
Goldgräber-Laune herrscht im Aalto Theater Essen! Eine zeitübergreifende Erzählweise knüpft zwischen der Männergesellschaft des romantisierten Wilden Westens und dem jetzigen politischen Geschehen der USA eine rührende Verbindung. Der Herrenchor des Aalto Theaters, zusammen mit einem ausgeprägten Ensemble, schafft nachvollziehbare und wiedererkennbare Atmosphären und sorgt dabei für amüsantes Bühnengeschehen. Die zentrale Liebesgeschichte und deren stets relevantes Interpretationspotenzial werden durch fragwürdige Charakterentscheidungen und undurchblickliche Personenregie zur Seite geschoben, was dem ganzen Abend sein Gewicht raubt und das sonst solide, Ärawandelnde, Konzept etwas hohl dastehen lässt. (Rezension der Premiere vom 28. März 2026)
1910 feierte „La Fanciulla del West“ in New York Premiere. Das Setting des kalifornischen Goldrausches sollte Giacomo Puccini helfen, eine neue, aufregende Geschichte zu zeigen, in einer Zeit, in der die ersten Stummfilme und damit auch die ersten Westernfilme auf der Leinwand zu sehen waren. Die Oper basiert auf dem amerikanischen Theaterstück von David Belasco, „The Girl of the Golden West“. Wie erwähnt, spielt sie traditionell in einem Goldgräberlager des kalifornischen Goldrausches (1848–1855).
Minnie (Ilaria Alida Quilico, Sopran) ist Saloon-Besitzerin und im Lager für alle „weiblichen“ Aufgaben verantwortlich (unterrichten, Bibel lesen, kochen, trösten, Beistand leisten, medizinische Pflege etc.). Die Männer haben sich alle in sie verliebt, unter anderem auch der Sheriff (Massimo Cavalletti, Bariton). Dieser macht Minnie einen Antrag, welchen sie zurückweist, denn sie wartet auf „den Richtigen“. In den Saloon hineinspaziert Dick Johnson (Jorge Puerta, Tenor); es wird schnell klar, dass er und Minnie sich kennen und dass eine Anziehung besteht – sie tanzen zusammen. Die Männer des Lagers gehen auf die Suche nach dem Straßenräuber Ramerez, und Minnie bleibt zurück und bewacht das Gold. Dieses zeigt sie Johnson, und die beiden gestehen sich ihre Liebe. Johnson verspricht, ihre Hütte auf dem Berg an diesem Abend zu besuchen.

Im zweiten Akt ist er bei ihr, und als es zu schneien anfängt und sie sich geküsst haben, bittet sie ihn, nicht zu gehen. Er bleibt. Sheriff Rance kommt herein und sagt Minnie, dass ihr „Johnson“ eigentlich der Straßenräuber Ramerez ist. Als er wieder gegangen ist, wendet sie sich wütend an ihren Geliebten und schmeißt ihn hinaus. Jedoch ertönt ein Schuss, und ein blutender Johnson kommt hereingetorkelt; sie versteckt ihn auf ihrem Dachboden. Rance kommt wieder zu ihr und fragt sie aus und will eigentlich schon wieder gehen, als Blut von oben herabtropft. Johnson ist entdeckt. Verzweifelt macht Minnie ein Angebot: Eine Partie Poker wird alles entscheiden. Wenn sie gewinnt, muss Rance Johnson gehen lassen. Wenn Rance gewinnt, muss sie ihn heiraten. Sie schummelt und gewinnt.
Der dritte Akt geht zügig voran. Die Männer des Lagers haben Johnson doch wieder gefunden und wollen ihn nun umbringen; nur durch das Auftauchen von Minnie wird er gerettet. Sie fleht die Männer an, sich daran zu erinnern, was sie schon alles im Lager getan hat. Die Männer schließen sich ihr an und lassen sie und Johnson gehen, um ein neues Leben zu beginnen.
Von Akt zu Akt verändert sich das Bühnenbild (Ralf Käselau). Konstant bleiben nur die alten Eisenbahngleise am vorderen Rand der Bühne, eine alte Telefonzelle (links) und der Eingang zu einer Bergmine (rechts) sowie die antike Glühbirnenkette, welche die ganze Bühne umrandet. Mitten auf der Bühne befindet sich ein Gestell aus Stahl und Draht, welches im ersten Akt mit Holz und Set-Elementen (Tischen, Bar, Stühlen etc.) und einer exzellenten Beleuchtung zu einer alten Westernbar verwandelt wird. Auf der Rückseite des Ganzen ist ein Berg zu sehen, der den Szenenwechsel vom Lager zum Mineneingang ermöglicht. Der zweite Akt macht keinen Gebrauch vom Gestell und nutzt stattdessen ein Plateau ohne Wände, um eine Hütte darzustellen. Im dritten Akt fallen alle wärmenden Elemente weg, und es bleibt ein kühles Depot. Immer mal wieder werden Stummfilm-Effekte auf die ganze Bühne projiziert – ein visueller Rückruf zur Kompositionszeit, welcher im ersten Akt durch gleich stilisierte Titelkarten noch tiefer verankert wird.
