
Es gab lebhaften Applaus für die hervorragenden Sängerinnen und Sänger, den Dirigenten und das brillante Gürzenich-Orchester, aber kräftige Buh-Rufe für das Regieteam im ausverkauften Staatenhaus im Kölner Rheinpark. Man erlebte eine düstere Dystopie, bebildert mit bühnengroßen Videoeinblendungen von Bildern von Überwachungskameras, später von Ultraschallfilmen sich bewegender Embryonen und allerlei medizinischen Überwachungsmonitoren, die man sonst auf Intensivstationen findet. (Rezension der Premiere vom 29. März 2026)
Die Handlung der „Walküre“ ist bekannt. Auf der Leinwand wird ein umherirrendes Licht in einem dichten Wald gezeigt: Siegmund auf der Flucht. Die Leinwand fällt, und man sieht Hundings Hütte, im Hintergrund einen riesigen Mond, auf dem Boden Wasserpfützen, wo das Treffen von Siegmund und Sieglinde seinen Lauf nimmt. Rechts und links bühnenhohe breite Schwarz-Weiß-Projektionen von Überwachungskameras, die das Bühnengeschehen übertragen. Das durchgehende Video-Design gestaltete Robi Vogts.

Im zweiten Akt passiert musikalisch erst einmal nichts. Eine elegante junge Frau, Wotans Gattin Fricka, sitzt, mit einem weißen Negligée bekleidet, in einem bürgerlichen Wohnzimmer, das an den „Red Room“ aus David Lynchs Twin Peaks erinnert, blickt auf ein Röhrchen, anscheinend einen negativen Schwangerschaftstest, und bekommt einen Tobsuchtsanfall. Aus einem seitlichen Schrank zieht sie ein Ultraschallgerät und fährt sich mit dem Schallkopf über den Unterleib – keine Schwangerschaft erkennbar. Ihr Mann Wotan, unschwer erkennbar an der orangefarbenen Uniform mit Breeches und Reitstiefeln und der schwarzen Augenklappe, unterhält sich lebhaft mit einer attraktiven Blondine, offensichtlich seiner Lieblingstochter Brünnhilde. Auffallend ist, dass die Kostümbildnerin Mona Ulrich für die Kostüme der Götter und Walküren glänzende Seidenstoffe verwendet. Die Stimmung vereist, als Fricka den Raum betritt und Wotan die bekannte Szene macht, ein gelungener Moment der Inszenierung mit hervorragenden Sänger-Darstellern und einem dienend behandelten Orchester. Wotan gibt klein bei, und Fricka rauscht hinaus. Die Fortsetzung des Dialogs mit Brünnhilde ist noch intensiver: wie hier der frustrierte Herrscher seiner emotionalen Tochter erklärt, dass er an Verträge gebunden ist und – leider – seinen einzigen Sohn der Konvention opfern muss, geht unter die Haut. Brünnhilde, gehorsame Tochter, verspricht, wider bessere Einsicht, Gehorsam, und Wotan bleibt als gebrochener Mann zurück. Der Szenenwechsel im Bühnenbild von Pia Dederichs und Lena Schmidt ist dank Vorhang schnell möglich, die Szene setzt sich unmittelbar fort.
Projektion zum dritten Akt ist ein sich lebhaft im Uterus bewegender Fötus. Während des Walkürenritts gebären vier der Walküren, assistiert von den anderen vier als Hebammen, vier gesunde Säuglinge. Zehn in Blaumänner mit stilisierten Runen-DNA-Logos auf dem Rücken gekleidete Kinderstatist:innen mit den gleichen blonden Stoppelfrisuren wie Siegmund und Sieglinde schaukeln dazu auf blauen Schaukelpferden, alles im geschlossenen Raum einer Klinik. Unfreiwillig komisch wirkt die Art Raumkapsel, die wohl für den Walkürenfelsen steht, in die Brünnhilde später über ein Treppchen einsteigt. Gelungen ist die Visualisierung des Feuerzaubers, der die ganze Bühne in rote Flammen und irrlichternde Computerdisplays taucht. Offensichtlich klont Wotan Menschen und fängt damit bei seinen eigenen Kindern an. Oder, um es noch krasser zu formulieren: Wotans Walhall ist kein Hort für gefallene Krieger, sondern ein Zuchtlabor für den „neuen Menschen“, Wotans Herrschaft ist ein faschistoider Überwachungsstaat.
