Konzerthaus Dortmund: Teodor Currentzis verzaubert mit „LA TRAVIATA“

La Traviata/ Konzerthaus Dortmund/ Currentzis/ Foto @ Pascal Amos Rest

Am gestrigen Abend hatte ich immer wieder den gleichen Gedanken im Kopf: „SO kann man das auch musizieren?!“ So schön, so ergreifend, so berührend! Und offenbar war ich mit meiner Meinung nicht allein im vollbesetzten Dortmunder Konzerthaus. Denn der Jubel, der nach den letzten Tönen der Oper LA TRAVIATA einsetzte, war groß und einhellig. Im Mittelpunkt der Ovationen die großartige Sopranistin Nadezhda Pavlova als Violetta und, wie sollte es auch anders sein, der Dirigent und Star des Abends, Teodor Currentzis. (Rezension der besuchten Vorstellung v. 18.10.2018)

 

Was zuerst auffällt, ist das Orchester. Teodor Currentzis lässt die Streicher stehend musizieren. Bietet ihnen somit viel Freiraum in verschiedenster Hinsicht. Und das wird für das Publikum spürbar, ja hörbar. Viel zu selten kann beobachtet werden, wie Orchestermusiker selbst mit der Musik mitfühlen und das auch körperlich vermitteln. Auch das war ein Opernerlebnis der besonderen Art. Das Musicaeterna Orchester  der Oper Perm soll daher hier an vorderster Stelle genannt werden. Sie haben Verdis großartige Musik in höchstem Maße eindrucksvoll interpretiert. Da war alles stimmig, alles wie feingesponnen, aber auch voll dramatischer Wucht, wenn es die Partitur verlangt. So klingt Verdi!

Aber auch mit den Solisten des Abends bereitete Currentzis den Opern-und Konzertfreunden in der Ruhrgebietsmetropole ein wahres Fest. La Traviata, am gestrigen Abend im Konzerthaus konzertant aufgeführt, hat die fehlende Regie und Inszenierung nicht einen Moment vermissen lassen. Wenn konzertante Oper dermaßen aus der Musik heraus lebt, wiedergegeben und gelebt wird, wenn man, wie es Currentzis macht, den Solisten so viel Raum für ihre Kunst gibt, kann das nur ein Genuss erster Güte werden. Und das war es dann auch! So wurde es auch am Ende eine der berührendsten Traviata-Aufführungen, die ich in den letzten Jahren live erleben durfte. Und da waren einige, über die es zu berichten gelohnt hat, dabei.

Doch im einzelnen nun zu den Sängerinnen und Sängern des Abends.

Hier sei zunächst der Chor der Oper Perm besonders lobend genannt, die im ersten und im zweiten Akt ihre großen Auftritte hatten und bestens einstudiert nach Dortmund angereist sind. In der Finalszene war der Chor (Karnevalsgesänge in Paris)  durch eine geöffnete Tür vom oberen Rang des Konzerthauses zu hören.

In den kleineren Partien, die alle durchweg glänzend besetzt waren, Elena Iurchenko als Annina, Nikolai Fedorov als Gaston, Viktor Shapovalov als Baron Douphol, Aleksei Svetov als Marquis, Vladimir Taisaev als Doktor Grenvil, Konstantin Pogrebovskii als Diener, Timofei Suchkov als Hausdiener und Arsenii Atlantov als Bote.

Der griechische Bariton Dimitris Tiliakos sang die Partie des Giorgio Germont, des zunächst unerbittlichen Vaters von Alfredo, mit starker stimmlicher Präsenz. In dem großen und für den Verlauf des Dramas so entscheidenden Duett mit Violetta im zweiten Bild liess er, nicht nur stimmlich, das Publikum an seinen inneren Wandlungen und Zweifeln teilhaben und hatte dann in der fast schon beklemmend-schön gesungenen Arie „Di Provenza il mare, il suol“  seinen wohl eindrucksvollsten Auftritt des Abends. Viel Applaus vom Publikum für diese Leistung!

