Aus einem anderen Blickwinkel – Der „Siegfried“ an der Staatsoper Berlin

Staatsoper Berlin/ Siegfried (2012)/Foto @ Monika Rittershaus

Im Frühjahr 2013 feierte der österreichische Heldentenor Andreas Schager unverhofft und spontan sein „Barenboim-Debüt“ an der Staatsoper Berlin – damals noch in der Ausweichspielstätte im Schillertheater. Nachdem der ursprünglich vorgesehene Sänger der Titelpartie sich zu verspäten schien, sprang der weitestgehend unbekannte Andreas Schager kurzfristig – die Entscheidung fiel zehn Minuten vor Beginn der Vorstellung – in der Rolle des Siegfried in der Premierenserie des Ring-Zyklus in der Inszenierung von Guy Cassier ein. Es war purer Zufall, dass sich der Tenor an diesem Abend im Schillertheater aufhielt und die Vorstellung zu retten vermochte. Andreas Schager wurde durch dieses Ereignis über Nacht zum Star und Daniel Barenboim nahm ihn ins Ensemble der Staatsoper Berlin auf. Gemeinsam entwickelten sie in den letzten sechs Jahren sämtliche großen Tenorrollen der Wagnerliteratur: Von „Parsifal“ über „Tristan“ bis hin zum „Siegfried“, mit dem sich der Kreis nun wieder schließt. Nachdem Andreas Schager sich auch in dieser Rolle etabliert hat, betrat er nun erstmalig auf der wiedereröffneten Opernbühne „Unter den Linden“ in jener denkwürdigen Produktion und deren letzter Wiederaufnahme als „Siegfried“ auf. (Besuchte Vorstellung: 26. September 2019)

 

„Siegfried“ mag die anspruchsvollste aller Heldentenorpartien Richard Wagners sein, viele Sänger scheiterten an ihm, einige Tenöre überzeugen nur bedingt, und lediglich die allerwenigsten – allen voran Andreas Schager – schienen die Partie gänzlich mühelos zu meistern. Schnell wurde deutlich, dass Daniel Barenboim am Pult der Staatskapelle Berlin keine Rücksicht auf die Kondition dieses Heldentenors zu nehmen hatte. Erbarmungslos trieb der Dirigent seine Musiker der Staatskapelle zu einem rhythmisch-akzentuierten, in kräftigem Volumen erklingenden Finale der Schmiedelieder, dem Andreas Schager trotz umfangreichen Bläserapparat stimmlich mühelos standhalten konnte. „Hoho! Hohei! Schmiede, mein Hammer, ein hartes Schwert!“, energiegeladen kletterte der Heldentenor seinem kraftvollen Stimmorgan und starkem Körperbau sei Dank dazu sogar beweglich im Bühnenbild umher. Die treffsicheren Spitzentöne von Andreas Schager sind unerreicht, seine Aussprache blieb dabei stets deutlich, jeder Ton – im kraftvollen Forte vorgetragen – saß sicher.

Staatsoper Berlin/ Siegfried (2012)/Foto @ Monika Rittershaus

In seiner szenischen Darstellung wirkte Andreas Schager zwar enorm präsent, jedoch gleichermaßen arg eindimensional, stets riss er beide Arme weit ausbreitend in die Höhe. Als ausgesprochen enthusiastischer und wilder Künstler genoss er das Rampenlicht und sang lachend in Richtung der Zuschauer statt gemeinschaftlich im Einklang mit den anderen Solisten zu agieren. Auch sein Gesang wirkte dadurch etwas schroff, presste er die langen Töne zu stark nach, statt die Phrasen behutsam im Legato zu verbinden. Nichtsdestotrotz waren ihm aufgrund seines enormen vokalen Durchhaltevermögens all diese Marotten schnell verziehen. Andreas Schager ist als „Siegfried“ purer Rock’n’Roll! Mit dieser Leistung steht der Sänger weitestgehend unangefochten an der Spitze der Heldentenöre weltweit. Diese Rolle wird er erstmalig auf dem grünen Hügel in Bayreuth zu den Festspielen im kommenden Sommer verkörpern werden.

Stephan Rügamer kehrte, nachdem er im Rheingold schon einen gewieften und arglisten Loge verkörperte hat, als gekränkter und herabgewürdigter Mime zurück. Seinen Widersacher Alberich wusste Jochen Schmeckenbecher mit boshaft-herrischer Verspottung darzustellen. In dieser überaus männerdominierten Oper verschaffte der Waldvogel von Serena Sáenz eine unerwartete Diversifikation. Ihr dunkles und spannungsreiches Timbre sowie ihre sicheren Höhen lassen Großes für zukünftige Rollen erwarten. In der letzten Spielzeit noch Teil des internationalen Opernstudios, wird Sáenz demnächst die „Pamina“ an der Staatsoper Berlin verkörpern.

Staatsoper Berlin/ Siegfried (2012)/Foto @ Monika Rittershaus

Die Inszenierung des belgischen Grafikkünstlers Guy Cassier entwickelt sich über die vier Abende dieses Ring-Zyklus stetig weiter ins Unkonkrete und Abstrakte. Wo am ersten Abend die Bergwelten des Rheingolds noch fantasievoll mittels der Licht-und-Schatten-Darstellung einer Videoinstallation angedeutet wurden, abstrahiert der Regisseur seine Ideen mit jedem Akt im „Siegfried“ immer weiter auf eine gegenstandslose Ebene. Die Symbolik von Wagners Epos ist hinter dem Flimmern der Lichtregie lediglich behutsam angedeutet. Mit dem Erwachen des Drachens Fafner im 2. Akt des Musikdramas kehren auch die Tänzer der „Eastman Dance Company“ zurück ins Geschehen. Besonders eindrücklich hierbei die Interaktion zwischen Siegfried und dem Waldvogel, welcher durch eine Tänzerin auf der Bühne gedoubelt wird. Die Bewegungen des Waldvogels sind abstrakt und wild, gänzlich asynchron zur Musik und purer Ausdruck einer nicht vermittelbaren Empfindsamkeit. Die Tänzer verdeutlichen, wie sehr die Figuren von der ursprüngliche fantasievoll-modellierten Nibelungenwelt im „Rheingold“ nun entrückt sind.

Das szenische Geschehen ist im „Siegfried“ vorangedrungen, der Ring der Macht hat durch Wotan die Weltordnung angegriffen, die Götterdämmerung scheint unaufhaltbar zu werden. Michael Volle in seiner Rolle als Wotan – im „Siegfried“ bekanntermaßen „Der Wanderer“ genannt -ist im Bericht zur „Walküre“ erläutert. (LINK zur Walküre-Rezension). Der Brünnhilde von Iréne Theorin werden wir uns im Bericht zur „Götterdämmerung“ widmen.

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