Revolution und Kunst – Gesprächskonzert mit Sarah Wegener in der Kölner Philharmonie

Richard Wagner/Büste-Foto by Wikipedia/ Creative Commons-Lizenz -GNU FDL/Urheber: Schubbay

Sarah Wegener, gefeierte Sieglinde in Wagners „Walküre“, rekonstruierte in einem Gesprächskonzert, moderiert vom Musikwissenschaftler Anno Mungen, begleitet am Flügel von Götz Payer, wie Wilhelmine Schroeder-Devrient vermutlich Liedvorträge gestaltet hat. Dabei gibt es von der gefeierten Künstlerin, die 1804-1860 lebte und Richard Wagner zu seinem Kompositionsstil inspirierte, keine Tondokumente, nur zahllose Rezensionen ihrer gefeierten Auftritte und zwei Biografien. Richard Wagner komponierte, sie im Blick, Rollen wie Adriano in Rienzi, Senta im Fliegenden Holländer und Venus im Tannhäuser, die sie gesungen hat. (Rezension des Konzerts am 24. März 2026)

 

Wilhelmine Schroeder-Devrient ist sicher nicht die Autorin der „Aus den Memoiren einer Sängerin“, die zehn Jahre nach ihrem Tod erschienen und nur unter der Hand verkauft wurden, weil es sich um einen erotischen Briefroman handelte. Musikwissenschaftler und Moderator Anno Mungen stellte deutlich klar, dass man vermutlich ihre Identität gestohlen hat und von ihrem unfassbar großen Ruhm als Interpretin als Projektionsfläche profitieren wollte, um den Absatz dieses Buchs zu beflügeln.

Die Karriere als Opernsängerin war eins der wenigen Felder, in denen Frauen im 19. Jahrhundert eigenes Geld verdienen und Berühmtheit zu erlangen konnten. Anno Mungen, Leiter des Forschungsinstituts für Musiktheater an der Universität Bayreuth, schilderte die Biografie der Künstlerin vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Umbrüche ihrer Zeit. Ihre beiden ersten Kinder musste sie nach ihrer Scheidung an deren Vater abgeben, ihr zweiter Ehemann betrog sie um ihr nicht unbeträchtliches Vermögen, und ihr dritter Ehemann überlebte sie. Schroeder-Devrient war auf jeden Fall eine Revolutionärin: im Hinblick auf ihre Kunst, ihre Rolle als Frau und als Trägerin politischer Revolution im Rahmen der Dresdner Maiaufstände.

1804 in eine Theaterfamilie geboren und als Schauspielerin und Sängerin ausgebildet, debütierte sie zunächst im Sprechtheater als Luise in Kabale und Liebe und Ophelia in Hamlet, wechselte aber schnell auf die Opernbühne, wo sie als Pamina, Donna Anna, Agathe (Der Freischütz), Leonore (Fidelio), Norma, Desdemona (Otello von Rossini) und Romeo (I Capuleti e Montecchi) international große Erfolge feierte, unter anderem in Wien, Dresden, Hamburg, Paris und London.

Haupteingang der Kölner Philharmonie Foto: ©KölnMusik/Guido Erbring

Ihr Erfolgsgeheimnis waren eine starke, am Schauspiel orientierte Gestik und die absolute Betonung des Ausdrucks mit einer schauspielerischen Deklamation in der Tradition des klassischen Dramas. Im Sinne einer psychologisch glaubhaften Durchdringung der Figur und der Handlung scheute sie sich nicht, eine Arie durch Schreie, Seufzen, Weinen und gesprochene Worte zu kontrastieren. Schroeder-Devrients Gesangspraxis galt als Vorbild für Richard Wagner, der sehr bedauerte, dass sie so früh starb.

Die britisch-deutsche Sopranistin Sarah Wegener hat diese Interpretationsweise bereits als Sieglinde in Kent Naganos Aufführung der „Walküre“ am 24. März 2023 in der Kölner Philharmonie praktiziert. https://opernmagazin.de/kent-nagano-dirigiert-wagners-die-walkuere-in-der-koelner-philharmonie/

Sarah Wegener würde ich mit ihrem leuchtenden ausdrucksstarken lyrisch-dramatischen Sopran als eine Interpretin der Sonderklasse bezeichnen, die die musikalische Gestaltung dem Drama dienend unterzuordnen weiß. Mit ihrem vielseitigen Repertoire von Alter Musik über romantisches Liedgut wie die „Vier letzten Lieder“ von Richard Strauss bis hin zu Neuer Musik mit prominenten Orchestern und Dirigenten ist sie überwiegend im Konzertbetrieb bekannt. Für ihre Interpretation von Jörg Widmanns Drittes Labyrinth, das dieser für sie komponiert hatte, wurde für den Opus Klassik nominiert. Seit 2024 wirkt sie als Professorin für Gesang an der Musikhochschule Zürich.

