Frischer Wind in altehrwürdiger Concertgebouw-Tradition: Die Matthäus-Passion bei den Osterfestspielen Baden-Baden

Osterfestspiele Baden-Baden 2026/MATTHÄUS-PASSION/Foto: Michael Gregonowits

Die Osterfestspiele Baden-Baden haben sich für das diesjährige Festival neu aufgestellt. Denn im Jahr 2026 kehren die Berliner Philharmoniker mit ihrem Chefdirigenten Kirill Petrenko nach 13 glanzvollen Jahren in Baden-Baden an ihre ursprüngliche Wirkungsstätte an der Salzach, nach Salzburg, zurück. In Baden-Baden füllen dafür gleich zwei aufregende Klangkörper den Spielplan der Osterfestspiele: Das Royal Concertgebouw Orchestra aus Amsterdam für mehrere Konzertaufführungen und das Mahler Chamber Orchestra für die Neuinszenierungspremiere von Richard Wagners Lohengrin. (Rezension der Aufführung v. 30. März 2026)

 

Es gibt einige besonders komplexe, intime und sakrale Werke der Konzertliteratur, die selbst von den elaboriertesten Dirigenten erst in einem fortgeschrittenen Lebensabschnitt aufgeführt werden. So ist der britische Dirigent Sir Simon Rattle zwar mit der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach aufgewachsen, er wagte sich dennoch erst im Alter von 55 Jahren daran, dieses Passionsoratorium im Konzertsaal erklingen zu lassen. Ganz ähnlich verhält es sich mit der 8. Sinfonie c-Moll (WAB 108) von Anton Bruckner. Der italienische Dirigent Riccardo Muti führte diese erst im hohen Alter von 83 Jahren auf. Denn für solche Werke, so Muti, bedürfe es einer umfangreichen Lebenserfahrung sowie eines langjährigen, intensiven Studiums der Partitur, bevor man sich ihnen anvertrauen sollte.

Osterfestspiele Baden-Baden 2026/MATTHÄUS-PASSION/Foto: Michael Gregonowits

Klaus Mäkelä hingegen scheint solche Berührungsängste nicht zu kennen. Der Finne ist gerade einmal 30 Jahre alt und schon designierter Chefdirigent des Royal Concertgebouw Orchestra. Er wird seinen Posten allerdings erst mit der Saison 2027/28 antreten. Bei den Osterfestspielen Baden-Baden leitet er jedoch schon jetzt, mit einer Art jugendlichem Tatendrang, innerhalb von lediglich vier Tagen das Royal Concertgebouw Orchestra in gleich beiden Werken, die jeden Dirigenten in besonderer Weise herausfordern: Bruckners Achte und Bachs Matthäus-Passion.

Dabei hat gerade Letztere für das niederländische Orchester einen singulären Stellenwert. Denn das Royal Concertgebouw Orchestra ist durch eine ganz besondere Bach-Tradition geprägt, die in kaum einem weiteren Spitzenorchester der Welt so vorhanden ist, ausgenommen vielleicht bei dem Gewandhausorchester Leipzig oder mancher historisch-informierter Spezialensembles. Alljährlich am Palmsonntag, dem Beginn der Karwoche, führt das Orchester im heimischen Concertgebouw Amsterdam die Matthäus-Passion alternierend mit der Johannes-Passion auf. Es ist eine tief verwurzelte Tradition, die bis auf das Jahr 1899 und Willem Mengelberg zurückreicht und seitdem nicht mehr wegzudenken ist. Die öffentliche Erwartungshaltung an Klaus Mäkelä war hoch, dass er sich als designierter Chefdirigent auch sogleich der Matthäus-Passion stellen würde. Denn diese gilt als musikalisch herausragendstes Ereignis jeder Spielzeit im Concertgebouw.

Klaus Mäkelä wird aufgrund seiner steilen Karriere in jungen Jahren, seines extrem umfangreichen Konzertrepertoires und seiner schier unbegrenzten Engagements bei nahezu allen Spitzenorchestern weltweit bisweilen etwas abfällig von der Kritikerwelt belächelt. In der Welt von Johann Sebastian Bach hingegen – und sicherlich mag dies auch darin begründet sein, dass Mäkelä nicht nur als Dirigent wirkt, sondern sich auch als Cellist in der Kammermusik den Werken Bachs widmet – wusste Mäkelä zahlreiche berührende Momente zu schaffen. Sicherlich wird manches über die Jahrzehnte bei ihm noch reifen können, aber für einen 30-jährigen zeichnete sich sein in Baden-Baden präsentiertes Bachverständnis schon durch ein erstaunliches Fundament aus.

