Das Schleswig-Holstein Festival Orchestra mit Isata Kanneh-Mason im Kieler Schloss

Leonard Bernstein Award/Isata Kanneh-Mason /© John Garve

Im Andenken Clara Schumanns: Das Schleswig-Holstein Festival Orchestra mit Isata Kanneh-Mason im Kieler Schloss

Das Schleswig-Holstein Musik Festival besticht allsommerlich durch ein spannendes und abwechslungsreiches Konzertprogramm – auch an ungewohnten Spielstätten. Obgleich die Stars der Klassikszene dort zu Gast sind, gelten die Konzerte des eigenen Klangkörpers, dem Schleswig-Holstein Festival Orchestra, als die kostbarsten Veranstaltungen jedes Sommers. Denn das SHFO besteht aus erlesenen Nachwuchsmusikerinnen und -musikern der gesamten Welt, welche in Schleswig-Holstein als Stipendiaten ihren Sommer in den Diensten der Kunst für Konzerte, Proben und Meisterklassen verbringen. Seit vielen Jahren leitet Christoph Eschenbach dieses Orchester, das mit jungen Menschen „hungrig nach Musik“ jährlich neu zusammengesetzt jedes Konzert zum unwiederholbaren Ereignis werden lässt.(Rezension des Konzertes v. 21.08.2021)

 

Die junge Pianistin Isata Kanneh-Mason hat am Tag vor dem Konzert den begehrten Leonard Bernstein Award verliehen bekommen. Im Alter von nur 24 Jahren gilt sie als Botschafterin Clara Schumanns. Für ihr Debütalbum „Romance“ hat sie Musik dieser zu Unrecht im Schatten ihres Mannes stehenden Komponistin eingespielt. Der erste Teil des Programms bildete Clara Schumanns einziges überliefertes Werk für Orchester, das Klavierkonzert, op. 7.  Bedauerlicherweise hat sich Schumanns Werk, welches sie im Alter von nur 14 Jahren komponierte, bis heute im Konzert-Kanon nicht durchsetzen können. Ein Verlust, denn so kommen nur wenig Klassikinteressierte in den Genuss dieses tief-romantischen, von sehnsuchtsvollen und ausschweifenden Melodien geprägten und dennoch überaus reizvollen und ungewöhnlich komponierten Werks.

Isata Kanneh-Mason/© Robin Clewley

Mit einer Aufführungsdauer von knapp zwanzig Minuten zeigte Isata Kanneh-Mason zugleich einen direkten Zugang zu Schumanns Komposition. Energisch im symbiotischen Zusammenspiel mit dem Orchester bewies sie außerordentliche Virtuosität und Feingefühl für dieses unglaublich schwer zu meisternde Werk, vor dem selbst Christoph Eschenbach als Pianist zurückschreckte. Besonders glanzvoll prägte Kanneh-Mason den Andante-Satz, indes sie über weite Stellen im Duo mit dem Solo-Cello einfühlsam, gleichermaßen eindringlich zu berühren wusste. Mit einer energischen Zugabe von George Gershwin bedankte sich die Pianistin bei ihrem Publikum, welches sich mit Ovationen nicht mehr auf den Sitzen halten konnte! Derzeit noch als Newcomerin gehandelt, tourt Isata Kanneh-Mason schon durch die Konzerthäuser der Republik. Ihre Lockdown-Videos, die sie zusammen mit ihren ebenso musikalischen Geschwistern aufnahm, gingen auf Social Media um die Welt. Hoffentlich wird ihre beflügelte Karriere weiterhin das Vermächtnis Clara Schumanns ins Bewusstsein des Konzertpublikums rufen.

Mit der Sinfonie Nr. 4 in e-Moll op. 98 fand sich ein für junges Konzertorchester hervorragend geeignetes Werk, denn bekanntermaßen ist Brahms ein Komponist nie erschöpfender, ausdrucksstarker Melodien mit Soli für jede Instrumentengruppe.

Christoph Eschenbach/ © Luca Piva

Das SHFO vermochte auch diesen Teil des Konzerts zu einem unvergesslichen Ereignis zu machen. Die Interpretation der 4. Sinfonie war eine ebenso faszinierende, wie aufwühlende und schien sich von Satz zu Satz weiter zu steigern. Besonders der so bekannte und übervoll von Melodien und Variationen dritte Satz stach als Klimax des Abends heraus. Das Orchester unter Leitung Eschenbachs bestach durch flotte Tempi ohne Verlust einer souveränen Ausführung. Besonders stimmungsweisend war der breite, dunkle Streicherklang mit starkem Vibrato, jedoch ohne schroffe Klangverfärbungen. So entstand eine düstere, temperamentvolle Stimmung, packend bis zum letzten Ton.

Im Gesichtsausdruck zum schallenden Schlussapplaus war Christoph Eschenbach anzumerken, wie stolz er auf die Leistung dieser jungen Musikerinnern und Musiker ist. Freilich hat er ihnen in den zurückliegenden Probenwochen die technische Sicherheit für die Brahms-Sinfonie vermittelt. An diesem emotionalen Konzertabend, im Alter von 81 Jahren, gab Eschenbach jedoch etwas viel wertvolleres an die jüngere Orchestergeneration weiter, nämlich den geistigen Gehalt der Komposition von Johannes Brahms. Und darauf kann auch er als Dirigent stolz sein!

 

Isata Kanneh-Mason, Klavier
Schleswig-Holstein Festival Orchestra
Christoph Eschenbach, Dirigent

Programm:
Clara Schumann, Klavierkonzert Nr. 1 a-Moll op. 7
Johannes Brahms, Sinfonie Nr. 4 e-Moll op. 98

 

  • Rezension von Phillip Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Schleswig-Holstein Musik Festival
  • Titelfoto: Preisträgerkonzert Leonard Bernstein Award, SHMF, 20.08.21/Foto @Felix Koenig Agentur

 

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