Staatstheater Braunschweig: „Die lustige Witwe“ – Knallbunter Spaß mit Tiefgang

Staatstheater Braunschweig/DIE LUSTIGE WITWE/ Milda Tubelytė, Kwonsoo Jeon, Andreas Bißmeier,
©Björn Hickmann/ stage picture

Denkt man an die Operette „Die lustige Witwe“, hat man nicht selten sofort „Da geh ich zu Maxim“ oder auch „Ja, das Studium der Weiber …“im Ohr. Die ältere Generation sieht dann sicher zusätzlich einen elegant befrackten Johannes Heesters vor ihrem inneren Auge. Frack, Zylinder, große Abendroben oder Can-Can Roben fehlten bei der gestrigen Premiere gänzlich. Mitreißend gespielte und gesungene Melodien gab es zur Genüge, doch wer sich darauf einließ, konnte hinter all den schrillen Kostümen, dem zeitgeistig-ironischem Spaß, auch ein wenig Melancholie entdecken und hinter Humor und Lebenslust schauen.  – Schauspieler Klaus Christian Schreiber gibt mit Franz Lehárs „Die lustige Witwe“ sein Regiedebüt am Staatstheater Braunschweig – (Rezension der besuchten Premiere am 23.2.2019

 

Am 30. Dezember 1905 hatte „Die lustige Witwe“ am Theater an der Wien Uraufführung. Vorlage ist Henri Meilhacs Stück mit dem eher nüchternen Namen L’attaché d’ambassade“(Der Botschaftsattaché). Es geht um die extrem reiche Witwe Hanna Glawari aus „Pontevedro“, deren Wunsch sich wieder zu verheiraten, viele heiratswillige Herren aus ihrem Heimatland auf den Plan ruft. Mirko Zeta, der pontevedrinische Botschafter ist bestrebt seinen Attaché Danilo Danilowitsch an genau diese Frau zu bringen um die Heimat vor dem Bankrott zu retten. Niemand weiß, dass Danilo und Hanna einst ein Liebespaar waren, das sich jedoch auf das Drängen von Danilos Vater trennen musste, da Hanna nicht von Stand war und nicht angemessen für einen Grafensohn. Nach einigem Hin und Her finden Hanna und Danilo zusammen, doch ist es letztlich die wahre Liebe, die siegt, nicht die Gier nach dem schnöden Mammon.

Klaus Christian Schreiber (eigenes Foto von der Generalprobe)

Klaus Christian Schreiber, bekannt unter anderem durch seine Rolle als Dirk Drechsler in der Daily-Soap Rote Rosen, versetzt die Geschichte mithilfe selbst geschriebener Dialoge in die heutige Zeit, Anspielungen auf Selfie-Manie und Facebook inbegriffen. Schreiber bedient sich witziger und auch intelligenter Wortspiele. Sei es, dass er die Menschen sich „zuprosten“ lässt, damit sie nach einem Klick auf die Handykamera „andere zuposten“ können. Oder mit einer wahren Kaskade an Variationen des Satzes „Das interessiert sowieso niemanden!“. Ferner bedient sich Schreiber auch des stets effektvollen Mittels, einen Darsteller abseits der Bühne agieren zu lassen. So setzt sich Danilo im ersten Akt kurz in die erste Reihe, fragt eine Dame nach ihrem Namen und spricht sie im zweiten Akt noch einmal explizit an. Es gibt noch viel solcher Kleinigkeiten in der Personenführung oder auch Personenchoreografie, die einfach Spaß machen, aber zeitgleich Momente, die subtil zeigen, es geht in erster Linie nicht um einen verspielten Machtkampf zwischen Danilo und Hanna, sondern auch um alte Liebe, die ihren Weg zurück sucht.

Unterstützung erhielt Schreiber von der Choreografin Amy Share-Kissiov, die den Chor wunderbar zu bewegen weiß und einen, von den Ballettschülern der Staatlichen Ballettschule Berlin Sabrina Salva Gagliolo und Denys Popovich zauberhaft getanztes Pas de deux zum Vilja-Lied kreierte. Bühnen- und Kostümbildnerin Madeleine Boyd sorgte mit ihren Kreationen für fantasievoll bunten Augenschmaus, der vermuten lässt, es benötigt mehrere Vorstellungen als Besucher, um jeden einzelne wertschätzen zu können. Ihr Bühnenbild schickt da Publikum direkt unter die erste Plattform des Eiffelturms und Elemente, wie eine semi-durchsichtige Wand, um einen Pavillon zu suggerieren, oder eine sich windende, bis zum Bühnenhimmel reichende Showtreppe im Hintergrund, umschreiben dann die Orte an denen, das Stück jeweilig spielt.

Vom ersten Moment an wird klar, dass nicht nur das Publikum, sondern auch sämtliche Darsteller viel Freude an dieser Produktion haben. Das gilt für alle, am Ende in Leder und Netzstoffe gekleideten Grisetten Jasmin Jablonski, Malgorzata Przybysz, Andreja Schmeetz, (wie auch Tänzer/innen des Balletts), ob nun weiblich oder männlich, für die Tänzer der Volkstänze und den stimmstarken Chor. Vor allem aber gilt es auch für Darsteller aller weiteren Rollen: Michał Prószyński (Vicomte Cascada), Matthias Stier (Raoul de St. Brioche), Sebastian Matschoß (Bogdanowitsch), Theresa Derksen-Bockermann (Sylvane), Andreas Sebastian Mulik (Kromow), Janine Metzner (Olga), Krzysztof Gasz ( Pritschitsch) und Annegret Glaser (Praskowia). Besonders viel Witz versprühen die Dialoge zwischen Michael Eder (Mirko Zeta) und Andreas Bißmeier, als launig bissiger Negus.

