Oper Bonn: Verdis „Otello“ – Absturz eines Kriegshelden mit maximaler Fallhöhe

Oper Bonn/OTELLO/Simone Piazzola, Susanne Blattert/ Foto © Bettina Stöß

Giuseppe Verdis Meisterwerk Otello bleibt zeitlos aktuell. Die Inszenierung von Leo Muscato erzählt die Story ohne aufgesetzte Auslegung. Die gewohnte Ordnung wird wieder hergestellt um den Preis der Leben von Desdemona, Cassio und Otello. Dirk Kaftan und das Beethoven Orchester entfachen in der Oper Bonn große Gewitter- und Gefühlsstürme. Großer Beifall des Publikums im ausverkauften Haus! (Besuchte Vorstellung v. 4. April 2026)

 

Die Vorstellung hätte eigentlich schon seit 10 Minuten laufen müssen, da trat Dirigent Dirk Kaftan vor das ausverkaufte Haus und verkündete, man habe ein Problem. Den Sänger des Jago, (Simone Piazzola), habe vor der Vorstellung ein Hexenschuss ereilt, er könne sich nicht bewegen. Man habe jedoch einen Arzt gerufen, der kurzfristig Linderung der Schmerzen verschaffen könne. Eine Viertelstunde später begann die Vorstellung mit großem Orchester- und Chorauftritt. Simone Piazzola als Jago bewegte sich recht vorsichtig, blieb aber seiner großen Partie nichts schuldig. Nur beim lebhaften Schlussapplaus deutete er mit Gesten an, dass eine Verbeugung derzeit nicht möglich sei. Er ist ein echtes Bühnentier, das auf internationale Auftritte an großen Häusern weltweit zurückblickt. Den Jago hat Simone Piazzola bereits an der Wiener Staatsoper, an der Mailänder Scala, in der Arena di Verona und an der Deutschen Oper Berlin gestaltet. Seine Interpretation war ausgereift, musikalisch perfekt und von der Darstellung her geradezu dezent und dadurch noch beklemmender. Er ist der normale Böse, der Rache für eine vermeintliche Zurücksetzung bei einer Beförderung übt. Bei seinem „Credo“, das er vor dem Vorhang sang, machte er klar, dass er völlig desillusioniert sei. In der Form des christlichen Glaubensbekenntnisses bekannte er sich zu seiner Überzeugung, dass der Mensch ein Spielball des Bösen vom Anbeginn des Lebens sei, und leugnete ein Leben nach dem Tod. Er gestaltete einen Kerl, dem sämtliche moralischen Maßstäbe fehlen, der aber durch verbindliches Verhalten getarnt gefährliche Konflikte schürte.

Oper Bonn/OTELLO/ Ryan Vaughan Davies, Simone Piazzola, Tae Hwan Yun, Chor und Extrachor des Theater Bonn/ Foto © Bettina Stöß

Othello, 1604 uraufgeführt, war zu Shakespeares Lebzeiten sein erfolgreichstes Stück. Aus dem fünfaktigen Eifersuchtsdrama hat Arrigo Boito, selbst erfolgreicher Komponist, 1879 für Verdi das Libretto einer vieraktigen Oper, die am 5. Februar 1887 an der Mailänder Scala mit großem Erfolg uraufgeführt wurde, erstellt. Es ist wohl Verdis reifstes und komplexestes Drama, in dem das groß besetzte Orchester und mehrstimmige Szenen sowie ein großer Chor und ein Kinderchor eine enorme Dichte erzeugen. Die Oper beginnt mit der gefeierten Rückkehr des Kriegshelden Otello zu seiner Gattin Desdemona und führt mit maximaler Fallhöhe zur sozialen Demontage Otellos als Mörder. Er ist ein sozialer Aufsteiger, der als gefeierter Kriegsheld eine Frau aus der obersten sozialen Schicht Venedigs für sich erobern konnte, allerdings wegen seiner Außenseiterrolle verunsichert ist und nur zu leicht auf Jagos Intrige hereinfällt und sich durch seine emotionalen Entgleisungen selbst demontiert. Am Ende fallen ihm seine Ehefrau Desdemona und sein Capitano Cassio zum Opfer. Es ist ein Mord aus Eifersucht. Alles angestiftet durch Jago, der enttäuscht ist, dass Otello Cassio statt seiner zum Capitano befördert hat.

