Bach: „Clavier-Übung II & IV“ im Leipziger Gewandhaus

Sir András Schiff / Foto: Nadja Sjöström

Am 13. Juni 2026 setzte András Schiff im Rahmen des Bachfestes im Leipziger Gewandhaus seine Reihe zu Johann Sebastian Bachs „Clavier-Übungen“ mit den Teilen II und IV fort. Für Das Opernmagazin habe ich ebenfalls Schiffs Aufführung von Teil I am 11. Juni rezensiert. Wie schon beim letzten Konzert standen zwei Klaviere auf der Bühne: ein Steinway & Sons und ein Bösendorfer.

 

Schiffs Interpretation des „Italienischen Konzerts“ F-Dur, BWV 971, zeichnete sich durch strukturelle Klarheit und rhythmische Lebendigkeit aus. Durch unterschiedliche Anschlagstärke auf seinem Bösendorfer-Flügel erzielte er den Kontrast zwischen einem Orchester und einem Soloinstrument in einem Concerto grosso.

Für die „Ouvertüre h-Moll nach französischer Art“, BWV 831, wechselte Schiff zum Steinway-Flügel, auf dem er Bachs komplexen Kontrapunkt und die verschlungenen Melodien mit absoluter Klarheit zum Ausdruck brachte. Der Vortrag war geprägt von viel Galanterie und tänzerischer Lebendigkeit, verbunden mit Tiefgründigkeit. Als ich Schiff hörte, überlegte ich mir, dass diese Musik, die heute als hohe Kunst geschätzt wird, von Bach und seinen Zeitgenossen vielleicht als raffiniert komponierte Tanzsuite verstanden wurde.

In den „Goldberg-Variationen“, BWV 988, stand die Lyrik im Vordergrund der Interpretation, die durchweg nuanciert und geschmeidig war. Daher nahm Schiffs Aufführungsstil einen Mittelweg zwischen der perkussiven Artikulation einiger historisch informierter Interpretationen und dem eigenwilligen, kantablen Klang anderer ein.

Schiff konnte kraftvoll und virtuos spielen, etwa in den Variationen 14 oder 29, doch stellte er die melodische und gesangliche Qualität der Musik über Bachs Kontrapunkt. Schiff spielte – völlig zu Recht – jede Wiederholung und setzte Ornamente geschickt ein, um der Musik beim zweiten Mal Abwechslung und Spannung zu verleihen.

Obwohl ich Schiffs Bach bereits einige Male im Konzert und auf Aufnahmen gehört hatte, strahlte dieser Auftritt eine Art kalkulierter Spontaneität aus. Schiff spielte diese Werke fehlerfrei auswendig und schuf dennoch Spannung, indem er den Eindruck vermittelte, ganz im Moment zu leben und Verzierungen und Tempi spontan zu entscheiden.

Die Klaviere, die Schiff verwendete, hatten einen weitaus größeren Dynamikumfang und mehr Nuancen zu bieten, als es ein historisches Instrument könnte. Obwohl ich Aufnahmen dieser Werke auf dem Cembalo besitze und gerne höre, finde ich, dass mir Schiffs Interpretation auf einem modernen Klavier am besten gefällt und mich am meisten fesselt.

Ob bei der Mozartwoche in Salzburg, dem Bachfest in Leipzig oder an anderen Veranstaltungsorten, Schiffs Auftritte bieten stets musikalische Einblicke. Seine Programme sind um intelligente Themen herum aufgebaut, die Werke eines einzelnen Komponisten – wie es hier der Fall war – oder mehrerer Komponisten miteinander verbinden.

 

  • Rezension von Dr. Daniel  Floyd / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Bachfest Leipzig
  • Titelfoto: Sir András Schiff / Foto: Nadja Sjöström
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