Musikalisch aufrüttelnd und ergreifende „Winterstürme“ mit Christian Thielemann: Wagner-Gala bei den Osterfestspielen Salzburg

Winterstürme: Sächsische Staatskapelle Dresden, Anja Kampe, Christian Thielemann (c) OFS/M. Creutziger

„Wes Herd dies auch sei, hier muss ich rasten“ – diese weltberühmten Anfangsworte Siegmunds eröffnen nach dem Vorabend „Das Rheingold“ zugleich den ersten Aufzug der „Walküre“. Dieser bildet bei den herbstlichen Osterfestspielen Salzburg den Mittelpunkt einer Wagner-Gala mit dem Titel „Winterstürme“. Christian Thielemann begeisterte am Allerheiligen-Wochenende mit einer Art improvisierter Ausgleichsfestspiele für das Ostern 2021 im Lockdown. Zwei Stunden Höhepunkte aus Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ blieben ein kleiner Trost für Thielemanns musikalisch größtes Opfer der Corona-Pandemie, seine beiden Anfangs dieses Jahres an der Semperoper Dresden ersatzlos abgesagten Ring-Zyklen. (Besuchtes Konzert vom 31.10.2021)

 

Den Chefdirigenten in einem Konzert bei der musikalischen Arbeit mit seinem Orchester und den drei Solist*innen zu beobachten, ist ohnehin viel aufregender als so mache Inszenierung einer Wagneroper. Denn Christian Thielemann wusste jedes Motiv mit eigenem Drama zu füllen, stetig baute er einen Spannungsbogen über den gesamten Aufzug, ließ diesen erst in den letzten Takten im „So blühe denn Wälsungenblut“ krachend sich entladen. Aufrüttelnd das unfassbar große Streichertremolo zu Siegmunds Wälse-Rufen, deutlich sichtbar in den ausladenden, synchron sich auf- und ab bewegenden Bögen in Violinen und Bratschen, auch die spannungsgeladene Generalpause vor dem Erlösungsmotiv der Götterdämmerung – Thielemann bewies erneut, dass er zurecht als mitunter distinguiertester Wagner-Dirigent der Gegenwart angesehen wird. Immer wieder wurde er aufs Podium gerufen, nach nur einem Aufzug der „Walküre“ tobte das Festspielpublikum enthemmter, als bei manch anderem Dirigenten zum Schlussapplaus eines 16-stündigen Ring-Zyklus.

Winterstürme: Sächsische Staatskapelle Dresden, Christian Thielemann, Anja Kampe, Stephen Gould, René Pape (c) OFS/M. Creutziger

Ob Richard Wagner die Partie der Sieglinde eigens für Anja Kampe komponiert hat? Mustergültig liegt sie ihr wie keine zweite. Kampe zeigte mit ihrem leidenschaftlichen, gleichermaßen angsterfülltem Rollenportrait, wie man als Sopranistin selbst bei einer solch dramatischen Gesangslinie noch mit dem Text arbeiten kann, die Worte formen und der Dichtung Ausdruck verleihen mag. Ihr gegenüber in der Partie des Siegmund Stephen Gould, der seit vielen Jahren für konstant als Heldentenor kontinuierlich an der Seite von Christian Thielemann für hohes sängerisches Niveau sorgt. Es ist seine absolut perfektionierte Gesangstechnik, sein großes Stimmvolumen, die Sicherheit in der Partie und die Bühnenerfahrung, die auch seinen Siegmund einzigartig werden ließen. René Pape wusste als Hunding sogleich mit wenigen, kraftvollen Worten seiner Autorität gebührenden Nachdruck zu verleihen. Seine raumausfüllende, runde Bassstimme und sein aggressives Auftreten ließ das Publikum in Schockstarre verharren.

Es folgte einer Aneinanderreihung der symphonischen Zwischenspiele der Götterdämmerung. Für gewöhnlich ein Aufatmen des Publikums zwischen den dramatischen Szenen, zeigte Thielemann, dass die „Morgendämmerung“, „Siegfrieds Rheinfahrt“ sowie der „Trauermarsch“ musikalisch auch für sich sprechen, bevor schlussendlich Anja Kampe noch einmal auf die Bühne zurückkehrte und mit dem Schlussgesang der „Starke Scheite“, einen Vorgeschmack auf ihre Brünnhilde gab. Diese Partie hat sie lediglich einmal in der „Walküre“ verkörpert, vor einigen Jahren, ebenfalls unter der Leitung Christan Thielemanns, bei den Osterfestspielen. Sie führte die „Starke Scheite“ nicht als eindrucksvolles Konzertstück auf, sondern vielmehr als wahrhafte Anklage an die Götter: Innig in Verachtung über das Geschehene, umso dramatischer ihre Erbitterung, ähnlich leidenschaftlich wie zuvor als Sieglinde, in den kraftvollen Spitzentönen jedoch etwas instabil, bleibt zu hinterfragen, ob sie nicht doch lieber von der Brünnhilde Abstand halten sollte. Unverkennbar liegen ihre Paraderollen für die Ewigkeit in einer Sieglinde oder der Senta.

Winterstürme: Christian Thielemann (c) OFS/M. Creutziger

Es bleibt zu hoffen, dass der bevorstehende Corona-Winter nicht so stürmisch daherkommen wird, wie Thielemanns aufwühlendes „Winterstürme“-Konzert. Man mag sich an den Gedanken eines österlichen Salzburgs ohne ihn noch gar nicht richtig gewöhnen. Mögen seine womöglich letzten Osterfestspiele – Wagners „Lohengrin“ ist für das nächste Frühjahr geplant – wieder reibungslos und ohne Lockdown stattfinden. Zumindest in der darauffolgenden Spielzeit, kurz vor seinem Abschied von der Staatskapelle Dresden, will Christian Thielemann noch einmal für zwei szenische Ring-Zyklen in den Orchestergraben der Semperoper zurückkehren, der Vorgeschmack aus Salzburg lässt wahrlich großen Wagner erahnen!

 

 

  • Rezension von Phillip Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Salzburger Festspiele
  • Titelfoto: Winterstürme: Christian Thielemann (c) OFS/M. Creutziger

 

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