„Die Fledermaus“ lebt! – Großartige Ensembleleistung an der Oper Bonn

Theater Bonn/Die Fledermaus/Anna Princeva (Rosalinde), Chor/Foto © Thilo Beu

Aron Stiehl inszeniert „Die Fledermaus“ als abgedrehte Komödie mit perfektem Timing und einem überaus spielfreudigen Ensemble. Acht Tänzerinnen und Tänzer in der Choreographie von Bärbel Stenzenberger , der bestens aufgelegte Opernchor unter der Leitung von Marco Medved und vor allem der Wiener Dramaturg Christoph Wagner-Trenkwitz als Frosch schaffen im Bühnenbild von Timo Dentler eine authentische Atmosphäre der 50-er Jahre, als man Seitensprünge noch diskret handhaben musste. Dirigent Daniel Johannes Mayr kreiert mit dem wundervollen Beethoven-Orchester Wiener Walzerseligkeit. (Rezension der Premiere vom 8.3.2020)

 

Das bestens eingespielte Ensemble und Regieteam von „Le nozze di Figaro“ knüpft nahtlos an die Gags um die Seitensprünge des Grafen Almaviva an. Publikumsliebling Giorgos Kanaris spielt diesmal den Dr. Falke, der bei der „Rache der Fledermaus“ die Strippen zieht.

Die Erzkomödiantinnen Anna Princeva als ungarische Gräfin alias Rosalinde und Marie Heeschen als angehende Künstlerin Olga alias Stubenmädchen Adele sind die Frauen, die den notorischen Schürzenjäger Graf Eisenstein, herrlich überzeichnet von Johannes Mertes, am Ende ganz schön alt aussehen lassen. Überhaupt nicht alt oder angestaubt wirkt die Operette in dieser spritzigen Inszenierung. Sie muss allerdings mit Bildern, Tanz und vielen Gags gefüllt werden, sonst zeigen sich erhebliche Längen. Schöner Gesang alleine reicht nicht, wie ich das bei einer konzertanten Aufführung vor ein paar Jahren erleben musste.

„Die Fledermaus“ wurde am 5. April 1874 unter der Leitung des Komponisten Johann Strauss im Theater an der Wien uraufgeführt und gilt als der Höhepunkt der „Wiener Operette“. Sie ist auch musikalisch ein besonders gelungenes Werk, weil sie vor Melodien sprüht, die Johann Strauss zum großen Teil auch in Konzertstücke umgesetzt hat, nicht zuletzt die Ouvertüre, die gerne auch von großen Sinfonieorchestern aufgeführt wird. Sie ist der fulminante Auftakt für eine Maskerade, bei der niemand ist, der er scheint, und bei der bürgerliche Moralvorstellungen ad absurdum geführt werden. Das Gelächter am Schluss der Komödie nimmt die Ouvertüre, in der die musikalischen Hits Revue passieren, vorweg.

Theater Bonn/Die Fledermaus/Ensemble/Foto @ Thilo Beu

Das Bühnenbild von Timo Dentler zeigt Adele und Rosalinde in einem setzkastenartigen Puppenhaus, das sich im 2. Akt in die Separées beim Ball und im 3. Akt in die Gefängniszellen verwandelt.

„Doch bei näherer Betrachtung zeigt sich ein kleinbürgerliches Leben, das von Lügen und Regelbrüchen nur so wimmelt. Regisseur Aron Stiehl zeigt eine bürgerliche Welt, die auf einmal zu einer Scheinwelt wird… Hinter der Fassade steckt jedoch die Angst, jemand anderes könnte die eigene Lüge durchschauen. So scheint der Ball des Fürsten Orlofsky die Rettung für alle Beteiligten zu sein: hinter einer Maske verschwinden, aus den geordneten Formen des Alltags ausbrechen“, so Dramaturgiehospitantin Frauke Kandler im Programmheft. Rheinländer kennen das vom Karneval.

