Aus einem anderen Blickwinkel: „Das Rheingold“ als Auftakt an der Staatsoper Berlin

Staatsoper Berlin/DAS RHEINGOLD/ Foto: Monika Rittershaus

Richard Wagners Ring-Zyklus wurde zuletzt vor fast zwei Jahrzehnten an der Staatsoper Berlin „Unter den Linden“ aufgeführt. In der Ausweichspielstätte im Schillertheater wurde während der Sanierung des Opernhauses ab 2010 ein Zyklus des belgischen Grafikkünstlers Guy Cassier in Kooperation mit dem Mailänder Opernhaus „Teatro alla Scala“ geschmiedet. Diese Produktion wird nun erstmalig an der Lindenoper in zwei zyklischen Aufführungen zur Eröffnung der Spielzeit 2019/20 zu sehen sein. Die Kritiken für die Regie waren zur Premiere grundsätzlich verheerend, schon vor der ersten zyklischen Aufführung sei dieser Ring abgespielt, munkelten böse Zungen. Anders als Wotan, der „sein eines Auge werbend daran setzte“ wagt unser Redakteur Phillip Richter mit seinen beiden Auge einen frischen, unvoreingenommen Blick für die wohl letzte Wiederaufnahme dieser Inszenierung von Guy Cassier – für 2022 ist ein neuer Ring-Zyklus des russischen Regisseurs Dmitri Tcherniakov an der Staatsoper Berlin geplant. (Rezension der besuchten Vorstellung v. 21. September 2019

 

Eine leere, abgedunkelte Bühne bietet die Grundlage für die Grafik- und Videoinstallationen des Künstlers und Regisseurs Guy Cassier. Ein wenig erinnert die auf Personen- und Lichtregie reduzierte Bühne an die alten szenischen Interpretationen Herbert von Karajans und dessen Bühnenbildner Günther Schneider-Siemssen der Salzburger Osterfestspiele. Guy Cassier deutet den Ring-Zyklus nicht neu, vielmehr deutet er ihn überhaupt nicht. Seine märchenhaft-zeitlose Ausstattung und Kostüme erinnert an Fantasyfilme und versetzt den Zuschauer in eine Welt von Mythen und Sagen. Der Ring-Zyklus ist bei ihm in seiner zeitlosen, auf die Dramatik abgestimmte Lichtregie, lediglich bebildert und mit Assoziationen, keinen Deutungen, zu Richard Wagners Parabel von Nibelungen, Riesen und Menschen versehen. Der Regisseur regt durch Licht und Schatten die individuelle Fantasie seines Publikums an – erst durch dessen Vorstellungsvermögen setzt sich das Puzzle zusammen.

Guy Cassier reduziert das Rheingold auf die elementaren Requisiten der Handlung, einzig Wotans Speer führt als Kernelement durch den gesamten Abend. Die meist im Hintergrund agierenden Tänzer der Eastman Dance Company gliedern sich wohltuend in die Szene ein und unterstreichen die Vorgänge in ihrer Vielschichtigkeit. Hierbei wird der Tanz parallel zur Musik vorrangig als Ausdruck der Gefühle genutzt. Durch die Arbeit mit Licht und Schatten nimmt der Regisseur einzelne Konflikte schon der Musiksprache vorweg, und deckt dabei Parallelen auf, die anderswo nur durch intensives Studium des Librettos erkennbar wären.

Staatsoper Berlin/DAS RHEINGOLD/ Foto: Monika Rittershaus

In dieser Inszenierung zeigt sich, welche Solisten auch szenisch ihre Rollen zu verkörpern wissen. Das Drama entsteht erst durch die szenische Improvisation im Zusammenspiel mit der Musik. Der Regisseur gibt seinen Sängern sämtliche Freiheiten und fordert eine eigene, persönliche Charakterdarstellung. Welch Zynismus, dass ausgerechnet die brutalen Riesen Fasolt und Fafner als moderne Menschen in Anzug und Krawatte die Bühne betreten und damit einen starken und bodenständigen Kontrast zur prachtvollen Kostümierung der Götter bilden. Matti Salminen und Falk Struckmann dominierten als Riesenduo dank stark gebauten Körpern auch ohne Kostüm. Die beiden wohl schwärzesten Bässe seit Gottlob Frick ernteten für ihre aggressive und bestialische Rollendarstellung mit voluminöser, dunkler und rauer Stimme den größten Applaus des Publikums.

