
Die diesjährigen Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth sind so harmonisch wie schon lange nicht zu Ende gegangen. Die Zeiten der großen Skandale wie etwa dem umstrittenen Hakenkreuz-Tattoo von Evgeny Nikitin, dem Hitlergruß von Jonathan Meese oder Führer-Diskussionen im Libretto des Lohengrins scheinen vorüber zu sein. Auch eine mit fadenscheinigen Begründungen absagende Primadonna sowie pikiert vom Grünen Hügel abreisende Dirigenten hat es im Sommer 2025 nicht gegeben. Selbst die Neuinszenierungspremiere der Meistersinger von Nürnberg wusste kaum anzuecken und wurde wohlwollend bis enthusiastisch bei den Wagnerianern aufgenommen. Redakteur Phillip Richter von DAS OPERNMAGAZIN wagt einen Rückblick auf einen friedlichen Festspielsommer voller gesanglicher Stärken und einen Ausblick auf das 150-jährige Festivaljubiläum im Jahr 2026.
Matthias Davids Neuinszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“ so unterhaltsam wie harmlos
Nach Barrie Koskys hochpolitischer Meistersinger-Kontroverse aus dem Jahr 2017 hat sich der Musical-Regisseur Matthias Davids in seiner Neuinszenierung für eine möglichst konträre Lesart entschieden. Mit möglichst viel Klamauk, wie etwa dem klischeehaften Auftreten von Thomas Gottschalk und Angela Merkel zur Festwiese, wusste dieser das Festspielpublikum zu erheitern und wollte auch gar nicht unter die Oberfläche des Werkes drängen. Beim Feuilleton fielen Davids feelgood-Meistersinger durch, das Publikum und auch die Promis am Premierenabend wirkten hingegen umso begeisterter: Es müssen nicht immer skandalträchtige Regietheaterkonzepte à la Castorf oder Neuenfels sein. Auch eine – mal mehr mal weniger – gut gemachte Unterhaltung voll seichter Gags für Volks scheint in der Rezeptionsgeschichte Richard Wagners ihre Daseinsberechtigung zu finden.
Stimmen zum Niederknien: Begnadeter Sängerwettstreit auch abseits der Meistersinger
Ganz gleich ob Siegfried, Tristan, Lohengrin oder Parsifal: Klaus Florian Vogt und Andreas Schager sind die sichere Bank eines jeden Festspielsommers. Beide wechseln sich nicht nur in Bayreuth, sondern auf den Opernbühnen weltweit, für die großen Heldentenorpartien ab. So diametral ihre Stimmen auch klingen mögen, ohne die jahrelange vokale Souveränität und Zuverlässigkeit dieser beiden Schlachtrösser des Wagnergesangs müsste das Festspielhaus seinen Spielplan reduzieren.

Und dennoch war man dankbar, dass es auch heutzutage besonders interessante Stimmen gibt: Die extreme Flexibilität und die reichhaltige Klangfarbenpalette von Michael Spyres als Walther einerseits und Piotr Beczała als Lohengrin andererseits suchten in diesem Sommer ihresgleichen. Und auch das Baritonfach ließ aufhorchen, beispielsweise durch Michael Nagys Rückkehr auf den Grünen Hügel in der Partie des Beckmessers oder Michael Volles Darbietung als Amfortas. Und als Publikumsliebling ist der Bass Georg Zeppenfeld seit mittlerweile 15 Jahren nicht mehr aus Bayreuth wegzudenken. Endlich verkörperte dieser nach Salzburg, Dresden und Wien nun auch hier die Partie des Hans Sachs in seiner ganz eigenen Genialität.
Auch bei den (Mezzo)-Sopranen wie etwa Camilla Nylund, die sich souverän und immer zu den richtigen Zeitpunkten ihrer Karriere von den lyrischeren Partien einer Eva oder Elisabeth zu den hochdramatischen der Isolde und nun gar der Brünnhilde emporgesungen hat, gibt es Eindrucksvolles zu vermelden. Dann war da noch Elza van den Heever, welche in diesem Sommer bei ihrem Bayreuth-Debüt mit einer klangfarbenreichen Sopranstimme als Elsa den Grünen Hügel eroberte. Und dass Superstar Elīna Garanča, bedauerlicherweise nur für zwei Aufführungen, in ihrer ergreifenden Art die Kundry verkörperte, war ähnlich sensationell, wie die stets überragende, wie zuverlässige Leistung der beliebten Bayreuth-Mezzo Christa Mayer und Ekaterina Gubanova.
Dass ursprünglich in den aktuellen Produktionen des AR-Parsifals und des Lohengrin von Neo Rauch und Rosa Loy einmal wagnerferne Opernstars wie Anna Netrebko (!) als Elsa, Joseph Calleja (!!) als Parsifal und gar Roberto Alagna (!!!) als Lohengrin vorgesehen waren, hat man glücklicherweise schon wieder gänzlich verdrängt. Alle drei überlegten es sich anders und zogen ihre Teilnahme kurz vor der Festspieleröffnung unter schmachvoller Kritik zurück. In der Auflistung verkorkster Bayreuth-Debüts fehlt neben Plácido Domingo, welcher im Jahr 2018 als Dirigent (!!!!) die Walküre leitete, eigentlich nur noch Rolando Villazón. Dieser wurde erst kürzlich an der Berliner Staatsoper nach einem so extravagant wie skurrilem Rollendebüt als Loge von der Bühne gebuht.
