„Fidelio“ in der Philharmonie Essen

Alfried-Krupp-Saal / Foto DAS OPERNMAGAZIN
Alfried-Krupp-Saal / Foto DAS OPERNMAGAZIN

Ein schwedischer Beethoven in Starbesetzung

Wie kaum ein anderes Land hat das skandinavische Schweden der Opernbühne Sängerinnen und Sänger geschenkt, die bis heute exemplarisch ihre Partien geprägt haben: Im dramatischen Fach sind der Heldentenor Set Svanholm und die legendären Sopranistinnen Astrid Varnay und Birgit Nilsson, aber auch der lyrische Tenor Nicolai Gedda als bedeutende schwedische Künstler zu nennen. Jedoch nicht nur in der Vergangenheit, auch die gegenwärtige Opernszene ist von hochkarätigen schwedischen Stimmen geprägt. Die renommiertesten Künstler des Landes versammelten sich nun in der Philharmonie Essen für eine halbszenische Aufführung von Ludwig van Beethovens Freiheitsoper „Fidelio”. Begleitet wurden sie von dem exzellenten „Svenska Kammarorkestern” – dem ”Schwedischen Kammerorchester” – unter der Leitung ihres langjährigen Chefdirigenten Thomas Dausgaard. Gerade Beethoven vermochte es, in seiner einzigen Oper mitunter kurze, aber anspruchsvolle Partien zu entwerfen, in denen die schwedischen Ausnahmekünstler umso mehr ihr Können unter Beweis stellen mussten.(Vorstellung am 29.2.2020)

 

Dass Beethovens Sujet seiner Oper Fidelio auch 250 Jahre nach der Geburt des Komponisten noch kein bisschen an Relevanz verloren hat, zeigen die gegenwärtigen Proteste zu dem Umgang mit dem Whistleblower Julian Assange. Seine letzten Jahre im Asyl in der ecuadorianischen Botschaft hin zu seiner Isolationshaft im britischen Gefängnis zeigen erstaunliche Parallelen in der Gegenwart zur historischen Handlung des Fidelio. Denn Assange, ein Freiheitskämpfer, lebt immer in der Gefahr einer Auslieferung an die USA, ein Land, in welchem ihm ganz ähnlich wie dem Häftling Florestan aus politischen Gründen die Hinrichtung droht!

Von all dieser politischen Relevanz des düsteren Werks schien der Regisseur Sam Brown, der für den Konzertsaal die Oper halbszenisch einrichtete, nichts wissen zu wollen. Er reihte vielmehr komische Elemente willkürlich aneinander: Die Oper spielt im Gefängnis und deshalb wurde der Dirigent von den Wachleuten gefesselt unter dem Gelächter des Publikums ans Pult gezwungen. Jaquino führte als Erzähler durch die Handlung und richtete dabei allerlei Anekdoten u. A. über die MeToo-Debatte in direkter Ansprache an die Zuschauer. Daniel Johannsen konnte zwar seine Rolle des Jaquino hervorragend schauspielern, aber dieser ständige Klamauk zur Provokation von Publikumsreaktion hätte besser in eine Operettenaufführung der Fledermaus gepasst, – immerhin gibt es dort in der Figur des Froschs als Gefängniswärter ja ebenso eine Kerkerszene – in Beethovens tragischer Oper Fidelio wirken solche Gags jedoch unangebracht und schlichtweg deplatziert.

Die Personenführung des Chors, bedeutungsschwanger wanderte er seitlich am Publikum entlang, wirkte leider ähnlich bemüht wie der ins Werk gedichtete Humor des Regisseurs. Wenn ein Regisseur wie Sam Brown zu solch einem bedeutenden Werk wie Beethovens Fidelio wirklich gar nichts Substanzielles beizutragen hat, wäre die vollständig konzertante Aufführung im Konzerthaus eindeutig die bessere Wahl gewesen, denn stimmlich war diese Aufführung von höchster Qualität!

Gesanglich ließ Daniel Johannsen positiv aufhorchen, da er mit purer Leichtigkeit und Raffinesse einen idealen Jaquino verkörperte. Trotz seines Namens war er einer der wenigen nicht-skandinavischen Solisten an diesem Abend. John Lundgren in der Rolle des Don Pizarro – großgewachsen, in Bomberjacke und mit Glatze – gab nicht nur optisch, sondern auch stimmlich mit seiner festen, präzisen Artikulation den Bösewicht durch und durch. Johan Schinkler verkörperte in seinem fürsorglichen Rocco einen idealen Gegenpart zum brutalen Don Pizarro von Lundgren. Er sang mit warmer und füllender Baritonstimme und hatte auch darstellerisch eine sympathische, väterliche, Ausstrahlung.

Michael Weinius ließ in seiner kurzen, aber umso intensiveren Rolle des Florestan keine Wünsche offen. Sein „Gott, welch Dunkel hier“ ließ das Publikum in Ehrfurcht zusammenschrecken. Weinius ist derzeit einer der versiertesten Heldentenöre, der es auch versteht, seinen Ausdruck mit melodiöser Gesangslinie zu verbinden und dabei gleichsam leicht und mühelos zu wirken. Welch hervorragende Leistung!

Und nicht zuletzt Nina Stemme, – seit zwei Jahrzehnten die führende dramatische Sopranistin weltweit – sie überraschte in der Darstellung ihrer Leonore mit ungeahnter Wärme und Empathie. Nina Stemme zeigte erneut, wie sie auch eher ihrer Stimmlage untypischen Rollen stets ihre persönliche Note zu verleihen weiß.

Thomas Dausgaard am Pult nahm sein Orchester als Sängerbegleiter weitestgehend zurück, musizierte einen orchestral schlanken, gleichsam präzise einstudierten Beethoven. Die Freiheitsoper „Fidelio“, dargeboten in einer künstlerischen Qualität, die andernorts in einem Opernhaus kaum zu übertreffen wäre, ließen schlussendlich musikalisch und insbesondere sängerisch – solistisch als auch im Chor – diesen Abend zu einer Sternstunde in der Philharmonie Essen werden. Das Ensemble bewies: Die mitunter größten dramatischen Stimmen scheinen auch heute noch aus Schweden zu kommen.

 

  • Rezension von Phillip Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Philharmonie Essen
  • Titelfoto: Philharmonie Essen/Außenaufnahme/ Foto: Bernadette Grimmenstein

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.