Unter schwierigen äußeren Umständen: „Turandot“ am Liceu in Barcelona

Innenraum Gran Teatre del Liceu / Foto @ Antoni Bofill / http://www.liceubarcelona.cat/ca/sala-premsa

Mit Puccini mitten im Bürgerkrieg – Turandot am Liceu in Barcelona

Eine Stunde vor Vorstellungsbeginn sieht alles vor dem Opernhaus aus wie immer: eintreffende Besucher, vorfahrende Taxis, viele Menschen, die die Ramblas entlang schlendern, Richtung Meer, das letzte Licht eines spätsommerlichen Tages. Es war schwierig, außergewöhnlich schwierig, zu dieser Turandot-Aufführung nach Barcelona, und in die Innenstadt, zu gelangen. Ich war am Abend zuvor nichtsahnend am Flughafen der Stadt angekommen, und mitten in einer Art von Bürgerkrieg (man muss es so nennen) gelandet. Die Straßen, Gleise und sonstigen Zufahrtswege zum Airport wurden von katalanischen Separatisten blockiert, der Flughafen  angegriffen. Ich saß sieben Stunden dort fest. Straßenschlachten vor dem Airport. Auch am 15.10. waren noch etliche Verbindungsstraßen zwischen Flughafen und Innenstadt blockiert. Man konnte das auch an den freien Sitzen in der ansonsten (und das schon lange!) ausverkauften Vorstellung erkennen. Nicht jeder Besucher, der in die Stadt wollte, hat das geschafft. (Besuchte Vorstellung am 15.10.2019)

 

Turandot, inszeniert von Franc Aleu, der zur Künstlergruppe La Fura dels Baus gehört – da sind natürlich die Erwartungen hoch. La Fura dels Baus haben Maßstäbe gesetzt. Als der Vorhang hochgeht: Chor, Licht, Solisten und das mit den Videoprojektionen verschmelzende Bühnenbild (hinter einem Gaze-Vorhang). Peking. Eine Märchen-Licht-Cyber-Welt. Der Inhalt dieser letzten Puccini-Oper kann wohl als bekannt vorausgesetzt werden. Die Technik, ein Bühnenbild mit davorgesetzten Videoprojektionen zu ergänzen, zu verändern, beides ineinander übergehen zu lassen, haben La Fura dels Baus perfektioniert. Für ihre Produktionen gibt es keine direkten Vergleiche. Dort, wo bei früheren Inszenierungen der Künstler Artisten rumturnten, sind nun auch Roboterarme installiert, die man allerdings aus der Ferne nicht als solche erkennen kann. Im Foyer des Liceu sind diese Roboter ausgestellt.

Turandot/Plakat/ Foto @ Josef Fromholzer

Turandot (Irene Theorin) ist schon bald überlebensgroß als Videoprojektion zu sehen. Irene Theorin, eine stimmgewaltige Turandot, mit Wagner in der Stimme. Sie überstrahlt ganz locker das Orchester, so wie das ihre Vorgängerin Birgit Nilsson in der Live-Aufnahme aus der Mailänder Scala von 1964 macht. Die Sopranistin Ermonela Jaho, die schon an vielen Häusern die Violetta aus La Traviata gesungen hat, singt eine anrührende Liu, mit viel Belcanto in der Stimme, die Selbsttötungsszene bleibt lange im Ohr. Jorge de Leon ein souveräner Calaf, der es gelassen nimmt, dass bei „Nessun dorma“ mit voller Wucht in die noch länger ausklingende Musik hineingeklatscht und gejubelt wird.

So ist das an südlichen Opernhäusern. Es wird laut, sehr laut! Auch der Dirigent Josep Pons, musikalischer Direktor des Liceu, weiß (so ist es ihm anzusehen), dass dieser viel zu frühe Jubel hier nicht verhindert werden kann. Andere Dirigenten an anderen Häusern, versuchen das oft mit Gesten abzuwehren. 

