Mannheim: „Die Frau ohne Schatten“ – Mutterschaft als Daseinsberechtigung

Nationaltheater Mann/Frau ohne Schatten/Catherine Foster (Die Färberin)/Copyright: Hans Jörg Michel

Die Frau ohne Schatten von Richard Strauss am Nationaltheater Mannheim.

Premiere am 17. März 2007, besuchte Vorstellung der Wiederaufnahme am 12. Januar 2020. 

 

Der Mann ging zur Jagd, später zur Arbeit … die Frau kümmerte sich um das Heim, den Herd, die Kinder und stärkte ihrem Mann den Rücken durch weibliche Fähigkeiten wie Empathie, Verständnis, Vorsicht … es ist die Frau, die in der Wahrnehmung ihres Schöpfungsauftrages die Familie zusammenhalten kann … wenn es zeitlich für sie passt, denkt sie auch über Kinder nach, eventuell, Kinder sind eine Option, keine Selbstverständlichkeit … wir sterben aus.“

Diese Zitate sind nicht aus dem Jahr 1904 oder 1919, sie sind von Eva Hermann (Die Emanzipation – ein Irrtum?), der ehemaligen Tagesschausprecherin und aus dem Jahr 2007. Abgedruckt sind sie im Programmheft zur Frau ohne Schatten aus der Spielzeit 2006/2007, das jetzt zur Wiederaufnahme nachgedruckt wurde, ohne die Texte zu hinterfragen.

Nationaltheater Mann/Frau ohne Schatten/Julia Faylenbogen (Die Amme), Catherine Foster (Die Färberin)/Copyright: Hans Jörg Michel

Die Frau ohne Schatten ist eine Oper in drei Aufzügen von Richard Strauss, der Text stammt wieder von Hugo von Hofmannsthal wie zuvor schon bei der Elektra, dem Rosenkavalier und der Ariadne auf Naxos. Sie spielt in einem Märchenland zur Märchenzeit. Die Uraufführung fand am 10. Oktober 1919 an der Staatsoper Wien statt (Dirigent Franz Schalk, Regie Hans Breuer, Bühne Alfred Roller, die Färberin wurde von Lotte Lehmann gesungen). Einige Tage später fand als Premiere einer zweiten Einstudierung die Erstaufführung in Dresden an der Semperoper unter Fritz Reiner statt. Die Uraufführung war ein großer Erfolg, die Oper setzte sich an deutschen und internationalen Bühnen aber nur zögernd durch. Das szenisch wie musikalisch sehr anspruchsvolle Werk überforderte die meisten Theater. Nicht nur an kleinen und mittleren Häusern kam es zu unzureichenden Aufführungen, selbst in Wien wurde es wegen der anspruchsvollen Rollen und Problemen mit der Inszenierung und dem Bühnenbild „öfter abgesagt als gegeben“ (Zitat Strauss).

Hugo von Hofmannsthal verband in seinem Libretto Motive aus den unterschiedlichsten Sagenkreisen. Einige Motive der Handlung stammen aus orientalischen Quellen, der Schatten dagegen ist ein Symbol der Fruchtbarkeit aus der nordischen Sagenwelt. Der Verkauf des Schattens entspricht dem christlichen Motiv des Seelenverkaufs.

Norbert Abels, bis vor kurzem Chefdramaturg an der Oper Frankfurt, machte nach einem Gespräch mit Christof Nel, dem Regisseur der Frau ohne Schatten 2003 an der Oper Frankfurt, die folgende Notiz: „Wenn die Kaiserin ihren Schatten wirft, wird nicht eigentlich dieser Schatten erblickt, sondern der Körper der Frau, dem nicht länger mehr die Signatur eines Mangels, die Signatur der Schattenlosigkeit zugewiesen wird, sondern nunmehr die Erfüllung einer gesellschaftlichen Funktion; die Mutterschaft als Einlösung eines sanktionierten Daseinsgesetzes.“

Die Handlung (Zitat aus Wikipedia)

