Theater an der Wien: „Elias – Ein Prophet zwischen Glaubenskrieg und Erlösung“

Theater an der Wien/ELIAS/Christian Gerhaher (Elias), Kai Rüütel (Der Engel), Carolina Lippo (Seraph), Ann-Beth Solvang (Die Königin), Arnold Schoenberg Chor/ Foto ©Werner Kmetitsch

Lautlos öffnet sich der Vorhang, eine leere, schwarze Bühne – in der Ferne wandert Christian Gerhaher als Prophet Elias in Richtung der Zuschauer; nach wenigen Sekunden erschallen dumpfe Akkorde aus dem Orchestergraben. Kärglich beleuchtet predigt der Prophet „So wahr der Herr, der Gott Israels lebet“. (Rezension der besuchten Vorstellung v. 23.2.2019)

 

Eine grausame Geschichte des Alten Testaments, ein passender Stoff für den katalanischen Skandalregisseur Calixto Bieito. Dieser stellt neben Elias den Chor als Protagonist in den Mittelpunkt seiner Inszenierung. In diesem szenischen Oratorium verzichtet Bieito fast gänzlich auf ein Bühnenbild und Requisiten. Lediglich von der Bühnendecke herabhängende Metallplatten zerschneiden die dunklen Schatten des Scheinwerferlichts. Der Regisseur Bieito ist ein Meister der Personenregie: Der Chor bewegt sich kontinuierlich auf der Bühne, singt herabliegend vom Boden, blutbeschmiert im Kampfe oder in ausdrucksstarker Mimik vom Bühnenrand ins Publikum. Hierbei wirkt keine Bewegung platt, nichts ist aufgesetzt, alles ist bedeutungsvoll im Einklang mit der spärlichen Beleuchtung in Szene gesetzt. Der Arnold Schoenberg Chor unter der Leitung Erwin Ortners verfügt neben einer stimmlichen Brillanz über ein ebenso ausgeprägtes schauspielerisches Talent. Jeder Sänger ist individuell gekleidet und gestaltet seine Figur mit persönlicher Schärfe. Bei Bieito dient der Chor nicht als anonyme Masse, sondern erfüllt eine individuelle Charakterdarstellung. Die übrigen Solisten der Produktion gliedern sich in die Bewegungen des Chors ein und treten sporadisch in den Dialog mit dem Propheten. Hierbei bildet Elias einen Gegenpol, hebt sich von Chor und Solisten ab, führt diese an und bietet seinen Gegnern Parole.

Der Bariton Christian Gerhaher gestaltete seine Rolle in eigener persönlicher Deutung. Hierzu gab ihm der Regisseur in enger Zusammenarbeit die größtmögliche Freiheit. Die Produktion steht und fällt mit Christian Gerhaher als Elias. Er ist ein Jahrhundertsänger und als Liedinterpret unübertroffen. Jedes Jahr stellt er sein Können in nur wenigen auserwählten Opernproduktionen unter Beweis. Stets reizen Christian Gerhaher neue Rollen, ungewöhnliche Stücke, progressive Regisseure und Komponisten jeder Epoche. Christian Gerhaher zeigte als Elias, dass sich dramatischer Gesang und die Intimität des Liedvortrages nicht ausschließen, sondern gegenseitig ergänzen können. Dutzende Male rief er „Herr“ oder „Gott“, vor Wut zitternd, oder ängstlich mit Tränen in den Augen, stets erklang die Silbe anders. Seine klare, feste und ausdrucksstarke Stimme trug mühelos über das Orchester. Seine Autorität auf der Bühne erarbeitete sich Gerhaher durch stimmliche Perfektion, er verzichtete auf überschwängliche Gesten. In seiner Aussprache verfügte er über die Dramatik eines Schauspielers, wobei monatelange akribische Arbeit in seiner Rollengestaltung deutlich wurden.

Theater an der Wien/ELIAS / Maximilian Schmitt (Obadjah), Arnold Schoenberg Chor, Christian Gerhaher (Elias) / Foto © Werner Kmetitsch

Die weiteren Solisten des Abends sangen ebenfalls in höchster Exzellenz. Allen voran ist hier die Sopranistin Maria Bengtsson mit ihrer umfangreichen Partie zu loben. Ihre Stimme ist fest und sicher in jeder Lage, ihre Rollendarstellung von ergreifender Intimität. Auch Bengtsson betonte die Silben stets bewusst, ihre Aussprache war deutlich. Die Tenorpartie des Oratoriums wurde mit Maximilian Schmitt – ebenfalls ein erfahrener Liedsänger – ausgezeichnet besetzt. „Zerreißet eure Herzen und nicht eure Kleider“, Schmitt wusste in seiner Anklage stets den richtigen Ton zu finden, erschütterte mit seinen Worten das Volk Israels ebenso wie das Gemüt von Elias. Kai Rüütel sang den Engel, die Mezzopartie des Oratoriums. Sie wirkte hierbei überraschend bedrohlich, sie war kein Hoffnungsbringer, sondern vielmehr ein gefallener Engel. Rüütel sorgte mit fester Stimme durch das Verteilen von Todesküssen für Unbehagen beim Zuschauer – omnipräsent wich dieser Engel nie von der Seite des Propheten.

Nur selten werden Oratorien szenisch aufgeführt, vornehmlich sind sie im Konzertsaal zu hören. Mit diesem Elias beweist das Theater an der Wien als „drittes Wiener Opernhaus“, dass es qualitativ definitiv in der ersten Liga mitspielt. Durch höchste szenische und musikalische Perfektion wurde ein wahres Gesamtkunstwerk erschaffen. Die kontinuierlich ansteigende Dramatik im Orchester, exzellente Darsteller auf der Bühne, der stimmgewaltige Chor und beeindruckende Bildern der Regie – über diese Produktion wird noch jahrelang gesprochen werden.

Zum Schluss starrt Elias in das Publikum, seinem Volk sowie dem Zuschauer bleiben noch Fragen offen: Fährt der Prophet in den Himmel? Wer befreit das Volk Israels? Hat der Glaube an den einen Gott noch eine Zukunft?

Christian Gerhaher, in dieser Inszenierung nur der Prophet, ist er doch in der Kunst der lebendig gewordene Erlöser des Liedgesangs.

 

  • Rezension von Phillip Schober /Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Homepage des Theater an der Wien
  • Titelfoto: Theater an der Wien/ELIAS/ Christian Gerhaher (Elias), Carolina Lippo (Seraph), Ann-Beth Solvang (Die Königin), Maria Bengtsson (Die Witwe), Ensemble, Arnold Schoenberg Chor / Foto ©Werner Kmetitsch

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