Stephan Rügamer gestaltete szenisch einen intriganten wie gleichermaßen intellektuellen Loge, der den Gedanken Wotans stets einen Schritt voraus kam. Rügamer sang ausgesprochen lyrisch und wortdeutlich, wusste dabei seine Stimme gekonnt in allen Farben einzusetzen und knautschte – im positiven Sinne – zur Verdeutlichung der Arglistigkeit einige Vokale aus dem Hals heraus. In Jochen Schmeckenbechers Alberich fand dieser Loge seinen ehrwürdigen Konterpart. Dieser verwandelte sich nicht nur von Zwerg in eine Kröte, sondern hielt jede Facette der Rolle von entmenschlicht boshaft bis scharfzüngig höhnisch inne. Wolfgang Ablinger-Sperrhacke ergänzte als Mime die unterirdische Trioszene durch einen das Publikum täuschenden, in Mitleid sich suhlenden Mime. Auch die Erda von Anna Larsson, ihre kurze aber eindrückliche Paraderolle, war an Intensität nicht zu übertreffen. Anna Samuil gab eine sehr schmerzlich-leidende und lautmalerische Freia. Nicht zuletzt überzeugten auch die Rheintöchter durch Koketterie harmonierenden Stimmen bei deutlicher Aussprache.

DANIEL BARENBOIM IN DER STAATSOPER UNTER DEN LINDEN/ Foto @ Christian Mang
Daniel Barenboim in der Staatsoper Unter den Linden/ Foto @ Christian Mang

Daniel Barenboim, seit fast dreißig Jahren Generalmusikdirektor der Staatskapelle Berlin, dirigierte mit einer Aufführungsdauer von 2:40 Stunden ein langsames, aber außergewöhnlich spannungsvolles Rheingold. Wie in einem Nihilismus verzögerte er das Zeitmaß in der zweiten Riesenszene bis fast zum gänzlichen Stillstand und schuf damit eine besonders bedrohliche Kulisse für den Handel der Göttin Freia als Tausch gegen das Gold. In diesem kammermusikalischsten Teil des Ringes stellte Barenboim das Wort- und Tonverständnis der Solisten in den Vordergrund, dämpfte die Lautstärke des Orchesters und ließ lediglich in den Instrumentaleinschüben zwischen den Szenen seine Staatskapelle laut aufbrausen.

In diesem Jahr gab Michael Volle im Alter von fast 60 Jahren sein langerwartetes – und eigentlich schon für 2016 vorgesehenes – Rollendebüt als Göttervater Wotan. Die Superlative gilt es ja zu vermeiden, aber so viel sei schon jetzt verraten: Michael Volles Darstellung übertraf alles in den letzten Jahrzehnten Dagewesene. Die Rezeptionsgeschichte von Richard Wagners Ringzyklus wird mit diesem Wotan von Michael Volle neu zu definieren sein!

Mehr dazu aber in den folgenden Berichten zur Aufführung des Siegfrieds und der Walküre. 

 

  • Rezension von Phillip Richter / RED: DAS OPERNMAGAZIN
  • Staatsoper Berlin / Stückeseite
  • Titelfoto: Staatsoper Berlin/DAS RHEINGOLD/ Fotos: Monika Rittershaus – Hinweis: Die Fotos zeigen die damalige Premierenbesetzung aus 2010!

 

 

 

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2 Gedanken zu „Aus einem anderen Blickwinkel: „Das Rheingold“ als Auftakt an der Staatsoper Berlin&8220;

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