Vesselina Kasarova im Gespräch mit dem Opernmagazin

Vesselina Kasarova im Gespräch mit Marco Stücklin im Hotel Baur au Lac/DAS OPERNMAGAZIN

Gespräch mit VESSELINA KASAROVA

 Zürich, am 31. Januar 2019 im Hotel Baur au Lac

(Abk. OM: Marco Stücklin-Opernmagazin/VK: Vesselina Kasarova)

 

OM: Liebe Frau Kasarova, herzlichen Dank für Ihre Bereitschaft zu diesem Gespräch hier in Zürich. Es ist mir eine besondere Freude, Sie persönlich treffen zu dürfen, denn ich habe Ihre Karriere bereits seit 1989 verfolgt. Zürich war und ist für Sie eine ganz wichtige Stadt. Vor 30 Jahren haben Sie hier Ihre Karriere begonnen und sind seit vielen Jahren hier wohnhaft.

Wie würden Sie aus heutiger Sicht Ihre Beziehung zu Zürich beschreiben? 

 

VK: Zürich ist eine große aber sehr übersichtliche Stadt und ich liebe das Wasser und die menschliche Mentalität und fühle mich hier sehr wohl. Natürlich ist Zürich auch mit meinem Anfang verbunden, wo ich als 24jährige so warm empfangen und gut aufgenommen wurde am Opernhaus. Ich habe an diesem Haus in den Spielzeiten 1989-1991 gut 140 Vorstellungen gesungen.

Nach Zürich zu kommen war für mich ein großer Schock, nachdem ich ja aus Bulgarien, welches damals noch sehr abgeschlossen war, angereist kam. Ich kam mit dem Auto, weil man mir nicht gesagt hatte, dass ich ein Flugzeug benutzen dürfe. Ich bin fast auf allen Vieren aus dem Auto gestiegen. Das zurücklassen der Eltern und der Arbeit am Opernhaus Sofia, wo ich bereits als Studentin auftreten durfte, war schwierig. Deshalb ist für mich auch alles so authentisch.

In den ersten Tagen hatte ich nicht einmal bemerkt, dass hier ein See ist. Damals gab es in Bulgarien nur eine Agentur und diese hatte alle Sänger unter Ihrer Kontrolle. Wir mussten Prozente bezahlen, wenn wir im Ausland sangen. Ich war damals die jüngste Sängerin, welche vor der Wende einen solchen Vertrag erhalten hatte.Das kam so: Das bulgarische Kulturministerium wollte, dass ich nach Bilbao fahre und an einem Wettbewerb teilnehme. Aber ich bin nicht hingegangen.

Als ich eines Nachmittags in meiner Heimatstadt spazieren ging, traf ich einen Kollegen vom Opernhaus in Stara Zagora. Am nächsten Abend sollte ein Abschlusskonzert der jungen Sänger stattfinden und ich wurde gefragt ob ich auch mitmachen würde. Es sei ein Manager aus Deutschland oder der Schweiz da. Mehr konnte er dazu nicht sagen. Ich fragte, was ich singen sollte? Was Du willst meinte er. Also sagte ich spontan zu und entschied mich für die Arie der Rosina aus dem Barbier und jene der Jeanne d’Arc aus Tschaikowskis gleichnamiger Oper. Aber ich hatte nichts anzuziehen. Also nähte meine Mutter in der Nacht eine Bluse, weiss und mit schwarzem Jupe, was der damaligen Mode entsprach. Dann habe ich gesungen und an der anschließenden Party kam ein Mann auf mich zu mit einer Übersetzerin und äusserte sich sehr positiv. Dieser Mann war Christoph Groszer, Direktor des Opernhauses in Zürich. Er sagte zu mir: Wissen Sie was, ich überlege mir bis in einer Woche, ob ich Sie direkt ins Ensemble engagiere oder zuerst ins Opernstudio. Tatsächlich kam nach sechs Tagen der Bescheid, dass ich direkt ins Ensemble engagiert werde. Zürich ist also mein Schicksal.

Opernhaus Zürich/Zuschauerraum/ Foto @ Dominic Büttner
Opernhaus Zürich/Zuschauerraum/ Foto @ Dominic Büttner

OM: Das Opernhaus Zürich war schon damals bekannt für seine Besetzungen und hatte einen sehr guten Ruf, welcher später unter der Direktion Alexander Pereira noch wuchs. Plötzlich steht man neben ganz großen Namen auf der Bühne und muss sich behaupten. Wie haben Sie diese Situation am Anfang erlebt?

