Oh Leopold! – „Im weißen Rössl“ stürmisch gefeiert im Opernhaus Dortmund

Im weissen Rössl / Theater Dortmund/Matthias Störmer, Irina Simmes/Foto @ Anke Sundermeier-Stage Pictures

Populär ist, wenn schon allein der Titel einer Operette – oder wie in diesem Falle, eines Singspiels – eine wohlbekannte Melodie im Kopf erklingen lässt und man diesen Ohrwurm mitunter schwer los wird. So gehts vielen, wenn sie an das „Weiße Rössl“ von Ralph Benatzky denken. 1930 in Berlin uraufgeführt, hatte es am vergangenen Samstag im Opernhaus Dortmund Premiere. Das Publikum im nahezu ausverkauften Haus feierte die knapp dreistündige Aufführung mit stehenden Ovationen und lautstarker Begeisterung. Dortmunds Intendant Heribert Germeshausen, wie stets bei den Premieren in einer der vorderen Sitzreihen im Saal dabei, durfte wohl nach diesem Abend mit einem sehr guten Gefühl das Theater verlassen haben. Mal wieder alles richtig gemacht! Der sprichwörtliche Funke von der Bühne sprang augenblicklich über ins Publikum, es wurde bestens unterhalten und die Oper Dortmund darf sich erneut hochverdient über einen weiteren Erfolg freuen. Ein Erfolg, an dem das glänzend aufgelegte Ensemble natürlich maßgeblichen Anteil hatte. Regisseur Thomas Enzinger sparte dabei nicht mit landestypischem Lokalkolorit, auch nicht mit Witz und einer gehörigen Prise Augenzwinkern in seiner temporeichen Inszenierung.  Aber Star des Abends war der Kellner Leopold! (Rezension der Premiere vom 18.1.2020)

 

Die Handlung vom WEIßEN RÖSSL ist schnell erzählt: Die verwitwete Pensionswirtin Josepha Vogelhuber unterhält den Gasthof mit Fremdenzimmer „Das weiße Rössl“ am Wolfgangsee. Eben in jenem landschaftlich so reizvollen Salzkammergut, das ja auch ausgiebig in diesem Stück besungen wird.  Sie hat ein Auge auf den alljährlichen Stammgast aus Berlin, den Rechtsanwalt Dr. Otto Siedler, geworfen und wartet zu Beginn der Handlung auf die Ankunft des begehrten Gastes. Sehr zum Unmut ihres Oberkellners Leopold, der seinerseits seine Chefin Josepha tief verehrt und ihr täglich anonym eine Rose zukommen lässt. Sie denkt, die Blumen kommen aus Berlin und Leopold hofft, dass sie doch endlich bald erkennen möge, wer der heimliche Rosenpostillion ist. Die Gäste kommen an. Unter ihnen auch der Berliner Fabrikant Wilhelm Giesecke mit Tochter Ottilie, später dann noch der besagte Rechtsanwalt und zu alledem erscheint auch der geschäftliche Rivale von Giesecke, der „schöne Sigismund“ Sülzheimer. Eine Geschichte voller kleinerer und mittlerer Verwicklungen in gebirgiger Atmosphäre und natürlich – wie sollte es bei einem Singspiel auch anders sein – mit Happy-End. Und das sogar dreifach. Aber am Ende ist die Wirtin Josepha nicht mehr allein für ihr Traditionshotel zuständig. Kellner Leopold wird ihr als ihr zukünftiger Ehemann ab sofort zur Seite stehen. Verpackt ist diese Geschichte mit vielen bekannten Musiknummern, die teilweise zu regelrechten Gassenhauern wurden und die dafür gesorgt haben, dass dieses Hotel bis heute auf der ganzen Welt einen Namen hat.

Die Oper Dortmund zeigt die sogenannte bühnenpraktische Rekonstruktion des Originals von 1930, welche in Zusammenarbeit mit der Staatsoperette Dresden durch Matthias Grimminger und Henning Hagedorn, unter Mitarbeit von Winfried Fechner,  erstellt wurde. 

Im weissen Rössl / Theater Dortmund/Matthias Störmer, Ensemble/Foto @ Anke Sundermeier-Stage Pictures

Regisseur Thomas Enzinger, der bereits in Dortmund mit Roxy und ihr WunderteamDie Blume von Hawaii und zuletzt Das Land des Lächelns große Erfolge feiern konnte, bleibt sich auch mit seiner Inszenierung des WEIßEN RÖSSLS treu. Mit viel Witz, Tempo, aber dabei auch den Blick auf kleine zwischenmenschliche Gesten nicht ausblendend, zeigt er die Geschichte um das berühmte Hotel und seiner Menschen darin. Es ist auch einiges an Ironie im Spiel, wenn er die Protagonisten des Stückes in einer fast „unheimlich heilen“ Bergwelt, mit glücklichen Kühen und Pferden am Bühnenrand, spielen lässt. Dazu passt es dann auch bestens, wenn die ersten Hotelgäste ankommen, dass auf der Bühne ein regelrechtes Gewimmel an Touristen diese Bergwelt mit ihren kleinen und großen Ansprüchen bevölkern. Ein Blick auf Berge und Co. und weiter gehts auf Reisen. Nicht ohne Sinn hängt über der Bühne ein großes Schild mit der Aufschrift „Welcome!“. Reisen ist eben international. Das heimelige Bühnenbild und die traditionellen Kostüme (Bühnenbild, Kostüme: Toto) passen sich der alpenländlichen Idylle vortrefflich an. Enzinger bedient viele Klischees auf sehr amüsante Weise: sei es der notorisch genervte Oberkellner, der typische Berliner Fabrikant mit frecher Schnauze, die Wirtin im feschen Dirndl, der gelangweilte Kaiser Franz Josef (wunderbar interpretiert von Ks. Hannes Brock) oder auch der auf besondere Weise so schöne Sigismund. Besonders beim Oberkellner geht das Konzept besonders auf. Aber dazu später mehr.