Im Rahmen des Gesprächskonzerts, das sie mit dem rezitierten „Liebestod“ eröffnete, trug sie Kunstlieder vor, die Schroeder-Devrient nachweislich in ihren Liederabenden gestaltet hat, wie „Er, der herrlichste von allen“, „Du Ring an meinem Finger“ und „Nun hast du mir den ersten Schmerz getan“ aus Schumanns Zyklus Frauenliebe und Leben op. 42, „Im wunderschönen Monat Mai“ und „Ich grolle nicht“ aus der Dichterliebe und „Liebst Du um Schönheit“ sowie „Sie liebten sich beide“ von Clara Schumann. Auch das „Schwanenlied“ von Ludwig Hartmann interpretierte sie und „Das Weib des Räubers“ von Freiherrn von Zedlitz, eine hochdramatische Moritat, bei dem die Räuberbraut ahnt, dass ihr Liebster gerade von Häschern erschlagen wird.

Von Richard Wagner deklamierte sie für Sprechstimme und Klavier das Melodram des Gretchen: „Ach neige, du Schmerzensreiche, dein Antlitz gnädig meiner Not“.

Besonderes Highlight war Schuberts Version von Goethes „Erlkönig“, in der sie ihrer Stimme die Farben des Erzählers, des panischen, fiebernden Kindes, des besorgten Vaters und des verführerischen Erlkönigs verlieh. Sehr aufschlussreich waren die beiden Versionen von „Ich grolle nicht“ in „konventionell“ und „dramatisch“. Während sie sich in der konventionellen Version streng an Notation und Fluss der Melodie hielt, veränderte sie Rhythmus und Dynamik in der zweiten Version und wich auch in den Tonhöhen im Sinne des dramatischen Ausdrucks ab. Dazu muss man sagen, dass zu Schroeder-Devrients Zeit Interpretinnen erheblich größere Gestaltungsfreiheit hatten als heute. Koloraturen konnten ergänzt oder gestrichen werden und Phrasen verändert.

Eben diese „dramatische Version“ von „Ich grolle nicht“ kenne ich auch von Dietrich Fischer-Dieskau. Wie kein anderer hat auch dieser Sänger Kunstlieder immer vom Text her interpretiert. Auch Wegeners Interpretation des „Erlkönig“ im Sinne des dramatischen Ausdrucks entsprach der von Dietrich Fischer-Dieskau. Abgerundet wurde der Abend durch die Kompositionen „Entbietung“ von Alexander von Zemlinsky nach dem Gedicht von Richard Demel, in der Wegener sehr verführerisch erotische Faszination aufblitzen ließ und „Désir“ von Georges Aspergis aus Rezitationen für eine Frauenstimme, in der es in Lautmalerei um weibliches Verlangen und Begehren geht.

Abschluss des Konzerts bildete Isoldes „Liebestod“ aus Wagners Tristan und Isolde, den Wegener, wie Wagner es auch intendiert hat, in einer Mischung aus Deklamation und Gesang vortrug. Hier vermisste man allerdings schmerzhaft die Farben des Orchesters, die Götz Payer am Flügel nur begrenzt andeuten konnte.

Es entstand der Eindruck einer Künstlerinnenpersönlichkeit, die die Komponist:innen ihrer Zeit, vor allem Richard Wagner, maßgeblich beeinflusst hat, eine neue revolutionäre Art des Musiktheaters zu schaffen. Die Aufführung der „Götterdämmerung“ am 4. Juli 2026 in der Kölner Philharmonie ist durch diese Aufführungspraxis geprägt und wird auf Originalklanginstrumenten den stilgerechten Wagner-Gesang der Zeit begleiten. Mehr dazu: https://www.koelner-philharmonie.de/de/konzerte/richard-wagner-gotterdammerung/4731

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Kölner Philharmonie
  • Titelfoto: Blick in den Saal der Kölner Philharmonie / Foto © KölnMusik/Guido Erbring

 

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