Landestheater Detmold: Gelungener Start in die neue Saison – „LA TRAVIATA“ vom Publikum begeistert gefeiert

Landestheater Detmold/LA TRAVIATA/Aleksandra Szmyd/ Foto: © Landestheater Detmold / Jochen Quast

Sie gehört zu den meistgespielten Opern weltweit und hat ihren Zauber in all den Jahren seit ihrer Uraufführung 1848 im Teatro La Fenice (Venedig) zu keiner Zeit eingebüßt: Giuseppe Verdis LA TRAVIATA. Die Geschichte einer Pariser Kurtisane, die im Paris des 19. Jahrhunderts lebte – und schließlich auch liebte – und am Ende ihres kurzen Lebens von ihrer Vergangenheit gnadenlos eingeholt wurde. Alexandre Dumas (der Jüngere) hat ihr in seinem 1848 erschienen Roman „Die Kameliendame“ ein literarisches Denkmal erschaffen und Verdi hat aus diesem Stoff ein musikalisches Meisterwerk komponiert, dessen Realismus für die damalige Zeit erstaunlich war. Die Geschichte einer am Ende todkranken Frau, einer Frau die „vom Wege abgekommen war„, die Liebe für ein Spiel hielt, bis zu dem Moment, als sie ihr in Gestalt von Alfredo begegnete und letztlich schmerzlich begreifen musste, dass ihr die Gesellschaft diese Liebe nicht zugestehen will. Eine Frau in gesellschaftlichen Zwängen lebend, zunächst selbst erwählt, später ihnen gnadenlos ausgesetzt, zeigte Vivien Hohnholz in ihrer Detmolder LA TRAVIATA-Inszenierung in teils stark wirkenden, zuweilen auch plakativen, Bildern. Musikalisch wurde die Detmolder Eröffnungspremiere ein großer Erfolg! Starke Ensembleleistung auf der Bühne, dramatischer und schwelgerischer Orchesterklang in bester Verdi-Manier vom Symphonischen Orchester Detmold unter der musikalischen Leitung des gerade erst in  seinem Vertrag verlängerten Detmolder GMD Per-Otto Johansson. Intendantin Kirsten Uttendorf darf mit ihrer Saisoneröffnungspremiere sehr zufrieden sein.  (Rezension der Premiere vom 12. September 2025)

 

 

Vivien Hohnholz transferiert die Handlung der LA TRAVIATA in die heutige Zeit, die geprägt ist vom Internet, dem schnellen Erfolg, dem ebenfalls schnellen und heißbegehrten Geld und zeigt eine Violetta im Stile eine Influencerin, die sich Smartphone-gerecht ablichten lässt. Violetta ist bei Hohnholz eine Frau die getrieben ist von all den schnelllebigen Dingen unserer Zeit, wo aber die Gefühle und die eigentliche Tiefe des Lebens oftmals auf der Strecke bleiben. Liebe ist da nur ein Spiel, gar ein Mittel zum Erreichen der Ziele. Aber wenn, wie im Falle von Verdis Titelheldin, die Liebe in Person eines Alfredo ins Leben der Violetta tritt, bringt sie alle Konventionen, ob gewollt oder von der Gesellschaft auferlegt, durcheinander. Violetta kann in Vivien Hohnholz Regie eigentlich nur verlieren, wenn sie sich nicht, wie in der Finalszene der Oper, von den sie umgebenden Zwängen befreit und den Tod als eigene Entscheidung für persönliche Freiheit erkennt. Denn erst in der letzten Szene dieser Detmolder Inszenierung macht sich Violetta frei von allem, was sie umgibt und was sie hindert, ein selbstbewusstes und selbst bestimmtes Leben zu führen. Die Regisseurin zeigt das Bild einer von vielen Zwängen gefangenen Frau, die zum Spielball der Gesellschaft wird und die letztlich erkennen muss, dass sie dieses Spiel eine lange Zeit mitgespielt hat. Insbesondere in der Personenregie der Hauptdarstellerin setzt Hohnholz starke Akzente, die ihre Wirkung nicht verfehlen. Intime Momente gibt es nicht. Ständig sind Menschen auf der Bühne, beobachten alles und jeden, sind zuweilen distanz- und geschmacklos in ihrem Geifer nach Lust und schnell gemachtem Geld. Für sie ist Violetta nur ein Mittel zum Zweck. Als Violetta dies schlussendlich selbst realisiert ist ihr Leben vorbei. Bei Vivien Hohnholz leidet die Pariser Kurtisane, die sie in der literarischen Vorlage ist, mehr am oberflächlichen Leben selbst als an der tödlichen Krankheit, die sie befallen hat. In Detmold erlebt man das Seelendrama einer Frau, die an den gesellschaftlichen Zwängen zerbricht. Sie ist weniger die Todkranke, hier ist sie mehr die tief Unglückliche, die das Glück, dass sie dann doch noch spät gefunden hat, am Ende nicht halten konnte. Bei Hohnholz wird sie aber schlussendlich zu dem, was sie vermutlich immer war: eine starke Frau.

