Oper Dortmund: „Turandot“ – große Oper-große Gefühle-großer Jubel!

Turandot | Sae-Kyung Rim (Liù), Stéphanie Müther (Turandot), Karl-Heinz Lehner (Timur) | (c) Björn Hickmann

Calaf öffnet die Fenster des Palastes und lässt frische Luft herein. Sinnbildlich zwar, aber dennoch so nachvollziehbar, dass ein jeder am Ende der Oper TURANDOT versteht, welche Wandlung die einstmals gefühlserkaltete Prinzessin Turandot durchgemacht hat und wie schwer es ihr im Innern gefallen ist. Regisseur Tomo Sugao ist es gelungen, diese seelische Wandlung einer im Grunde zutiefst verletzten und verhärteten Kaisertochter in eine sich dann immer mehr öffnende, und am Ende sogar liebende und zarte Frau, für das Premierenpublikum auf beklemmend beeindruckende Weise erlebbar zu machen. Wenn verzaubernde Opernregie, wie hier, sich in kongenialer Weise mit dem Musikalischen verbindet, werden Opernträume wahr. Viel Lob in einem Satz, aber weniger geht nun mal nicht. Der Meinung war auch ganz augenscheinlich das Publikum des gestrigen Premierenabends, welches nach dem letzten kräftigen Ton der Oper, einen wahren Jubelsturm entfachte, in denen sie die Sängerinnen und Sänger, den Chor, das Orchester, den musikalischen Leiter des Abend, GMD Gabriel Feltz und das Regieteam um Tomo Sugao ausnahmslos mit einschlossen. Verdienterweise! (Rezension der Premiere vom 9.2.2019)

 

Giacomo Puccinis letztes Werk, die Oper Turandot, erscheint vielen, wie auch GMD Gabriel Feltz, der dies in seinem Vorwort zur Premiere im Programmheft auch zum Ausdruck bringt, als Essenz seines lebenslangen künstlerischen Wirkens. Und in der Tat schöpft hier der Komponist, der zum Zeitpunkt der Komposition zu Turandot bereits in der Reife seines Lebens stand, aus dem Vollen und geht sogar noch weiter. Puccini, ein Meister im Zeichnen von Gefühlen mit musikalischen Stilmitteln, erhebt dies in Turandot noch einmal mehr und mit einer teilweisen Wucht, die zutiefst berührt und die oftmals auch keiner Worte benötigt, um verstanden zu werden. Voraussetzung dafür ist natürlich die künstlerische Umsetzung auf der Bühne und im Orchestergraben. Das dies in Dortmund der Fall war, darf hier bereits erwähnt werden.

Die Geschichte um Prinzessin Turandot ist verhältnismäßig schnell erzählt. Die Tochter des Kaisers von China ist aufgrund eines seelischen Traumas zu einer gefühlskalten und verhärteten Frau gereift. Kein Mann soll sie jemals besitzen. Dies hört man von ihr auch mehrmals in der Oper. Und man glaubt es ihr sofort. Denn jedem Heiratskandidaten stellt sie drei von ihm zu lösende Rätsel. Löst er sie nicht alle, ist ihm sein Tod am nächsten Tag gewiss. Da taucht irgendwann Prinz Calaf, Sohn des entthronten Königs der Tartaren, auf und stellt sich ihren Fragen. Zu ihrem großen Erschrecken kann er alle drei lösen. Und doch sträubt sie sich und alles in ihr, gegen eine Beziehung zu diesem ihr fremden Mann. Calaf gibt ihr daher eine weitere Chance: wenn sie bis zum nächsten Tag seinen Namen errät, gibt er sie frei und legt auch sein Leben in ihre Hände. Turandot versucht alles, um auf jede ihr mögliche Weise an den Namen des Mannes zu gelangen. Niemand im Reich solle in dieser Nacht schlafen, bis sie den Namen weiss und das ihr gestellte Rätsel lösen kann.

Niemand schlafe-Nessun dorma„…das musikalische Motiv dieser wohl bekanntesten aller Tenorarien erklingt auf vielfache Weise, mal bedrohlich, mal geheimnisvoll und dann auch siegesgewiss. „Vincero!„. Selbst die Folter der jungen Liu, einer Begleiterin von Calafs Vater, bringt nicht die erhoffte Antwort. Eher wählt Liu den Freitod, als dass sie der verhassten Kaisertochter ihren heimlich geliebten Mann ans sprichwörtliche Messer liefert. Am Ende muss Turandot eingestehen, den Namen des Mannes nicht zu wissen. Sie hat verloren. Und doch hat sie gewonnen. Denn der Kuss von Calaf bringt in ihr eine Saite zum Klingen, die sie bisher nicht kannte. Und im Finale der Oper präsentiert sie dem wartenden Volk den wahren Namen ihres künftigen Gatten: „Amore-Liebe„….. Viel mehr Opernstoff geht fast nicht mehr. Und dank Puccini wurde daraus eine der schönsten und meisterhaftesten Opern der Geschichte. Nicht wegzudenken von den Spielplänen der Bühnen dieser Welt.

