Im Auge des Sturms: Tschaikowsky-Rarität „Die Zauberin“ in der Oper Frankfurt

Oper Frankfurt/DIE ZAUBERIN/Asmik Grigorian (Nastasja)/Foto @ Barbara Aumüller

Zum Ende des Jahres bringt die Oper Frankfurt eine echte Tschaikowksy-Seltenheit auf die Bühne: In „Die Zauberin“ glänzt Asmik Grigorian als freiheitsliebende Frau, die zum Spielball der Mächtigen wird und am Ende mit ihrem Leben bezahlen muss. (Besuchte Vorstellung und Premiere am 4. Dezember 2022)

 

 

 

Die Mutter vergiftet die Geliebte ihres Sohnes, der Vater tötet sie aus Rache und ihn aus Eifersucht und verfällt schließlich dem Wahn, so endet Tscharodejka – wörtlich übersetzt „Die Bezaubernde“ – von Piotr Tschaikowsky. Zum Ende seiner siebten Oper entfacht er eine wahre musikalische Walpurgisnacht. Befand der Komponist selbst, dass es sich bei „Die Zauberin“ um seine beste Oper handelt, war ihm bereits bald nach der Uraufführung klar, dass sie nie den Siegeszug über die Bühnen antreten würde. Zu sehr kritisierte sie die in Tschaikowskys Augen überkommende Moralvorstellungen von Kirche und Staat. Dass die Oper heute eher selten gespielt wird, liegt dabei wohl weniger an der Komposition selbst, sondern eher an dem während der ersten Hälfte teils langatmigen Libretto von Ippolit Schpaschinski. Über vier Akte erstreckt sich die Geschichte einer jungen Witwe, die die Männer reihenweise verzaubert. Dabei ist eigentlich keine Magie im Spiel: Nastasja, genannt Kuma, ist eine junge, starke Frau, die aufgrund ihrer Unabhängigkeit fasziniert. Als sie vom Schreiber des Fürsten der Hexerei bezichtigt wird, gerät sie in das intrigante und letztlich fatale Spiel einer dysfunktionalen Familie.

Oper Frankfurt/DIE ZAUBERIN/Asmik Grigorian (Nastasja) und Iain MacNeil (Der Fürst)/Foto @ Barbara Aumüller

Aus dem russischen Mittelalter verlegt Regisseur Vasily Barkhatov das Geschehen in das Russland der Gegenwart. Wieder besteht die unheilige Allianz zwischen Politik und Kirche. Der repressive Polizeistaat, angefacht von den überkommenen Moralvorstellungen der russisch-orthodoxen Obrigkeit, diktiert das öffentliche Leben. In dieser Welt der Gewalt schafft Nastasja als Künstlerin einen kleinen Ort der Freiheit. In der Rolle der titelgebenden Zauberin brilliert Asmik Grigorian mit großer Sicherheit. Strahlende Höhen wechseln sich ab mit sanfter Zurückhaltung und dramatischer Kraft. Mit großer Wärme gestaltet sie ihre Rolle höchstdifferenziert. Sie ist der Mittelpunkt des Geschehens. So kommen in ihrer Galerie all jene zusammen, die dem Staat ein Dorn im Auge sind: Multikulturell und inklusiv ist dieser Mikrokosmos. Ihm gegenüber steht der kalte Prunk des Hauses der Fürstenfamilie. Sie sind das Klischee einer neureichen, vom System profitierenden Familie: Der Vater ein hohes Tier im Sicherheitsapparat, die Mutter yogaliebende Schmuckträgerin, der Sohn Boxer mit Hang zum mittelalterlichen Kronenzobel. Schnell sind die Wechsel zwischen den beiden Bühnenbildern von Christian Schmidt, fast filmisch zeigt Barkhatov – mal zu Tschaikowskys Zwischenspielen, mal gänzlich ohne Musik – einzelne Szenen, die die Handlung vertiefen.

Oper Frankfurt/DIE ZAUBERIN/Iain MacNeil (Der Fürst) und Claudia Mahnke (Die Fürstin)/Foto @ Barbara Aumüller

Valentin Uryupin setzt währenddessen Tschaikowsky musikalisch in Szene: Nie klang der Komponist so modern. Schon von Haus aus ist „Die Zauberin“ kein großes überwältigend-offensichtliches Arienfest: Stattdessen glänzen die kleinen Momente. Viele unaufdringliche Ariosi und sanfte Zurückhaltung arbeiten die zwischenmenschlichen Momente heraus. Es gibt viel zu entdecken. Volkstümliche und kirchliche Melodien wechseln sich ab mit staatstragenden Klängen ehe im vierten Akt ein wahrer Hexensabbat beginnt. Dirigent Uryupin arbeitet diese Momente der Zärtlichkeit aber auch des Schreckens und der Brutalität vorzüglich heraus. An der Seite Grigorians glänzen vor allem Iain MacNeil mit lebhaft-weichem Bariton als Fürst und Claudia Mahnke differenziert-farbenreich als Fürstin. Hausdebütant Alexander Mikhailov als Prinz Juri ist gesanglich nicht immer ganz auf Augenhöhe mit seinen Kolleg:innen, zeigt aber eine solide Leistung mit warmklingender Stimme. Das Ensemble komplettiert neben einer Reihe von kleineren Rollen Frederic Jost als intriganter Schreiber Mamyrow, der in dieser Produktion zum anstachelnden Priester wird.

Gefangenschaft und Gefangenheit, Freiheit und Befreiung – die Frage nach ihnen steht nicht im Mittelpunkt von Barkhatovs Inszenierung, schwingt aber immer mit. Sie sind Teil des Sturms, vor dem Nastasja sich nicht fürchtet, aber dennoch in ihn gerät. Mit gutem Gefühl für Zeitpunkt und Länge setzt der Regisseur Rückblenden in ihr Leben, das einst konventionell als profitierender Teil des von ihr verhassten Systems begann, ein. Kurz sind Szenen von gewalttätigen russischen Polizisten zu sehen. Sie zeigen wie zeitlos Tschaikowskys im 19. Jahrhundert geschriebene im 15. Jahrhundert spielende Oper ist. Sind die ersten drei Akte fest in der Realität verankert, wird es zum Abschluss surreal. Die Räume weichen auf, zerfließen. Weil der Russe einer ist, der Birken liebt, werden Nastasjas Gemälde raumgreifender. So wird der Giftmord an diesem Abend zu einem vorahnenden Alptraum. In Wirklichkeit ersticht tatsächlich Juri, verleitet von seiner Mutter, seine Geliebte in ihrem Schlaf. Sein Vater erschießt beide, ehe der eigene Suizid misslingt. Es ist das dramatische Ende einer Oper, die ansonsten wenig auf große Effekte setzt. Das passt zum Thema der individuellen Freiheit, die die Freiheit des Anderen nicht einschränkt. Wiederhören erwünscht.

 

  • Rezension von Svenja Koch / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Frankfurt / Stückeseite
  • Titelfoto: Oper Frankfurt/DIE ZAUBERIN/Asmik Grigorian (Nastasja)/Foto @ Barbara Aumüller

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