
© Semperoper Dresden/Jochen Quast
In Dresden taucht passend zum musikalischen Karfreitagszauber der Frühling auf. Die Sonne scheint; vor den Eisdielen bilden sich sonntagsmittags Schlangen. Manch ein Neugieriger kauft sich ein Osterbrot und beißt vor der Bäckerei ungeniert in den tellergroßen Teigbatzen rein. Die Losung: Energie tanken! Für Richard Wagners zauberhafte letzte Opernpartitur unter Daniele Gatti, aber – wie sich herausstellen soll – auch für Floris Vissers ziemlich maximalistische Regie. Sie punktet, fordert heraus, verrennt sich, flirtet mit dem Heute, feiert das Fantastische, verheddert sich und hat doch alles verstanden. Dranbleiben lohnt sich. (Rezension der Premiere v. 22. März 2026)
Die Abtei St. Parsifal wird von Besuchern aller Art besucht: Pilger zu Fuß, Sterbenskranke, eine rauchende Prostituierte vor Dienstantritt. Alle suchen sie dort etwas. Wunder, Heilung, Rettung, oder halt mal eine ruhige Minute und eine schöne Aussicht, mein Gott. Unter den jüngsten Besuchern, einer Schulklasse, findet sich ein Junge, der von der Geschichte des heiligen Parsifal völlig fasziniert ist. Vielleicht hat er – wie sich im Laufe der Oper herausstellen soll – auch einst seine Eltern verloren und irrt mit großen Augen durch die Welt. Zum Ärger seines Lehrers möchte der Bursche am liebsten den anderen Besuchern sein Buch über den rettenden Ritter Parsifal zeigen, anstatt brav bei der Gruppe zu bleiben. Beim Versuch, den zappeligen Haufen weiter zu scheuchen, seilt sich der Junge endgültig ab. Seiner kindlichen Begeisterung zuliebe lassen sich die nächstbesten Umliegenden – besagte Prostituierte, ein paar verirrt herumlungernde Klima-Aktivisten und ein ehemaliger Soldat im Rollstuhl – von dem Jungen die Geschichte aus dem Buch erzählen.

Dabei werden – wie das nun einmal ist, wenn man aus dem Stegreif Geschichten erzählt – die real anwesenden Personen zur Inspiration für das Geschehen. Der Junge dirigiert sie zunächst durch das Bühnenbild – (Bühnenbild: Frank Philipp Schlößmann, Kostüme: Jon Morell), – schiebt die Erwachsenen energisch durchs Bild, bevor die Saga ihren Lauf nimmt und zunehmend von dem plötzlich auftauchenden Gurnemanz gesteuert wird. Zwei völlig verwirrte Umweltschützer werden demnach von einem begeisterten Elfjährigen zum Anziehen von Mönchskutten genötigt und spielen fortan die „Waldhüter“ der Gralsbruderschaft; der alte, mit Orden dekorierte Soldat wird zur Inspiration für Amfortas, die Prostituierte zu Kundry. Parsifal selbst, Identifikationsfigur des jungen Erzählers, taucht demnach logischerweise in einer Schuluniform auf. Das verlangt sehr schnelles Mitdenken und lässt ein wenig außer Acht, dass man im Parsifal dazu neigt, mal die Augen zu schließen. Denn: aufgrund ihres Doppeldaseins als Figuren des eigentlichen Plots sowie ihrer Konzeption als zufällige Abteibesucher tragen alle gleichzeitig eine weitere, persönliche Ebene in sich, die an den Plot angelehnt eine Parallele zu modernen Problemen und heutiger Suche nach Erlösung in unterschiedlichen Facetten darstellt: Die „Waldhüter“ fürchten eine unbewohnbare Welt. Kundry kämpft mit Heroinsucht und sehnt sich, passend zu ihrem gesungenen Text, nach einem ewigen Schlaf, der in der Realität eines Rausches aber nie erholsam ist. Amfortas, der einst für das Heilige kämpfte und für Ideale und Ideologie Krieg betrieb, hat in diesem Krieg schon Gräuel erlebt und verübt, die ihn nicht loslassen. Ihre Traumata und Ängste erscheinen während der Verwandlungsmusik zum ersten Mal als Projektionen auf den Wänden der Abtei und werden in kommenden Akten als einschlägige Anspielungen häufiger wiederholt.
