
Es ist schon viel zu lange her: Nun endlich gastiert Franz Welser-Möst wieder einmal in Berlin. In Österreich, am Pult der Wiener Philharmoniker – ob bei den Salzburger Festspielen oder in der Wiener Staatsoper – wird der Dirigent aus Linz geradezu abgöttisch verehrt. In den USA gilt er gar als Institution, denn er amtiert seit über einem Vierteljahrhundert als Music Director des Cleveland Orchestra. Nur bei den zahlreichen Orchestern und Opernhäusern in Berlin wusste der 65-jährige Welser-Möst nie so recht Fuß zu fassen. Eine im Jahr 2019 geplante musikalische Leitung der Premierenserie von Mozarts Zauberflöte an der hiesigen Staatsoper musste er krankheitsbedingt absagen und auch bei den Berliner Philharmonikern bleiben seine Gastdirigate eine etwas geringgeschätzte Seltenheit. Auch an rezensierten Konzertabend klafften trotz erschwinglichster Preiskategorie erhebliche Lücken im Auditorium der Philharmonie. (Konzert v. 11. Juni 2026)
Nur wenige der großen Dirigenten haben in der Geschichte einen aufrichtig authentischen Zugang zur Symphonik von Franz Schubert gefunden: Karl Böhm hatte diesen, George Szell auch – und von den aktiven Dirigenten ist besonders Herbert Blomstedt als Schubert-Interpret anerkannt; aber auch Franz Welser-Möst hat sich um Schubert verdient gemacht. Letzterer nimmt in seine Konzertprogrammen die auch heute noch im Musikbetrieb oftmals verkannten Jugendsinfonien Nr. 1–6 mit besonderer Regelmäßigkeit auf. So auch nun die Symphonie Nr. 3 in D-Dur, D 200, die Schubert im Alter von 18 Jahren komponierte. Sie dokumentiert die Auseinandersetzung des Komponisten mit seinen Vorbildern Mozart und Haydn. Welser-Möst sucht in der Melodik von der Jugendsinfonien Schuberts nicht etwa einen späten Mozart oder einen frühen Beethoven. Vielmehr gelingt es ihm, diesen Werken einen ganz eigenen Charakter zu geben: Mit schlichtem Puls, raschen Tempi und einer eher subtilen Eleganz ließ er die Berliner Philharmoniker einen Schubert in schnörkellosem, klarem und dichtem Klangbild musizieren, welcher das Werk in all seinen Facetten durchlotete und damit bedeutungsvoll und groß werden ließ.
Direkt im Anschluss folgte mit der deutschen Erstaufführung des ca. 18-minütigen Intensity von Bernd Richard Deutsch ein scharfer Kontrast in großer Orchesterbesetzung. Das im Jahr 2022 in Cleveland uraufgeführte und dem Dirigenten Franz Welser-Möst persönlich gewidmete Werk hält genau das, was der Werktitel verspricht: ein hochkonzentriertes, expulsives und natürlich „intensives“, fast durchgehend im Orchestertutti instrumentiertes Orchesterstück, das sofort zu fesseln weiß. Es wurde von den Berliner Philharmonikern in facettenreicher Klangsprache und mit erschütternder Strahlkraft dargeboten. Das Werk klingt wie ein hochkonzentrierter Schostakowitsch auf den Rhythmen Leonard Bernsteins. Zum Applaus verneigte sich auch der Komponist Bernd Richard Deutsch. In die Publikumsreaktionen mischte sich anerkennender Jubel, wenngleich dieser nicht allzu überschwänglich ausfiel.

Der Rosenkavalier ist eine Oper, die der Komponist Richard Strauss selbst als „Komödie für Musik“ bezeichnet hat. Es existieren mehrere Orchestersuiten; die bekannteste ist jene von Artur Rodziński aus den 1940er Jahren aus New York. Welser-Möst konnte sich mit dieser nie so wirklich anfreunden und stellte kurzerhand auf der Vorlage des Dirigenten Robert Mandell eine eigene, knapp dreiviertelstündige „Rosenkavalier“-Suite zusammen. Sie besteht aus drei Sätzen, die den jeweiligen Akten der Oper entsprechen. Der Clou bei Welser-Mösts Arrangement: Er verwendet ausschließlich die originale Orchestermusik und verzichtet darauf, den Solistengesang in die Orchesterstimmen zu instrumentieren. Dadurch ist seine Fassung natürlich näher am Original von Richard Strauss als andere Bearbeitungen. Die Wirkung ist dabei verblüffend effektvoll.
Welser-Möst war hierbei ganz in seinem Element. Obgleich der Dirigent gelegentlich ein wenig behäbig anmutet, ist er doch ganz ein Mann des Theaters, der im Rosenkavalier kaum innezuhalten weiß und seine Suite als musikdramatisches Theaterereignis versteht. Wie mühelos changierte er zwischen himmlisch-erhabenen Liebesduetten und schroff-derber Beisl-Szene, in welcher es auch mal ordentlich rumorte, pochte und polterte. Indem Welser-Möst jeder Walzerfolge ihren individuellen Charakter und Kolorit gab, kam all das Schroffe und hemmungslos Leidenschaftliche der Strauss’schen Tonsprache optimal zur Geltung. Unter der musikalischen Leitung des Dirigenten aus Österreich bestach der Streicherklang der Berliner Philharmoniker dabei durch eine unheimliche Süße – kaum jemals zuvor hat das Spitzenorchester derart wienerisch golden geklungen!
Braucht’s denn wirklich in der Philharmonie noch eine ausgedehnte „Rosenkavalier“-Suite, nachdem erst wenige Wochen zuvor Christian Thielemann an der benachbarten Staatsoper den „Rosenkavalier“ vollständig, szenisch und in Starbesetzung aufgeführt hat? „Weil’s gar so schön ist“, um mit den Worten Octavians zu entgegnen. Man möchte den frommen Wunsch hinzufügen, Franz Welser-Möst möge doch bitte eines Tages für die Aufführung einer vollständigen Strauss-Oper an das Pult eines der Berliner Orchester zurückkehren.
- Rezension von Phillip Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Berliner Philharmoniker
- Titelfoto: Franz Welser-Möst dirigiert die Berliner Philharmoniker | Bild: Stephan Rabold
Ein Gedanke zu „Berlin: Franz Welser-Möst mit Strauss‘ „Rosenkavalier“ zurück in der deutschen Hauptstadt“