Düsseldorf: Richard Wagner „Die Walküre“ – Heut‘ hast du’s erlebt

Deutsche Oper am Rhein/DIE WALKÜRE/Foto @ Hans Jörg Michel

Nach dem eher durchwachsenen Beginn des Ring Zyklus 2019 von Richard Wagner mit „Das Rheingold“ wurde nun der Erste Tag des Bühnenfestspiels „Die Walküre“ am 16.6.2019 mit Spannung erwartet. (Deutsche Oper am Rhein-Düsseldorf-Rezension der Vorstellung v. 16.6.2019

 

Die Bühne (Inszenierung: Dietrich W. Hilsdorf/Bühne: Dieter Richter) zeigt den Raum, den der Besucher noch aus dem Rheingold kennt, er ist dunkler, trister und dreckiger geworden. Der helle Glanz der Götterbehausung, die Glitzerwelt der bunten Lichter und Farben ist dahin. Der Raum wirkt wie ein endzeitlicher Bunker und wir befinden uns zeitlich in einer militärischen, bewaffneten Gesellschaft mit Schusswaffen, Hubschraubern etc. Den Kontrast zu diesem bedrückenden Ambiente bietet die alte Esche im hinteren Zentrum der Bühne, in welchem das Schwert Nothung steckt. Auf der rechten Seite steht ein Ofen und aus dem Kohleschacht der Nibelungen im Rheingold ist der Eingangsbereich zum Bunker geworden. Die Welt der Götter ist vermenschlicht und alle Personen agieren auf der gleichen Ebene. In dieser militärisch bedrückenden Atmosphäre interagieren die Protagonisten der Walküre. Im zweiten Akt findet die Auseinandersetzung zwischen Wotan und seiner Gemahlin Fricka vor allen anderen Beteiligten des ersten Aktes statt. Sieglinde ist schwanger, Siegmund bei ihr. Am Tisch gegenüber sitzt Hunding. In der folgenden Auseinandersetzung des Götterpaares findet eine Zuordnung der anderen Personen statt, so öffnet Hunding Fricka die Tür und geleitet sie hinaus.

Im dritten Akt erbebt zunächst das Opernhaus im besten Kinosound unter den lauten Rotorengeräuschen von landenden Helikoptern (Apocalypse Now lässt grüßen) bevor die begeisternde Musik des Walkürenritt einsetzt.

Deutsche Oper am Rhein/DIE WALKÜRE/Foto @ Hans Jörg Michel

Auf der Bühne steht ein abgestürzter amerikanischer Kampfhubschrauber Bell, auch Huey genannt, welcher für den Transport der verletzten Soldaten entwickelt wurde. Die toten Soldaten entsteigen dem Hubschrauber und werden von den Walküren in roten Kleidern empfangen. Hier erfolgt durch die Optik ein bunter, farblicher Hinweis auf die vormalige Bestimmung des Raumes im Rheingold als Salon. Der Schluss der Oper ist kurz erzählt. Brünnhilde sitzt auf einem Holzstuhl, Wotan schließt die Türen von innen zu, von außen lodert das Feuer um den Raum und dann geht der Gottvater seitlich von der Bühne. Verstehen muss man das wirklich nicht. Es ist sehr schade, dass die interessante schlüssige Inszenierung des Rheingoldes in der Walküre nicht weitergeführt wird und komplett verloren geht. Neben der Vermenschlichung der Götter in einer anderen Zeit ist die szenische Umsetzung fast klassisch in den ersten zwei Akten, um dann im dritten Akt mit einer Endzeitstimmung a la Apocalypse Now aufzuwarten. Sich allein nur auf die darstellerischen Fähigkeiten und Interaktionen der Protagonisten zu verlassen ist definitiv zu wenig.

Die musikalische Seite der Düsseldorfer Walküre brachte zwei kurzfristige Rollenübernahmen für die Partien des Siegmund und Hunding.

M. Weinius/Applaus/DIE WALKÜRE/Foto @ Turgay Schmidt

Die Partie des Siegmund übernahm der schwedische Tenor Michael Weinius, der im Düsseldorfer Ring auch den Siegfried singen wird. Weinius betritt die Bühne und lässt schon bei den ersten Tönen „Wes Herd dies auch sei, hier muss ich rasten…“ sehr positiv aufhorchen. Michael Weinius zeigt an diesem Abend eine herausragende, phantastische gesangliche Leistung.