Die Inszenierung von Leo Muscato erzählt die Geschichte im konkreten Ambiente einer heruntergekommenen Militärbasis 1974 auf der Insel Zypern. Die Ränge der Darsteller können anhand der Uniformen zugeordnet werden, der Chor trägt Hosen und Militärhemden in Khaki. Die Kostüme gestaltete Silvia Aymonino. Statt Vorhang gab es die Fassade eines alten Gebäudes, die mit Beginn der Handlung hochgezogen werden konnte und einen Innenhof enthüllte, in den bei Bedarf Stühle für einen Empfang oder Zimmer wie Desdemonas Dunkelkammer, ihr Schlafzimmer oder Otellos Büro als Kommandant geschoben werden konnten. Dadurch gelangen schnelle Szenenwechsel wie in einem Spielfilm. Die Bühnenbilder im Stil der 70-er Jahre mit elektrischen Stehlampen gestaltete Federica Parolini. Grundsätzlich ist dagegen nichts einzuwenden, aber im vierten Akt hatte Desdemona das Licht angelassen, wodurch das Betreten des Schlafzimmers durch Otello etwas an Spannung einbüßte. Allerdings sorgten die tiefen Streicher des Beethoven Orchesters für den Hitchcock-Effekt des sich anschleichenden Gattenmörders. Warum man das Quartett im zweiten Akt, in dem Otello das Taschentuch wütend zu Boden wirft, Emilia es aufhebt und Jago es Emilia mit Gewalt entwindet, nicht gespielt hat, habe ich allerdings nicht verstanden, klärt es doch unmittelbar, dass Desdemona unschuldig und Jago der Strippenzieher ist. Wollte man die Spannung, ob die keusche Desdemona nicht doch Gefallen am smarten Cassio gefunden hat, aufrechterhalten?

Desdemona ist Kriegsfotografin und hat eine Dunkelkammer mit Rotlicht. Man erinnert sich: Bilder auf Zelluloid mussten im Entwicklerbad bei Rotlicht entwickelt werden, denn der Film durfte nicht mit Licht in Berührung kommen. Zum Trocknen aufgehängte Papierbilder bildeten einen guten Hintergrund für die Reminiszenz an glückliche Tage des Liebespaares Desdemona-Otello im ersten Akt. Die amerikanische Sopranistin Kathryn Henry gab ihr Rollen- und Hausdebut in der Rolle der Desdemona mit großem Erfolg. Ihr lyrischer Sopran hat ein dezentes Vibrato und ein schönes Timbre, das sie für die Rolle des reinen unschuldigen Opfers des Femizids ihres eifersüchtigen Gatten prädestinierte. Besonders die Szene im vierten Akt, in der sie ihre lyrischen Qualitäten im Lied von der Weide und im Ave Maria zeigen konnte, bewies die Vorzüge ihres lyrischen Soprans.

Oper Bonn/ OTELLO/ Kathryn Henry, George Oniani/ Foto © Bettina Stöß

Die Titelpartie verkörperte sehr düster der georgische Tenor George Oniani, seit der Spielzeit 2008/09 der Oper Bonn als Mitglied des Ensembles verbunden. Ich habe ihn in zahlreichen Rollen des Spinto-Fachs erlebt, zuletzt noch als Cavaradossi. Er meisterte in seinem Rollendebut als Otello die Partie des aufbrausenden, eifersüchtigen, in seiner Identität als Außenseiter stigmatisierten Söldners, der durch Erfolg als Feldherr zum Befehlshaber aufgestiegen ist, als psychologische Studie einer Eifersuchtspsychose sehr gut mit beeindruckenden Zornesausbrüchen. Sein A terra! ging unter die Haut. Es bedurfte keines Blackfacings um zu zeigen, dass dieser Otello sich stigmatisiert fühlt.

Die übrigen Rollen waren aus dem Ensemble typgerecht besetzt. Der Waliser Ryan Vaughan Davies, neu im Ensemble, verkörperte mit gut geführtem lyrischem Tenor den attraktiven Edelmann Cassio, Gegentyp zum ruppigen Otello, den dieser der Untreue mit seiner Frau verdächtigt. Gerade weil Cassio viel jünger und smarter ist als Otello und aus Desdemonas Herkunftsschicht kommt, schenkt Otello Jagos Unterstellung, er habe ein Verhältnis mit Desdemona, Glauben, wozu der offensichtliche Altersunterschied zusätzlich beiträgt. Susanne Blattert sang die Rolle von Jagos Frau und Desdemonas Zofe Emilia, Tae Wan Jun war Roderigo, Martin Tzonev Lodovico, Chrisopher Jähnig Montano und Seogjun Jang ein Herold.

Chor und Extrachor des Theater Bonn unter der Leitung von André Kellinghaus und der Kinder- und Jugendchor unter der Leitung von Ekaterina Klewitz gaben den Massenszenen scharfe Kontur, und das Beethoven Orchester unter der Leitung von Dirk Kaftan trumpfte kräftig mit instrumentalen Farben auf und stellte die Stürme der Natur und der Gefühle der handelnden Personen mit brillanten Bläsern und bedrohlichen tiefen Streichern anschaulich dar. Abgesehen von der Zeit, in der die Handlung angesiedelt ist, ist es eine durchaus klassische Inszenierung, die das Stück so erzählt, wie es Shakespeare, Boito und Verdi geschrieben haben. Die Darstellungen der Gewalt sind dezent, daher kann man Otello mit Jugendlichen ab 14 Jahren durchaus besuchen. Ein faszinierender Opernabend!

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Bonn
  • Titelfoto: Oper Bonn/OTELLO/Chor und Extrachor des Theater Bonn, George Oniani, Kathryn Henry/Foto © Bettina Stöß

 

 

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