Magische Klänge – „Pelléas et Mélisande“ in der Kölner Philharmonie

Francois-Xavier Roth / Foto @ Holger Talinski

Claude Debussys rätselhaft symbolistische Oper Pelléas et Mélisande ist geradezu prädestiniert für sinnsuchende, psychologisch verschlungene Inszenierungen, die das märchenhafte Geschehen der Oper zu entschlüsseln versuchen. Was man dabei vergisst, ist die überaus reichhaltige, ebenso tiefgreifende und entrückende Musik des französischen Komponisten, die bei einer konzertanten Aufführung erst richtig zur Geltung zu kommen scheint und den Raum einnehmen kann, der ihr gebührt. Das „Drame lyrique“, eine  Adaption des gleichnamigen Schauspiels von Maurice Maeterlinck, wurde 1902 in der Pariser Opéra Comique uraufgeführt und gehört bis heute zu den prominentesten musikalischen Vertretern des Fin de Siècle. (Besuchte Vorstellung am 17.10.2021)

 

François-Xavier Roth und sein eigens gegründetes Orchester Les Siècles führten das Werk bereits in der Woche zuvor im Pariser Théâtre des Champs-Elysées szenisch auf. Die überaus positiven und begeisterten Kritiken des für seine historisch informierten Interpretationen bekannte Ensembles ließen die Erwartungen für das Kölner Gastspiel steigen. Les Siècles bestach durch präzise Strukturierung und feinsinnigem Verständnis für die Rätselhaftigkeit der Musik. Der symbolistisch geheimnisumwobene Charakter der Oper wurde geradezu mühelos transportiert – zwischen magisch evozierten Naturschauspielen und kammermusikalisch gewobenen Klangteppichen. Debussys Komposition ist naturgemäß geprägt durch eine sehr zurückhaltende, leise Dynamik. Mit Ausnahme der Zwischenspiele kommt die Partitur kaum über ein Mezzopiano hinaus. Und so ging Roths Konzept mittels Reduktion die größtmöglichen Effekte zu erreichen vollends auf. Seine fast unmerklichen dynamischen Abstufungen innerhalb des gedämpften Klangs eines Pianos fokussierten das Publikum auf das Wesentliche. Er webte die Instrumentengruppen in subtilen Schattierungen, gleichwohl präzise artikulierend, ineinander und wusste die Stimmen im klanglichen Gesamtbild zu festigen. Unter seiner Leitung entstanden ätherische Pianissimi, mittels nuancierten Einsätzen der Holzbläser entfaltete sich ein packender, gar inspirierender Klang.

Stanislas de Barbeyrac / Foto: © Jérôme Bellocq

Das Sänger*innenensemble bestach mit durchweg klarer und präziser Artikulation, die gerade durch das zurückgenommene Orchesterspiel besonders zu Geltung kam. Allen voran Simon Keenlyside als Golaud, der es trotz konzertanter Aufführung verstand, mit wenigen Mitteln szenisch überzeugend und leidenschaftlich zu agieren. Mit souverän herber Baritonstimme und fantastischer französischer Diktion schuf er sich auch voll und ganz die stimmliche Präsenz. Auch Stanislas de Barbeyrac, als Pelléas, beeindruckte mit seiner festen, virilen Tenorstimme – besonders in den passionierten Duetten mit der Sopranistin Siobhan Stagg, die kurzfristig für Patricia Petibon eingesprungen ist. Ihre Mélisande erklang mit zarter, dennoch glühender Sopranstimme, die lyrisch glanzvoll erschien.

Die weiteren Solist*innen rundeten das hochkarätige Ensemble ab – Jean Teitgen mit samtener Bassstimme, Lucile Richardot als nuancierter, charaktervoller Alt und Chloé Briot mit glasklarem Mezzo.

 

  • Rezension von Alexandra Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Kölner Philharmonie
  • Titelfoto: Haupteingang der Kölner Philharmonie Foto: ©KölnMusik/Guido Erbring

 

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