Die Anlage der Partie ist von ihm sehr durchdacht, genau passend für den sich wandelndem emotionalen Zustand des Wälsungen. Sein Tenor ist von einer ungemeinen Tragfähigkeit und weißt auch in den mittleren und tieferen Lagen keinen Schwachpunkt auf. Lange Bindebögen, dynamische Differenzierung, eine sehr hohe Expressivität und dabei eine deutliche Artikulation des Textes zeigen, dass hier ein großer Vertreter seines Faches auf der Bühne steht.

In den exponierten Stellen des ersten Aktes, wie „Ein Schwert verhiess mir der Vater, ich fänd‘ es in höchster Not….“ entwickelt Weinius den stimmlichen Klang mit einem umfassenden Spannungsbogen. Die ganze tenorale Strahlkraft seiner Stimme entlädt sich bei „Wälse Wälse – Wo ist dein Schwert Das starke Schwert, das im Sturm ich schwänge, bricht mir hervor aus der Brust, was wütend das Herz noch hegt…“ grandios.

Besonders beeindruckend, dass dieser Heldentenor es versteht alle erforderlichen dynamischen Möglichkeiten, die sich aus dem Spiel und dem Text ergeben stimmlich auch umzusetzen. Die Begegnung im dritten Akt, vierte Szene zwischen Siegmund und Brünnhilde ist ein großer musikalischer Moment dieser Oper. Weinius zeigt die einzelnen dynamischen Stufen der Fragen an Brünnhilde mit einer unendlichen Gesangslinie, hohen Ausdrucksstärke und einer phantastischen Tonfärbung. Jede Emotion des Helden ist hörbar „Der dir nun folgt, wohin führst du den Helden….,In Walhalls Saal Walvater find‘ ich allein,…. Fänd‘ ich in Walhall Wälse, den eignen Vater,…. Grüsst mich in Walhall froh eine Frau,… Begleitet den Bruder die bräutliche Schwester Umfängt Siegmund Sieglinde dort“. Ein Gänsehautmoment, der unfassbar ergreifend ist.

Auch darstellerisch präsentiert Michael Weinius einen Wälsungen, der zunächst verzweifelt, hoffnungslos, dann kraftstrotzend und wild davon überzeugt ist mit seiner Zwillingsschwester Sieglinde alles zu schaffen. Besiegt und verraten von dem Göttervater sinkt er da nieder. Michael Weinius wird an diesem Abend zum wahrhaftigen Siegmund und zeigt eine gesangliche Spitzenleistung.

Die schwedische Sopranistin Elisabet Strid als Sieglinde ist eine selbstbewusste, starke Zwillingsschwester, die sich aus den Fesseln der Umklammerung lösen möchte und sich zum Zwillingsbruder hingezogen fühlt.

Der klare Sopran von Elisabet Strid hat ein sehr angenehmes Timbre und die Tragfähigkeit ihrer Stimme ist in allen Lagen vorhanden. Auch sie zeigt an diesem Abend eine Spitzenleistung. Elisabeth Strid versteht es die Schwebung in der Stimme und die dynamische Vorstellung des Tones im richtigen Moment genau zu entwickeln, wie beim Schluss mit „Nicht sehre dich Sorge um mich: einzig taugt mir der Tod….“.

Die klangliche Veränderung des Charakters der Musik nimmt sie mit einer beeindruckenden Leichtigkeit auch in den Höhen auf, um ihre hohe Emotion „Rette mich, Kühne! Rette mein Kind! Schirmt mich, ihr Mädchen, mit mächtigstem Schutz“ strahlend in erhabener Freude wiederzugeben. Bei „O hehrstes Wunder. Herrlichste Maid Dir Treuen dank‘ ich heiligen Trost. Für ihn, den wir liebten, rett‘ ich das Liebste: meines Dankes Lohn lache dir einst Lebe wohl Dich segnet Sieglindes Weh‚“ verschmelzen Musik und Gesang zu einer perfekten Einheit, die den Zuhörer im innersten berührt.

