Opernhaus Zürich: „DIE SACHE MAKROPULOS“ von Leoš Janáček – SPÄTE EINSICHT

Opernhaus Zürich/Die Sache Makropulos/Evelyn Herlitzius/Foto @ Monika Rittershaus

Es mutet sonderbar an auf der Bühne eine Darstellerin zu erleben, welche 337 Jahre alt und seit so langer Zeit immer wieder unter anderen Namen, jedoch stets mit den Initialen E.M lebt. Die Sängerin Emilia Marty ist diese Frau und damit die zentrale Figur dieser Oper. Das ursprünglich als Komödie von Karel Čapek geschriebene Stück, wurde von Leoš Janáček selbst in ein Kriminalstück umgeschrieben. Er begann bereits 1922 sich mit dem Stoff zu befassen. Die Uraufführung fand jedoch erst vier Jahre später am Nationaltheater in Brünn statt. (Rezension der Premiere vom 22.9.2019

 

Kaiser Rudolf II hatte den Auftrag erteilt, ein Mittel zu finden, welches ihn 300 Jahre weiterleben lässt. Damit jedoch die Wirkung bewiesen werden kann, sollte der Leibarzt Makropulos dies an seiner Tochter Elina ausprobieren. Die Tochter fällt in ein Koma und der Arzt wird verhaftet. Doch Elina erwacht aus dem Koma und lebt seither schon seit 337 Jahren.

Die Handlung führt uns in einen seit vielen Jahren dauernden Erbschaftsstreit und komplizierte Verhandlungen und Handlungsabläufe. Die Sängerin Emilia Marty wird weiterhin umschwärmt und ist sehr launisch. Ihr einziges Ziel ist, an das alte Rezept für das Wundermittel zu gelangen und so das Leben um weitere 300 Jahre zu verlängern. Es gelingt Ihr schließlich, dieses Schriftstück zu erhalten. Jedoch des Kampfes müde bricht sie zusammen.

Es lohnt sich, vor dem Besuch dieser Oper das Libretto genauer zu studieren. Die rasch wechselnden Handlungsabläufe erfordern auch vom Publikum große Aufmerksamkeit.

Opernhaus Zürich/Die Sache Makropulos//Irene Friedli/Ruben Drole/Guy de Mey/Evelyn Herlitzius/Sam Furness u. Tómas Tómasson/Foto @ Monika Rittershaus

In der neuen Inszenierung von Dmitri Tcherniakov erleben wir diese Geschichte als ein Kampf gegen den Tod und die Erkenntnis, dass es kein ewiges Leben geben kann. Bereits zu den ersten Tönen wird auf einer riesigen Leinwand eine Videoeinspielung gezeigt, welche zuerst Röntgenbilder und anschließend einen Finger zeigt, wie er über die Zeilen eines Arztberichts fährt, wo die Diagnose Krebs in unheilbarem Zustand beschrieben ist. Ungläubig wird immer wieder dieselbe Passage «gelesen». Diese Regieidee ruft eine eindrückliche und auch beklemmende Wirkung hervor. Wenn man dann die Hand sieht, wie sie unter dem Eindruck des ersten Schocks Notizen macht, was in den verbleibenden zwei Monaten noch zu erledigen sei und wie diese Prioritäten immer wieder geändert werden, dann wird man betroffen und mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert.

Dann hebt sich die Leinwand und wir befinden uns in einem eleganten Salon, in welchem sich nun wie in einem Kammerspiel der erwähnte Erbschaftsstreit abspielt. Jeder Charakter der Beteiligten ist hervorragend herausgearbeitet. Die Macht der Emilia Marty, welche die Männer beherrscht und mit Ihrem Wissen aus der Vergangenheit verblüfft, lässt diese immer wieder ungläubig zurück.

Der unaufhörlich zerrinnenden Zeit bewusst und deshalb um das Rezept für die Lebensverlängerung kämpfend, ist Emilia Marty jedes Mittel recht. Sie opfert eine Nacht mit Jaroslav Prus und erhält dafür das begehrte Dokument. Als Emilia erfährt, dass Janek, der Sohn von Prus, sich aus Liebe zu Ihr das Leben genommen hat, wird die Kälte dieser Frau besonders fühlbar. Gleichgültig nimmt Sie diese Nachricht entgegen und bemerkt lediglich, dass sich ja viele Menschen selbst umbringen.