VK: Mein erster großer Eindruck war Edita Gruberova in Lucia di Lammermoor. Ich habe die Alisa gesungen. Sofort hat sie mich fasziniert. Wir Sänger wissen wie schwierig das ist. Ich wusste natürlich, wer Edita Gruberova ist. Bei den Proben hat sie nur markiert, aber dann in den Orchesterproben, wo Sie ganz ausgesungen hatte… da vergass ich meine Sätze!Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich mit Edita Gruberova so viele Abende singen durfte.So eine Energie!

Ich kann nicht alle aufzählen, aber solche Persönlichkeiten haben mir gezeigt, dass es entscheidend ist, eine eigene Handschrift zu entwickeln und nicht einfach aufgrund von Tondokumenten eine Kollegin zu kopieren. Diese Begegnungen haben mich sehr geprägt. Ich erkannte mein Ziel.

OM: Damals galt immer die Meinung aus dem «Ostblock» kämen nur die großen und starken Stimmen. Sie haben ja mit Ihrer faszinierenden Stimme einen ganz anderen Eindruck vermittelt. Wie reagierte man anfangs darauf?

VK: Das ist ein Klischee und ist es immer noch. Aber ich hatte das Glück, schnell mit Nikolaus Harnoncourt in Kontakt zu kommen. Oder Colin Davis. Sie haben mir eben andere Sachen gesagt. Auch Herbert von Karajan meinte «bleib bei den lyrischen Rollen», er wusste dass mit mir  etwas passieren würde. Ich war im richtigen Moment am richtigen Ort. In meinem Beruf gibt es keine Gerechtigkeit. Ich bin gerade rechtzeitig gekommen, der Zug fuhr eine Minute später ab. Es gibt Generationen von Mezzostimmen, die besonders in Hosenrollen beliebt sind. Mich hat man sehr oft für diese Rollen angefragt und ich frage mich, wieso.

OM: Das hat sicher etwas mit Ihrer Ausstrahlung zu tun. Eine Rolle muss ja nicht nur gespielt, sondern auch gelebt werden. Und das ist bei Ihnen ja besonders der Fall.

VK: Ich spüre bei diesen Rollen Erotik und Eleganz. Das ist das Entscheidende. Ich habe schnell realisiert, was man verkörpern muss und wie man das Publikum erreichen kann. Alle großen Persönlichkeiten haben es mit Ihrer Stimme und Ausstrahlung soweit gebracht, nicht mit lauten Tönen.

OM: Ihre Karriere führte Sie innerhalb kurzer Zeit an große Häuser mit hohen Erwartungen. Als so junge Sängerin ist man da sehr gefordert.Gab es Momente wo Ihnen dieser rasche Erfolg zu schnell erschien?

VK: Das nicht. Ich war mir gar nicht so bewusst über den Erfolg, den ich schon hatte. Ich hatte bereits beschlossen,welchen Weg ich gehen wollte. Auch wenn ich am Opernhaus Zürich geblieben wäre, wäre ich glücklich gewesen. Aber es hat sich so ergeben.Ich hatte schon den Vertrag für die Wiener Staatsoper für die auf Zürich folgenden zwei Spielzeiten. Schwierig waren all diese Rollendebuts, welche in kurzer Folge einzustudieren waren. Zum Bespiel «I Capuletti e i Montecchi» in Paris: Da waren die zuständigen Personen von BMG aus Frankreich, Deutschland und New York gekommen und ich dachte: was für eine Aufgabe. Es ging ja darum, für weitere Projekte die Exklusivität zu bekommen. Und es hat zum Glück geklappt, was eine ganze Reihe unvergesslicher Aufnahmen zur Folge hatte.Ich wollte die Erwartungen erfüllen. Meine Stimme lässt sich nicht in eine Schublade legen, welche sagt, genau dies sind die passenden Rollen. Das ist mit ein Grund, warum ich lange gewartet habe mit Rollen aus dem dramatischen Fach.

OM: Wenn ich mir die Aufnahmen ansehe, von Ihren verschiedensten Rollen, dann fällt immer besonders auf, dass Sie die jeweilige Partie richtig miterleben. So kommt dies bei mir an. Und vor allem im Konzert sieht man diese Freude am Singen.

VK: Oh ja, Ohne diese Freude kann ich nicht singen.

