Theater Basel: „IL BARBIERE DI SIVIGLIA“ – ALTE OPER, NEUE WELT

Theater-Basel: „Il barbiere di Siviglia“/Alasdair Kent, Gurgen Baveyan, Vasilisa Berzhanskaya/Foto ©Priska Ketterer

Als Rossini vor zweihundert Jahren seine Oper «Il barbiere di Siviglia» in Rom zur Uraufführung brachte, konnte niemand ahnen wie sich die Welt verändern würde mitsamt den neuen Kommunikationsmöglichkeiten, wie wir sie heute kennen. Heute bestimmen die Social Media unser Leben und das Handy hat sich zu einem zusätzlichen Körperteil entwickelt. In diesem Umfeld ist kaum mehr Platz für die Romantik gepuderter Perücken, verspielten Kostümen und unter Fenstern singenden Liebhabern. (Rezension der Premiere v. 17.10.19

 

Der russische Regisseur Kirill Serebrennikov, welcher aus politischen Gründen 2017 – August 2019 in Moskau unter Hausarrest stand, hat seine Inszenierung dieses Werkes bereits 2016 für die Komische Oper in Berlin erarbeitet. In Basel ist eine Neueinstudierung dieser Arbeit zu sehen. Nebst der Regie hat der gefeierte Künstler auch die Bühne und die Kostüme gestaltet.

Bereits wenn das Publikum durch die Saallautsprecher gebeten wird, die Handys nicht zu benutzen, betreten Conte Almaviva mit Fiorello die Bühnenrampe. Während der Ouvertüre wird fleissig telefoniert und Nachrichten versandt. Auch ein Selfie mit dem Dirigenten muss natürlich gemacht werden. Wir können auf der Rückwand der Bühne diese Messages mitlesen.

Rosina verliebt sich via Facebook in den Grafen welcher unter dem Namen Lindoro ihr Herz erobert. Dieser macht auch gleich noch ein Video von sich, wie er begleitet von einer E-Gitarre seine berühmte Arie singt. Da kommt durch den Zuschauerraum und live gefilmt, Figaro mit der wohl bekanntesten Arie Rossinis ins Spiel. Im Verlaufe der Handlung nimmt er die Fäden in die Hand nimmt und sorgt für viel Verwirrung.

Theater-Basel: „Il barbiere di Siviglia“/Vasilisa Berzhanskaya, Benjamin Alexander Lindh Medin, Ismael del Valle, Lohan Jacquet, Gurgen Baveyan, Andrew Murphy/Foto ©Priska Ketterer

Doch nicht nur Conte Almaviva (alias Lindoro) ist in die schöne Rosina verliebt, welche eingesperrt bei Ihrem Vormund Dr. Bartolo wohnt. Auch dieser will die wohlhabende Rosina heiraten. Hier überschneiden sich die alte und die heutige Welt. Dr. Bartolo lebt in seinem mit Antiquitäten überladenen Haus, fernab von Handys und Computer. Es wird von der alten Hausangestellten Berta bedient und passt streng auf sein Mündel auf. Conte Almaviva, angestiftet durch Figaro, gelangt in diversen Verkleidungen ins Haus des Dr. Bartolo und versucht dort Rosina zu treffen. Die beiden kommunizieren über das Handy und können so den eifersüchtigen Bartolo hintergehen.

Nach einigen Intrigen finden jedoch Rosina und der Graf zueinander und selbst Bartolo willigt schliesslich in diese Beziehung ein.

Kirill Serebrennikov gelingt mit dieser amüsanten, lebhaften und unterhaltenden Inszenierung eine ganz neue Sicht auf diese Geschichte und man ist von Anfang an von den vielen Ideen fasziniert. Er stellt die Figur des Bartolo in den Mittelpunkt, welcher mit der heutigen Welt nicht mithalten kann und zeigt auch, wie sich nach und nach sein verstaubtes Haus leert und man sich den modernen Tatsachen nicht entziehen kann.

Von den Sängern wird ein großes Mass an schauspielerischem Können abverlangt. Das hier intensiv geprobt wurde, war sofort zu spüren. Da leider dem Regisseur die Anwesenheit bei den Proben verwehrt war, übernahm Julia Huebner die anspruchsvolle Aufgabe, die Neueinstudierung zu leiten. Alle Mitwirkenden überzeugten mit ihrer Spielfreudigkeit.

Auf der musikalischen Seite gab es einige Entdeckungen zu erleben. Der junge australische Tenor Alasdair Kent, beeindruckte durch seine sicheren Höhen und einer wunderbaren Stimme. Besser hätte man seine Rolle in dieser Inszenierung nicht besetzen können.

Theater-Basel: „Il barbiere di Siviglia“/Ismael del Valle, Lohan Jacquet, Vasilisa Berzhanskaya, Gurgen Baveyan/Foto ©Priska Ketterer

Gurgen Baveyan als Figaro besitzt einen sehr flexiblen Bariton und eine in allen Lagen bestens ausgebildete angenehme Stimme. Er verfügt ausserdem über eine starke Bühnenpräsenz und Ausstrahlung. Vasilisa Berzhanskaya hat in Basel bereits in «La Cenerentola» überzeugt und nun begeistert sie auch als Rosina erneut mit starker Stimme und brillanten Spitzentönen.

Andrew Murphy, ein ganz erfahrener Bariton, verkörperte die Rolle des Dr. Bartolo und war einer der Höhepunkte dieses Abends. Die Partie der Haushälterin Berta wurde mit Kali Hardwick zu einem Kabinettstückchen. Herrlich, wie sie diese Figur interpretierte.

Antoin Herrera-Lopez Kessel als Don Basilio und Dmytro Kalmuchyn als Fiorello, sowie Vivian Zatta als Polizist ergänzten dieses grossartige Ensemble.

Der Chor des Theater Basel wurde von Michael Clark einstudiert und leistete gesanglich wie auch schauspielerisch einen wichtigen Beitrag zum Gelingen des Abends.

David Perry ist ein sehr erfahrener Dirigent und hat mit dem Sinfonieorchester Basel eine beschwingte und bis ins kleinste Detail herausgearbeitete Aufführung dieser herrlichen Musik geboten.

Das sichtlich amüsierte Publikum spendete viel Applaus und hat sich glänzend unterhalten. Man sollte sich diesen Spass nicht entgehen lassen.

 

  • Rezension von Marco Stücklin / RED. DAS OPERNMAGAZIN-CH
  • Theater Basel / Stückeseite
  • Titelfoto: Theater-Basel: „Il barbiere di Siviglia“/
    Gurgen Baveyan, Ismael del Valle, Lohan Jacquet, Alasdair Kent, Benjamin Alexander Lindh Medin/Foto ©Priska Ketterer

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