Mäkelä Lesart der Matthäus-Passion überzeugte durch seinen sehr intuitiven, alles – insbesondere die Rezitative und die instrumentalen Soli der Arien – individuell gestaltenden Zugang aus. Dieser ließ das Werk in mehrfacher Hinsicht groß und folglich bedeutsam erscheinen: Der stark besetzte Streicherapparat, die beiden groß besetzten sowie klar und kraftvoll intonierenden Chöre des Netherlands Kamerkoor, der zusätzliche, himmlisch-sinnliche, vielstimmige Kinderchor Cantus Juvenum Karlsruhe sowie der Einsatz moderner Instrumente erzeugten ein intensives, weit umgreifendes Klangspektrum, das fernab heutiger, durch Spezialisten wie Philippe Herreweghe oder Raphaël Pichon geprägter Bach-Hörgewohnheiten lag. Obgleich jung und voller Tatendrang, stand Mäkeläs Matthäus-Passion so, auch aufgrund seiner eher ruhigen, mit den Solist*innen und Sänger*innen atmenden Tempi, doch stärker in der romantischen Tradition, als dass er das Werk gegen den Strich gebürstet hätte. Und gerade dieses „Sich-Zeit-Nehmen“ für Bach auf einer statischen Konzertbühne, der Verzicht auf jegliche Gestik oder Bewegungen im Ensemble, bestach durch seinen kontemplativen Charakter.

Osterfestspiele Baden-Baden 2026/MATTHÄUS-PASSION/Foto: Michael Gregonowits

Im Zentrum dieser Passion stand Maximilian Schmitt als sehr empathischer, stellenweise auch etwas dramatischer Evangelist, der das Publikum mit klarer Diktion durch die biblische Handlung leitete. Matthew Brook lud als Christus mit seiner dunklen, leicht autoritären und stellenweise in Verzweiflung zerbrechenden Bassstimme zum Mitleiden ein. Die weiteren kleinen Partien waren adäquat aus dem Chor besetzt.

Die Arien wurden auf vier Solisten verteilt: Der Countertenor Tim Mead berührte mit seiner sehr charismatischen Stimme in den Alt-Partien. Julia Lezhneva glänzte mit ihrer klaren, feinfühligen und geschmeidigen Sopranstimme. Laurence Kilsby ließ seine Tenorstimme strahlen und leuchten und Krešimir Stražanac wusste besonders durch die Klangfarben seines Basses zu begeistern.

Klaus Mäkelä und das Royal Concertgebouw Orchestra werden im Jahr 2027 zu den Osterfestspielen nach Baden-Baden zurückkehren. Dann werden sie mit der Missa solemnis in D-Dur, op. 123 von Ludwig van Beethoven ein weiteres Schwergewicht der sakralen Musik aufführen.

 

  • Rezension von Phillip Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Osterfestspiele Baden – Baden
  • Titelfoto: Osterfestspiele Baden-Baden 2026/MATTHÄUS-PASSION/Foto: Michael Gregonowits
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3 Gedanken zu „Frischer Wind in altehrwürdiger Concertgebouw-Tradition: Die Matthäus-Passion bei den Osterfestspielen Baden-Baden&8220;

  1. Der Rezension bzgl. Matthäus Passion in Baden Baden ist bis auf eine Ausnahme nichts hinzuzufügen. Der Sänger der Alt (!!!) Arien zerstörte mit seiner jaulenden, in der Höhe unsicheren und kalt-artifiziellen Stimme die wunderbare Musik Bachs. Wo bleibt der Aufschrei der wunderbaren Altistinnen bzw. Mezzosopranistinnen, die diese frauenfeindliche Aneignung durch „Männer“, die in ihrer natürlichen Stimmlage wahrscheinlich nur unter dem Durchschnitt singen würden.
    Wann wird diese merkwürdige Mode wohl wieder beendet?

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