OM: Die Begegnung mit Nikolaus Harnoncourt war für Sie sicher eine ganz wichtige und Sie konnten ja schon sehr früh mit Ihm zusammenarbeiten. Was hat er Ihnen am Anfang Ihrer Karriere mit auf den Weg mitgegeben.

Vesselina Kasarova / Foto @ Suzanna Schwiertz

VK: Die Freiheit, die Phantasie beim Singen, was bedeuten die Pausen. Er wollte immer überzeugt sein, ob wir glaubwürdig sind oder nicht. Er hat an diesen Dingen gearbeitet. Er war wohl einer der einzigen der zum Orchester gesagt hat: «Sie müssen immer dem Sänger zuhören. Nie überdecken.» Er war Philosoph, aber er war anfassbar. Bei ihm war alles besprochen und wurde dann nicht immer wieder geändert. Von heute gesehen, schätze ich diese Begegnungen noch viel mehr.

OM: Nach Zürich dann in Wien aufzutreten, wo ein ganz anderes System herrscht und nur wenig Zeit für Proben besteht, ist eine weitere Herausforderung, besonders am Anfang einer Karriere. Wie haben Sie diese Situation erlebt?

VK: Ich glaube, ohne Zürich wäre es noch schwerer gewesen. Ich habe in Zürich ja mit Dr. Drese Götterdämmerung gemacht. Er hat mich schon richtig gut vorbereitet: «Vesselina Du gehst nach Wien. Dort sind die Schlangen.» Dort habe ich debütiert im Barbiere.

OM: Das ist natürlich eine Rolle, die viele vorher schon gesungen haben und die im Fokus der Vergleiche steht.

VK: Barbiere war eine gute Startrolle in Wien. Es gab eine Kollegin, die Mühe hatte, dass ich diese Rolle singen sollte und sich auch bei der Direktion beschwert hatte. Ich habe das aber überlebt. Da fällt mir noch eine ganz besondere Situation ein: Bei meinem Debüt in «Italiana in Algeri.» Ich habe kurz vor dem Debüt jemanden von der Wiener Staatsoper getroffen. Er hat mich gefragt, «Sind Sie ruhig? Wissen Sie überhaupt, wer vor Ihnen diese Rolle gesungen hat? Frau Baltsa, können Sie singen wie Frau Baltsa?», ich antwortete: «Das weiss ich nicht, aber ich werde mich bemühen». Das zeigt gut die Stimmung die herrschte.

OM: Das ist ja auch das Problem an der Scala. Wenn sich dort jemand an eine Rolle heranwagt, welche zuvor die Callas gesungen hatte, dann muss man damit rechnen, dass man dies nicht überlebt. Dies deshalb, weil viele auch junge Zuhörer, welche die Callas nie live gehört haben, sich anmassen, aufgrund von technisch unter damals ganz anderen Bedingungen hergestellten Aufnahmen Vergleiche zu ziehen.

VK: Das ist ein gutes Beispiel. Man kann nicht Vergleiche ziehen ohne dass man jemanden live gehört hat.

OM: Wenn Sie heute auf diese Anfänge zurückschauen, mit der riesigen Erfahrung welche Sie inzwischen sammeln konnten, was raten Sie den heutigen jungen Sängern als erstes?

VK: Ich würde raten, man braucht starke Psyche, sportlichen Geist und nicht mit vielen Kollegen reden, wenn man ein Problem hat. Wenn ich ein Problem habe, zum Beispiel mit einem Regisseur, dann gehe ich hin und sage: «Bitte helfen Sie mir!» Ich rate auch Skandale zu vermeiden. Ich brauche Harmonie, dass man sich treu bleibt und die Rolle richtige realisiert, egal was für eine Kostüm man trägt, oder was für eine Spielart man anwenden soll. Die heutige Zeit ist schwieriger, als unsere damals. Es ist heute viel schwieriger, nein zu sagen, als früher. Aber bitte keine Rollen singen, die für die Stimme nicht geeignet sind. Natürlich riskiert man dann, nicht mehr gefragt zu sein, doch die größere Gefahr ist, wenn mit der Stimme etwas passiert.

OM: Sie sind bekannt dafür, dass Sie Ihre Rollenportraits stets mit viel Körpereinsatz präsentieren. Das war ja lange Zeit gar nicht en vogue. Sie waren damit der Zeit voraus, denn heute wird ja von vielen Regisseuren neben dem Singen auch der volle Körpereinsatz bis zu fast unmöglichen Posen gefordert. Wie stehen Sie dieser Entwicklung gegenüber.

