Spektakuläre Eröffnung der Spielzeit 2021/22 mit „Arabella“ in der Oper Bonn

Oper Bonn/ARABELLA/Barbara Senator (Arabella), Martin Koch (Matteo)/© Thilo Beu

Dirk Kaftan setzt seine Erfolgsserie mit Opern von Richard Strauss fort mit der Lyrischen Komödie „Arabella“. Tragik und Komik liegen in diesem Stück eng beieinander. Aber diesmal gibt es ein märchenhaftes Happy End mit traumhaft schwelgerischer Musik von Richard Strauss. Die Inszenierung mit einem hervorragenden Ensemble ist einfach nur schön und perfekt musiziert. Arabella ist, 1933 in Dresden uraufgeführt, eine der wenigen Opern aus der NS-Zeit, die sich im Repertoire gehalten haben. Es ist eine Übernahme der Inszenierung von Marco Arturo Marelli von der Pariser Bastille-Oper, die dem Original nicht nachsteht. (Rezension der besuchten Vorstellung am 2.10.2021)

 

„Arabella“ ist viel mehr als das häufig konzertant gegebene Duett: „Und du wirst mein Gebieter sein…“, es ist ein reifes Alterswerk, eine scharfe Analyse der prekären Lage verarmter Adeliger als Metapher auf die Lage der vielen Menschen, die in der Weltwirtschaftskrise ihr Vermögen verloren haben und auf die der Bürger heute, die um ihre Besitzstände bangen.

Librettist Hugo von Hofmannsthal, der, 1929 verstorben, die Uraufführung seines letzten Werks am 1. Juli 1933 in der Dresdner Semperoper nicht mehr erleben konnte, hatte es dem Musikdirektor der Semperoper Fritz Busch gewidmet, der, von den Nazis vertrieben, durch Clemens Krauss als Dirigent ersetzt wurde.

In der Tat ist diese „lyrische Komödie“ eine bitterböse Tragödie über die Angst vor dem sozialen Abstieg, die zu grotesken Zumutungen an die jungen Mädchen Arabella und Zdenka führt. Die Tragödie liegt darin, dass Rittmeister Graf Waldner sein gesamtes Vermögen verzockt hat – man hat den Sitz der Familie verloren und wohnt in einem Wiener Hotel – und in einem letzten Verzweiflungsakt seine schöne Tochter Arabella, umschwärmte Ballkönigin, reich verheiraten möchte. Die jüngere Tochter Zdenka wird als Junge verkleidet, weil man keine zwei Töchter standesgemäß ausstaffieren kann. Die Geldnot ist greifbar: der Zimmerkellner serviert nichts mehr, Mutter Adelaide schlägt schon vor, man müsse wohl zur Tante ziehen. Der letzte Fünfziger ist ausgegeben. Zdenka rechnet damit, ihr weiteres Leben als Junge verbringen zu müssen, und Arabella hat nur noch diesen einen Tag, den Faschingsdienstag, sich für einen der Bewerber, von denen keiner für sie „der Richtige“ ist, zu entscheiden.

Oper Bonn/ARABELLA/Barbara Senator (Arabella), Nikola Hillebrand (Zdenka)/© Thilo Beu

Zdenka versucht verzweifelt, ihr den schmucken Jägeroffizier Matteo schmackhaft zu machen, in den sie selbst unsterblich verliebt ist. Aber Arabella denkt nicht daran – er ist der Richtige nicht. Vater Graf Waldner hat an seinen alten Regimentskameraden Mandryka geschrieben und in eindeutiger Absicht ein Portrait der schönen Arabella beigelegt. Da wird ein Besucher gemeldet: es ist Mandryka, es ist aber nicht der alte Regimentskamerad, sondern der Erbe des verstorbenen Adressaten des Briefes, erst Mitte 30 und sieht aus wie der Märchenkönig Ludwig II. Er hat sich unsterblich in das Bild Arabellas verliebt und will sie heiraten, musste sich aber erst von dem Angriff einer alten Bärin erholen. Er ist ein wohlhabender Landedelmann: „mein sind die Wälder, mein sind die Felder…“ und verwitwet.

Es ist Liebe auf den ersten Blick, das Duett: „Und du wirst mein Gebieter sein…“, in dem das klar wird, ist einfach nur heile Welt, bei dem das Frauenbild ganz schön antiquiert wirkt. Aber Arabella möchte noch Abschied nehmen von ihren Verehrern und von ihrer Mädchenzeit. Souverän serviert Arabella beim Walzer auf dem Fiakerball ihre Verehrer einen nach dem anderen ab: sie hat in Mandryka den Richtigen gefunden, es ist nicht der von Zdenka angebetete Matteo. Zdenka ist verzweifelt: sie übergibt Matteo ein Kuvert mit dem Schlüssel zu Arabellas Zimmer, was Mandryka beobachtet. Er fühlt sich hintergangen und ausgenutzt und ist zu Recht sauer, muss er doch denken, dass Arabella ihn mit Matteo betrügen will, bevor sie mit ihm in seine Heimat in den Bergen verschwindet. Der Alkohol, den Mandryka auf dem Fiakerball ausgibt, enthemmt ihn, er klagt der peitschenschwingenden Fiakermilli sein Leid. Ins Hotel zurückgekehrt begegnet Arabella Matteo, dem sich Zdenka als Arabella hingegeben hat. Die Missverständnisse aufgrund dieser Konstellation – Arabella ist natürlich unwissend- werden bei der Ankunft der Eltern mit Mandryka noch gesteigert. Arabella leugnet zu Recht das Rendezvous, Matteo aus Diskretion.