Turandot | Fritz Steinbacher (Pang), Morgan Moody (Ping), Andrea Shin (Calaf), Sunnyboy Dladla (Pong) | (c) Björn Hickmann

Turandot selbst berichtet in ihrer großen Szene im 2. Akt „In questa reggia…„davon, warum sie zu dieser scheinbar eiskalten Frau geworden ist. Ihre Ahnin wurde von einem Fürsten der Tartaren entführt und vergewaltigt. Brutal entehrt. Dieses Erleben in kindlichen Tagen war das Trauma, dass sie seither quält und ihr Denken und Handeln bestimmt. Und hier setzt Regisseur Tomo Sugao auch an. Sexueller Missbrauch und brutale Unterdrückung der Frau ist immer unterschwellig ein Thema dieser Inszenierung. Niemals plakativ, fast immer eher subtil in den Mitteln seiner Wahl, bringt Sugao das Thema zur Sprache. Wenn er allerdings die drei gefälligen Helfer und Bediensteten des Kaiserhauses, Ping, Pong und Pang, dazu einsetzt, den Prinzen Calaf damit milde zu stimmen, in dem sie ihm drei minderjährige Mädchen als „Ersatz“ für die Prinzessin Turandot anbieten, damit er das Kaiserreich verlässt, dann beschreibt dies deutlich die Verachtung vor menschlichen Rechten, wie sie damals, aber sicher nicht nur, stattfand.

Sugao zeigt im ersten Akt die Prinzessin Turandot wie eine stumme Statue, majestätisch und unnahbar kalt, stehend im Bühnenhintergrund. Ein Bild, welches in seiner Kraft und Aussage von großer Intensität ist. Das beeindruckende Bühnenbild von Frank Philipp Schlößmann, in der beherrschenden Farbe Rot (Mandarinrot?) vermittelt durch seinen Aufbau und seine Gestaltung auch die gedankliche Enge, die den Handelnden der Oper, insbesondere natürlich Turandot, zu eigen sind. Turandot ist von innerer Eiseskälte und so sind ihre Auftritte im ersten und zweiten Akt auch konzipiert. Streng und ohne große Regung steht sie auf der Bühne. Selbst noch bei ihrer großen Rätsel-Szene. Erst als Risse in ihren Gefühlspanzer kommen, beginnt sie menschlich zu werden, beginnt sie Bewegungen zu zeigen und zuzulassen. Das innere Eis beginnt zu schmelzen. Zunehmend Wärme erfüllt sie. Diese fast schon als Metamorphose zu bezeichnende Wandlung der Prinzessin, – von der fast göttlichen Statue hin zur verletzlichen Frau – gelingt Regisseur Tomo Sugao äußerst glaubhaft und bedrückend. Diese Regie benötigt keine extremen Darstellungen um dennoch die Brutalität dieses Herrscherhauses zu verdeutlichen. Es sind Gesten, es sind Blicke (wenn Turandot von oben herab auf die vor ihr kniende Liu blickt, voller Verachtung und fast unerschrocken, als diese sich vor ihren Augen mit einem Dolch das Leben nimmt), und es ist die gesamte Personenregie im Verlauf der Oper, die diese Inszenierung so eindrucksvoll machen. Die Kostüme von Mechthild Seipel, zeigten die gesellschaftlichen Stellungen der in der Oper handelnden Personen anschaulich. Vom großen Gewand der Turandot bis hin zu den Einheitsbekleidungen des Volkes, welches dadurch immer wie eine Masse erschien. Verdienter großer Applaus und einhellige Zustimmung des Publikums für das gesamte Regieteam.

Wie schon weiter oben im Text erwähnt, fand die Premiere auch musikalisch auf hohem Niveau statt. 

Ping, Pong und Pang, die drei willfährigen Hofschranzen des Kaiserhauses, wurden in dieser Inszenierung mit sehr viel Profil und auch Ernsthaftigkeit von Morgan Moody, Sunnyboy Dladla und Fritz Steinbacher gesungen und gespielt. Besonders erwähnenswert sei ihre gemeinsame Szene zu Beginn des zweiten Akts, wo sie mit dem derzeitigen Leben hadern und sich nach den ruhigen und schönen, aber leider auch vergangenen, Zeiten sehnen.

Turandot | (Stéphanie Müther (Turandot), Chor der Oper Dortmund | (c) Björn Hickmann

Altoum, Kaiser von China, wurde souverän dargestellt von Ks. Hannes Brock, der in diese Partie viel von seinem darstellerisches Können zeigen konnte. Der Bassbariton Karl-Heinz Lehner als der Vater des Calaf, wusste wieder einmal mehr mit seiner kräftigen und eindrucksvollen Stimme auch einer eher kleinen Rolle sehr großes Profil zu geben.

