Überraschungsensembles des WDR-Sinfonieorchester bei den Abonnenten bringen große Freude

Nachdem das geplante Pastorale-Konzert mit Beethovens 6. Sinfonie und Tan Duns „The Tears of Nature“ mit Martin Grubinger, das diesmal unter Tan Duns Leitung stattfinden sollte, am Freitag, dem 5. Juni 2020 nur als Videostream genossen werden konnte, haben wir uns sehr gefreut, dass Frau Carola Nasdala und Jikmu Lee aus Korea, beide stellvertretende Stimmführer bei den 2. Violinen im WDR-Sinfonieorchester, zu einem Überraschungsständchen zu uns nach Bonn gekommen sind.

 

Das Angebot an die Abonnenten machte im Namen des WDR-Sinfonieorchesters Daniel Grieshammer, der seit 1993 im WDR-Sinfonieorchester Trompete spielt. Vom WDR-Sinfonieorchester waren insgesamt 30 Musiker*innen in unterschiedlichen Formationen unterwegs, unter anderem ein Horntrio, ein Bläserquartett, ein Fagott-Trio, ein Trio mit Oboe, Cello und Geige, Soloflöte, Solokontrabass und diverse Streicherduos. Sie haben in der Zeit vom 2. bis 9. Juni 2020 mehr als 200 Abonnentenhaushalte besucht. Übrigens sind auch Musiker*innen vom WDR-Rundfunkchor und vom WDR Funkhausorchester zu deren Abonnenten gefahren. Die Aktion wurde noch bis zum 22. Juni 2020 verlängert.

Eigentlich sollte das Konzert im Freien stattfinden; wir hatten dazu den Parkplatz ausersehen, aber wegen Regens und der Schafskälte spielten sie dann bei geöffneter Terrassentür bei mir im Wohnzimmer. „Unsere Violinen vertragen keinen Regen, Blechblasinstrumente sind da robuster“, sagte Frau Carola Nasdala. Es waren etwa 20 Nachbarn mit Masken in den Garten gekommen. Einigen hat es so gut gefallen, dass sie um ein Programmheft für die kommende Spielzeit gebeten haben.

„Wir sitzen im Konzert immer hintereinander und spielen das gleiche, deshalb freuen wir uns ganz besonders, diesmal einen Satz von Louis Spohr, Zeitgenosse Beethovens, mit verschiedenen Stimmen zusammen zu spielen“, so Frau Nasdala, die seit 1994 Mitglied des WDR-Sinfonieorchesters ist.

Jikmu Lee / Foto @ ARD-Fotogalerie

Jikmu Lee aus Korea, seit 2018 beim WDR-Sinfonieorchester, wie Frau Nasdala stellvertretender Stimmführer der 2. Violinen, freute sich, dass so viele Leute gekommen waren und holte nach der Zugabe noch weitere Programmhefte aus dem Auto. Die beiden ergänzten sich perfekt, und die klassische Musik hat allen gut gefallen. Der Beifall war enthusiastisch, da spielten sie noch einen weiteren Satz, und es war wunderschön. Insgesamt dauerte das Konzert 16 Minuten. Es war faszinierend, wie zwei Violinen einen Raum mit Klang erfüllen.

Carola Nasdala/Foto @ ARD-Fotogalerie

„Wir sind jetzt seit drei Tagen in unterschiedlichen Besetzungen unterwegs und bereisen den Raum Bonn, andere sind im Bergischen Land, bis Aachen und in Köln“, so Frau Nasdala. Ein Nachbar, der sonst überwiegend Heavy Metal hört, war total hingerissen und wollte gleich in das nächste Konzert gehen.

Bedingt durch die Hygiene-Vorschriften aufgrund der Corona-Pandemie müssen die Musiker beim Auftritt alle 2 Meter Abstand halten. Das bedeutet, dass Formate wie große Sinfonien oder Chorwerke nicht gespielt werden können. Auch zwischen zwei fremden Zuschauern müssen 1,5 m Abstand sein. Seit dem 11. März 2020 finden deshalb keine Live-Konzerte des WDR mehr statt.

Beim Konzert zum Weltumwelttag am Freitag, dem 5. Juni 2020 bedeutete das, dass man Beethovens 6. Sinfonie als Streichsextett in der Bearbeitung von Michael Gotthard Fischer, einem Zeitgenossen Beethovens, gespielt hat. Leider hat man bei der Übertragung im Videostream am 5. Juni die Namen der Kölner Solisten – Slava Chestiglazov und Adrian Bleyer, Violine, Stephan Blaumer und Mircea Mocanita, Viola und Oren Shevlin und Martin Leo Schmidt, Violoncello, nicht eingeblendet, obwohl sie anspruchsvolle Soloparts gespielt haben. Die Aufnahme wurde am 3. Juni 2020 in der Kölner Philharmonie gemacht und zeigt eine filigrane Version der beliebten Sinfonie, die Beethovens Liebe zur Natur, die zu seiner Zeit noch heiter und unzerstört ist, musikalisch ausdrückt. Das Gewitter ganz ohne Blechbläser und Pauken ist gewöhnungsbedürftig, aber auch schon zu Beethovens Zeit wusste man sich mit kleinen Besetzungen zu helfen.