Landestheater Detmold/LA TRAVIATA/Aleksandra Szmyd, Opernchor LT Detmold/ Foto: © Landestheater Detmold / Jochen Quast

Auf der Bühne (Bühne: Barbara Steiner/ Kostüme: Coline Meret Lola Jud) durchweg viel Bewegung und Interaktion, die mich nicht immer überzeugen konnte. Das Bühnenbild besteht aus einem Einheitsbühnenraum mit einem drehbaren Mittelpunkt und einem hohen Seitenteil, welches je nach Akt und Situation als Raumteiler genutzt wird. Im Hintergrund ist eine Treppe zu sehen, auf die Violetta in der letzten Szene die Bühnen nach „oben“ verlässt.

Dass Violetta bei Vivien Hohnholz ein öffentliches Leben führt, war von Beginn an klar ersichtlich. Da bedurfte es m.E. nicht einer andauernd anwesenden Schar von Gaffern und Semi-Fotografen, die alles und jeden mit ihren Handys ablichteten und beobachteten und mitunter ablenkend wirkten. Gerade in den entscheidenden Momenten dieser Oper, und davon gibt es bei Verdi einige, hätte ich mir die eigentliche Intimität des Momentes gewünscht. Aber das mag persönlicher Geschmack und individuelle Ansicht sein bei der Beschreibung der erlebten Inszenierung, die durchaus ihre starken und bildmächtigen Szenen hatte.

Musikalisch, wie so oft in Detmold, wurde die Premiere ein großer Erfolg!

Zuvorderst sei hier GMD Per-Otto Johansson genannt, der das Symphonische Orchester mit viel Gefühl für Dramatik und Emotionen durch die Partitur führte. Als besonders einprägende Beispiele seien hier das populäre Vorspiel zur Oper, Violettas Abschied im 2. Akt („Amami, Alfredo„), oder auch das berührende Duett „Parigi o cara“ aus dem vierten Akt genannt, wo Johansson sein Orchester berückend schön aufspielen liess und das Opernhaus mit Verdiklang füllte. Bravo an den musikalischen Leiter des Abends, Per-Otto Johansson und das Symphonische Orchester Detmold!

Als Violetta war Aleksandra Szmyd zu erleben. Sie verlieh ihrer Rolle ein großes Maß an Ausdruck und Authentizität. In ihre große Arie des ersten Akts, „È strano! È strano!…sempre libera deggio„, legte sie anfangs viel Gefühl, um dann zum Ende der Szene ihre Arie mit einem glänzenden Spitzenton zu krönen. Aber auch im weiteren Verlauf der Oper wurde Frau Szmyd zum unumstrittenen Mittelpunkt der Oper. Gesanglich sehr zart und überzeugend dann ihre Darstellung der Violetta im letzten Akt, wo sie dem Schmerz und der inneren Zerrissenheit dieser unglücklichen Frau viel Ausdruck und Stimme verlieh. Das Publikum zeigte sich begeistert und feierte die Sopranistin mit starkem Applaus.

Landestheater Detmold/LA TRAVIATA/Aleksandra Szmyd, Ji-Woon Kim; Foto: © Landestheater Detmold / Jochen Quast

Ji-Woon Kim stellte einen gesanglich kraftvollen Alfredo dar. Höhensicher und in allen Lagen überzeugend begeisterte er sein Detmolder Publikum, welches ihn für seine Leistung ebenfalls lautstark feierte. Das Duett im vierten Akt „Parigi o cara“ gestaltete er zusammen mit seiner Gesangspartnerin zu einem der Höhepunkte des Abends.

Ebenso kraftvoll im Gesang und mit überzeugender Dominanz in der Darstellung des Giorgio Germont glänzte der Bariton Jonah Spungin. Mit großer Stimme und viel „väterlichem Gefühl“ wurde seine Arie “Di Provenza il mar, il suol” zu einem Juwel des Abends. Auch im Duett, in der Auseinandersetzung mit Violetta, trumpfte der kanadische Sänger auf. Verdienter Jubel auch für ihn!

Lotte Kortenhaus in der Partie der Flora Bervoix ist schon eine Luxusbesetzung für diese relativ kleine, aber wichtige, Partie. Mit ihrer Bühnenpräsenz verlieh sie der Flora viel stimmliches und darstellerisches Gewicht.

In den kleineren Partien waren Boyoung Lee als Annina, Nikos Striezel als Gaston, Euichan Jeong als Baron Douphol, Hojin Chung als Marquis d’Obgny, Jaime Mondaca Galaz als Doktor Grenvile, Felix Schmidt als Giuseppe, Torsten Lück als Diener und Ognjen Milivojsa als Kommissionär zu erleben und rundeten des gesangliche Ensemble trefflich ab.

Der Opernchor des Landestheaters Detmold, wie schon so oft eine feste Größe in vielen Produktionen, auch diesmal wieder überzeugend vorbereitet unter der Leitung seines Chordirektors Francesco Damiani.

Und auch dieses Mal erweist sich das Landestheater Detmold einmal mehr als lohnendes Ziel für einen (nicht nur!) Verdi-Opernabend. Abschliessend sei noch erwähnt, dass die meisten Hauptpartien doppelt besetzt sind. Ein Grund mehr für den Rezensenten, dieser Neuinszenierung der La Traviata ganz sicher einen weiteren Besuch abzustatten.

 

  • Rezension von Detlef Obens / DAS OPERNMAGAZIN
  • Landestheater Detmold / Stückeseite
  • Titelfoto: Landestheater Detmold/LA TRAVIATA/Aleksandra Szmyd, Ji-Woon Kim, Jonah Spungin/ Foto: © Landestheater Detmold / Jochen Quast
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