Staatstheater Braunschweig/DIE LUSTIGE WITWE/ Ivi Karnezi, Vincenzo Neri ©Björn Hickmann/ stage picture

Last“, aber ganz sicher niemals „least“, begeistern die beiden, teilweise verhinderten Liebespaare. Milda Tubelytė (Valencienne) und Kwonsoo Jeon, als ihr treuer und hartnäckiger Verehrer Camille de Rosillon, flirten und schäkern charmant. Tubelytė ist eine wirklich reizend kokette Valencienne, die schauspielerischen Witz mit einem klaren hellen Sopran zu verbinden weiß, so dass die Stimme nicht nur gesangliche Schönheit, sondern auch Zwischentöne bietet, die andeuten, welche Sehnsucht zum Beispiel hinter ihrem Lied „Ich bin eine anständige Frau“, wirklich steckt. Fast herzergreifend schön interpretieren beide die Szene „Mein Freund, Vernunft/Wie eine Rosenknospe…“ Und auch das anschließende Schattenspiel im Pavillon verdient der Erwähnung.

Kwonsoo Jeon brillierte bereits in Braunschweig als Rudolfo. Als Camille zeigt er neben seinem sicher geführten und dabei ausdrucksvollen Stimme, mit tollen Spitzentönen, ein Talent für Komik. Wunderbar seine Pantomime zu dem Duett „Ja was – ein trautes Zimmerlein“ (Zauber der Häuslichkeit).

Vincenzo Neri, der als 24 Jähriger als Belcore in Donizettis Liebestrank an der Staatsoper Hamburg Humor zeigte, beweist als Danilo, dass er ohne Schwierigkeiten Witz und Ironie mit Melancholie und Sehnsucht verbinden kann, ohne den Bogen in die eine oder andere Richtung zu überspannen. Herrlich die Szenen in der er betrunken spielt, berührend ohne kitschig zu sein, das Duett und die Szene mit Hanna: „Lippen schweigen“. Auch stimmlich zieht er in dieser, für einen Bariton recht hochliegenden Partie, in seinen Bann. Sein Timbre schon geht unter die Haut, wie auch die einfühlsame Art, mit der er es moduliert. Das zeigte er bereits als Marcello in Puccinis La Boheme im vergangenen Dezember.

Sie ist die Dritte im Bunde, der jungen Sänger, die bereits in La Boheme ihr Können präsentierten. Damals als Mimi, nun in der Titelrolle der Operette, als die lustige Witwe Hanna Glawari: Ivi Karnezi. Ihre Hanna Glawari ist ohne jegliche Allüren, sondern lebensnah und authentisch. Ähnlich wie der Danilo ihres Bühnenpartners Vincenzo Neri. Dazu passt es, dass diese beiden die einzigen sind die alltagstauglich, aber auch mal festlich, gekleidet sind und nicht schrill. Er im Casual-Künstleroufit in Anzug und mit stylischem Schal. Sie zuerst in einem Businesskostüm, dann in einem stilvollen Overall und zuletzt in einer roten Abendrobe.

Staatstheater Braunschweig/DIE LUSTIGE WITWE/ Ivi Karnezi, Vincenzo Neri
©Björn Hickmann/ stage picture

Mit jedem Outfit gelingt es Karnezi, Hannas verschiedene Facetten zu zeigen: Die Geschäftsfrau, die Lebenshungrige und die würdevoll und aufrichtig Liebende. Karnezi versteht es, mit ihrer Stimme Bilder zu malen und das Publikum mitfühlen zu lassen. Durch die Art wie sie singt, betont und sich bewegt, erkennt der Zuhörer den Zusammenhang zwischen dem Liebes-Pas de deux, der das Vilja Lied begleitet und der Geschichte von Hanna und Danilo noch deutlicher, als nur durch den Text allein.

Fehlt es in Rezensionen anfangs an einem oder gar mehreren Kritikpunkten, folgt dieser ja meist dann doch noch beim Orchester und seinem Dirigenten. Doch weit gefehlt! Iván López Reynoso und das Staatsorchester Braunschweig entlockten Lehárs Musik jeden Zoll Fröhlichkeit, Lebensfreude und Sehnsucht.

Als nach der erste tosenden Applausrunde eine mit der Reprise verschiedener Melodien folgte, hielt es den einen oder anderen Zuschauer nicht mehr auf den Sitzen, die anderen klatschten, jubelten, trampelten. Einige derer, die später Schreibers Aufforderung hörten, doch auch mit Kindern oder Enkeln die Vorstellung zu besuchen, werden dies sicher tun. Und das zu Recht.

 

  • Rezension der besuchten Premiere von Birgit Kleinfeld / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Weitere Termine, Infos und Kartenvorverkauf unter DIESEM LINK
  • Titelfoto: Staatstheater Braunschweig/DIE LUSTIGE WITWE/ Ivi Karnezi, Vincenzo Neri
    ©Björn Hickmann/ stage picture

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