Wagner, Walküre, Wahnsinn – Michael Güttler und seine Festspielpläne in der Ortenau

Michael Güttler u.d. Frischluftorchester/Foto @ Michael Güttler

Michael Güttler dirigiert international in den ersten Opern- und Konzerthäusern. Ende des Monats wird er eine konzertante Aufführung des ersten Aufzugs von Richard Wagners „Walküre“ in Offenburg leiten. Mit dem OFFENBLATT sprach er über das ambitionierte Projekt. (Interviewübernahme mit frdl. Genehmigung v. Stadtverwaltung Offenburg/Presse- und Öffentlichkeitsarbeit)

 

Herr Güttler, um gleich mit der Tür in Haus zu fallen: Macht Offenburg den Bayreuther Festspielen Konkurrenz?

Michael Güttler: Um die Tür gleich weit zu öffnen, NEIN. Wagner gehört der ganzen Welt. Man spielt ihn nahezu überall, wo nennenswertes klassisches Musikleben existiert. Ich habe ihn in Wien, Paris, London, Washington, München, Helsinki, St.Petersburg usw. mit amerikanischen, russischen, österreichischen, französischen, englischen, finnischen, deutschen, belgischen, italienischen Orchestern gespielt, wobei ich mir nicht einmal sicher bin, mich an alle zu erinnern und wenn ich anfinge, die Nationalitäten der beteiligten Musiker und Sänger aufzuzählen, dann wäre die Liste sicher sehr lang.

Bayreuth ist ein einzigartiger Ort, mit Aufführungsbedingungen, wie sie Wagner selbst erdacht und realisiert hat. Man muß aber auch konstatieren, daß die Bayreuther speziell akustischen Einzigartigkeiten sich für bestimmte Werke, wie  z.B. den speziell für dieses Theater geschriebenen „Parsifal“ mehr eignen, als für andere, besonders die Werke der früheren Schaffensperioden. Die „Walküre“ war bereits 1857 fertiggestellt, da war an Bayreuth noch gar nicht zu denken und Wagner orientierte sich mit seinen Klangvorstellungen an Theatern wie Dresden und München. Sie hatte ihre Uraufführung 1870 in München, mehr als sechs Jahre bevor sie in Bayreuth zum ersten Mal erklang.

In Bezug auf die Sänger haben wir das große Glück, das Günther Groissböck, der diesjährige Bayreuther Wotan, mit dem ich seit Jahren befreundet bin, an seinen freien Tagen Bayreuth verläßt und zu uns kommt, um den Hunding zu singen. Wir nehmen ihn aber natürlich Bayreuth nicht weg, insofern machen wir auch keine Konkurrenz. Grundsätzlich ist das als Idee sowieso vollkommen abwegig und für meine Motivationen und Ziele wenig relevant. Ich möchte gern dem Ortenauer Publikum und unseren Gästen aus nah und fern etwas bieten, von dessen musikalischer  Schönheit und mitreißender Kraft ich zutiefst überzeugt bin und ich hoffe, dies auf denkbar höchstem Niveau tun zu können.

 

Wie ist die Idee entstanden, Wagner nach Offenburg zu bringen?

Güttler: Wir wollten ursprünglich an Wagners Geburtstag (22.Mai), der dieses Jahr auf den Samstag vor Pfingsten fiel, auftreten. Diese und viele andere Planungen haben sich durch die Pandemie und die sie bekämpfen wollenden Restriktionen in Luft aufgelöst. Aber wenigstens ist es uns gelungen, einige Termine durch Verschiebungen zu retten, darunter eben auch die „Walküre“.

 

Die „Walküre“ ist Teil eines ambitionierten Projekts. Sie wollen in der Ortenau ein Klassik-Festival etablieren.

Michael Güttler

Güttler: Ich bin seit knapp sieben Jahren in der Ortenau wohnhaft, war aber eigentlich ständig in der Welt unterwegs und habe den Offenburger Bahnhof auf dem Weg zum Frankfurter Flughafen öfter gesehen, als nahezu jedes andere Gebäude in der Ortenau. Das hat sich seit dem Frühjahr 2020 ganz grundlegend geändert, nichts war mehr möglich, keine Reisen und auch kein Auftreten, ich war solange am Stück (mit ganz geringen Unterbrechungen) zu Hause, wie seit dem Beginn meines Berufslebens nicht mehr. Ich habe diese Zeit der erzwungenen Ortsfestigkeit unter anderem dafür genutzt, mir den gesamten Landkreis genauestens im Hinblick auf Plätze und Räume für Veranstaltungen klassischer Musik (vorwiegend open-air) anzusehen, mit Bürgermeistern, Kulturamtsleitern, Tourismusbeauftragten, Hoteliers, Leitern der Weingüter usw. zu sprechen.