Der Ball im Palais des exzentrischen Fürsten Orlofsky ist ein veritabler Anlass für opulente Tanzszenen. Die Choreographie von Bärbel Stenzenberger, die schon die Ouvertüre bebildert, bezieht den Walzer tanzenden Chor und acht Tänzerinnen und Tänzer ein. Das Couplet „Ich lade gern mir Gäste ein“, von Orlofvsky, gesungen von Susanne Blattert in der Hosenrolle, ist ein Hit.

Die fantasievollen Kostüme von Okarina Peter sprengen die Gender-Grenzen, denn Orlofsky ist buchstäblich halb Frau und halb Mann, während die Tänzerinnen glitzernde Smokings tragen, die Tänzer federngeschmückte Tutus.

Der Ball des Fürsten Orlofsky ist die Vision einer Gesellschaft, in der Klassen- und Genderschranken aufgelöst sind und wo jeder so akzeptiert wird, wie er ist. Orlofsky kümmert sich liebevoll um einen jungen Ballteilnehmer, der im Rollstuhl mit tanzt.

Der Mann darf alles, die Ehefrau grundsätzlich auch, sie darf sich nur nicht erwischen lassen. So nimmt denn die Komödie ihren Lauf: Nachdem Rosalindes Mann angeblich seine Haft für die „Beleidigung einer Staatsperson“ angetreten hat gibt sie ihrer Zofe Adele frei und empfängt den jungen Tenor Alfred, wunderbar gesungen von Kai Kluge, der bei ihr so unbekümmert ein- und ausgeht, dass er im Schlafrock des Hausherrn angetroffen wird.

Dieser Hausherr, Graf Eisenstein, ist allerdings nicht zum Antritt seiner Haft gegangen, sondern zum Ball des Prinzen Orlofsky, wo er sich noch einmal richtig amüsieren will. Leider will der Gefängnisdirektor Frank, wunderbare Charakterstudie von Martin Tzonev, Graf Eisenstein schon am Ballabend zu Hause abholen, damit der umgehend seine Haft antreten kann.

Dem armen Alfred bleibt nichts anderes übrig, als sich als Eisenstein abführen zu lassen, denn er kann und darf die Hausherrin nicht kompromittieren. Bei der Premiere wird die rührselige Abschiedsszene, in der Alfred alias Eisenstein in Schlafrock und Unterwäsche abgeführt wird, durch einen lange andauernden Feueralarm gestört.

Dirigent Daniel Johannes Mayr bricht ab, ein Sprecher des Hauses verkündet: „Fehlalarm, wir arbeiten dran.“ Zunächst schmücken Rosalinde und Alfred den dramatischen Abschied aus, dann wird Frosch vorgeschickt und spricht gegen den Dauerpiepston des Feuermelders einen etwa acht Minuten langen improvisierten Monolog. Hier erkennt man das erfahrene Bühnentier Christoph Wagner-Trenkwitz. Nicht auszudenken, im ausverkauften Haus wäre Panik ausgebrochen!

Mittlerweile treffen sich Adele als junge Künstlerin Olga, Eisenstein als Marquis Renard und Gefängnisdirektor Frank als Chevalier Chagrin auf dem Ball des Fürsten, und zum Schluss kommt auch noch Rosalinde als ungarische Gräfin maskiert dazu.

Der Champagner fließt in Strömen, man amüsiert sich. Das gemeinsame „Dui-du“ aller Ballgäste vor der Pause ist der magische Moment, in dem die Zeit still steht. Was in den Separées alles während des Balls bis 6.00 Uhr früh stattfindet, bleibt der Phantasie des Zuschauers überlassen.