La Traviata/ Konzerthaus Dortmund/ Currentzis/ Foto @ Pascal Amos Rest

Die Partie des Alfredo Germont wurde von Airam Hernández, dem auf der Kanarischen Insel Teneriffa geborenen Tenor, gesungen und gespielt. Und wie! Hernández konnte die Erwartungen, die an diese Rolle gestellt sind in vollem Umfang erfüllen. Wundervoll gesungen sein Duett im ersten Akt mit Violetta „Un dì, felice, eterea“, voller tenoraler Kraft dann sein „De’ miei bollenti spiriti “ mit der dann anschließenden Cabaletta „Oh mio rimorso!… Oh infamia“ im zweiten Akt, und natürlich seine großen gesanglichen Höhepunkte  im Verlauf des zweiten und dann wieder im dritten Akt. Hier besonders das zutiefst emotional gesungene Duett mit Violetta „Parigi, o cara„. Sicher einer der Highlights des gesamten Abends! Stets höhensicher und mit Schmelz und Strahlkraft in der Stimme begeisterte er das Dortmunder Publikum, dass ihn dafür feierte. 

Bereits nach ihrer ersten großen Szene, Arie und Cabaletta der Violetta im ersten Akt „È strano!… sempre libera degg’io …“, brandete der Jubel des Konzerthauspublikums auf. Nadezhda Pavlova, die Sopranistin, die zur Zeit unter anderem an der Oper in Perm engagiert ist, wurde zum unumstrittenen Mittelpunkt der gestrigen konzertanten La Traviata-Aufführung. Wie sie diese schwierige Partie gesanglich meisterte, ist fast nicht in Worte zu fassen. Da war so viel an Schönheit, Anmut, und Emotionen in ihrem Gesang, der aber auch gleichzeitig alle Schwierigkeiten geradezu mühelos wirkend, mit einschloss. Immer wieder sang sie in berückendem Piano, und ihre Stimme erreichte dennoch den letzten Winkel des Konzerthauses. Umso mehr beeindruckte sie dann mit den dramatischen, mit großer Stimme, gesungenen Momenten der Oper. Eine Welle der Begeisterung schwappte durch das Konzerthaus Dortmund, als Nadezhda Pavlova zum Schlussapplaus auf die Bühne kam. Hoch verdient für eine fast sprachlos machende künstlerische Leistung!

Teodor Currentzis © Anton Zavjyalov

Wird den Sängerinnen und Sängern auf der Bühne der Raum zur Entfaltung gegeben, dann nutzen sie ihn auch. Und dann kommt oftmals Großes  dabei heraus. Dies setzt aber voraus, dass vor allem einer, oder eine, allem vorsteht, der das fördert, das zulässt und mit(er)lebt. Und das ist bei dem griechisch-russischem Dirigenten Teodor Currentzis offensichtlich der eingetretene Fall. Der einem an so vielen Stellen der Oper das Gefühl vermittelt, altbekanntes auf eine fast neue, aber zumindest sehr besondere, Weise zu hören. Der die großen Emotionen, die nun mal in dieser Oper in Fülle vorhanden sind, herausarbeitet und sie mit seinem Orchester und seinen Solisten dem Publikum spürbar werden lässt. Der das Preludio (Vorspiel) und das Vorspiel zum dritten Akt zu wahren Musikperlen formt, der so sehr zart und zurückgenommen musizieren und singen lässt und der aber auch den vollen Orchesterklang mit all seiner Wucht und Stärke dem Publikum schenkt. Und ihn dabei selbst zu beobachten, wie er jede Note, jede Gesangslinie miterlebt, die Gesangssolisten so eindrucksvoll begleitet, ist schon begeisternd. Jubelchöre für diesen Ausnahmekünstler, den Dortmund nicht zum letzten Mal erleben durfte. Seine vielen, teilweise von weiter her angereisten, Fans wirds freuen.

Ein weiterer bedeutender und mitreißender Opernabend im Dortmunder Konzerthaus, dass bekannt ist für seine sehr gute Akustik, aber auch dafür, immer wieder seinem Publikum großartige Veranstaltungen anzubieten.

 

  • Rezension der konzertanten Opernvorstellung am 18.10.2018 von Detlef Obens –DAS OPERNMAGAZIN©10-2018
  • Homepage Konzerthaus Dortmund
  • Titelfoto: La Traviata/ Konzerthaus Dortmund/ Currentzis/ Foto @ Pascal Amos Rest

  

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