Wenn sich im dritten Akt alle im Salon aufhalten und eine Erklärung fordern, erzählt Emilia Marty ihre Geschichte. Die Bühne verwandelt sich in ein Fernsehstudio der heutigen Zeit, wo sie nochmals ihren letzten grossen Auftritt hat. Sie verliert den Kampf um ein längeres Leben mit der Einsicht, dass Sie diese Unsterblichkeit nicht mehr braucht.

Dmitri Tcherniakov ist es gelungen, die Handlung auf eine ergreifende Weise zu vermitteln. Die Personenführung ist hervorragend. Jede Figur fügt sich in ein großartiges Ensemble ein. Sein Bühnenbild mit dem überraschenden Schlussbild ist ein Wurf. Die Kostüme von Elena Zaytseva und die Lichtgestaltung von Gleb Filshtinsky, genauso wie das Video-Design von Tieni Burkhalter, bilden eine faszinierende Einheit.

Opernhaus Zürich/Die Sache Makropulos/Evelyn Herlitzius/Foto @ Monika Rittershaus

Man kann diese Oper nur dann in den Spielplan nehmen, wenn man eine großartige Sängerin und Darstellerin zur Verfügung hat. Das Opernhaus Zürich hat dafür mit Evelyn Herlitzius eine der hervorragenden Persönlichkeiten der Opernwelt gewonnen, welche sich total in diese überaus fordernde Partie einbrachte. In jeder Phase ist sie mit Ihrer flexiblen Stimme präsent. Eine großartige Studie dieser verzweifelten Frau.

An diesem Abend gab es viele Rollen- und Hausdebuts zu erleben. Keiner der Mitwirkenden hatte zuvor in Tschechischer Sprache gesungen und man kann sich vorstellen, was für eine intensive Probenarbeit dieser Aufführung vorangegangen ist.

Hier seien auch die Dramaturgin Beate Breidenbach und Radka Höfer-Vkrljan welche als Sprachcoach mitarbeitete, erwähnt.

Sam Furness spielt den nervösen und verliebten Albert Gregor. Mit seinem Tenor singt und spielt er diese Partie überzeugend. Kevin Conners als Vitek, Kanzleivorsteher, lässt ebenfalls mit einer soliden Tenorstimme aufhorchen. Scott Hendricks als Jaroslav Prus, zeigt eine starke Persönlichkeit und einen wütenden, verzweifelten Vater und ist mit sicherer Stimme eine Idealbesetzung für diese Partie. Spencer Lang als Janek Prus sing und spielt äussert glaubhaft diesen jungen, scheuen und verliebten Mann. Als Advokat Dr. Kolenaty war Tómas Tómasson zu erleben. Auch er bot eine tolle Charakterstudie dieses Mannes.

Opernhaus Zürich/Die Sache Makropulos/Tómas Tómasson/Scott Hendricks/Evelyn Herlitzius/Kevin Conners/Foto @ Monika Rittershaus

Deniz Uzun, konnte einmal mehr beweisen, was für eine Bereicherung Sie für das Ensemble ist. Irène Friedli als Putzfrau, Katja Ledoux als Kammerzofe, Guy de Mey als Hauk-Schendorf, sowie Ruben Drole als Theatermaschinist bildeten ein Ensemble, welches man sich nicht besser wünschen könnte.

Einen ganz großen Abend hatte die Philharmonia Zürich unter der Leitung von Jakub Hrůša. Diese sehr anspruchsvolle Partitur fordert vom Orchester höchste Konzentration und einen hervorragenden Dirigenten. Jakub Hrůša, welcher in Brünn, dem Uraufführungsort dieser Oper geboren wurde und schon lange einen starken Bezug zur Musik Janáček’s hat, ist damit ebenfalls ein grosser Gewinn für diese Produktion.

Der Zusatzchor des Opernhauses Zürich wurde von Ernst Raffelsberger einstudiert. Die beeindruckende Zahl von 180 Statisten muss hier ebenfalls erwähnt werden.

Die ganze Aufführung überzeugt durch die Ensembleleistung aller Beteiligten und wurde vom Publikum gebührend gefeiert. Ein sehr gelungener Start in die neue Spielzeit.

 

  • Rezension von Marco Stücklin / RED. DAS OPERNMAGAZIN-CH
  • Opernhaus Zürich / Stückeseite
  • Titelfoto:Opernhaus Zürich/Die Sache Makropulos/Evelyn Herlitzius/Foto @ Monika Rittershaus

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