Der erste und der dritte Akt zeigen zwei sich ineinander fügende Welten – die Gesellschaft der Goldgräber und die kontemporären Banden von ICE-Agenten und rechtspopulistischen „Volksmilizen“ der USA. Der Herrenchor und ein ausgeprägtes Herren-Ensemble aus Solisten und Opernstudio-Mitgliedern kreieren zunächst eine amüsante Kameraderie im historischen Setting des Goldgräberlagers „Polka“. Auf der Bühne herrscht konstantes Geschehen und eine familiäre Atmosphäre. Die Kostüme von Julia Rösler lassen einen erstmals in diese Parallelwelt eintauchen. Bei Trauer und Heimweh stehen sich die Männer bei. Jedoch lauert stets eine konstante Unterströmung von Gewalt in der Peripherie: Einer wird beim Mogeln im Glücksspiel erwischt und kommt nur durch den Sheriff mit seinem Leben davon, darf aber nicht mehr spielen und wird auch aus der Kameraderie ausgeschlossen.
Der dritte Akt spiegelt den ersten, doch das verschlankte Bühnenbild und die kühlere Beleuchtung erinnern nicht mehr an eine nostalgische Westernbar, sondern an ICE-Depots aus den Nachrichten. Die Kostüme von Chor und Ensemble haben sich ebenfalls verändert. Weg sind die langen Westernmäntel und Cowboyhüte in Braun und Beige; stattdessen tragen alle Tarnmuster, weiße T-Shirts, Cargohosen und Baseballcaps. Der Ram-Pick-up-Truck mit einem Sticker der ehemaligen amerikanischen Südstaaten bestätigt nur, was der Zuschauer bereits am Bühnenbild und an den Kostümen ablesen konnte: Dieser Lynchmob ist nicht nur in der Geschichte – weder der historischen noch der szenischen – verankert, sondern auch in der Gegenwart zu finden.
Der Zuschauer bleibt jedoch von dem Gewicht dieser Verwandlung entlastet, denn emotionales Investment verlangt das eigentlich zentrale Liebesdrama nicht. Johnson bewegt sich auf der Bühne eher wie ein Bösewicht und Minnie wie eine Kurtisane oder Komplizin, die sich an seinen Plänen erfreut. Diese kontra-librettische Personenregie lässt den Zuschauer komplett im Stich, und die Beziehung bleibt für den Großteil der Oper, trotz hochromantischer Musik, unverständlich. Ihre Motivationen einander und ihren sozialen Gruppen gegenüber bleiben sowohl untererforscht als auch undurchschaubar.
Das Geschehen bleibt im gesamten zweiten Akt, welcher der Beziehung gewidmet ist, unbeholfen und steif. Während sie in ihrer Hütte umherirren und sichtlich zwischen ihrer gespielten Lust und ihrem Libretto hin- und herwanken. Es bleibt jedoch unklar, ob die Unbeholfenheit der Inszenierung auf eine fehlerhafte Personenregie zurückzuführen ist oder ob Regisseur Dirk Schmeding einem unglücklichen Bühnenbild zum Opfer fiel. Das wandlose Plateau, welches den Innenraum der Hütte darstellen soll, ist deutlich zu klein für zwei Leute und ist mit ungünstig positionierten Möbeln vollgestellt. Dies wird zum offensichtlichen Verhängnis, als es dazu kommt, dass Johnson sich verstecken soll und dafür nichts anderes bleibt, als das Bett hochzukippen und sich dahinter zu stellen. Anstelle von mitreißendem Drama erscheint eine ungewollte Komik.

Die Dramatik des Bühnengeschehens geht in diesem suboptimalen Setting komplett verloren; weder Johnsons Entscheidung, bei Minnie zu bleiben, noch das Pokerspiel, dessen Ergebnis das Leben der Liebenden entscheiden soll, beinhalten irgendein Gewicht. Der Zuschauer bleibt unberührt. Die laut raschelnde Plane, welche mit den Worten „Lucky Strike!“ bedruckt ist und konstant beleuchtet wird, trägt wenig zum Gefühl von Spannung bei. Sie hat jedoch beim Publikum für einen lauten Lacher gesorgt, als Johnson tödlich angeschossen wurde. Die genannten Stummfilmeffekte erscheinen in diesem Akt gar nicht, was dazu beiträgt, dass dieser sich ästhetisch und dramaturgisch nicht in den Gesamtabend fügt.
