Faszinierendes Seelendrama über die reine Liebe – „L´amour de loin“ in der Oper Köln

Oper Köln/L’AMOUR DE LOIN/Emily Hindrichs/Foto: © Paul Leclaire

Die erste erfolgreiche von einer Frau komponierte Oper, die ich gesehen habe ist „Lámour de loin“ (Die Liebe aus der Ferne) der finnischen Komponistin Kaija Saariaho und des libanesisch-französischen Librettisten Amin Maalouf. Mit der Kölner Erstaufführung dieser Oper zeigen Intendantin Dr. Birgit Meyer und Dramaturg Georg Kehren, dass die Kölner Oper immer noch  in der Top-Liga europäischer Opernhäuser mitspielt, indem sie das Auftragswerk für die Salzburger Festspiele 2000, das weltweit, unter anderem an der Metropolitan Opera in New York, aufgeführt wurde, im Staatenhaus  umsetzen. Musikalisch ist die anspruchsvolle Produktion hervorragend, der Chor unter der Leitung von Rustam Samedov, das Gürzenich-Orchester unter der Leitung von Constantin Trinks und die Solisten Emily Hindrichs, Katrin Wundsam und Holger Falk setzen die Partitur überaus spannend und farbig um. Es ist eine Oper über Liebe und Tod. Der Regisseur Johannes Erath stellt sich der Herausforderung, die Handlung, die sich überwiegend in inneren Kämpfen der Protagonisten abspielt, durch ein Feuerwerk von Video-Einblendungen und durch eine Dopplung des Mannes Jaufré und der Frau Clémence zu verdeutlichen. Dadurch wird das Stück auch für Besucher, die sich nicht mit den Feinheiten des Minnegesangs auskennen, verständlich. (Rezension der Vorstellung v. 27.10.2021)

 

Die Komponistin nutzt die Technik der Spektralmusik, Musik, die auf feinen Modulationen des Grundakkords aufgrund der physikalischen Eigenschaften des Tons basiert, die auch durch besondere Spieltechniken der Instrumente und Einblendungen elektronischer Klänge erreicht wird. So ergibt sich ein als flirrend und fließend empfundener Grundsound, der durch Hinzufügung von Dynamik und Rhythmus eine enorme dramatische Wucht entfacht.  Die Tonsprache setzt mittelalterliche (altfranzösische Troubadourgesänge des Pilgers) und orientalische Elemente (Lokalkolorit von Tripolis) ein und verlangt von den Musikern außergewöhnliche Techniken. Einen Eindruck gibt der Trailer.

Das stellt natürlich eine besondere Herausforderung für das Gürzenich-Orchester dar, das jedoch mit Constantin Trinks am Pult einen international renommierten Dirigenten hatte, der es verstand, aus der Partitur ein faszinierendes Klanggemälde zu zaubern. Es gibt viele dankbare Passagen für die Stimmführer. Schon die Ouvertüre, betitelt „Überfahrt“, ließ erkennen, dass Saariahos Musik eine ganz intensive, auch dramatische Tonsprache hat.

Das Personal der Oper ist reduziert auf eine lyrische Sopranstimme (Clémence), einen Mezzosopran (Pilger), einen Bariton (Jaufré) und einen Chor, der als organischer Bestandteil der musikalischen Substanz die emotionalen Bewegungen der Protagonisten ausdrückt. Dazu kommt ein großes Orchester mit viel Schlagzeug und zahlreichen Spielarten wie Tremoli, Vibrati, Mikrointervalle, verschiedener Bogendruck für die Streicher, Dämpfer, Atemgeräusche für die Bläser, zirkuläre Glissandi für die zwei Harfen und einem Keyboard, das elektronische Klänge beisteuert.