So jongliert Floris Vissers Inszenierung mit den Abstraktionsebenen, die sich im Bühnengeschehen mischen und dem Zuschauer gehörig Köpfchen abverlangen. „Fiebertraum…“, murmelt jemand im roten Abendlicht vor der Oper. Tatsächlich? Fieber nein, Traum ja. Die Inszenierung belässt viele fantastische Elemente wie den heilenden Gral und die religiösen Reliquien, ja, feiert sie sogar und schmückt sie mit weiß beflügelten Engeln und Luzifer als Klingsors Haustier aus. Nach einem wirklich starken ersten Akt schwächelt das Konzept etwas im zweiten; zu viele illustrierende Szenen im Hintergrund nach der gelungenen Blumenmädchen-Szene betrüben ein wenig das faktisch interessante Geschehen im Vordergrund. An dieser Stelle täte mehr Vertrauen in die Besetzung gut, die auch ganz allein fähig ist, durch gute Darstellung im Vordergrund die Geschichte zu erzählen. Auch bleiben manche Dinge doch etwas zu sehr im Unklaren, beispielsweise woraus das Gralsritual nun wirklich besteht sowie wie Klingsors Zauber von Parsifal gebrochen wird. Da geschehen durchaus unnötige Verkomplizierungen, die die Regie gar nicht nötig hat, schafft sie es doch dank der Einbettung der Story in der kindlichen Fantasie, sämtliche mythisch-mystische Elemente des Librettos ohne Umschweife auf die Bühne zu bringen.
Im dritten Akt kehrt im Hintergrund endlich wieder mehr Ruhe ein, gar Tristesse. Es regnet. Das Essen ist knapp geworden. Kundry ist (mal wieder) fast ihrer Drogensucht erlegen. Titurel hat das Zeitliche gesegnet. Zum großen Finale tauchen wieder die Teilnehmenden des Gottesdienstes aus dem ersten Akt auf, während dem in der Abtei der Gral enthüllt wird. Nur hat sich leider niemand mehr um ihre Sorgen gekümmert, während der eigentlich angedachte Heilsbringer Amfortas selbst zum Sündenfall auf der Suche nach Erlösung wurde. Und zack, sammeln sich wahre Horden von Demonstranten sämtlicher politischer Bewegungen vor Titurels Sarg. Das ist teils freilich völlig überladen mit Anspielungen auf heutige Zustände. Was der Regisseur dabei immerhin versteht: im Herzen vieler heutigen politischen (Protest-)Bewegungen sind letzten Endes Menschen, die unter einer Angst, einer Ungerechtigkeit, ja, etwas Existenziellem zerquetscht werden. Die Darstellung dessen ist aufgrund der großen Fülle an Ideen, die der Zuschauer schnell begreifen können muss, nur leider mit Klischees gespickt und überdeutlich in den dargebotenen Bildern; dann haben Klima-Aktivisten eben Dreadlocks und sehen wie „Umwelt-Linke“ aus dem Buche aus. Da wird teils zu plakativ erzählt; die Videoprojektionen haben sich bis dahin ebenfalls erschöpft.

