„Der griechische Schubert“ – Von Göttern und Helden – Liederabend mit Aris Argiris und Peter Bortfeldt

Aris Argiris und Peter Bortfeld

Der griechische Heldenbariton Aris Argiris und sein Klavierpartner Peter Bortfeldt lassen mit selten gespielten Liedern von Franz Schubert aufhorchen. Sie gestalten Psychogramme griechischer Götter, Halbgötter und Helden in Grenzsituationen. Zwischen den Liedern erzählt Bortfeldt die Vorgeschichte, mitunter ergänzt von Argiris, der mit der griechischen Mythologie offensichtlich aufgewachsen ist.(Rezension des Liederabends v. 05.11.2021)

 

Wenn ein griechischer Heldenbariton von Franz Schuberts mehr als 600 Liedern 17 singt, dann nicht die „Winterreise“ oder „Die schöne Müllerin“. Er singt Lieder der Protagonisten aus der griechischen Mythologie, Helden, die sich wie Prometheus gegen die Götter auflehnen, wie Ganymed von Zeus in die Lüfte gehoben werden, wie Orest nach einem schrecklichen Gemetzel innerhalb der Familie entsühnt ihre tot geglaubte Schwester wieder finden, wie Atlas die ganze Welt der Schmerzen tragen müssen oder die wie Memnon, Neffe des Priamus, todgeweiht sind. Es ist, als ob diese Helden aus Aris Argiris selbst zu uns sprächen. Jedes Lied bildet einen ungeheuren Spannungsbogen.

Die ausgewählten Lieder formen thematisch einen Bogen unter dem Motto „Die Götter Griechenlands“ vom Aufbruch in die Schlacht bis zum Heldentod.

Höhepunkt des anspruchsvollen Programms ist die Ballade „Amphiaraos“ über den vor übermächtigen Feinden fliehenden Halbgott, der in einer Erdspalte versinkt. Man denkt, Aris Argiris sei gerade eben Zeuge gewesen und berichte live. Der Gedanke an große Oper drängt sich auf, aber es sind tatsächlich Kunstlieder, für einen Sänger mit Klavierbegleitung geschrieben.

Aris Argiris und Peter Bortfeldt (Klavier) (Foto einer Studioprobe)

Der Zugang ist der des empathischen Heldenbaritons, der den Göttern und Halbgöttern seine gewaltige ungeheuer farbenreiche Stimme leiht. Die Dynamik reicht vom zartesten Piano bei „Schöne Welt, wo bist du?“ bis zum erregten Fortissimo im Bericht über den dramatischen Tod des Amphiaraos, der auch dem Pianisten Peter Bortfeldt Höchstleistungen abverlangt mit trappelnden Hufen und einem tiefen Sturz in die Kluft, die sich auftut, um den Halbgott zu verschlingen. Überhaupt trägt das Klavier in Schuberts Liedern wesentlich zur Gestaltung bei.

Peter Bortfeld begleitet Aris Argiris auf einem modernen Konzertflügel, was aber kein Problem darstellt, weil sich die Stimme des Sängers, geschult durch große Opernpartien wie Don Giovanni, Rigoletto, Escamillo und Wotan auch gegen ein großes Wagner-Orchester durchsetzen kann.

Der Liederabend sollte eigentlich schon im Herbst 2020 stattfinden, fiel dann aber der Pandemie zum Opfer. Aris Argiris und Peter Bortfeld haben, bedingt durch die Zwangspause, die Zeit genutzt um noch mehr selten aufgeführte Vertonungen von Gedichten von Schiller, Goethe, Mayrhofer und anderen zu erarbeiten. Die Textverständlichkeit war hervorragend, weil Aris Argiris perfekt artikulierte. Ich habe die Texte im Programmheft nicht vermisst. Auch die Moderation durch Peter Bortfeld trug sehr zum Verständnis bei, denn Figuren wie Memnon und Amphiaraos sind auch deutschen Altphilologen nicht unbedingt geläufig.

In der Zeit der Klassik war die griechische Mythologie ein faszinierendes Sujet, in dem Dichter und Komponisten Geschichten entdeckten, die sich hervorragend als Vorlagen für Gedichte, Erzählungen, Theaterstücke und Opern eigneten, in denen die Zuschauer ihre eigenen Emotionen erleben konnten, denn die Götter, Halbgötter und Helden fühlten nicht anders als ganz normale Menschen. Die Abhängigkeit Griechenlands von den Gewalten des Meeres und des Wetters fügt noch eine weitere Dimension hinzu.

Aris Argiris (mit Ehefrau Lupe Larzabal)

Zu Schuberts Lebzeiten war die griechische Mythologie ein spannendes Thema, das Dichter wie Schiller, Goethe, Mayrhofer und andere aufgriffen, um allgemein menschliche Konflikte zu beschreiben. Einige der Gedichte haben vermutlich nur durch Schuberts Musik eine Bedeutung gewonnen und wären ohne die Vertonung längst vergessen. Hätten die beiden sie nicht aufgegriffen, wären vermutlich die Lieder in Vergessenheit geraten, denn die vielbeachtete Edition sämtlicher über 600 Lieder von Franz Schubert durch Dietrich Fischer-Dieskau liegt auch schon eine Weile zurück, und Liederabende werden kaum noch gegeben.

Aris Argiris ist ein international gefragter Heldenbariton und seit 2016 Professor für Gesang an der Universität der Künste in Berlin. Peter Bortfeldt ist Pianist, Dirigent, Lehrbeauftragter der Musikhochschule Köln und als gefragter Coach und Liedbegleiter perfekt auf Aris Argiris eingespielt. Bei diesem Team entstehen Werke aus einem Guss, bei denen beide alles geben.

Veranstalter des Liederabends am 5. November 2021 in der evangelische Trinitatiskirche in Bonn war der Verein LiberArte Bonn e.V.. Die Lieder zur griechischen Mythologie werden im Februar 2022 auf CD eingespielt, und es soll weitere Aufführungen geben.

Für mich war dieser Liederabend ein unfassbar spannendes Erlebnis, denn mir wurde eine ganz neue Facette von Franz Schubert präsentiert.

 

Ein Gedanke zu „„Der griechische Schubert“ – Von Göttern und Helden – Liederabend mit Aris Argiris und Peter Bortfeldt

  1. Vielen Dank für die schöne und tiefgehende Besprechung. Es stimmt: Jede Note von Schubert ist wert, in die Zukunft weiter getragen zu werden. Und dazu beizutragen ist eine Ehre und eine große Befriedigung.

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