Berliner Festtage/Liederabend Matthias Goerne „Die schöne Müllerin“

Martin Helmchen, Matthias Goerne I Festtage 2026 -Staatsoper Unter den Linden/Foto: Peter Adamik

Liederabende haben einen schweren Stand im Konzertleben. Umso mehr gilt es anzuerkennen, dass die Berliner Staatsoper an ihren österlichen Festtagen trotz heftiger Sparvorgaben und zahlreichen leeren Stühlen einen ermöglicht.  (Rezension des Liederabends v. 02. April 2026)

 

 

Wenn ich ehrlich bin, war ich vor allem wegen Markus Hinterhäuser gekommen, der an diesem Abend ursprünglich als Matthias Goernes Partner am Flügel vorgesehen war. Ich hätte ihn gerne einmal als Pianisten live gehört. Aber der hatte kurzfristig abgesagt. Das stand gewiss zu befürchten angesichts des Riesenärgers in Salzburg, wo man ihm als Festspielintendanten brüsk den Stuhl vor die Tür gestellt hat. Auch wenn ich hoffte, er würde alles erhaben hinter sich lassen und über das gemeinsame Musizieren Kraft tanken. Aber ich verstehe es allzu gut, dass Hinterhäuser nach all den Schlagzeilen nicht der Sinn danach stand, vermutlich hatte er den Kopf nicht frei.

Jedenfalls sprang an den Tasten Martin Helmchen für ihn ein, der, seinerseits gesundheitlich angeschlagen, an Gehstützen aufs Podium humpelte, aber mich – um das schon vorwegzunehmen- mehr noch überzeugte als der Sänger, der zwei Tage zuvor 59 Jahre alt geworden war.

Zwar gestaltet er die lyrischeren Lieder von Franz Schuberts Zyklus „Die schöne Müllerin“ mit großer Intimität, wobei er seine schönsten Töne unter Einsatz der Kopfstimme im hohen Register aufbietet. Da strömt sein Bariton frei.

In dem in den Liedern häufig geforderten tieferen Register aber hat seine Stimme einen weniger guten Sitz weit hinten in seiner Kehle, da singt Goerne unverständlich in seinen Bart hinein. Dass er bei alledem nicht frontal zum Publikum singt, sondern vielfach den Kopf nach unten senkt oder zur Seite wendet, wirkt sich zusätzlich ungünstig auf seine Tongebung und Textverständlichkeit aus. Bisweilen versteht man kein Wort in den Liedern „Halt!“, „Danksagung an den Bach,“ „Ungeduld“ oder „Mein!“.

Allerdings kommt es mir auch so vor, als wäre generell ein Tenor prädestinierter für diesen Zyklus, dessen Stimme sich in helleren, höheren Sphären bewegen kann, die der Komposition besser entgegenkommen, und noch idealer mit der Dichtung harmoniert, die die Wanderschaft eines jungen Burschen und seine unerfüllte Liebe zu der titelgebenden Müllerin beschreibt. Das aber ist freilich Ansichtssache, und Aufnahmen mit dem Jahrhundertsänger Dietrich Fischer-Dieskau, der diesen Zyklus gleich mehrfach aufnahm, zählt zu den Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

Aber auch seitens Textexegese sowie farblichen und dynamischen Abstufungen blieb an diesem Liederabend Luft nach oben. Streckenweise tönten Goernes Interpretationen doch sowohl farblich wie dynamisch recht gleichförmig.Das erste Lied „Das Wandern“, in der sich noch die Freude des Aufbruchs vermittelt, kam noch dazu etwas unruhig daher, auch in der Weise, wie der Sänger neben dem Flügel beim Singen hin-  und herlief. Von berührender Zärtlichkeit wiederum gelingen ihm Verse wie Will‘s ja nicht weitersagen/ Sag, Bächlein liebt sie mich in der Neugier („Der Neugierige“), in denen sich die empfindsame Seele offenbart. An solchen Stellen gelingt auch die Textverständlichkeit ungleich besser.

Martin Helmchen, Matthias Goerne I Festtage 2026 -Staatsoper Unter den Linden/Foto: Peter Adamik

Auch das leidenschaftliche Dein ist mein Herz in der „Ungeduld“ singt der Bariton mit spürbarer Innigkeit und Intensität. Die angesprochene „Liebespein“ in der „Pause“ allerdings blieb für mich mehr Behauptung, da hätte sich der Schmerz noch stärker in der Stimme vermitteln dürfen.

Als störend empfand ich, dass Goerne in dem mehrfach wiederholten Vers „Mein Schatz hat‘s Grün so gern“ in dem Lied „Die liebe Farbe“ mehrfach unorganisch vor den Worten „hat’s“ oder „so gern“ atmet, wo doch die ganze Phrase idealerweise auf einem weiten Atem auf einer Linie gesungen werden sollte, wie er es im letzten Durchlauf dieses Strophenlieds anbietet. Gewiss, dafür braucht es, so wie die Melodie vielfach nach oben geht, einen langen Atem. Aber darin zeigt sich eben dann doch, wer die hohe Kunst des Liedgesangs beherrscht und wer sich eher im Mittelfeld bewegt. Immerhin halte ich Goerne zugute, dass er sich dem Singen von Linien im legato verpflichtet, vieles gerät da auch recht schön.

Vor allem aber Einspringer Helmchen hat die unterschiedlichen Stimmungen in seinem Klavierpart überzeugend aufgegriffen und sensibel auf den Sänger reagiert, was angesichts vermutlich sehr weniger gemeinschaftlicher Proben keineswegs selbstverständlich erscheint.

Wunderschön seine facettenreiche Anschlagskultur, die sich stets in den Dienst der Dichtung stellt, und seine leisen, so sanften schönen Klänge, mit denen er die von Goerne aufgebotene kammermusikalische Intimität der lyrischen Lieder unterstreicht. Herzlicher Beifall.

 

  • Rezension von Kirsten Liese für DAS OPERNMAGAZIN 
  • Titelfoto: Martin Helmchen, Matthias Goerne I Festtage 2026 -Staatsoper Unter den Linden/Foto: Peter Adamik
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