Vorgeschichte

Der Kaiser der südöstlichen Inseln hat auf der Jagd mit seinem Falken eine weiße Gazelle gestellt, die sich vor seinen Augen in eine schöne Frau verwandelt, nämlich in die Tochter des Geisterkönigs Keikobad (nach dem Herrscher Kai Kobad in der persischen Mythologie). Er begehrt sie und nimmt sie zur Frau, aber weil die Kaiserin keinen Schatten wirft, gehört sie nicht vollständig zu den Menschen, denn Schatten, Fruchtbarkeit und menschliche Empathie sind ein- und dasselbe. Ihr zur Seite steht die Amme, die alles Menschliche verabscheut, die Kaiserin aber über alles liebt. Die Amme teilt über den Kaiser mit: „Er ist ein Jäger und ein Verliebter, sonst ist er nichts! Seine Nächte sind ihr Tag, seine Tage sind ihre Nacht.“

*Inhaltsangabe der Oper/Wikipedia-Link

Nationaltheater Mann/Frau ohne Schatten/Andreas Hermann (Der Kaiser)/Copyright: Hans Jörg Michel

Die Inszenierung

In Anbetracht des Riesenwerks, in dem die Sänger Anspruchsvollstes zu singen haben und der Orchestergraben im wahrsten Sinn des Wortes überquillt von geteilten Streichergruppen, vervierfachtem Blech, Glasharmonika, chinesischen Gongs und Celestas, stöhnt mein Sitznachbar nach dem zweiten Akt, er braucht dringend Entspannung. Es herrscht offensichtlich Anspannung pur auch unter den Zuschauern, keiner rührt sich, kein Huster ist zu hören, kein Papierknistern.

Die Handlungsebenen sind musikalisch scharf voneinander getrennt. Grelle, harmonisch gewagte Themen bei den Zaubermächten wie dem nie auftretenden Geisterkönig und der Amme, romantisches für das Kaiserpaar, melodramatisches für das Färberpaar. Alle Möglichkeiten der Instrumentation von fast atonalen Ausbrüchen bis zu zarten Violin- und Cellosoli schöpft Strauss aus. Und das Orchester des Nationaltheaters Mannheim, auf den Solopositionen hinreißend besetzt, folgt ihm aufs Wort beziehungsweise die Partitur. Ein überwältigender Klangrausch.

Auf die Drehbühne ist als Spielfläche ein großer quadratischer Kasten montiert, er ist so dimensioniert, dass die Drehung gerade noch stattfinden kann, ohne dass die Ecken am Bühnenrand hängenbleiben. Dieser Kasten kann an den unterschiedlichsten Stellen geöffnet werden und ermöglicht es den Protagonisten somit, nach unten oder oben gefahren zu werden oder zu laufen. Über dem Kasten hängt eine ebenfalls quadratische Decke, eigentlich ein Rahmen, der in die unterschiedlichsten Stellungen gebracht werden kann. Ein Lieblingsrequisit in Mannheim? Es wurde vor kurzem auch in der Peter-Grimes-Inszenierung eingesetzt. Auf dem Rahmen steht eine kleine Gazelle. Grau, blau, grün sind die vorherrschenden Farben. Ein Bett, ein Tisch und Stühle, ein Stehpult und eine Doppeltür, die mitten im Raum steht und durch die man hinein und auch hinaus oder heraus gehen kann, definiert wird das erst im Moment des Tuns. Das Gehen der Sängerinnen und Sänger mit der Drehung der Bühne ist ein schöner Einfall der Regie, es ist Bewegung auf der Bühne, ohne dass die Position verlassen wird. Mit der dramatischen Entwicklung der Geschichte verändert sich die Bühne hin zum Chaos, der Bühnenboden ist an vielen Stellen geöffnet, alle Möbel sind in Schieflage. Und so ist auch der Zustand der Protagonisten. Von Gefühlslage kann man zunächst nur beim Menschenpaar, Färber und Färberin, sprechen. Der Kaiserin und der Amme fehlt dazu die Empathie.