Die Charakterisierung von Minnie ist für das Geschehen der Oper zentral. Es gibt zwei stereotypische Wild-West-Frauen. Einmal das gottgläubige, liebherzige Prairie-Mädchen (auf diesem Stereotyp basiert der im Libretto dargestellte Charakter von Minnie, ebenso wie viele der heutigen „Trad-Wife“-Ästhetiken). Der zweite Stereotyp ist das Saloon-Girl, die Femme fatale im Cowboyhut. Geschichtlichen Bezug gibt es für beide natürlich immer, aber dass das Leben von Frauen im Wilden Westen auf keines der beiden reduziert werden kann, muss man wohl kaum sagen. Das Libretto bezieht sich auf den ersten Stereotyp, die Inszenierung jedoch, verwirrenderweise, auf den zweiten.Diese Verschiebung mag aus dem Impuls heraus entstehen, eine sexuell selbstbestimmte Figur als zeitgemäßer oder „feministischer“ erscheinen zu lassen. Für die Figurenlogik erweist sich dieser Ansatz jedoch als problematisch. Minnies Motivationen bleiben unklar: Beruht die Zuneigung der Männer auf ihrer Fürsorglichkeit oder auf ihrer Sexualisierung? Ist sie unerfahren oder bewusst verführerisch? Liebt sie Johnson wirklich – oder reizt sie lediglich das Spiel mit dem gefährlichen Fremden?
Julia Röslers sonst exzellente Kostümwahl fällt bei Minnie und Johnson ab. Minnie erscheint zuerst mit blonder Perücke in knallrotem Glitzer-Top und Federrock (plus unergründlicher Mariachi-Entourage, die aber nicht auf Rösler zurückzuführen ist), dann in schwarzer Lockenperücke und 30er-Jahre-Abendkleid und Slip-Dress. Im dritten Akt sind ihre echten Haare zum Zopf gebunden und sie trägt enge Jeans mit Holzfällerhemd. Johnson bleibt die ganze Oper über in einem All-Black-Ensemble aus lederner Rock-Star-Hose und zunächst einem langen Mantel mit Kordeldetails, welcher im zweiten Akt gegen eine Weste mit Kordeldetails getauscht wird.
Was insgesamt gemeint ist, ist klar. Die Geschichte von einer in sich geschlossenen Gemeinde, welche sich mit Gewalt auf ein unschuldiges Opfer stürzt, ist überall und immer noch zu finden. Dies wird durch eine visuelle Verbindung mit dem Film noch deutlicher dargestellt. Die Stummfilmeffekte und Titelkärtchen sind ein klarer Bezug zum Kino. Die Kärtchen werden von Sängern im Bärenkostüm hochgehalten, ein visueller Rückruf auf die im Wilden Westen beliebten tanzenden Bären, die von Lager zu Lager als Unterhaltung geschleppt wurden. Zeitgenössische Kinositze werden auf den Gleisen rein- und rausgefahren, zuerst setzt sich der Sheriff darauf und schaut entspannt dem gewalttätigen Bühnengeschehen zu. Das Liebespaar fährt zuletzt ebenfalls darauf sitzend ab. Nun davon befreit, andere stets zu amüsieren und zu bespaßen, können sie selbst einmal zuschauen. Das zurückbleibende Ensemble schaut ihnen sehnsüchtig nach; sie wollen auch nicht mehr beschaut werden. Wer schaut zu? Wo finden wir unsere Bespaßung? Wem schadet diese?

Ilaria Alida Quilico als Minnie wird zum Mittelpunkt der Aufführung und liefert eine fantastische Performance. Trotz unpassender Regieanweisungen lässt sie ihren Charakter sympathisch erscheinen und spielt und singt von ganzem Herzen. Die italienische Sopranistin ist diese Spielzeit auch in Kassel in deren „Aida“-Produktion zu sehen. Ihr Timbre ist letztlich samtig, kämpft aber an manchen Stellen gegen die Essener Innenakustik an. Jorge Puertas als stimmlich sehr präsenter Dick Johnson hat ein angenehmes Timbre, das im ganzen Opernhaus zu hören ist. Schauspielerisch leidet er genauso wie Quilico unter der unpassenden Charakterinterpretation der Regie, spielt aber sichtlich gerne. Puertas erste Spielzeit im Essener Ensemble scheint gut zu laufen!
Ido Beit Halachmi, Almas Svilpa und Tobias Greenhalgh liefern allesamt großartige Schauspiel- und Gesangsleistungen und lassen das ganze Lager von echten Menschen besiedelt erscheinen. Sono Yu und Zicong Han vom Opernstudio NRW stechen glänzend hervor und liefern eine hervorragende Leistung ab. Der gesamte Herrenchor bietet absolute Höchstleistungen sowohl musikalisch als auch schauspielerisch. GMD Andrea Sanguineti leitet das Orchester durch Puccinis dramatische Emotionswellen und lässt die Musik den Zuhörer mitreißen.
Ein spannender und politisch präsenter Abend; das Essener Publikum hat ihn auf jeden Fall sehr genossen.
- Rezension von Anna Rädle / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Aalto Musiktheater Essen / Stückeseite
- Titelfoto: Aalto Musiktheater Essen/ LA FANCIULLA DEL WEST/Foto: Alvise Predieri
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