt&8220;

  1. Hervorragend geschriebene Rezension! Das ist reinste Werbung für die Oper an sich. Ich war auch in der Premiere und beim lesen Ihrer Rezension, lieber Herr Obens, erlebe ich diese Madame Butterfly im Geist wieder mit. Es war gang, ganz großartig!

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