Das Leben ist kein Kinderspiel: „Die Nase“ in der Semperoper Dresden

Semperoper (Dämmerung) © Semperoper Dresden/Matthias Creutziger

Knallbunt-quietschig und zugleich dunkel-bedrückend: Peter Konwitschny zeichnet in seiner Neuinszenierung von Dmitri Schostakowitschs Frühwerk eine Welt der Gegensätze und schafft einen kritischen Rundumschlag gegenüber Staat, Religion und Gesellschaft. (Besuchte Vorstellung am 10. Juli 2022

 

 

Endlos. Menschen erscheinen aus dem Nichts, verschwinden. Ein gelbes Haus, eine orangefarbene Wohnung, eine Polizeistation in grün, ein blauer Himmel mit wattebauschförmigen Wolken – wie von Kinderhand gezeichnet wirkt das Bühnenbild. Überall und nirgendwo verortet ist dieser ebenso einfache wie geniale Hintergrund für Peter Konwitschnys Neuinszenierung von „Die Nase“ an der Dresdner Semperoper. Vor ihm spielt sich ein surrealistisches Drama ab. Der Beamte Kowaljow entdeckt eines morgens, dass ihm seine Nase abhandengekommen ist. Auf der Jagd nach ihr ist die Nase ihm stets eine sprichwörtliche Länge voraus. Und so gerät Kowaljow immer tiefer in den Abgrund einer Gesellschaft, deren ideologische Vorgaben – in diesem Fall das Tragen einer roten Clownsnase – er nicht erfüllen kann. Am Ende des zweiten Aktes setzt er seinem eigenen Leben ein Ende. Regie-Altmeister Konwitschny verlegt schließlich den zweiten Teil der Oper vom irdischen Dasein in den Himmel. Dort findet Kowaljow zwar seine Nase, aber weder Hilfe noch Erlösung. Am Ende bleibt ihm so nichts anderes übrigbleibt, als sich mit dem Teufel zu verbünden.

Semperoper/DIE NASE/Bo Skovhus Sinfoniechor Dresden/Extrachor der Semperoper Dresden, Sächsischer Staatsopernchor Dresden, Komparserie/Foto © Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Der Weg dahin ist in Konwitschnys Inszenierung ein Balanceakt zwischen grotesker Komik und gewaltvoller Exzesse des Obrigkeitsstaats. Bereits zum Prolog der Oper spazieren zwei Geheimdienstler in grauen Mänteln über die Bühne. Nahezu omnipräsent werden sie die nächste Stunde sein, mehr als einmal verhaften und drangsalieren sie die Bürger:innen. Auch den Protagonisten Kowaljow lassen sie über alle möglichen und immer höher werdenden Hürden springen. Mal vorwärts, mal rückwärts, bis sie schließlich unüberwindbar werden und er seinem Leben mit einem Pistolenschuss ein Ende setzt. Trotz der fast vier Dutzend Rollen auf dem Besetzungszettel, wird „Die Nase“ in ihrem Verlauf zu einem Einpersonenstück. Immer im Mittelpunkt: Bo Skovhus als nasensuchender Kowaljow. Tänzelnd, kriechend, hüpfend, robbend, laufend – mit großer Spielfreude und mächtig Körpereinsatz meistert der dänische Bariton den Abend. Die große darstellerische Intensität lassen die Zuschauenden die musikalischen Herausforderungen der Rolle fast vergessen, so scheinbar spielerisch bewältigt Skovhus sie. Er kämpft, er leidet, er ist verzweifelt – diese Darstellung des zumeist sehr schemenhaften gezeichneten Kowaljows ist bedrückend und beklemmend.

Ebenso wie der Protagonist steht dabei stets das kongeniale Bühnenbild von Helmut Brade in Fokus. Wie aus dem Nichts erscheinen aus dem Bühnenboden die unterschiedlichen Spielorte von Schostakowitschs Oper, die aus nicht weniger als 15 Bildern besteht. Genauso schnell wie sie erscheinen, verschwinden sie auch wieder. Das bringt Tempo. Abgründe tun sich auf. Den Protagonisten wird der Boden förmlich unter den Füßen hinweggerissen. So wird Kowaljow schnell vom hochnäsigen Beamten zu einem verzweifelten Bürger, der von der politisch-ideologisierten Gesellschaft ausgeschlossen wird. Im hohen Tempo aber stets sicher wandelt die Staatskapelle Dresden angetrieben vom Pultdebütanten und ehemaligen stellvertretenden Solo-Kontrabassisten des Orchesters Petr Popelka durch die Partitur. Agil, transparent, wandlungsfähig klingt das Orchester unter seiner Ägide, auch wenn man sich an der ein oder anderen Stelle etwas mehr Zuspitzung gewünscht hätte.

Semperoper/DIE NASE/Aaron Pegram , Bo Skovhus, Komparserie/Foto © Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Im zweiten Akt findet sich der Protagonist schließlich im Himmel wieder. Dort haben sich der liebe Gott und sein eingeborener Sohn nicht nur sinnbildlich, sondern im wahrsten Sinne des Wortes eine goldene Nase verdient. Doch helfen können sie dem Nasenlosen nicht; trotz mehrerer Geldscheine, die den Besitzer wechseln. Zwar gibt der angeblich Allmächtige Kowaljow seine Nase zurück, doch ist er zu machtlos, diese wieder im Gesicht haften zu lassen. Auch Jesus, im Nebenberuf Doktor, kann nicht helfen. Ist er doch viel zu beschäftigt, sein goldenes Kreuz zu polieren, als sich mit den irdischen Problemen zu beschäftigen. Am Ende ist es ein Pakt mit dem Teufel, der Kowaljow wieder zu einem Nasenträger macht. Dass sie am Ende pechschwarz ist, scheint den überglücklichen Neunasenbesitzer nicht zu stören. Doch war es das alles wert? Denn sogleich wandeln die Zeiten sich und der Kapitalismus erhält Einzug auf der Opernbühne. So wird schließlich die Kritik am sozialistischen Spitzelstaat und der allmächtigen und doch machtlosen Kirche gewürzt mit einer gehörigen Portion der Konsumkritik: Das nun nasenlose Volk versammelt sich am Ende vor nicht enden wollenden Angebotsplakaten, um schaulustig die vermeintlich herumwandelnde Nase zu beobachten. Es sind die gleichen Menschen, die vor kurzem den nasenlosen Kowaljow noch fleißig ausgegrenzt und schikaniert hatten. Die Verführbarkeit des Volkes für Ideologien aller Art wird hier allgegenwärtig. So zeigt Konwitschnys gesellschaftskritischer Rundumschlag einmal mehr, wie dauerhaft aktuell und zeitlos gültig gute Opernstoffe sein können. Ansehen lohnt sich.

 

  • Rezension von Svenja Koch / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Semperoper / Stückeseite
  • Titelfoto: Semperoper/ DIE NASE/ Bo Skovhus/© Semperoper Dresden/Ludwig Olah

 

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