VK: Ich als Sängerin wollte immer verstehen, was ein Regisseur will, welche körperliche Sprache gefordert wird. Ich habe als Sängerin vielleicht auch schauspielerische Talente. Ich wollte Opernsängerin werden, weil ich wusste, ich kann auch spielen. Und ich behaupte wir sind singende Schauspieler. Man darf nicht vergessen dass die Regisseure vom Schauspielfach kommen. Der Schauspieler redet denselben Satz je nach Stimmung in ganz verschiedenen Interpretationen. Sänger brauchen Hilfe. Einer braucht mehr, als der andere. Man braucht Geduld und genaue Hinweise, wie man eine Rolle überzeugend spielen soll.

OM: Wenn man soviel Erfahrung sammeln konnte und so großen Erfolg hat, wie geben Sie Ihr reichhaltiges Wissen an den Nachwuchs weiter?

VK: Es geht nicht nur um stimmliche Technik, sondern was erwartet einen auf der Bühne. Ich habe die klassische und auch die moderne Regie erlebt. Da spielt die Atemtechnik eine große Rolle. Deshalb gebe ich gerne mein Wissen in Masterclasses weiter.

OM: Gerade als Zuschauer in einer Masterclass, kann man wunderbar miterleben, wie verschieden man einen einzigen Satz interpretieren kann und wie viel Geduld es braucht, die richtigen Töne zu finden.

VK: Genau deshalb braucht man ja immer Hilfe. Wenn zum Beispiel ein Problem mit einem hohen Ton da ist, so ist dieser einfach da… Man kann ihn nicht halbieren. Das heisst wir machen etwas vorher falsch. Man muss schlau sein. Ich glaube, wenn jemand gut erklären kann, dann ist die Masterclass auch für das Publikum sehr spannend. Es gibt Sänger die dies hervorragend erklären können und der Zuschauer ist danach besser auf eine Aufführung vorbereitet.

OM: Die Ansprüche des Publikums, sind wegen der neuen Medien und der heute für alle schnell zu erreichenden Vergleiche stetig gewachsen. Wie hält man diesem Druck stand?

VK: Daran habe ich gar nie gedacht. Ich habe nur an die Rolle gedacht. Bin ich einigermaßen zufrieden mit mir? Stimmt die Form? Daran habe ich gedacht. Sonst kann man verrückt werden. Wenn man sich zu viel damit beschäftigt, was das Publikum für Vergleiche hat oder wer, wann, was, wie gesungen hat, muss man es lassen.

OM: Es ist natürlich für Ihre Fans und die Opernliebhaber spannend, jederzeit Zugriff auf die vielen Aufnahmen zu haben. Doch dieser Konsum reduziert natürlich auch die Produktion neuer Aufnahmen, da immer weniger Verkäufe auf traditionellem Weg generiert werden. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

VK: Ich hatte Glück! In meiner Generation war das noch kein Thema, heute müssen viele junge Künstler sogar bezahlen, dass sie eine CD produzieren können. Ich habe junge Sänger erlebt, die gesagt haben: «Frau Kasarova ich habe Barbiere genauso einstudiert wie Sie», und ich antwortete: «Bitte nicht! Vielleicht machen Sie eine bessere Interpretation». Ich habe meine Rollen nicht so gelernt, auch wenn ich von einer anderen Sängerin Fan bin, denn ich habe nicht diese Stimme und diesen Charakter. Es muss etwas Eigenes entstehen. Deshalb kann ich sagen, ich habe die goldenen Zeiten erlebt. Heute kommt es sogar vor, dass man für ein Vorsingen bezahlen muss. Ich konnte das kaum glauben.

OM: Ihre ganze Karriere beruht auf Disziplin, Konzentration und die richtige Einteilung der Energien. Woher schöpfen Sie diese Kraft?

VK: Wille und positiv denken.

OM: Sie sind eine große Persönlichkeit, welche stets mit höchster Konzentration an Ihre neuen Aufgaben herantritt. Dies kann man aus den vielen lobenden Worten Ihrer Kollegen und Kolleginnen entnehmen und wird auch für den Opernbesucher durch Ihre Interpretation einer Rolle bestens sichtbar. Was ist Ihnen beim Einstudieren einer Rolle am wichtigsten?