© Semperoper Dresden/Jochen Quast
Durchweg rührend allerdings: Der Kleine will „seinen“ Helden gewinnen sehen, versucht, ihm die richtigen Antworten aus seinem Buch zu zeigen, ihn von den Blumenmädchen wegzureißen – doch zunehmend verselbstständigt sich das Geschehen; Gurnemanz und später auch Kundry steuern das Geschehen mit. Geduld, mein Junge, macht Gurnemanz dem Jungen klar, dein Held muss aus sich heraus zum Helden werden. Das alles spielt Kinderstatist Leander Wilde als träumender Erzähler der Parsifal-Geschichte – über vier Stunden lang fast durchgehend auf der Bühne – mit einem ganz natürlichem Detailreichtum und nicht einem einzigen Moment der Unsicherheit, was ihn völlig verdient bei den Vorhängen ganz zuletzt gemeinsam mit dem gesungenen Parsifal erscheinen lässt. Tenor Eric Cutler als ebendieser wirkt als Teil einer Besetzung, die insgesamt auf klassisch-durchschlagende „Heldenstimmen“ verzichtet, leiht der Rolle ein jugendliches, lyrisches Stimmfundament und hinreichend kraftvolle Höhen bei Bedarf. Das passt zum „reinen Toren“, der nicht als Held beginnt. Einzig das deutsche ‚ch‘ macht in der Aussprache leider Schwierigkeiten und wird regelmäßig zum ‚sch‘. Georg Zeppenfeld als Gurnemanz besticht mit erstklassiger Diktion, ordentlich eingeflochtener Spannung in seinen vielen Dialogmomenten. Einmal mehr ist hier zu bewundern, wie unglaublich gleichmäßig und fluide diese Bassstimme in allen Registern, auch in den Spitzentönen, klingt. Michèle Losier singt ihre erste Kundry mit schlankem Mezzo, einem wirkungsvollen bis hin zu loderndem Crescendo auf diesem legendären „Und – lachte!“, doch wünscht man sich manchmal mehr von einem gewissen Etwas, sei es Glanz oder Schwärze, in der Stimme. Darstellerisch skizziert sie gekonnt eine Frau eingeklemmt im Kampf, voller Selbstverachtung, doch nicht ohne ihre Würde. Scott Hendricks steuert einen passenden Klang für den Bösewicht Klingsor bei, besticht mit versierter Phrasierung. „Furchtbare Not […] so lacht nun der Teufel mein“ kommt sogar mit Gravitas und großem emotionalem Ernst. Oleksandr Pushniak bleibt klangschön, könnte sich des Öfteren mehr trauen, in unterschiedliche Richtungen auszubrechen in den Monologen des Amfortas. Albert Dohmen als Titurel punktet mit einer geschickten stimmlichen Wandlung: absichtlich ältlicher Klang in seinen ersten Sätzen und erfrischte, volle Töne nach der Gralsenthüllung
Daniele Gattis Dirigat am Pult der Sächsischen Staatskapelle ist gut auf diese Besetzung abgestimmt, nimmt sich zurück, ohne blass zu werden, kostet Pausen in den Dialogen zu Spannungszwecken besonders im ersten Akt aus. Die leisen Töne in diesem Akt dienen der Vorahnung: was lauert dort draußen, hinter den Landen der Gralsbrüder? Was ist dieses Dunkle? Das entfaltet insgesamt das Zauberhafte, passend zum Bühnengeschehen. Die zurückgenommene Art ist besonders im zweiten Akt dienlich, wo es zwischen den Blumenmädchen und dem Orchester zu einer gut austarierten akustischen Balance kommt, bei der die Vielzahl an Frauenstimmen endlich einmal nicht den orchestralen Part verschlingt. Die unheilvollen Schwingungen aus dem Graben zu Kundrys Kuss sind weniger Erotik und mehr Weissagung, auf welche Erkenntnis die Hauptfigur nun zusteuert. Insgesamt fällt an diesem Abend besonders das Zusammenspiel zwischen Orchester und Sängerschaft auf – mag es an der Akustik der Semperoper liegen, am Dirigat, der Besetzung oder schlicht an der Platzierung der Sänger zumeist in der hinteren Mitte der Bühne, die Stimmen schweben nicht immer obenauf wie das Petersilienblatt auf der Suppe, sind vielmehr ein Instrument mitten im Klang eines weitreichenden akustischen Geschehens. Das stößt beim Schlussapplaus auf große Zustimmung.

