
Im Rahmen des Festivals „Barock Zürich“ kam man in den Genuss der ganz selten aufgeführten Oper „Scylla et Glaucus“ von Jean-Marie Leclair in französischer Sprache. Das Libretto stammt von d‘Albaret nach Ovids „Metamorphosen“. (Rezension der Aufführung v. 29. März 2026)
Jean-Marie Leclair, geboren 1697, stammt aus einer großen Familie. Der Vater war Korbflechter, aber auch ein begabter Gambenspieler. Mehrere seiner Kinder wurden Musiker. Jean-Marie genoss eine Ausbildung als Tänzer. Zudem war er ein begabter Geigenspieler. Seine Laufbahn als Tänzer und Ballettmeister begann er in Lyon. 1716 heiratete er eine Tänzerin. Bis 1722 blieb er in Lion und zog dann als Ballettmeister nach Turin, wo er auch den Ruf eines renommierten Violinisten genoss. In Turin begann Jean-Marie Leclair zu komponieren. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er 1730 eine junge Notenstecherin. Von 1738-1743 lebte er in den Niederlanden, wo er in höchsten Kreisen Beachtung gefunden hat. 1748 wurde er musikalischer Direktor und erster Violinist beim Privattheater von Antoine VII, Herzog von Gramont. Nachdem seine Frau sich von ihm getrennt hatte, lebte verlassen in einer Absteige in Paris. Im Oktober 1764 fand man ihn erstochen im Hausflur. Dieser Mord wurde nie aufgeklärt.

Seine einzige Oper „Scylla et Glaucus“ wurde im Oktober 1746 in Paris uraufgeführt, wurde aber mit nur 18 Aufführungen kein großer Erfolg. Nach einzelnen Aufführungen 1747 und 1750 in konzertanter Form, verschwand dieses Werk und wurde erst 1979 in London von John Eliot Gardiner wiederentdeckt. Bis 2013 folgten diverse Aufführungen in konzertanter Form.
Die Handlung erzählt die tragische Geschichte von Scylla und Glaucus.
Glaucus liebt Scylla, welche jedoch Angst vor der Liebe hat und sich deshalb jeglicher Form von Leidenschaft verschließt. Jeder Verehrer wird zurückgewiesen. Selbst ihre beste Freundin Témire kann ihr nicht helfen. Auch Glaucus wird von ihr abgewiesen. Da beschliesst Glaucus, Circé um Hilfe zu bitten, um Scylla zu überzeugen, denn dieser wird nachgesagt, sie verfüge über besondere Kräfte. Circé jedoch verliebt sich selbst in Glaucus. Sie bietet ihm ihre Hilfe an, falls Glaucus ihre Gefühle erwidert. Aber er lehnt dies ab, denn er liebt nur Scylla. Circé ist im Stolz verletzt und aus Leidenschaft wird Eifersucht und Wut.
Bei einer Wiederbegegnung von Glaucus und Scylla, fühlt Scylla die Aufrichtigkeit von Glaucus Liebe und überwindet ihre Furcht. Sie gesteht ihm ihre Liebe. Jetzt scheint die Welt in Ordnung zu sein und sie besingen ihr Glück. Circé erkennt jedoch, dass sie Glaucus verloren hat. Ihre Eifersucht treibt sie an, sich zu rächen. Sie bereitet einen Gifttrank vor und beschwört die in ihr wirkenden dunklen Mächte, die Rache zu vollziehen.
Auf einem Fest der Liebe herrscht fröhliche Stimmung. Aber in düsterer Vorahnung fürchtet sich Scylla vor Circés Eifersucht. Sie kann sich ihrem Schicksal nicht entziehen und trinkt das von Circé vergiftete Wasser und stirbt. Es gibt keine Sieger in dieser Geschichte. Glaucus bleibt alleine und Circé bleibt nach vollzogener Rache erloschen zurück.