Oper Köln/L’AMOUR DE LOIN/Holger Falk, Silke Natho/Foto: © Paul Leclaire

Vorlage für das Libretto ist „La Vida breve“ des Troubadours Jaufré Rudel, eine Sammlung von sechs Gesängen in altfranzösischer Sprache aus dem 12. Jahrhundert, die die reine Liebe zu einer unerreichbaren Geliebten verklären. Sie sind in einer Übersetzung von Albert Stimming aus dem Jahr 1873 im Programmheft abgedruckt. Viel subtiler als Richard Wagner setzen sich Maalouf und Saariaho mit diesem Sujet auseinander und konstruieren die Figur des Pilgers, der dem Troubadour Jaufré de Rudel, der sich in einer Lebens- und Schaffenskrise befindet, suggeriert, es gebe eine solche vollkommene Frau, sie sei die in Tripolis lebende Gräfin Clémence.

Aus dieser Konstellation entwickelt sich ein fünfaktiges Drama, dessen dramatischer Höhepunkt die Seereise des Trobadours Jaufré zu Clémence ist, die ihre Identität weitgehend daraus bezieht, dass sie vom Toubadour idealisiert wird und darüber mit dem Pilger kommuniziert.  Der dritte Akt endet vor der Pause mit Jaufrés Entschluss, die riskante Überfahrt von Aquitanien nach Tripolis zu wagen um Clémence zu treffen. Die ist aufgrund der Erzählungen des Pilgers in Jaufré, den Dichter, verliebt und möchte ihn eigentlich gar nicht als Mensch kennenlernen. Die Liebe der beiden zu ihren fernen Partner*innen wird visualisiert durch Zärtlichkeiten mit den Avataren – Blicke, Händchenhalten, Streicheln und natürlich durch die immer intensiver werdende Musik und vor allem durch das Liebeslied des Troubadours, das der Pilger Clémence vorträgt.

Bei der stürmischen Seereise erkrankt Jaufré – er hat buchstäblich den Boden unter den Füßen verloren – und stirbt in Clémences Armen.

Die Weiträumigkeit der ursprünglichen Messehalle wird genutzt, um Jaufré links in einem fast raumhohen würfelförmigen Kasten, auf dessen Hinterwand immer wieder Bilder projiziert werden, mit seiner imaginierten „Elle“, verkörpert durch die Schauspielerin Silke Natho, Clémence auf einem sich drehenden Tableau mit ihrem „Lui“ (Daniel Calladine), neben der rechts noch der Chor aufgestellt ist, anzusiedeln. Dazwischen sitzt das groß besetzte Orchester. Das alles wird durch diffuse Spiegel an der Rückwand optisch verdoppelt, es entsteht ein gewaltiges Bühnenbild (Bühne: Bernhard Hammer) mit ungewöhnlich vielen Aktionen, obwohl der Chor statisch bleibt.

Die Wanderungen des Pilgers zwischen diesen beiden Welten, anfangs mit einem schwarzen Herrenanzug bekleidet, dann in einem rosafarbenen Pierrot-Kostüm (Kostüme: Katharina Tasch), am Ende wieder im Anzug, können in diesem Bühnenbild sehr greifbar verdeutlicht werden.

Die Inszenierung von Johannes Erath zeigt Szenen von Zärtlichkeit bis hin zur Erotik, die Jaufré mit „Elle“, dem Avatar von Clémence, ausspielt und die auch als große Videoprojektion gezeigt werden, die die Liebe der beiden verdeutlichen sollen. Die reine Liebe des Troubadours ist jedoch keusch wie die Anbetung Elisabeths durch Wolfram von Eschenbach in Wagners „Tannhäuser“ und hat mit Sexualität nichts zu tun.

Besonders die am Schluss eingefügte Szene, in der der tote Jaufré mit Clémence tanzt, ist problematisch. Ihre Liebe vollendet sich ungelebt in Jaufrés Tod. Die Liebe von Jaufré und Clémence bleibt rein, der Pilger, der die Begegnung durch seine Erzählungen provoziert und damit den Tod Jaufrés in Kauf nimmt, ist auf der ganzen Linie gescheitert, er erstarrt zur Salzsäule.