Das Gürzenich-Orchester war in großer Besetzung mit sechs Harfen und entsprechend dick besetzten Streichern in der ganzen Breite der Fläche vor der Bühne aufgestellt. Marc Albrecht entlockte den einzelnen Instrumentengruppen berückende Phrasen und ließ die satten Streicher, die prangenden Blechbläser und die stimmungsvollen Holzbläser groß auftrumpfen. Beim Walkürenritt kreierte er eine enorme Steigerung in einen fast brutalen Sound, dass ich mich an Francis Ford Coppolas Apocalypse Now erinnert fühlte, wo diese Musik zum Abwurf von Napalm-Bomben über Vietnam erklingt.

Großes Lob verdient Jordan Shanahan mit seinem Rollendebut als Wotan. Mit seinem sehr gut geführten, noch recht jugendlichen Heldenbariton lotete er die großen Emotionen dieser Partie voll aus und blieb Wagners Partitur nichts schuldig. Mich erinnerte er in seinem recht hellen Timbre und der dramatischen Darstellungsweise ein wenig an Dietrich Fischer-Dieskau, der dafür bekannt war, die Bedeutung jeden Wortes auszuloten und in der Gesangslinie entsprechend zu betonen. Adäquat war Trine Møller als Brünnhilde, die sich mit ihrem leuchtenden hochdramatischen Sopran argumentativ wie emotional neben ihrem Vater behaupten konnte. Auch Bettina Ranch als Fricka erwies sich in ihrem flammenden Plädoyer gegen Inzest und Ehebruch als eloquente Anwältin von Recht und Ordnung und als ebenbürtige Gegenspielerin ihres frivolen Gatten Wotan. Bei den Dialogen dieser Protagonisten vergaß man jegliches Ambiente und konzentrierte sich voll auf die Konflikte, die in aller Schärfe mit intellektueller Brillanz, aber auch mit großen Emotionen in Gestik und Gesang ausgetragen wurden. Die acht Walküren, alle aus dem Ensemble der Kölner Oper besetzt, entfalteten über dem Orchester eine ungeheure dramatische Wucht, wenn mich auch die Bebilderung mit vier Spontangeburten auf der Bühne erheblich irritierte. Tiji Faveyts als Hunding verlieh dem grobschlächtigen angetrauten Gatten Sieglindes mit seinem tiefen Bass gefährliche Kontur, während Astrid Kessler als Sieglinde und Daniel Johannsson als Siegmund mir etwas blass erschienen. Ihre Stimmen sind nicht so groß, dass sie sich in einer Halle mit einer so schlechten Akustik wie dem Kölner Staatenhaus durchsetzen können. Dabei waren sie vom Ausdruck, der Personenführung und der Rollengestaltung her gut aufgestellt.
Es bleibt der Eindruck, dass Regisseur Paul Georg Dittrich mit seinem Regieteam in einer Assoziation an Hitlers „Lebensborn“-Modell den Göttervater Wotan als Erschaffer eines neuen Menschen zeigen wollte. Damit entspricht er dem aktuellen Trend, auf die ursprüngliche Handlung eines Stücks eine neu kreierte aktuelle Deutung aufzusetzen und die Inszenierung mit Bildmaterial zu überfrachten, was allerdings jüngerem Publikum und dessen Rezeptionsgewohnheiten entgegenkommt. Man kann auf die Fortsetzung mit „Siegfried“ in der nächsten Spielzeit, voraussichtlich in der Kölner Oper am Offenbachplatz, gespannt sein.
- Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Oper Köln / Stückeseite
- Titelfoto: Oper Köln/DIE WALKÜRE/Astrid Kessler, Trine Møller, Daniel Johannson, Jordan Shanahan, Tijl Faveyts/Foto © Matthias Jung
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