Die Ortenau ist für diese Art Festival geradezu ideal, sie hat eine wunderschöne Landschaft, eine Vielzahl „natürlicher “ Konzertsäle unter freiem Himmel, eine im Vergleich mit anderen deutschen Landkreisen weit überdurchschnittliche Anzahl an Sonnenstunden, ein mildes Weinbauklima, eine gute touristische Infrastruktur und eine kunst-und kulturaffine Bevölkerung. Was die Ortenau meiner Meinung nach weniger hat, ist eine ihrem kulturellen und geschichtlichen Rang entsprechende Außenwahrnehmung. Wenn ich international (teilweise trifft das sogar auf Deutschland zu) unterwegs bin und interessierten Journalisten oder Kollegen erkläre, wo mein aktueller Wohnort ist, dann wissen nur wenige etwas mit „Offenburg“ oder „Ortenau“ anzufangen und die Gesichter hellen sich erst bei „südlich von Baden-Baden“, „Schwarzwald“, „gegenüber von Straßburg“ auf. Diesen mich etwas verdrießenden und völlig unverdientermaßen vergleichsweise geringen  Bekanntheitsgrad würde ich im Rahmen meiner Möglichkeiten gern verbessern helfen. Musik ist völkerverbindend, Musik bringt zusammen, Musik strahlt nach außen und lädt ein. Musik ist die beste Werbung.

Die Idee eines Musikfestivals hat ortenauweit bei Amtsträgern und Musikern große Zustimmung erfahren. Die Pandemie hat uns da erheblich zurückgeworfen, aber wir haben Ausdauer. Ich habe aus den besten Musikern der Ortenau und angrenzenden Regionen ein großes sinfonisches Orchester gegründet, das „Frischluft Festivalorchester“.

Zu meiner größten Freude konnten wir bereits Ende Mai trotz Pandemiebedingungen eine komplette Opernneuproduktion „Barbiere di Siviglia“ im Stadtpark Lahr realisieren und begeisterte Publikums- und Pressereaktionen erfahren. Für die nächsten Jahre sollte dieses Orchester in verschiedenen Stärken, vom Kammerorchester bis zu großen spätromantischen Besetzungen das musikalische Rückgrat des „Frischluft und Musik Festivals Ortenau“ sein und eine Vielzahl verschiedenster Programme an einer großen Anzahl Ortenauer Spielorte realisieren. Darüberhinaus wäre eine Einbeziehung der reichen Ortenauer Amateurmusikszene, der Chöre, Theater, Blaskapellen etc. äußerst wünschenswert.

Ich bin sehr glücklich und dankbar, daß Herr Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble die Schirmherrschaft über das Festival übernommen hat. Es gibt aber auch eine Vielzahl engagierter Menschen auf der kommunalpolitischen und landespolitischen Ebene, die den Anfangsbemühungen sehr hilfreich zur Seite stehen, pars pro toto möchte ich hier Herrn Staatssekretär Volker Schebesta nennen. Die Baden-Württemberg-Stiftung hilft uns großzügig über die ersten finanziellen Hürden.

 

Sie stammen aus einer bekannten Dresdner Musikerfamilie, treten in internationalen Häusern auf und haben sich mit Ihrer Familie in der vergleichsweise beschaulichen Ortenau niedergelassen. Wie kam es dazu?

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Güttler: Das hatte zunächst familiäre, mit meiner Frau zusammenhängende Ursachen. Es war keine von mir ausgehende Entscheidung. Für mich war in den ersten Jahren entscheidender, daß der Frankfurter Flughafen einigermaßen bequem zu erreichen war. Allerdings bin ich meiner Frau sehr dankbar, sie hat eine ausgezeichnete Wahl getroffen und seitdem ich mehr zu Hause sein muß bzw. darf, weiß ich mein Glück erst richtig zu schätzen, bin zwar kein echter, aber überzeugter Badener, Ortenauer und Ohlsbacher geworden und würde mit meiner Familie gern hier bleiben.

Das „Beschauliche“ ist eine Lebensqualität, die ich an der Region ungemein schätze und besonders nach hektischem „In-der -Welt-Herumgefliege“ sehr genieße. Daß das „Beschauliche“ nicht ins „Verschlafene“ oder Ideenlose abkippt, verhindert meistens eine gewisse, mir sehr angenehme „Vergnügungssucht“ der hiesigen Bevölkerung und wenn es mir gelänge, musikalisch-kulturell noch etwas „Druck auf den Kessel“ zu bringen, dann würde ich zum Augenblicke sagen: „Verweile doch ! du bist so schön !“

 

Ein Festival will finanziert werden. Konnten Sie bereits Sponsoren finden?

Güttler: Alles was wir tun, ist natürlich finanziell abgesichert. Ich bin der Geschäftsführer einer Betreibergesellschaft des Festivals und kümmere mich selbst intensiv und mit der Hilfe zahlreicher „Mittäter“ um Sponsoring und Förderung. Dabei sind wir auf erfolgreichen Wegen. Ganz grundsätzlich halte ich aber auch die Bereitstellung von Landes-und Bundesmitteln bzw. die Beantragung derselben für einen wichtigen Teil einer ausgewogenen Finanzierung. Zu dieser Finanzierung trägt übrigens auch der Ticketverkauf in nicht unerheblichem Maße bei und ich lade alle Ortenauer und ihre Gäste herzlich ein, diese Finanzierungslücke mit einem vergleichsweise geringen Betrag schließen zu helfen.

 

Walküre in Offenburg

Termine der Aufführung in der Oberrheinhalle:

Samstag, 24. Juli, um 19 Uhr

Sonntag, 25. Juli, um 17 Uhr

Tickets unter www.reservix.de

 

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