Leipzig: Werke von Haydn, Mendelssohn und Brahms im Gewandhaus

Andris Nelsons & Gewandhausorchester
/Foto © Konrad Stöhr, 2024

Das Grosse Concerte im Gewandhaus zu Leipzig am 6. November 2025 umfasste drei Werke aus einem Zeitraum von etwas mehr als hundert Jahren zwischen der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und dem späten 19. Jahrhundert. Dieses Programm im Rahmen der Mendelssohn-Festtage bestand aus prägnanter, komplexer Musik, die Transparenz erfordert, um alle Feinheiten hörbar zu gestalten. Der 21. Gewandhauskapellmeister, Andris Nelsons, leitete das Gewandhausorchester souverän durch diese abwechslungsreiche Musikcollage und bewies dabei ein Gespür für die stilistische Individualität jedes einzelnen Werks.

 

Komponiert 1764 während Joseph Haydns Amtszeit als Vize-Kapellmeister beim Fürsten Nikolaus I. Esterházy, trägt die Symphonie in Es-Dur, Hob. I:22, den Beinamen „Der Philosoph“. Die Symphonie zeichnet sich durch kontrapunktische Techniken, überraschende Harmonien und dynamische Wechsel aus, die ihr eine lebendige und fesselnde Qualität verleihen. Die Instrumentierung dieser Symphonie umfasst jeweils ein Paar Hörner und Englischhörner in Es-Dur und Streicher. Obwohl Nelsons normalerweise nicht mit Haydn in Verbindung gebracht wird, dirigierte er das Werk mit Bedacht und entlockte dem Gewandhausorchester eine intime, maßvolle Darbietung. Es handelte sich hierbei nicht um eine historisch informierte Interpretation, sondern eher um eine, die dem Stil von Antal Doráti in dem ersten vollständigen Zyklus von Haydn-Symphonien ähnelte, der Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre aufgenommen wurde. Nelsons’ Lesart bietet somit einen modernen Eindruck mit der Resonanz eines größeren Ensembles, als es Haydn zur Verfügung stand, ohne dabei die Intimität der Komposition im Großen Saal des Gewandhauses zu beeinträchtigen.

Das 1831 in Rom und München geschriebene Klavierkonzert Nr. 1 g-Moll op. 25 (MWV O 7) von Felix Mendelssohn Bartholdy wurde am 17. Oktober 1831 in der Münchener Odeonssaal in Anwesenheit von König Ludwig I. uraufgeführt, unter der Leitung des Komponisten und mit Delphine von Schauroth als Solistin am Klavier. Die Klavier- und Orchesterstimmen sind eng miteinander verwoben, und die drei Sätze, aus denen das Konzert besteht, gehen fließend ineinander über. Im ersten Satz (Molto allegro con fuoco) setzt das Klavier nach einer kurzen orchestralen Einleitung dramatisch ein. Es folgen eine Fantasie und ein lyrisches Nebenthema gegen Ende des Satzes. Der Übergang zum Andante erfolgt durch die Trompeten und Hörner; Violen und Celli führen das Thema des zweiten Satzes an. Die Trompeten und Hörner leiten auch das energiegeladene Finale (Presto – Molto allegro e vivace) ein, das Anklänge an den ersten Satz enthält. Der Pianist Seong-Jin Cho beherrschte Mendelssohns Klavierstil und beeindruckte besonders mit den schnell ansteigenden Skalen und gebrochenen Akkorden. Cho integrierte seinen Ton sanft in den orchestralen Klangteppich und ließ den zweiten Satz eher wie eine Nocturne klingen. Nelsons begleitete mit Finesse und sorgte stets für ein optimales Zusammenspiel zwischen dem Gewandhausorchester und dem Pianisten.

Gewandhaus zu Leipzig/Foto © Jens Gerber

Fertiggestellt im Sommer 1883 in Wiesbaden wurde Johannes Brahms‘ 3. Symphonie in F-Dur op. 90 am 2. Dezember 1883 in Wien unter der Leitung von Hans Richter uraufgeführt. Der erste Satz (Allegro con brio) beginnt mit einem kühnen und energiegeladenen Thema, das sich durch seinen rhythmischen Schwung auszeichnet. Der lyrische zweite Satz (Andante) zeichnet sich durch eine ergreifende Melodie aus, die sowohl introspektiv als auch melancholisch ist. Der dritte Satz (Poco Allegretto) behält eine nachdenkliche Qualität und emotionale Tiefe. Der Schlusssatz (Allegro) lässt die Symphonie mit einem Gefühl des Triumphs und der Entschlossenheit kulminieren.

Nelsons’ Interpretation könnte als lyrisch und ausdrucksstark mit reicher Klangfarbe bezeichnet werden, vor allem in den Streichern und Holzbläsern. Nelsons und das Gewandhausorchester haben die melodischen Linien und Detailreichtum betont. Die Klarheit wurde dadurch verstärkt, dass die ersten und zweiten Violinen antiphonisch aufgeteilt waren, jeweils links und rechts. Im ersten Satz unterstrich Nelsons die scheinbare Spannung zwischen Frage und Antwort in der Einleitung und Exposition, für die er dankbarerweise die Wiederholung berücksichtigte; der zweite Satz war geschmeidig und melodisch; der dritte Satz hatte die angemessene Sehnsucht nach Nostalgie; und das dynamisch Finale verflüchtigte sich in der Coda mit einem melancholischen Schimmer. Das Publikum im vollen Gewandhaus reagierte mit großzügigem Applaus auf einen erfreulichen Musikabend.

 

  • Rezension von Dr. Daniel Floyd / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Gewandhaus Leipzig
  • Titelfoto: Gewandhaus Leipzig/Großer Saal/Foto: © Jörn Daberkow, 2020
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