Oper Köln/L’AMOUR DE LOIN/Adriana Bastidas Gamboa, Emily Hindrichs, Daniel Calladine /Foto: © Paul Leclaire

Der Chor, häufig als Dialogpartner der agierenden Personen eigesetzt, ist organischer Bestandteil der musikalischen Substanz, kein Kommentator wie im griechischen Drama, sondern häufig das Gewissen der handelnden Person. Die Einstudierung stellte eine enorme Herausforderung dar, denn der Musik fehlt über lange Strecken der Rhythmus und Haltepunkte, sie bleibt gleichsam in einem Schwebezustand. Chordirektor Rustam Samedow, auch als Co-Dirigent eingesetzt, meisterte diese Herausforderung mit Bravour.

Bariton Holger Falk, zuletzt in Bonn in der Uraufführung von Manfred Trojahns Monodrama „Ein Brief“ in der Oper Bonn zu sehen, gilt als herausragender Experte für zeitgenössische Musik. Er gestaltet den Künstler als Mann in einer Schaffenskrise, der sich nach vielen Ausschweifungen der Idee der reinen Liebe zuwendet, dabei zu ungeahnten künstlerischen Höhenflügen kommt und an deren Realisierung zu Grunde geht, souverän. „In diesem Augenblick habe ich alles, was ich begehre. Was könnte ich sonst vom Leben verlangen?“ sind seine letzten Worte.

Emily Hindrichs als Clémence ist schon durch ihre Stimmlage, hoher Sopran, als Frau charakterisiert. Am Anfang entwurzelt, weil sie aus ihrer Heimat Toulouse nach Tripolis gezogen ist, gewinnt sie durch ihre Rolle als ferne Geliebte eine soziale Identität, die sie, auch als Jaufré sterbend bei ihr ankommt, nicht aufgibt. Sie erklärt ihm im Tode ihre Liebe, die sich durch seinen Tod erfüllt. Danach kann sie nur noch ins Kloster gehen. „Herr, Herr, du bist die Liebe, Du bist die Liebe aus der Ferne,“ sind ihre letzten Worte. Vor allem ihre große Totenklage mit dem Chor stellt ungeheure Anforderungen, die sie bravourös bewältigt.

Katrin Wundsam (in der Premiere Adriana Batsidas-Gamboa) als Pilger ist die schillerndste Figur. Sie darf verschiedene altfranzösische Troubadourlieder singen und ist als Mittlerin zwischen Jaufré und Clémence, mit denen sie als einzige echte Dialoge hat, Motor des Geschehens. Ihr Pierrot-Kostüm erinnert an ein Negligé, sie könnte auch Jaufrés Partnerin sein, so nahe kommt sie ihm. Als Mezzosopran verkörpert sie einen Mann, der sich am Schluss Vorwürfe macht, durch ihr Eingreifen den Tod Jaufrés auf dem Gewissen zu haben. „… ohne es zu wissen webte ich ein Leichentuch.

StaatenHaus © Presse Oper Köln

Die Handlung spielt sich weitgehend in inneren Konflikten der Protagonisten statt und ermöglicht zahllose Deutungen, die in der ambivalenten Musik schon angelegt sind, zum Beispiel die These, dass Liebe immer die Projektion von Emotionen auf eine Person ist, die damit idealisiert wird.

So bleibt als Fazit ein faszinierender Opernabend, der sich mit Liebe und Tod auseinandersetzt. Heute kann man sich gar nicht vorstellen, dass es eine Liebe ohne Erotik gibt, aber genau das stellt Kaija Saariaho in ihrem Seelendrama über die „Liebe aus der Ferne“ dar.

Die Oper Köln spielt diese Kölner Erstaufführung noch bis zu 13. November 2021.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Köln / Stückeseite
  • Titelfoto: (Premierenfotos) – Oper Köln/L’AMOUR DE LOIN/Adriana Bastidas Gamboa, Emily Hindrichs, Daniel Calladine /Foto: © Paul Leclaire

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