Im Opernhaus Zürich wird nun eine Inszenierung gezeigt, welche man als großen Erfolg werten darf. Claus Gluth verlegt die Handlung in ein Internat, einen Ort, wo Hierarchien herrschen und viele Regeln befolgt werden müssen. Einen Ort, wo Wissen, Disziplin und Ordnung verlangt werden und wo junge Menschen das Erwachsensein erlernen. Aber auch einen Ort, wo Leidenschaft, Emotionen und Begehren ihren Platz haben.
Was da für das Auge geboten wird, ist einfach genial. Die Bühnenbilder von Etienne Pluss, die Kostüme von Ursula Kudrna und die Lichtgestaltung von Martin Gebhardt versetzen einen in diese Internatsathmosphäre. Da stimmt einfach alles. Die Personenführung, viele kleine Details und die Choreographie von Sommer Ulrickson vereinen sich zu der perfekten Umsetzung dieser Regieidee.
Auch musikalisch wird diese interessante Wiederentdeckung auf höchstem Niveau präsentiert.
Mit Emmanuelle Haïm, einer ganz großen Kennerin der Barockmusik am Pult, ist die bis ins kleinste Detail getreue Wiedergabe dieser herrlichen Musik garantiert. Wenn sie dann noch mit ihrem eigenen Barockensemble „Le Concert d‘Astrée“, welches sie seit 25 Jahren leitet, musiziert, wird man völlig in den Bann gezogen. Jede feinste Nuance dieser Partitur, jeder der mitreißenden Tänze, die Begleitung der Solisten und des Chores, alles fügt sich zu einem großsartigen Ganzen zusammen.
Da es sich um eine der sehr seltenen Aufführung dieser Oper handelt, war dies für alle acht Solisten ein Rollendebut.

Elsa Benoit als Scylla erfüllt diese mit Gefühlen hadernde junge Frau mit ihrer hellen Stimme und vorzüglichem Spiel bestens und überzeugt von Anfang an. Dies ist neben ihrem Rollen- auch ihr Hausdebut. Zusammen mit dem Tenor Anthony Gregory als Glaucus wurde das perfekte Duo für die beiden Titelfiguren gefunden. Gregory singt und spielt seine Partie großartig. Das Duett im 3. Akt ist einer der Höhepunkte der Aufführung. Chiara Skerath als Circé begeistet mit einer unglaublich vielschichtigen Interpretation dieser kalten, jedoch auch von innigen Gefühlen gequälten Frau auf der ganzen Linie und singt mit grossem Ausdruck. Als Témire, Scyllas Freundin, überzeugt Gwendoline Blondeel genauso wie Jehanne Amzal als Dorine, Circés Vertraute. Beide, ebenfalls zum ersten Mal im Opernhaus Zürich zu hören, ergänzen dieses erlesene Ensemble aufs schönste. Mit Daniel Brant als Ein Hirte, Peter Strömberg als Ein Waldgeist und Ekkehard Abele als Hexe Hécate kamen einige Mitglieder der Zürcher Sing-Akademie zu kleineren Solorollen.
Die Zürcher Sing-Akademie, einstudiert von Alice Lapasin Zorzit und Richard Wilberforce, leisten einen ganz großen Beitrag zum Gelingen dieser Aufführung. Es wird hervorragend gesungen und mit viel Energie gespielt. Ein großes Kompliment.
Man kann jedem Opernfreund, auch wenn er nicht Barockopern vorzieht, den Besuch dieser Aufführung sehr empfehlen. Es sind nur wenige Vorstellungen geplant. Nicht verpassen! Der Spielplan und die Daten für das nächste Festival „Barock Zürich“, erscheint am 9. April und ist auf der Website zu finden.
- Rezension von Marco Stücklin / Red. DAS OPERNMAGAZIN-CH
- Opernhaus Zürich
- Titelfoto: Opernhaus Zürich/ „Scylla et Glaucus“/ Foto: Monika Rittershaus
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