Valentin Schwarz Ring-Inszenierung fand auch im vierten Jahr nur wenig Freunde
Nachdem Der Ring des Nibelungen in der Lesart von Valentin Schwarz Corona-bedingt sogar ein zusätzliches Vorbereitungsjahr bekam, die Premiere wurde vom Jahr 2021 in das Jahr 2022 verschoben, konnte er weder in der Premierenserie noch in der diesjährigen Dernière irgendjemanden so richtig überzeugen. Außer starker Einzelszenen und allerlei unstrukturierter Ideen blieb kein nachhaltiger positiver Eindruck. „Wie eine Netflix-Serie“, so wollte Schwarz nach eigener Aussage seinen Ring inszenieren. Das mag durchaus zutreffend sein, gibt es doch auch allerlei schlechte Serien auf diesem Streaming-Portal.

Die Partie der Brünnhilde sollte im Schwarz-Ring eigentlich über die drei Sopranistinnen Christine Goerke, Daniela Köhler und Iréne Theorin aufgeteilt werden. Nach und nach kehrte jedoch die britische Sängerin Catherine Foster, sie war die sängerische Entdeckung im vorhergehenden Castorf-Ring, für einzelne Abende in dieser Partie zurück, bis sie schließlich im vergangenen und auch in diesem Festspielsommer wieder sämtliche Brünnhilden im Ring übernahm. Foster verkörperte seit dem Jahr 2013 fast keine andere Partie in Bayreuth und ging nun als DIE Brünnhilde des 21. Jahrhunderts in die Festspielgeschichte ein. Eine erfreuliche Konstante war neben ihr auch Tomasz Konieczny. Sein Bayreuther Wotan blieb über für vier Jahre einfach eine Wucht.
Nicht nur in seiner Regie, auch hinsichtlich seiner Dirigenten hatte der Schwarz-Ring zunächst nur bedingt Erfolg. Der Finne Pietari Inkinen erkranke kurz vor der Premiere im Jahr 2022 und wurde, nachdem auch Ádám Fischer nicht verfügbar war, von Cornelius Meister vertreten. Als Inkinen dann für die erste Wiederaufnahme den Taktstock übernahm waren die Kritiken gespalten: Weder Meister noch Inkinen konnte musikalisch vollends überzeugen, so dass schon für das dritte Ring-Jahr ein weiterer Dirigent, der scheidende Musikdirektor der Wiener Staatsoper, Philippe Jordan verpflichtet werden sollte. Jedoch hat sich dieser überraschenderweise dann doch umentschieden und sagte ab. Er möchte fortan nur noch symphonische Konzerte und kaum inszenierte Oper dirigieren. Verflucht sei dieser Schwarz-Ring? Nicht vollends, denn schließlich übernahm die Wagner-erfahrene australische Dirigentin Simone Young den Zyklus für ihre gescheiterten männlichen Kollegen. Sie holte musikalisch all jene Zwischentöne und Stringenz heraus, welche der Regisseur in seiner Inszenierung so schmerzlich missen ließ. Young triumphierte auch bei ihrer Rückkehr in diesem Sommer für ein letztes Aufblühen der nun endlich abgespielten Inszenierung von Valentin Schwarz.
Ausblick auf 2026: Ungewöhnliches und Überraschendes
Trotz empfindlicher Budget-Kürzungen verspricht das 150-jährige Festspieljubiläum im Sommer 2026 eine Sensation zu werden. Als kleiner finanzieller Wehrmutstropfen wird die Neuinszenierung der Meistersinger von Nürnberg zunächst nicht wieder aufgenommen. Sie pausiert nach ihrer Premiere direkt für einen Sommer. Dafür wird ein einziges Mal, sozusagen als Ausnahme der strengen Regel, der Bayreuther Kanon der zehn Wagner-Opern um das Frühwerk Rienzi erweitert. Nathalie Stutzmann dirigiert eine Neuinszenierung von Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka. Auch Christian Thielemann, dem immer wieder ein Zerwürfnis mit Katharina Wagner nachgesagt wird, und welcher zuletzt eine Art Hop-on hop-off Beziehung mit den Festspielen führte, wird sich zukünftig wieder vertieft in Bayreuth engagieren. Neben drei halb-szenischen, mit künstlicher Intelligenz ausstaffierten Ring-Zyklen, übernimmt Thielemann auch die musikalische Leitung der 9. Sinfonie in d-Moll op. 125 von Ludwig van Beethoven. Das einzige wagnerfremde Werk, welches immer wieder zu besonderen Anlässen im Festspielhaus erklingt. Seien wir gespannt!
- Artikel von Phillip Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Bayreuther Festspiele 2025
- Titelfoto: Das Richard-Wagner-Festspielhaus – Foto: Markus Gögelein, CC BY-SA 4.0 / Quelle: Wikimedia
Als kleine Ergänzung zu den „verkorksten“ Auftritten möchte ich anmerken, dass PLACIDO DOMINGO in Bayreuth auch gesungen hat! Und zwar in den Jahren 1992, 1993 und 1995 den PARSIFAL und das war keineswegs verkorkst.