Thomas Enzinger lässt seine Darsteller singen – und auch viel tanzen. Die Tanzeinlagen waren bereits in früheren Zeiten feste Bestandteile dieser Operette/Singspiels. In Dortmund kann sich der Regisseur auf ein äußerst spielfreudiges Ensemble stützen, wobei hier auch ausdrücklich die Tänzerinnen und Tänzer des Dortmunder Balletts erwähnt werden müssen. In der Choreografie von Ramesh Nair sind sie fast die gesamte Spieldauer über gefordert und meistern ihre Einsätze hervorragend und erhielten dafür auch am Ende hochverdienten großen Applaus vom Premierenpublikum.

Apropos Witz und Pointen: vieles war herrlich dargestellt, teilweise bestens und höchst amüsant überzeichnet. Steffen Schortie Scheumann begeisterte als griesgrämiger Wilhem Giesecke in schönstem Berliner Jargon und erinnerte in seinem gesamten Auftreten an den legendären „Ekel Alfred“ aus der TV-Serie „Ein Herz und eine Seele“, wie auch die in Dortmund sehr beliebte Johanna Schoppa in ihrer Rolle als „rappende“ und stimmgewaltige Kathi. („Baden im See, baden im See….„). Enzinger liess kaum ein Klischee aus, und offenbar traf er den Geschmack des Publikums, welches sich mehrfach köstlich amüsierte. Herrlich bunt und knallig, aber auch eben voller Gefühl und Herz und Schmerz!

Gesungen und getanzt wurde auf der Bühne viel. Irina Simmes spielte eine Wirtin Josepha Vogelhuber, die zwischen Pflicht und Liebe ständig hin-und her gerissen war mit viel Gefühl und auch Temperament, auch im Gesang. Ihr anfangs zur Seite der Rechtsanwalt Dr. Siedler, der mit Fritz Steinbacher vortrefflich besetzt war. Morgan Moody als Sigismund war in jedem Fall eine absolut stimmige Besetzung. Der amerikanische Bariton hat mittlerweile sehr viele Fans in der Oper Dortmund und wusste einmal mehr zu überzeugen. Die beiden Töchter Ottilie und Klärchen klasse besetzt mit Giulia Montanari und Karen Müller.  Wunderbar auch Frank Voß in der Doppelrolle des verstreuten Professor Hinzelmann und des resoluten Bergführers. Und schliesslich gab Tomas Stitilis einen herrlich hilf- und planlos wirkenden Piccolo-Kellner von viel Format.

Im weissen Rössl / Theater Dortmund/Matthias Störmer, Johanna Schoppa/Foto @ Anke Sundermeier-Stage Pictures

Als eine in jeder Hinsicht geltende Idealbesetzung darf man Matthias Störmer in der Rolle des Zahlkellners Leopold bezeichnen. Dem gebürtigen österreichischen Bariton lag am Ende nicht nur seine angebetete Josepha Vogelhuber zu Füßen – im übertragenen Sinne tat dies sogar das ganze Premierenpublikum! Was für eine großartige Vorstellung dieses jungen Sängers! Er spielte und sang die Rolle mit so viel Charme, Leidenschaft und Charisma, dass er unumstritten zum Dreh-und Angelpunkt der gesamten Aufführung avancierte. Das er, vermutlich nicht nur mich, des öfteren an den großen Vollblutkünstler Peter Alexander erinnerte, – seinen Landsmann, der diese Rolle seinerzeit geprägt hatte -, mag sicher nicht nur ein innerer Vergleich sein, sondern vielmehr als besondere Anerkennung für sein Debüt in Dortmund gelten. Ich denke, schöner und gefühlvoller kann man „Zuschau’n kann i net“ nicht singen, als es Matthias Störmer als unglücklich verliebter Oberkellner tat. Aber IHM zuzuschauen, sollte ein MUSS sein! BRAVO Matthias Störmer!

Der Opernchor (Leitung Fabio Mancini) und die Statisterie des Theater Dortmunds waren auch in dieser Inszenierung viel beschäftigt und rundeten den glänzenden Gesamteindruck ab. Sie sorgten auf der Bühne für das typische touristische Leben und Treiben an einem Urlaubsort, wie wir es oftmals kennen.

Dirigent Philipp Armbruster leitete die Dortmunder Philharmoniker durch diese musikalische Gebirgsreise mit ihren vielen Rhythmen, Ohrwürmern und Walzern und durfte sich am Ende auch von den restlos begeisterten Zuschauern feiern lassen.

 

  • Rezension von Detlef Obens / Das Opernmagazin
  • Theater Dortmund / Stückeseite
  • Titelfoto: Im weissen Rössl / Theater Dortmund/Matthias Störmer, Irina Simmes/Foto @ Anke Sundermeier-Stage Pictures

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