
Interpretationen der Musik des späten 18. Jahrhunderts profitieren von einer Klarheit und Intimität, die nicht gekünstelt oder affektiert wirkt. Die Camerata Salzburg, ein Kammerorchester, vereint all diese Qualitäten, indem sie alle musikalischen Details hörbar macht und dennoch über die nötige Kraft und Energie verfügt, um die Musik zum Leben zu erwecken. Giovanni Guzzo (Konzertmeister und Leitung) leitete am 24. Januar 2026 im Großen Saal der Stiftung Mozarteum ein facettenreiches Programm mit Werken von Franz Joseph Haydn und Wolfgang Amadé Mozart.
Obwohl Haydns Bühnenwerke heute nur noch selten aufgeführt werden, gehörte die Produktion von Opern zu seinen Hauptaufgaben während seiner Anstellung am Hof der Esterházys. L’Anima del filosofo, ossia Orfeo ed Euridice Hob. XXVIII:13, Haydns letzte Oper, wurde zu seinen Lebzeiten nie zur Aufführung gebracht. Die Ouvertüre, die dieses Konzert eröffnete, wurde 1791 für eine Aufführung in London geschrieben und offenbart Haydns reife Kühnheit und seine fortschrittliche Musiksprache mit ihren wilden harmonischen Wendungen. Die Camerata Salzburg hat diese kurze Ouvertüre robust und leidenschaftlich vorgetragen.
Das Konzert in B-Dur, KV 595, datiert vom 5. Januar 1791, war Mozarts letztes Klavierkonzert. Die Interpretation des Pianisten Pierre-Laurent Aimard könnte als klar konturiert und von zurückhaltender Pracht beschrieben werden. Im ersten Satz, Allegro, sind die Wechselwirkungen zwischen Klavier und Orchester selten dramatisch, das thematische Material ist durchweg von einer herbstlichen Melancholie und Resignation geprägt. Die Kadenz, von Mozart selbst komponiert, ist ideal proportioniert und greift das Material des Satzes mit größter Fantasie auf. Der entspannte Mittelsatz, Larghetto, durchdrungen von reservierter Intensität, beginnt mit einem täuschend einfachen Thema, das zum Bezugspunkt für viele Entwicklungen wird. Wenn das Hauptthema zum letzten Mal wiederkehrt, verdoppeln die Violinen die Klavierstimme eine Oktave tiefer, ein Effekt, der in dieser Aufführung deutlich zu hören war. Das von Aimard gewählte Tempo klang eher wie ein Andante, aber die emotionale Wirkung war unvermindert. Der Verzicht auf Sentimentalität in dieser Darbietung empfand ich als erfrischend. Das Finale (Allegro) ist zugleich melodisch anmutig und rhythmisch lebhaft, Eigenschaften, wie einer Sehnsucht nach schwer fassbarem Glück, die in Aimards Interpretation deutlich zum Ausdruck kommen. Als Zugabe spielte Aimard drei Miniaturen von György Kurtág.

Ebenfalls aus Mozarts letztem Lebensjahr stammen die Sechs Menuette KV 599 (datiert Wien, 23. Januar 1791). Angesichts der relativen Kürze dieser Werke ist es verwunderlich, dass nur vier davon (Nr. 1, 2, 5 und 6) aufgeführt wurden. Mozart hat diese Tänze im Rahmen seiner Tätigkeit als k. k. Kammermusiker komponiert, ein Amt, das er im Dezember 1787 antrat. Diese knackigen, schwungvollen Darbietungen erinnerten daran, dass Mozarts Musik selbst in seinen beschwingtesten Momenten immer eine ernste Seite hatte.
Haydn komponierte die Sinfonie G-Dur Hob. I:94 „mit dem Paukenschlag” 1791 für eine Konzertreihe während seines ersten Aufenthalts in England (1791–1792). Die Uraufführung fand am 23. März 1792 in den Hanover Square Rooms in London statt, wobei Haydn das Orchester vom Hammerklavier aus dirigierte. Haydns thematische Ideen sowie deren Entwicklung und Orchestrierung in dieser und anderen Sinfonien, darunter viele der früheren, die er während seiner Tätigkeit für die Esterházys komponierte, waren innovativ. Der berühmte „Überraschungsakkord” in G-Dur Fortissimo im zweiten Satz (Andante) in Takt 16 (d. h. ganz am Ende des wiederholten ersten Abschnitts) folgt auf eine Pianissimo Einleitung. Die Camerata Salzburg lieferte eine gewaltige Trommelwirbel-Überraschung, die wahrscheinlich lauter war als das Fortissimo, das Haydns Orchester hätte spielen können. Der erste Satz (Adagio cantabile – Vivace assai) war voller tänzerischer Energie, wobei die abrupten dynamischen Kontraste deutlich zum Ausdruck kamen. Der dritte Satz (Menuetto. Allegro molto – Trio) war von einer Rauheit durchdrungen, die eher an ein Scherzo als an ein Menuett erinnerte. Das Finale (Allegro di molto) bildete einen besonders energiegeladenen Abschluss des Konzerts.
- Rezension von Dr. Daniel Floyd / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Mozartwoche Salzburg
- Titelfoto: Mozartwoche 2026/L’anima die Mozart/Konzert. v. 24.1.2026/Foto: Wolfgang Lienbacher