Bayreuther Festspiele 2018: „DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG“ – mächtiger Schlussapplaus für überzeugende Inszenierung

Bayreuther Festspiele/MEISTERSINGER/ Foto @ Enrico Nawrath

Premiere: 25.7.2017 / Besuchte Vorstellung 27.8.2018 – 

Der Schlussapplaus ist gewaltig, ja: er nimmt irgendwann ungewöhnlich monumentale Ausmaße an. Kein Wunder: mit dieser intelligenten wie breitenwirksamen, theatralisch aufwendigen wie thematisch wohlüberlegten Inszenierung, in der genau die richtigen Sänger und Darsteller stehen, hat Bayreuth dank Barrie Kosky und seinem Dreamteam Rebecca Ringst, Klaus Bruns, Franck Evin, Regine Freise und Ulrich Lenz im Vorjahr eine Produktion ermöglicht, die DER Publikumsliebling der letzten Festspieljahre ist. 

 

Wenn Michael Volle am Ende vor den Vorhang tritt, steigert sich der Applaus ein weiteres Mal, denn so, wie dieser Vollblutsänger und hochintelligente Schauspieler die affenschwere Partie scheinbar mühelos gestaltet, machen ihm das heute vermutlich nur wenige nach. „Gott weiß, wie das geschah?“ Man muss das einmal, so ergreifend gestaltet, in Bayreuth erlebt haben, um die Bedeutung dieser Stelle in diesem hochkomplexen, Geschichte aller Art vermengenden, ressentimentbesetzten und doch künstlerisch über jeden Zweifel erhabenen Werk begriffen zu haben.

Doch steht und fällt der Abend, rein solistisch betrachtet, nicht mit dieser Besetzung. Auch der Beckmesser, also Johannes Martin Kränzle, erhält den Beifall, der ihm bei seinem Erscheinen auf der Festwiese grausam vorenthalten wird (wie einfach und doch subtil ist allein dieses szenische Detail, das kein „Regieeinfall“, sondern Teil einer integralen Konzeption ist). Höchste Wortverständlichkeit, gepaart mit persönlich charakterisierender Ausdruckskraft und einem unglaublichen Sinn für die Bühne, für Komik und Tragik: In diesem Sinne sind die beiden Meister Sachs und Beckmesser tatsächlich Brüder im Geiste. Wieder ist Klaus Florian Vogt der Bewerbungskandidat Nr. 1, dessen bekannter weißer Tenor sich ideal in die dramatischen Erfordernisse dieser intensiven Produktion einschmiegt. Und wie er die Preislieder gestaltet: das ist schon feinste, durchdachte Meistersinger-Kunst. Günther Groissböck ist wieder der witzige Pogner (sicher: der sozial Erste in der Zunftversammlung, doch ranggleich, soweit es den Sinn für überdrehte Komik betrifft) – und der nachdenkliche Herr Papa: kein kapitalistisches Ungetüm, sondern ein Idealist, der sich vielleicht, er bemerkt’s ja selbst, in Sachen Preisausschreiben verrannt hat, aber Kenner vermuten ja eh, dass es Eva war, die ihrem Vater diese Idee ins Hirn einpflanzte, bevor Beckmesser auf die Idee kam, sich um des Töchterchens Hand zu bewerben. Groissböck singt diesen Pogner – wie alle seine Partien – mit Nachdruck, so dass wir dem hochdramatischsten Pogner der jüngeren Festspielgeschichte lauschen können. Das ist in Ordnung; die Partie erlaubt das.

Bayreuther Festspiele/MEISTERSINGER/ Foto @ Enrico Nawrath

Hat ja auch eine schöne Tochter, der Vater. Dieses Jahr ist es, nach der eher glücklosen Premierenbesetzung, Emily Magee, die nach vielen Jahren an den Hügel wiederkam, wo sie bereits in der Wolfgang-Wagner-Inszenierung die Goldschmiedstochter sang. Eine ungewöhnliche Besetzung – aber hat man sich erst einmal an die Idee gewöhnt, dass in Koskys (überzeugender) Interpretation Eva mit Cosima Wagner identisch ist, harmoniert die Stimme dieser Sängerin mit der Optik. Der Rezensent hat sich daran gewöhnt, weil es auf dieser und wohl nur auf dieser Bühne stimmt. Magee wurde am Abend als indisponiert angekündigt, eine Virusinfektion sei da im Gange, aber sie klang immer noch besser als Anne Schwanewilms in ihrer normalen Verfassung. Ja, derart zurückgenommen klang ihre Stimme richtiggehend gut. Verdienter Beifall also für diese Cosima – pardon: Eva, wenn’s auch mal, rein dramaturgisch betrachtet, schön wäre, eine Sängerin auf der Bühne zu sehen, die die Maße der historischen Cosima Wagner besitzt.

2017 konnte man Wiebke Lehmkuhls Magdalene zum ersten Mal auf der Bayreuther Bühne erleben, nun ist sie es – glücklicherweise – wieder. Demnächst singt sie mit ihrem Edelalt in London die Erda; das wäre einen Besuch wert. Ihr David ist Daniel Behle, der seinen liedhaft gebildeten Tenor sensitiv strömen lässt. Ein perfektes Paar. Bleiben die aufgedrehten Zwerge aus dem „Hobbit“ – pardon: die „kleinen“ Meister.