Deutsche Oper am Rhein/DIE WALKÜRE/Foto @ Hans Jörg Michel

Als weiterer Einspringer in der Düsseldorfer Walküre betritt der chinesische Bass Liang Li als Hunding die Bühne der Deutschen Oper am Rhein.

Sein großes, breit angelegtes Volumen und vortreffliches darstellerisches Können macht ihn von den ersten Tönen an unheimlich „Heilig ist mein Herd: – heilig sei dir mein Haus“ und zugleich fesselnd. Seine Stimme hat ein sehr dunkles Timbre, was durch die sehr gute Aussprache und Betonungen noch verstärkt wird. Sein konstant fließendes Stimmregister bis in die tiefen Lagen, ohne einen Wechsel oder Übergang zu hören, zollt von einer hohen Stimmkultur und – vermögen. Er schafft es stimmlich und darstellerisch die Bedrohlichkeit des Charakters herauszustellen, so dass der Zuschauer eine gewollte Abneigung gegenüber dem Charakter des Hunding sofort entwickelt. Eine famose gesangliche und darstellerische Leistung von Liang Li.

Der erste Akt der Walküre an diesem Abend ist von solch enormer Wirkung und höchstem musikalischem und gesanglichen Niveau, dass es bereits nach diesem Akt standing ovation und begeisterten Applaus gibt.

Mit Linda Watson steht eine große, etablierte Wagner Sängerin als Brünhilde auf der Bühne der Deutschen Oper am Rhein. Mit mächtig, voller Stimme fliegt sie mit einem fulminanten „Hojotoho Hojotoho Heiaha Heiaha Hojotoho Heiaha….“ herbei. Watson zeigt ihre große Erfahrung in diesem Fach und glänzt mit sehr großen Gesangsbögen, hoher stimmlicher Spannung und einer vollen, runden Stimmfarbe, ohne in den hohen Lagen klanglich zu überziehen. Mitunter wünscht man sich eine noch stärkere dynamische Differenzierung „Zu böser Schlacht schleich‘ ich heut‘ so bang. Weh‘, mein Wälsung Im höchsten Leid muss dich treulos die Treue verlassen“.

In der Begegnung mit Siegfried im zweiten Akt singt sie die Worte „Siegmund, sieh auf mich Ich bin’s, der bald du folgst“ mit einer ungemeinen, direkten Wirkung auf den Zuhörer. Dabei dehnt sie den Ton bei dem Wort „Siegmund“ anschwellend aus, um ihn dann sanft verklingen zu lassen. Großartig diese Gesangstechnik und Tonführung.

Beeindruckend auf höchstem gesanglichen Niveau ist die abschließende Begegnung mit dem Allvater im dritten Akt „War es so schmählich, was ich verbrach, dass mein Verbrechen so schmählich du bestrafst War es so niedrig, was ich dir tat, dass du so tief mir Erniedrigung schaffst War es so ehrlos, was ich beging, dass mein Vergehn nun die Ehre mir raubt.. O sag‘, Vater Sieh mir ins Auge: schweige den Zorn, zähme die Wut, und deute mir hell die dunkle Schuld,die mit starrem Trotze dich zwingt, zu verstossen dein trautestes Kind“.  Bis zu ihrem Ende im unendlichen Schlaf auf dem Walküren Felsen umhüllt von dem entfachten Feuer, steht hier eine selbstsichere, starke Göttertochter mit würdigem, erhabenem Auftreten.

Simon Neal als Wotan kann zu seiner Leistung im Rheingold deutlich zulegen und eine überzeugende Darstellung des Göttervaters zeigen. Seine Stimme ist in den mittleren und tiefen Lagen sehr voluminös und von großer Tragfähigkeit. Er schafft es große Momente zu zeigen zum Beispiel am Boden liegend als Fricka von ihm den Eid verlangt. „Nimm den Eid“.

Am Schluss, wo die großen Momente von Wotan darstellerisch und besonders stimmlich gefordert sind, ist der Göttervater erschöpft und in dieser Aufführung an seinen stimmlichen Grenzen. Zeitweise ist sogar ein leichtes Kratzen in der Stimme zu hören. Sehr schade, da gerade am Schluss Wotan stimmlich gefordert wird. Bei „Leb‘ wohl, du kühnes, herrliches Kind Du meines Herzens heiligster Stolz Leb‘ wohl! Leb‘ wohl Leb‘ wohl…“ ist ein großes, breites Volumen erforderlich, um den inneren Zustand der Zerrissenheit des Göttervaters expressiv auszusingen. Darstellerisch ist Simon Neal der perfekte Göttervater, der die Rolle nach dem Rheingold hier in der Walküre konsequent und richtig weiterentwickelt.