Die junge Sklavin Liu wurde von Sae-Kyung Rim mit einer eindrucksvoll großen und starken Stimme gesungen. Bereits in ihrer Arie im ersten Akt, „Signor, ascolta…„, wurde klar, dass diese Liu, zumindest gesanglich, keine kleine und ängstliche Frau ist, sondern eine, die kämpft. Und das wurde ohne Zweifel dann auch im dritten Akt deutlich, wenn sie mit großer Stimme der „von Eis umgürteten Turandot“ gesanglich ein allzu deutliches Paroli bietet. Das Publikum war von dieser gesanglichen Leistung absolut begeistert. Bravorufe und spontane Standing Ovation waren Ausdruck dafür als die junge, unter anderem in Mailand ausgebildete, Sopranistin beim Schlussapplaus die Bühne betrat. 

Den Prinzen Calaf sang und spielte Andrea Shin, und auch er darf den Abend als großen persönlichen Erfolg für sich verbuchen. Natürlich waren alle gespannt darauf, wie er das populäre „Nessun dorma“ singt. Und ja, er tat dies auf Gänsehaut erzeugende Weise. Aber die Partie des Calaf ist weit mehr als nur die eine Arie. Sie stellt große Anforderungen an den sie darstellenden Tenor. Gesanglich als auch in der Gestaltung. Andrea Shin erfüllte den Prinzen Calaf mit Leben, mit viel Gefühl, präzise gesetzten Spitzentönen und mit viel tenoralem Schmelz und verwöhnte damit das Dortmunder Publikum mit einer Darbietung von großer Klasse. Das dankte es ihm auch mit ebenfalls großem Applaus und Bravorufen. 

Turandot | Stéphanie Müther (Turandot), Andrea Shin (Calaf) | (c) Björn Hickmann

In der Titelrolle der Turandot debütierte die gebürtige Schweizerin Stéphanie Müther an der Oper Dortmund. Und wie sie das tat! Sie sang diese Partie mit einer ungeheuren Kraft, mit betörender Intensität und war auch in der schauspielerischen Gestaltung dieser schwierigen Rolle absolut überzeugend. Wie sie das eiskalte, das unerbittliche, aber auch wiederum im Finale der Oper, das verletzliche und verzeihende Wesen dieser Prinzessin, gesanglich, aber auch darstellerisch vermittelte, war ein Ereignis.  „In questa reggia„, diese große und höchst anspruchsvolle Szene der Turandot im 2. Akt, darf ganz sicher als einer der Höhepunkte des gesamten Abends angesehen werden. Hier, aber nicht nur, zeigte Frau Müther ihre absolute Klasse, die sie für Partien dieses Fachs nunmehr aufzuweisen hat. Da bleibt dem Berichterstatter nur BRAVO und DANKE zu sagen für diese großartige künstlerische Gesamtleistung! 

Der Opernchor des Theater Dortmund, unter Leitung von Fabio Mancini, war in die Inszenierung fest eingebunden und meisterte seine Aufgabe wieder einmal hervorragend. Großer Jubel des Premierenpublikums natürlich auch für den Chor und seinen Chorchef. 

Und ohne die Statisterie und Kinderstatisterie des Theater Dortmund ging auch am gestrigen Abend fast nichts. Bravo und Anerkennung für die Damen und Herren der Statisterie unter der Leitung von Marlon Otte.

Und zum Ende, aber daher auch an prominenter Stelle, seien hier die groß aufspielenden Dortmunder Philharmoniker zu nennen. Puccinis Partitur, so reich, so farbenprächtig, so gefühlvoll, wie dramatisch, wurde von ihnen wieder einmal einem begeisterten Publikum präsentiert, welches bereits in vielen Pausengesprächen auf die große Klasse der Philharmoniker hinwies. Unter der musikalischen Leitung von GMD Gabriel Feltz entfachte sich der Zauber dieser Musik auf vielfältige Art. Das er diese Puccinioper ganz besonders schätzt war gestern Abend deutlich vernehmbar. Sei es der musikalische Lokalkolorit, den er an den entsprechenden Stellen mit seinen Philharmonikern deutlich vermittelte, als auch und besonders, die großen, die musikalisch mächtigen, Momente dieser letzten Oper des italienischen Meisters. Natürlich waren Gabriel Feltz und die Dortmunder Philharmoniker ebenfalls im Mittelpunkt des großen und einhelligen Jubels der Premierenbesucher im nahezu ausverkauften Opernhaus.

 

  • Rezension von Detlef Obens/DAS OPERNMAGAZIN
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  • TitelfotoTurandot | (Stéphanie Müther (Turandot), Chor der Oper Dortmund | (c) Björn Hickmann

2 Gedanken zu „Oper Dortmund: „Turandot“ – große Oper-große Gefühle-großer Jubel!&8220;

  1. Eine wunderbare Aufführung. Tolle Stimmen. Chor fantastisch. Bühnenbild
    grandios und die Kostüme einmalig. Rundherum eine super Inszenierung.
    Vielen Dank an Alle.

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