Sternstunde in der Kölner Philharmonie mit Semyon Bychkov

Bedrich Smetana/ Statue in Nové Město nad Metují, Tschech. Republik/Foto @ Wikipedia-gemeinfrei

Semyon Bychkov dirigiert Smetanas „Mein Vaterland“ in der Kölner Philharmonie

Große Erwartungen: das Konzert am 18. Januar 2019 um 20.00 Uhr ist so gut wie ausverkauft, am Samstag, dem 19. Januar 2019 gibt es noch ein paar Restplätze: Semyon Bychkov dirigiert Smetanas Zyklus „Mein Vaterland“ mit dem WDR-Sinfonieorchester, das er in seiner Zeit als Chefdirigent von 1997 bis 2010 maßgeblich geprägt hat. (Konzerteindrücke vom 18.1.2019)

 

Michael Struck-Schloen vom WDR verweist schon in seiner Einführung in das Konzert auf andere Dirigenten, die das Werk mit dem WSO eingespielt haben: Wilhelm Schüchter 1966, Zdenek Macal 1970, Vaclav Neumann 1986, Dubrovsky 1999 und Jakub Hrusa 2017.

Das Werk sei also hinlänglich bekannt. „Die Moldau“, der bekannteste Satz sei ähnlich populär wie „Für Elise“, und Smetana habe diese sinfonische Dichtung als Überhöhung böhmischer Mythen und Sagen 1874 als eine Art Nationalepos geschrieben. Am Schluss stehe die Utopie eines böhmischen Nationalstaats.

Bychkov dirigiert dieses pathetische Werk leidenschaftlich und dynamisch. Er kostet die Crescendi voll aus, in den großen Tutti-Szenen stellt er gewaltige Emotionen dar, immer wieder unterbrochen von lyrischen Passagen.

Bychkov kann auf exquisite Solisten zurückgreifen: Andreas Mildner und Daphné Coullet eröffnen den ersten Satz mit dem Hauptthema im Harfensolo, dem die anderen Instrumente folgen. Vor allem die Blasinstrumente (Horn-Solisten Přemysl Vojta und Paul van Zelm) glänzen in idyllischen Waldszenen und jubelnden Sommerliedchen, die Streicher akzentuieren den Choral der Hussiten.

Blick in den Saal der Kölner Philharmonie / Foto © KölnMusik/Guido Erbring

Diese Programmmusik mit zahlreichen Anklängen an die böhmische Volksmusik, aber auch mit heroischen Chorälen und der Darstellung eines üblen Gemetzels, das Šárka mit ihren Amazonen mit einer Gruppe junger Ritter veranstaltet sowie der Utopie „Blánik“, mit Visionen des ausstehenden Glücks in der nationalen Einheit enthält jede Menge pathetischer Steigerungen, die Bychkov mit seinen Musikern bis ins letzte Detail auskostet. Der Genuss wird perfekt, wenn man im Programmheft die Inhalte verfolgt, dann ist es ganz große Oper, aber auch als absolute Musik hat das Werk seine Qualitäten, die Bychkov klar herausarbeitet.

Man hat das Gefühl, Bychkov erzählt mit dem Orchester die böhmischen Nationalmythen in einem Lied ohne Worte. Da ist jemand wirklich mit dem Herzen dabei, die nationalen Legenden und Utopien Böhmens zu deuten und zu überhöhen.

Zehn Minuten tosender Applaus, den Bychkov mit seinen brillanten Musikern teilt. Er ruft alle Instrumentengruppen einzeln auf, die jede für sich wird frenetisch bejubelt wird. Kein Wunder, denn das WDR-Sinfonieorchester hat als Rundfunkorchester einen besonders hohen Qualitätsanspruch, auch, was das Programm betrifft. Viele der Musiker sind als Dozenten an Musikhochschulen tätig.

Die Wahl seines Stücks ist ein Bekenntnis zu seinem neuen Orchester, der Tschechischen Philharmonie, Prag, einem der weltbesten Sinfonieorchester, das Bychkov seit September 2018 als Chefdirigent leitet.

Mit dem WDR-Sinfonie-Orchester hat Bychkov in Köln nicht nur die großen russischen sinfonischen Werke – Schostakowitsch, Prokofjew, Rachmaninow, und ja, auch Tschaikowsky – für den WDR eingespielt, sondern auch jedes Jahr zwei Opern konzertant aufgeführt. Dazu brachte er kurzerhand die Solisten der Wiener Staatsoper nach Köln und studierte das Werk mit dem WDR – und dem NDR-Rundfunkchor ein. Ich erinnere mich an „Lohengrin“, „Daphne“, „Elektra“ und „Otello“, die er mit großer Begeisterung konzertant aufführte und für den WDR einspielte.

Seinen Arbeitsschwerpunkt verlagerte er zunehmend auf die Oper. Er hat 2018 in Bayreuth den „Parsifal“ dirigiert, er war aber auch schon während seiner Tätigkeit als Chefdirigent des WDR-Sinfonieorchesters von 1999 bis 2003 Musikchef der Dresdner Semperoper, dirigierte aber auch Gastspiele an der Wiener Staatsoper, der New Yorker Metropolitan Opera und an der Mailänder Scala.

Sinfoniekonzerte leitete er als Gast mit den Berliner Philharmonikern und mit den Wiener Philharmonikern, die Tschechische Philharmonie Prag leitet er seit September 2018 als Chefdirigent.

Bychkovs Wahl für den heutigen Abend ist daher nicht überraschend. Er dirigiert – übrigens zum ersten Mal in seinem Leben – die sinfonische Dichtung „Mein Vaterland“ von Bedrich Smetana. Diesen sechsteiligen Zyklus wird er noch mit fünf weiteren Orchestern aufführen, unter anderem in München, Amsterdam, Madrid, Hamburg und Cleveland.

 

 

 

 

 

 

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