Renée Morloc als Fricka singt sehr engagiert mit einer leichten Tendenz zum Überziehen und Forcieren in den höheren Lagen. In der Auseinandersetzung mit Wotan im 2. Akt wäre ein größeres Volumen und die klangliche Durchschlagkraft der Göttergattin wünschenswert. Die stimmliche, dynamische Entwicklung und auch die Tonfärbung der einzelnen Passagen in dem Disput der Götter und die Vorhaltung gegenüber dem Gatten, wie bei „Soll mich in Schmach der Niedrigste schmähen, dem Frechen zum Sporn, dem Freien zum Spott Das kann mein Gatte nicht wollen, die Göttin entweiht er nicht so…“ sind erforderlich, um das Obsiegen und Durchsetzen der Forderung von Fricka klanglich perfekt zu gestalten.

Eine deutliche Steigerung zeigt Morloc bei „Deiner ew’gen Gattin heilige Ehre beschirme heut‘ ihr Schild Von Menschen verlacht, verlustig der Macht, gingen wir Götter zugrund: würde heut‘ nicht hehr und herrlich mein Recht gerächt von der mutigen Maid. Der Wälsung fällt meiner Ehre: Empfah‘ ich von Wotan den Eid“ in dem sie die Tonfarbe und den Klang der Stimme perfekt wandelt und Wotan endlich dazu bringt vom Wälsungen abzulassen und dies zu beeiden.

Deutsche Oper am Rhein/DIE WALKÜRE/Foto @ Hans Jörg Michel

Die Walküren Alexandra Untiedt, Jessica Stavros, Katja Levin, Katarzyna Kuncio, Zuzana Šveda, Maria Hilmes, Katharina von Bülow, Uta Christina Georg passen stimmlich sehr gut zueinander, die Ausgewogenheit im Klangbild ist vorhanden, ohne dass die stimmliche Individualität der Schwestern verloren geht. Hier ist aufgrund der darstellerischen Vorgaben, die Walküren in vollen, roten Kleidern zu präsentieren, ein leichter szenischer Transfer zum Rheingold erkennbar.

Die musikalische Grundlage für diese grandiose Aufführung von Wagners „Die Walküre“ legen die Düsseldorfer Symphoniker unter der Leitung von Axel Korber. Das Orchester ist an diesem Abend sehr gut aufgelegt, spielt exakt und entwickelt den großen Klang der Walküre Partitur.

Korber versteht es die hohe Musikalität des Orchesters zu entwickeln und den Klangkörper zur vollen Entfaltung zu führen, dabei die Protagonisten auf der Bühne mit diesem Klangbild verschmelzen zu lassen, ohne sie dabei orchestral zu überlagern.

Eine wunderbare Form des Zelebrierens der Klangwelten der Walküre Partitur. Das Orchester erzeugt einen sehr großen, ungemein bewegenden Klang mit großen Spannungsbögen, fließende Bewegungen und schöpft dabei das komplette dynamische Spektrum der Partitur aus. Hierbei besonders erfreulich, dass die Symphoniker und besonders auch die Bläser sehr genau und sauber unter dem leidenschaftlichen Dirigat von Axel Korber das Meisterwerk von Richard Wagner zelebrierten.

Die Deutsche Oper am Rhein legt an diesem Abend mit dieser Walküre ihr Meisterstück ab und schafft einen großen Richard Wagner-Moment mit einer sehr langen Nachwirkung. Bravo, Bravissimo!

 

  • Rezension von Turgay Schmidt / RED. DAS OPERNMAGAZIN
  • Deutsche Oper am Rhein /Stückeseite
  • Titelfoto: Deutsche Oper am Rhein/DIE WALKÜRE/Foto @ Hans Jörg Michel (*alle Fotos aus früherer Vorstellungsreihe mit tlw. anderer Besetzung)

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