Theater Bonn / Die Fledermaus/ Christoph Wagner-Trenkwitz (Frosch), Tänzerinnen und Tänzer/Foto© Thilo Beu

Der dritte Akt beginnt im Gefängnis, wo Christian Wagner-Trenkwitz als Gefängniswärter Frosch Alfred alias Eisenstein bewacht. Der vertreibt sich seine Zeit mit Gesang, einem Querschnitt durch die Höhepunkte der Tenorliteratur a capella und bringt das Publikum dazu, mit voller Kraft den Karnevalsschlager „Da simmer dabei, dat is prima“ mit ihm zu singen, zwei Strophen mit perfekter Textkenntnis!

Frosch grantelt in Wiener Manier als echter Alkoholiker über die Gelegenheitstrinker und nutzt die Gelegenheit für eine Kritik an der aktuellen Lage. Die Tänzer als Häftlinge nutzen den Freigang mit Frühsport zum „Radetzkymarsch“ dazu, ins Publikum abzuhauen. Gefängnisdirektor Frank kommt etwas lädiert vom Ball, das Ballett geistert durch seine Traumszene.

Adele ist mit ihrer Schwester Ida, in der Rolle Bärbel Stenzenberger, dem Marquis Renard alias Gefängisdirektor Frank, von dem sie sich Förderung ihrer Karriere als Sängerin erhofft, gefolgt. Jetzt kommt auch Eisenstein, der seine Haft antreten will, und erfährt, dass er doch schon am Vorabend abgeholt worden sei. Er nötigt den stotternden Notar Dr. Blind, herrlich karikiert von Kieran Carrel, ihm seine Robe und seine Perücke zu überlassen, um in dieser Maskerade, bebend vor Eifersucht, seine Frau und seinen Rivalen zu verhören. Das Terzett „Ich stehe voll Zagen …“, das in dem Ausruf: „Hier stehe ich als Rächer, ich selbst bin Eisenstein!“ gipfelt, ist der Kristallisationspunkt des Dramas.

Orlofsky erfährt: die ganze Komödie war die Rache der düpierten „Fledermaus“ alias Dr. Falke an Eisenstein.

Man einigt sich: „Der Champagner hat´s verschuldet“, und der hochgradig amüsierte Prinz Orlofsky nimmt Adele als Mäzen unter seine Fittiche. Happy End für Adele, die gewagt und gewonnen hat. Für eine Frau ihres Standes bedeutet ein wohlhabender Liebhaber, der ihr eine Karriere am Theater ebnen kann, das große Los.

Rosalinde und Eisenstein sind das Paar, das sich die eheliche Langeweile mit diskreten Seitensprüngen vertrieben hat. – „Glücklich ist, wer vergisst, was nicht zu ändern ist.

Und Frank und Frosch als Vertreter der Staatsmacht stehen staunend daneben, während Dr. Falke seine Rache genießt. „Die Majestät wird anerkannt, anerkannt, rings im Land, jubelnd wird Champagner der erste genannt“, so endet der Chor.

Stürmischer Applaus im ausverkauften Haus und bei der Premierenfeier ein dickes Lob des Regisseurs, der demnächst Intendant in Klagenfurt wird, für den Intendanten Dr. Bernd Helmich, der in einer kleinen Rolle mitgespielt hat.

„Die Fledermaus“ ist eine Koproduktion mit dem Theater Dortmund und dem Saarländischen Staatstheater.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer/Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Theater Bonn / Stückeseite
  • Titelfoto: Theater Bonn/Die Fledermaus/Giorgos Kanaris (Falke), Marie Heeschen (Adele), Bärbel Stenzenberger (Ida), Tänzerinnen und Tänzer, Chor/Foto © Thilo Beu

Ein Gedanke zu „„Die Fledermaus“ lebt! – Großartige Ensembleleistung an der Oper Bonn

  1. Köstlich dieser Operettenabend! INSZENIERT von einem Könner seines Faches. Künstler auf höchstem Niveau haben sich gefunden und dem Komponisten der Fledermaus gehuldigt. Allen Beteiligten der Produktion Danke und herzliche Glückwünsche zur Fledermaus in Bonn. Verpassen sollte man es nicht.

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