Elektra: Franz Welser-Möst triumphiert mit einem Trio Infernal bei den Salzburger Festspielen 2021

Elektra 2021: Ausrine Stundyte (Elektra), Tanja Ariane Baumgartner (Klytämnestra)
© SF / Bernd Uhlig

Im letzten Sommer ging mit einem Knall, so laut, wie das brutal einschlagende „Agamemnon-Motiv“ der Oper, der Erfolg von Krzysztof Warlikowskis Neuproduktion „Elektra“ bei den Salzburger Festspielen um die Welt. Glücklich konnte sich schätzen, wer bei Aušrinė Stundytės Rollendebut als Elektra live dabei gewesen ist – alle anderen verfolgten die Premiere im Stream! Nun feierte die umjubelte Produktion vor ausverkauftem, voll besetztem Haus ihre Wiederaufnahme. (Besuchte Vorstellung: Wiederaufnahme am 18. August 2021)

 

Mit der „Elektra“ leitete Franz Welser-Möst nach dem „Rosenkavalier“, der „Salome“ sowie der „Liebe der Danae“ nun seine vierte Oper von Richard Strauss bei den Salzburger Festspielen.  Hierbei bewies er sich nun endgültig – Christian Thielemann möge diese Aussage verzeihen – als einer der versiertesten Strauss-Dirigenten unserer Tage. „Erinnerungen an die musikalischen Qualitäten eines Karl Böhm werden bei seinem Dirigat geweckt“, schwärmte ein älteres Ehepaar nach der Vorstellung. Bei stets kontrollierter, nie zum Selbstzweck verkommenden hohen Lautstärke peitschte Welser-Möst erbarmungslos durch die Partitur. Gerade für Kenner des Werks bewies sich sein Dirigat als ein Traum, denn er deutete die Partitur nicht neu, sondern gab sie originalgetreu mit jeder Betonung und Dynamikänderung wieder – ganz so wie Strauss es komponiert hat. Die Wiener Philharmoniker boten ihm ein gigantisches Klangspektrum, in dem er jede Dissonanz des Werks herausarbeitete und diese in einen breiten mit scharfen, präzisen Akzenten versehenden Streicherklang einbettete. Die durch eine lange Nachhallzeit geprägte Akustik der Felsenreitschule tat ihr Übriges dazu bei, dass diese „Elektra“ das Publikum musikalisch schockte, so wie es 1909 zur Uraufführung der Fall gewesen sein muss. Welser-Möst führte seine Solistinnen souverän und sicher und verband durch sein akkurates, bei den Opern von Richard Strauss maßgebliches, Sprachgefühl die Worte mit Gesang.

Krzysztof Warlikowski zeichnet mit stummen Figuren sowie fortwährender Präsenz sämtlicher Charaktere eine zusätzliche Metaebene der Handlung. Vieles deutet er dabei nur an, bleibt fortwährend unkonkret und beflügelt so die Phantasie seines Publikums. Der Regisseur fesselt sein Publikum mit Illusionen, die nicht auf einer aufgesetzten Handlungsebene bauen, sondern welche die Körpersprache seiner Protagonisten in Mimik und Gestik verstärken. Warlikowski spielt mit dem Licht und seinen Kontrasten, eruptive Farbwechsel und plötzlicher Dunkelheit. Er nutzt auch Wasserreflexionen auf den Bühnenwänden sowie düstere orakelhafte Schattenspiele im Hintergrund. Insgesamt ist es Warlikowskis ausgezeichnete Ästhetik, die Räume welche er auf der großen, weiten Bühne schafft, sowie die hervorstechenden Kostüme, die seine Produktion so sehenswert werden lassen.