VK: Authentizität. Dass eine Rolle auch eine Entwicklung hat. Ich mag, wenn Rollen beginnen und man das Schicksal der dargestellten Person miterleben kann. So dass am Ende eine Geschichte auch visuell erlebt werden kann.

OM: Und dies auch selber erleben.

Vesselina Kasarova

VK: Es löst bei mir viel aus. Ich habe mir viel überlegt, was ich genau will, was für mich eigentlich singen bedeutet: Intimität. Ich habe das Gefühl, das Publikum ist sehr nah, wie eine Kamera die einen fokussiert. Ich habe auch versucht, mich zu kontrollieren, also mich im Spiel zurückzunehmen, doch das ging zwei, drei Vorstellungen gut, und schon nach 10 Minuten war ich wieder Vesselina. Also sind wir wieder bei der Authentizität. Ich bin an der Oper Stara Zagora  (Bulgarien) Artistic Director. Wenn ich weitergeben kann, was mich geprägt hat, dann will ich, dass dort auf der Basis eines Ensembles machen, einer Gruppe, welche diverse Projekte gemeinsam erarbeitet.

Ich habe das Glück gehabt, mit tollen Menschen, Regisseuren, Kollegen zusammenarbeiten zu dürfen. Ich mag die Menschen. Man muss sich in unserem Beruf entscheiden: nicht nur sich zu beweisen, sondern auch geben.

OM: Sie haben immer wieder erwähnt, dass Liederabende Ihnen besondere Freude bereiten. Liederabende sind jedoch etwas vom anspruchsvollsten, was ein Sänger bieten kann. Gundula Janowitz hat einmal gesagt: «Liederabende sind das Schwierigste. Nach 10 Sekunden hat das Publikum dein Kleid gesehen und schaut Dir nur noch ins Gesicht». Was ist Ihre Erfahrung?

VK: Richtig! Es braucht MUT. Es geht nicht darum, schaffe ich das oder nicht. Man muss diese Intimität mögen. Man ist dann im guten Sinne extrovertiert. Ich habe keine Berührungsängste mit dem Beobachtetwerden. Ich bin so wie ich bin. Hier hilft mir einmal mehr die Authentizität.

OM: Welche Begegnungen in Ihrer Karriere haben Sie am meisten geprägt?

VK: Allgemein muss kann ich sagen, die wichtigsten Persönlichkeiten (Kollegen, Regisseure, Dirigenten) sind einfach im Umgang. Wer mir sehr großen Eindruck gemacht hat, war Gerard Mortier. Damals 1990 war ich nur Vessi und niemand kannte mich. Er behandelte mich genauso, wie er Jessye Norman behandelte. Er hat keinen Unterschied gemacht und das ist wahre Größe. Das kann nicht jeder. Kultur und Diplomatie, so etwas kann man nicht aus Büchern lernen. Das habe ich gelernt von diesen Menschen.

OM: Wenn man auf allen großen Bühnen der Welt und in allen wichtigen Sälen aufgetreten ist, sowie mit den besten Dirigenten, Regisseuren und Kollegen zusammengearbeitet hat, was wünscht man sich dann für die Zukunft?

VK: Ich wünsche mir zwei drei Rollen, die ich singen kann, die Amneris, oder Azucena.

Ich kann nicht mehr singen, so wie ich früher gesungen habe, so nonstop. Ich möchte eine Kombination von Masterclasses, Konzerten und ein paar Produktionen. Wir werden sehen. Wenn ich Artistic Director eines Opernhauses in der Schweiz wäre, dann würde ich auch gerne ein Ensemble mit Künstlern aufbauen wollen, welche dieselben Ideen haben, das ist auch eine Vision. Ich wünsche mir, dass ich gesund bleibe und ich wünsche mir, dass viele Künstler erfahren dürfen, was ich das Glück hatte zu erleben.

OM: Danke Frau Kasarova für dieses Gespräch.

 

Vesselina Kasarova wird im Staatstheater Wiesbaden in der Rolle der Judit in HERZOG BLAUBARTS BURG zu erleben sein. / Termine: 01.03./08.03./14.03./23.03./31.03.2019

Das Interview führte Marco Stücklin für DAS OPERNMAGAZIN/ RED. DAS OPERNMAGAZIN SCHWEIZ

 

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Titelfoto: Vesselina Kasarova / Foto @ Suzanne Schwiertz

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