Nationaltheater Mann/Frau ohne Schatten/Julia Faylenbogen (Die Amme), Miriam Clark (Die Kaiserin)/Copyright: Hans Jörg Michel

Kaiser und Kaiserin tragen helle Kleidung, beide haben weiße lange fusselige Haare. Der Falke des Kaisers wird symbolisiert durch einen hellroten Latexhandschuh. Barak, der Färber trägt Weste und Hose in schwarz, die Hose mit weißen Biesen. Seine Frau ist blau gekleidet, langer gestreifter Rock und eine blaue Bluse. Genauso sind die Jungen und Mädchen des Kinderchors gekleidet, sie stellen die ungeborenen Kinder dar. Ein Farbklecks dazwischen ist die Amme in Gelb, langer gestreifter Rock und gelbe Bluse, ihre dunkle Perücke macht einen leicht asiatischen Eindruck. Oder ist doch eher eine Anlehnung an die Lockenperücken britischer Anwälte? Oder doch eher ein Bienenstock? Auf jeden Fall hübsch. Baraks Brüder, Einäugiger, Einarmiger, Buckliger, sind recht zerlumpt in Brauntöne gewandet. Ein wunderbarer Einfall der Kostümabteilung ist es, die Sänger und Sängerinnen des Geisterboten, des Hüters der Schwelle des Tempels, die Erscheinung eines Jünglings, die Stimme des Falken und die Stimme von oben in schwarzen Shirts auftreten zu lassen, auf denen genau diese Bezeichnungen in roter Schrift aufgedruckt sind. Der Jüngling, der von der Amme herbeigezaubert wird, um die Frau des Färbers zu verführen, trägt zu seiner schwarzen Hose einen silbernen nackten Oberkörper und kommt gleich dreimal vor, ein wenig Auswahl muss schon sein.

Die Sängerinnen und Sänger

Andreas Hermann, der Kaiser, singt die Rolle mit seinem sehr hellen Tenor und wirkt dabei immer etwas abwesend und vergeistigt. Ein wenig mehr Emotion hätte ich mir spätestens gewünscht, als er die Kaiserin erwürgen will. Er konnte es ja zum Glück nicht.

Nationaltheater Mann/Frau ohne Schatten/Julia Faylenbogen (Die Amme), Miriam Clark (Die Kaiserin)/Copyright: Hans Jörg Michel

Miriam Clark, die Kaiserin, hat einen sehr hohen und ausdrucksstarken Sopran. Vom verspielten Mädchen mit baumelnden Beinen verwandelt sie sich in eine ernsthafte Frau und spielt das sehr überzeugend.

Julia Faylenbogen, die Amme, hat einen traumhaften Mezzosopran, meine Favoritin an diesem Abend. Ihr schauspielerisches Talent ist beeindruckend, sie beherrscht das Bühnengeschehen auf eine sehr positive Art. Eine Traumrolle hatte sie sowieso an diesem Abend.

Kammersänger Thomas Jesatko, Barak der Färber, ein unaufgeregter gestandener Bariton, dabei kein bisschen langweilig, sang diese Rolle bereits bei der Premiere in der Saison 2006/2007. Schöne klare nichtkehlige Stimme, so wünsche ich es mir.

Catherine Foster, die Färberin, war outstanding. Was soll ich dazu noch mehr sagen.

Joachim Goltz, Geisterbote

Estelle Kruger, Hüter der Schwelle des Tempels

Juraj Holly, Erscheinung eines Jünglings

Natalija Cantrak, Stimme des Falken

Gerda Maria Knauer, Stimme von oben

Ilya Lapich, Einäugiger

Marcel Brunner, Einarmiger

Raphael Wittmer, Buckliger

Allesamt wunderbare Sängerinnen und Sänger in leider nur kleinen Rollen, luxuriös besetzt.

Estelle Kruger, Natalija Cantrak, Malaika Ledig-Schmid als Dienerinnen

Klaus Reitz, Hofmannsthal

Unter der Leitung von Alexander Soddy spielten Orchester, Chor, Kinderchor und Statisterie des Nationaltheaters Mannheim

Gregor Horres, Inszenierung

Sandra Meurer, Bühne und Kostüme

Roland Quitt, Dramaturgie

Bernard Häusermann, Licht

Dani Juris, Chor

Anke-Christine Kober, Kinderchor

 

  • Rezension von Angelika Matthäus / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Nationaltheater Mannheim / Stückeseite
  • Titelfoto: Nationaltheater Mann/Frau ohne Schatten/Julia Faylenbogen (Die Amme), Miriam Clark (Die Kaiserin)/Copyright: Hans Jörg Michel

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