Elektra 2021: Ausrine Stundyte (Elektra), Christopher Maltman (Orest)© SF / Bernd Uhlig

Weltweit können vielleicht eine Hand voll Sängerinnen der Mörderrolle der Elektra gerecht werden und die Partie szenisch überzeugend darstellen und dabei auch gesanglich durchalten. Welch ein Coup ist den Salzburger Festspielen mit der litauischen Sopranistin Aušrinė Stundytė gelungen, ihr gleich das Rollendebüt dieser Titelpartie anzuvertrauen. Es war zu spüren, wie hart und tatkräftig sie an der Elektra gearbeitet haben muss. Ihre besonders im mittleren und tiefen Register stark ausgebildete Stimme forderte für einige Spitzentöne geschickte Kniffe. Stundytė ist im positivsten Sinne ein Bühnentier, eine Dramatikerin, welche die gesamte Aufführung über szenisch präsent war und all die Gemütswallungen von Hingabe, Hass und Genugtuung eindrücklich in Mimik, Gestik und Gesang umsetzte. Mit der Elektra hat sie die Rolle ihres Lebens gefunden!

Mit Asmik Grigorian verkörperte eine der faszinierendsten Sängerinnen der Opernszene die Rolle der Chrysothemis. Grigorian singt in sämtlichen Sprachen, von lyrisch bis hochdramatisch auch gerne mal Partien von Tschaikowski oder Puccini. In dieser Inszenierung ist sie die kleine Schwester der Elektra und dieser stimmlich als auch in der szenischen Darstellung ebenbürtig, bei Warlikowski schlussendlich auch für den Mord am Stiefvater verantwortlich. Grigorians Stimme ist markant und eindringlich, sie polarisiert und lässt jede ihrer Rollen zur Sensation werden.  Zuletzt war sie die umjubelte „Salome“ der Salzburger Festspiele. Stundytė und Grigorian als Chrysothemis und Elektra beieinander im Schlussduett…the stage is on fire!

Tanja Ariane Baumgartner verfügt wie kaum eine andere Sängerin über die Fähigkeit, eine Rolle nicht nur stimmlich, sondern auch im Ausdruck und der deklamatorischen Wortgestaltung wie eine Schauspielerin zu artikulieren. Mit fest-sitzender Mezzo-Stimme blieb sie stets auf der Gesangslinie und schuf ein nuanciertes Rollenporträt einer wahnsinnigen Klytämnestra.

Gegenüber der Premierenserie im letzten Sommer war die einzige Änderung in der Besetzung Christopher Maltman in der Rolle des Orest. Er stand mit einer klangschönen, runden Stimme seinen drei exaltierten Familienmitgliedern als Ruhepol entgegen. Prägnant artikuliert und fast aphoristisch, zeichnete Michael Laurenz einen philiströsen Ägisth. Abgerundet wurde das Ensemble mit einem scharf pointierten und stimmgewaltigen Mägdequintett in der Eröffnungsszene.

Franz Welser-Möst
© Michael Pöhn

Franz Welser-Möst möchte sein Domizil am Attersee für die intensive Probenarbeit keiner Opernbühne der Welt über längere Zeit mehr verlassen. Deshalb werde er Opernaufführungen zukünftig nur noch Salzburg und Wien musikalisch leiten. Dieses Treueversprechen an die Salzburger Festspiele garantiert, dass mit Welser-Möst stets ein Dirigent am Pult der Wiener Philharmoniker steht, der sich nicht nur in den Dienst der Partituren Richard Strauss stellt, sondern der auch den Geist und den Gehalt der literarischen Schöpfung Hugo von Hofmannsthals durchdringt. Franz-Welser Möst lässt jede Strauss-Aufführung zum musikdramatischen Ereignis werden und erfüllt seit jeher die Forderungen des Festspielgründers Hofmannsthal nach Exklusivität: „Oper und Theater, von beiden das Höchste“.

 

 

  • Rezension von Phillip Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Salzburger Festspiele / Stückeseite
  • Titelfoto: Elektra 2021: Tanja Ariane Baumgartner (Klytämnestra), Ausrine Stundyte (Elektra) © SF / Bernd Uhlig

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.