Dass sie so klein nicht sind, weiß jeder Wagnerkenner. Spätestens, wenn sie auf der Festwiese an einer Stelle einen kleinen gewaltigen Chor („Auf, Meister Pogner“) bilden, weiß man, wie hervorragend dieses Ensemble zusammengestellt wurde: so wunderbar wie die Compagnie der extrem schön singenden Lehrjungen. Meine Herren… Tansel Akzeybek, Armin Kolarczyk, Daniel Schmutzhard (ein selbstbewusster und gelegentlich zorniger Kothner von hohen Graden), Paul Kaufmann, Christopher Kaplan, Stefan Heibach, Raimund Nolte, Andreas Hörl und Timo Riihonen (als Hans Foltz, der „erste „Jünger“ Walter von Stolzings): sie müssen genannt werden. „Und vergessen Sie den Nachtwächter nicht“, wie Thomas Bernhardt gesagt hätte, „der Nachtwächter ist vielleicht die wichtigste Partie.“ Wir müssen ihn, nicht nur naturgemäß, nennen: Tobias Kehrer ist ja nicht allein einer der besten Bayreuther Titurels der letzten Jahrzehnte. Der Nachtwächter ist natürlich nicht die letzte, wenn auch seltsam herausragende Partie, denn jeder Wagnerianer kann dessen Partie vermutlich komplett und relativ fehlerfrei nachsingen. Davor kommt noch der notorisch phänomenale Festspielchor, dessen „Wach auf“ sich auch diesmal durch ein extrem langes „auf“ auszeichnet. Es liegt natürlich auch am Mann im Graben, der das Orchester der Bayreuther Festspiele zu Höchstleistungen der Detailmalerei und Sensitivität provoziert: Philippe Jordan. Eine Musikerin sieht man übrigens auf der Bühne. Sie trägt sogar einen Rollennamen: „Helga Beckmesser“ (ein Heiratsschwindler ist der Kerl also auch noch!). Die Beckmesserharfe wird wunderbar gezupft von Ruth-Alice Marino: im grauen Kleinen von 1946.

Bayreuther Festspiele/MEISTERSINGER/ Foto @ Enrico Nawrath

Und die Inszenierung? Blieb Alles beim Alten? Nicht ganz. Einiges sah so alt aus und war doch so neu. Kosky hat diesmal das Mobiliar des Hauses Wahnfried, das ab Ende des ersten Akts nicht mehr gebraucht wird, auf die Bühne des zweiten gestellt und dafür den Rasen geopfert, der 2017 noch im veränderten Nachbau des Nürnberger Schwurgerichtssaales auflag. Die Idee ist richtig, im Sinne des historischen Durchgangs durch die Epochen sogar richtiger als das Bild des Vorjahres, aber die surreale Romantik hat mir besser gefallen. Es ist schon ein Unterschied, ob Eva ihren Geliebten auf dem grünen Rasen oder auf einem Tisch inmitten der Möbel liebkost. Nun, man kann als Rezensent wirklich nicht alles haben (und es blieb der unendlich zärtlich inszenierte Schluss des Preislieds, bei dem sich das „Volk“ und die Meister liebevoll und huldigend um Walther und seine Eva scharen). In diesem Jahr sticht Walther auch nicht einen der Meister ab, als diese in seinem grotesken Wahnbild („Oh, diese Meister!“) plötzlich mit allerlei Instrumenten über die Bühne tanzen.

Das Wahnbild Beckmessers, das zum Wahnbild des Sachs wird, blieb allerdings en detail erhalten. Wieder bläst sich – eine technische Meisterleistung – die Judenfratze auf, und wieder wird Beckmesser zum Tanzen gezwungen.

Doch, es stimmt, man kann das so machen. Man muss nur die philologisch begründeten Thesen nachlesen, die der Dramaturg und Wagnerschriftenkenner Ulrich Lenz in Zusammenhang mit dieser hochmusikalischen wie durchdachten, erzkomischen wie erschütternden, eben nicht einschichtig anklagenden Meisterinszenierung auf Grundlage der vielen Seiten, die Wagner gegen „die Juden“ und die für ihn und für seine Frau nur noch „jüdischen“ Kritiker in die Programmhefte geschrieben hat. Der Rest ist nämlich nicht Polemik, sondern Trauer – und die Frage, wie wir es heute mit Wagners ideologiegesättigter Kunst und seinen Ideen von Anno Dunenmals halten. Dies nicht trotz, sondern wegen der inkommensurablen, herrlichen und technisch unfassbar gut gemachten Musik, von der nicht allein Barrie Kosky 2017 geschwärmt hat.

Diese Frage mit dem umjubelten Kunst-Stück dieser Inszenierung zusammen mit hervorragenden Sängern, Musikern und Darstellern gestellt zu haben, ist nicht das geringste Verdienst des neueren Bayreuth.

P.s. Auch Marke und Molly sind nicht mehr die Marke und Molly-Darsteller von 2017. Eigentlich schade – denn die beiden Hunde waren im Premierenjahr schon extrem süß…

 

Artikelübernahme von unserer Partnerseite DER OPERNFREUND/ Rezensent Frank Piontek, 28.8.218

Fotos: © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

 

  • Titelfoto: Festspielhaus Bayreuth/ Foto @ Bayreuther Festspiele – Jochen Quast

 

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