Das Konzert „The Tears of Nature“ wurde vom 1957 geborenen chinesischen Komponisten Tan Dun für den außerordentlichen Percussionisten Martin Grubinger komponiert und am 18. August 2012 in Hamburg unter der Leitung Tan Duns mit Martin Grubinger uraufgeführt. Es sollte eigentlich am 5. Juni 2020 unter der Leitung des Komponisten in der Kölner Philharmonie gespielt werden, aber Tan Dun durfte nicht nach Deutschland einreisen und Martin Grubinger saß in Österreich, wo die gleichen strengen Abstandsregeln für Musiker gelten. So wurde das Konzert in einer Fassung für zwei Klaviere mit Ferzan Önder, Grubingers Frau, und Ferhan Önder, ihrer Schwester und drei Schlagzeugern (Martin Grubinger, Richard Putz und Slavik Stakhhov) in einer Aufnahme aus dem Konzerthaus Wien vom 19. Mai 2020 eingespielt.

Im Zentrum des Konzerts steht die Zerstörung der Natur durch den Menschen. Der erste Satz „Threat of Nature“ schildert in gewaltigen Paukenschlägen das Erdbeben in Sichuan, der zweite Satz „Tears of Nature“ ist ein zarter Klagegesang auf die Opfer der Flutkatastrophe von Fukushima mit den Klängen einer Marimba mit einer populären südostchinesischen Melodie als Thema, und der dritte Satz „Dance of Nature“ schildert mit wilden Rhythmen die Verwüstung New Yorks durch den Hurrican „Sandy“.

In der Originalfassung, die ich zum Glück am 30. Oktober 2014 in der Kölner Philharmonie mit großem Orchester unter Eivind Aadland erleben konnte, spielen Piccolo-Trompete und Holzbläser eine subtile Klage, die natürlich auf dem Klavier etwas dünner klingt, aber mit fünf Musikern ist man etwas flexibler im Tempo.

Ich merke erst jetzt, welches Wunder ich in den vergangenen Jahren mit den großen Orchesterbesetzungen der romantischen und zeitgenössischen sinfonischen Werke in der Kölner Philharmonie erleben durfte, und wie bedroht die großen Chöre und Orchester durch die Pandemie sind.

Zum Abschluss folgte in Kooperation der Kölner Philharmonie mit dem Wiener Konzerthaus Tan Duns neueste Komposition „Prayer and Blessing“, die am 12. April 2020 als Weltpremiere mit Musikern aus zwölf Ländern aus New York und Shanghai live gestreamt wurde. Sie ist als virtuelle Performance konzipiert, und dies ist weltweit die zweite Aufführung des Stücks überhaupt.

Berückend schön spielt Slava Chestiglazov, Konzertmeister des WDR-Sinfonieorchesters, das elegische Violinsolo, und Adrian Bleyer, Violine, Stephan Blaumer, Viola und Martin Leo Schmidt, Violoncello ergänzen, häufig im Pizzicato, die anderen Streicherstimmen. Johannes Wippermann, Johannes Steinbauer und Matti Opiola, Percussionisten vom WDR-Sinfonieorchester, tragen in Köln, Richard Putz und Slavik Stakhov und vor allem Martin Grubinger, der die Melodie auf dem Xylophon beisteuert, in Wien zum Konzert bei. Die Melodie wirkt etwas asiatisch, das ganze Konzert weltübergreifend. Ein absolut faszinierendes Stück von achteinhalb Minuten Länge!

Tan Dun

Tan Duns neue Komposition „Prayer and Blessing“ ist vermutlich das erste eigens zur Verarbeitung der COVID 19-Pandemie geschriebene Stück.

Die Videoaufzeichnung der länderübergreifenden Produktion des WDR-Sinfonieorchesters mit dem Konzerthaus Wien ist auf Youtube verfügbar.

Das gesamte Konzert ist bis zum 5. Juli 2020 im WDR-Konzertplayer verfügbar.

Beim nächsten Konzert des WDR-Sinfonieorchesters am 19. Juni 2020 sollen die Karten unter den Abonnenten verlost werden, denn man wird in der Philharmonie von 2.000 Plätzen nur etwa 100 besetzen. Es wird an Stelle der Großen Chorfantasie von Beethoven und des Klavierkonzerts von Ferrucio Busoni ein angepasstes Programm unter der Leitung von Christian Mǎcelaru geben.

Videostream gesehen am 5. Juni 2020, 20.00 Uhr

 

  • Artikel von Ursula Hartlapp – Lindemeyer /Red. DAS OPERNMAGAZIN

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