Die Regie tut dies weniger. Die Buh-Kräherei eines Premierenpublikums von leicht gehobenem Alter schmeckt etwas bitter nach. Mag die Inszenierung manchen zu blauäugig wirken oder teils zu überladen, Letzteres zu Recht, rührt eins an der Sache jedoch ungemein: die bemerkenswerte Abwesenheit jeglichen Zynismus gegenüber einer Erlösergeschichte. Über allem strahlt der Wille heraus, etwas Liebevolles erzählen zu wollen. Das beeindruckt auf seine ganz eigene Art, wird doch manchmal auch auf Schock-Effekte und möglichst viel Düsternis gesetzt, auf die unsägliche Idee, dass erwachsen und klug vor allem sei, in allem das Schlechte zu erkennen. „Du siehst, das ist nicht so“, lehrt Gurnemanz über die Erwartung von allem Schlechten, und es ist eine Fähigkeit, Skepsis und Zynismus gegenüber dem mystischen Plot und dem Happy End an der Garderobe abzugeben, auch einmal wie ein Kind zu träumen, dass es gut enden könnte, mit einer Umarmung. Auch dem Fantastischen der Geschichte sowie der religiösen Grundierung nicht aus dem Weg gehen zu wollen oder es wegrationalisieren zu wollen, weil Religion, der Glaube an das Unbeweisbare, nicht mehr in den Zeitgeist passt, ist äußerst erfrischend. Ein wanderndes Kind sucht Verbindung in der Welt, findet sie und gibt, dadurch weiser geworden, etwas an seine Mitmenschen zurück. Und das nicht nur im eigentlichen Opern-Plot; es ist der junge Erzähler, der Kundry gegen Ende umarmt, der sie begreifen lässt, dass auch sie ein geliebter und geschätzter Teil dieser Geschichte ist, und ein wenig ihrer Selbstverachtung heilt. Eine so passende wie schöne Herangehensweise an die Reise von Naivität zur Weisheit in der Oper Parsifal.
Am Ende schüttelt sich der Tenor aus seiner Rolle, strubbelt dem Kind freundschaftlich durch die Haare, schnappt sich sein Gepäck und geht. Sehr plötzlich, man blinzelt etwas verwirrt – aber natürlich, es ist auserzählt. Der hereingeirrte „Tor“ war einfach ein Pilger zu Fuß gewesen, der sich der Geschichte angeschlossen hatte, ganz natürlich mitgespielt hatte. Die Teilhabenden verabschieden sich leise und versöhnlich, um eine etwas kuriose gemeinsame Erfahrung reicher. Gefühl einer unbestimmten Leichtigkeit –
Bis der Lehrer der Schulklasse auftaucht. Nachdem er seinen Ausreißer zunächst wütend am Ohr zur Schulgruppe zurückgeschleift hatte (Ouvertüre) sowie mit einer Taschenlampe durch die Szenerie der dunklen Kapelle gejagt hatte (Vorspiel zum zweiten Akt), erschrickt der Junge, duckt sich vor dem großen Mann. Doch der breitet nur die Arme aus und drückt das wiedergefundene Kind an sich. Das Kind entspannt sich in diesen Armen. Die Erleichterung siegt. Ist das nicht die Ur-Sorge aller Kinder – dass man etwas falsch gemacht hat und die Erwachsenen wütend sein werden? Eine kleine Sorge gegenüber den gewaltigen Sorgen der Menschheit, die vorher auf der Bühne thematisiert wurden. Aber auch Kieselsteine im Schuh drücken. Auch diese Sorge wurde erhört.
- Rezension von Lynn Sophie Guldin / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Semperoper Dresden / Stückeseite
- Titelfoto: Semperoper/PARSIFAL/Eric Cutler (Parsifal), Kinderkomparse, Michèle Losier (Kundry)/Foto:© Semperoper Dresden/Jochen Quast
So eine schöne, anrührende und wirklich spannend zu lesende Rezension – vielen herzlichen Dank dafür!