Dass diese Vorstellung für eine Live-Übertragung auf Arte gefilmt wurde, hat man im Publikum nicht bemerkt: das Haus verfügt über eigene Kamera/Videotechnik, die ohnehin jede Aufführung mitfilmt und die Bilder auf die kleinen Monitore in den seitlichen, sichtbehinderten Rangbereichen überträgt. Dort würde man im Sitzen  gar nichts mehr sehen, darum die Videomonitore an den Plätzen.

Beim Verlassen des Liceu nach der Aufführung: ein nächtliches Barcelona wie immer. Erst am Tag darauf, am 16.10., kamen die Auseinandersetzungen mit brennenden Barrikaden auch in die direkte Innenstadt. Die Aufführung mit der B-Besetzung am 16.10. hatte aber ebenfalls noch statt gefunden, trotz der Proteste und Brände in den Seitenstraßen der Ramblas.  

Für alle, die sich  für La Fura dels Baus interessieren: am 23. April 2020 wird deren sehr sehenswerte TANNHÄUSER-Inszenierung am Teatro alla Scala in Mailand wieder aufgenommen. 

 

  • Rezension und Eindrücke von Josef Fromholzer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Liceu Barcelona / Stückeseite
  • Titelfoto: Turandot/Plakat/ Foto @ Josef Fromholzer

3 Gedanken zu „Unter schwierigen äußeren Umständen: „Turandot“ am Liceu in Barcelona&8220;

  1. Ich habe die Aufführung am 19.10. gesehen (andere Besetzung, großartig Anita Hartig als Liu), war von Inszenierung und musikalischer Interpretation begeistert. „Nessun dorma“ ist wunderbar ausgeklungen, es wurde in das Orchester- Nachspiel und die Fortsetzung der Oper nicht hineinapplaudiert.
    Am Ende skandierte ein Großteil des Publikums „Llibertat“- Parolen, viele katalanische fahnen wurden geschwenkt.
    Übrigens: sehr gutes Tapas- Lokal wenige Schritte vom Liceu: Cañete, Carrer de la Unió 17

  2. Gerade aus dem Liceu zurückgekommen und einfach nur begeistert! In Barcelona zeigt sich: Modern inszenierte Oper kann auch Spaß machen. Eine tolle Idee, und darüber hinaus sehr gut umgesetzt, Turandot in einem futuristischen virtual-reality-geprägten Peking spielen zu lassen. Die Solisten waren großartig und insbesondere der Chor hat mir sehr gut gefallen!
    Auch wenn die Situation in Katalonien sich mittlerweile schon vermeintlich wieder ein wenig beruhigt hat, machte sich die aufgeheizte Stimmung nach Applaus Ende bemerkbar als eine einzelne Dame eine Spanienflagge hoch hielt und daraufhin das gesamte restliche Publikum in Sprechchöre einsetze, die die Freilassung der politischen Gefangenen forderten. Ein Erlebnis was man nicht alle Tage hat und in Deutschland so wohl nicht passieren würde.

    Absolutes Highlight war jedoch in meinen Augen die Inszenierung des Schlusses. Absolut unerwartet aber meiner Ansicht nach ein absoluter Coup!
    Ein fast schon feministischer Twist, jedoch subtil und unaufdringlich eingebracht, eventuell sogar von einem Großteil des Publikums unbemerkt oder einfach nur meine ganz persönliche Interpretation.

    Mich würde sehr die Interpretation des Autors diesen Artikels interessieren!

    In jedem Fall ist diese Oper mit dieser Inszenierung einen Besuch wert, nicht zuletzt wegen des schönen vor 20 Jahren wiederaufgebauten Opernhauses!

    1. So etwas Ähnliches habe ich auch schon erlebt, 2010 bei der CARMEN von Calixto Bieito. Da gibt es eine Szene, in der Soldaten eine spanische Flagge von einem Mast herunterreißen und dann darauf rumtrampeln. In diesem Moment sind viele Besucher im Parkett des Liceu aufgesprungen und haben laut applaudiert. Das ist ganz offensichtlich jeden Abend passiert damals. Ich habe 2 Aufführungen dieser Oper gesehen, und bei jeder war das so. Es freut mich, dass sich die Situation momentan wieder etwas beruhigt hat.

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