Mandryka glaubt ihr nicht und fordert Matteo zum Duell, der Vater sieht alle Chancen der vorteilhaften Ehe schwinden. Die absolute Katastrophe! Mandryka schickt nach scharfen Degen, der Skandal scheint unabwendbar. Da kommt Zdenka im Nachthemd ins Foyer und beichtet, sie habe sich als Arabella Matteo hingegeben, Matteo habe sie nicht erkannt. Und jetzt? Mandryka macht den Brautwerber, Matteo und Zdenka finden sich. Aber Arabella ist zutiefst verletzt, weil Mandryka ihr eine solche Eskapade zugetraut hat. Mandryka ist am Boden zerstört und weiß nicht weiter. Aber Arabella verzeiht ihm, und unter rauschender Musik trägt Mandryka sie auf seinen Armen aus der Hotelhalle – Glückliches Ende für alle!

Oper Bonn/ARABELLA/Giorgos Kanaris (Mandryka), Julia Bauer (Fiaker-Milli)/© Thilo Beu

Die märchenhaften Elemente arbeitet Marco Arturo Marelli liebevoll heraus, zum Beispiel wie Mandryka Arabella in ihren Ballschuh hilft. „Arabella“ wurde 1981 in das Repertoire der Pariser Nationaloper aufgenommen. Die gleiche Inszenierung wurde von Regisseur Marco Arturo Marelli 2012 in der Pariser Bastille-Oper gezeigt, man konnte Bühnenbild und Kostüme ausleihen. Ich habe sie am 10.7.2012 dort gesehen und erinnere mich an Renée Fleming als Arabella, Michael Volle als Mandryka, Kurt Rydl als Waldner und Philippe Jordan am Pult. Die Bonner Aufführung kann mit dem Pariser Vorbild zweifellos mithalten- nicht so große Namen, aber ähnlich perfekt inszeniert, gesungen und gespielt. Das Bühnenbild von Marco Arturo Marelli arbeitet mit drehbaren Wandelementen, die im 1. Akt die Vorhalle eine Hotelsuite, im zweiten Akt den Nebenraum eines Ballsaals und im 3. Akt die Hotelhalle darstellen. Die Treppe, die im 3. Akt eine große Rolle spielt, habe ich in anderen Inszenierungen aufwändiger gesehen. Auf der kreisringförmigen Drehbühne können durch Öffnungen zwischen den Paneelen Requisiten wie ein Spieltisch, Reisekoffer oder die Treppe hereingefahren werden. Es wirkt alles sehr mondän. Die Inszenierung von Marco Arturo Marelli folgt genau den Anweisungen des Librettos. Jeder Auftritt, jeder Abgang ist wohlüberlegt, jeder Schritt ist akribisch choreographiert, zumal auf die Walzermelodien getanzt wird. Diese Präzision ist auch angebracht, denn schließlich ist es eine Komödie, bei der es auf das Timing ankommt. Alles ist logisch und konsequent und bis ins letzte Detail durchdacht.

Die Kostüme von Dagmar Niefind sind zeitlos. Die Kleider legen alles zwischen 1860 und 1933 nahe, die Herren tragen tagsüber Zweireiher, abends Frack. Mandryka, der reiche Landadelige, tritt in Breeches mit Stiefeln und einem wallenden pelzgefütterten Mantel mit opulentem Kragen auf und erinnert im Aussehen an den bayrischen Märchenkönig Ludwig II, Arabella trägt bodenlange taillierte Tageskleider und ein traumhaftes königsblaues Ballkleid, in dem schon Renee Fleming in der Pariser Inszenierung von Marelli entzückend aussah.

Oper Bonn/Arabella/Barbara Senator (Arabella)/© Thilo Beu

Barbara Senator als Arabella ließ keine Wünsche offen. Sie ist noch jung und verkörpert das junge Mädchen absolut überzeugend. Stimmlich meistert sie die Partie souverän. Sie wird am 10.10.2021 auch die Hauptrolle in „Leonore 40/45“ vom Rolf Liebermann singen.

Ebenso perfekt agiert Nikola Hillebrand, in Bonn schon als Marzelline in „Fidelio“ und als Königin der Nacht bekannt, als Zdenka. Ihr lyrischer Sopran passte absolut zu dem jungen Mädchen, das sein Geschlecht verleugnet und sich als Arabella ausgibt, um seinen Schwarm Matteo wenigstens für eine Nacht glücklich zu machen.

Giorgos Kanaris als Mandryka, Mitglied des Ensembles und als Papageno, Guglielmo, Almaviva und Don Giovanni in Ruhe gereifter Publikumsliebling, ist eine Idealbesetzung des Mandryka. Souverän meisterte er die schwere Partie über zwei Oktaven und machte die anfängliche Schüchternheit des Landadeligen, die Verliebtheit, die Verletztheit und schließlich das überbordende Glück über Arabellas Verzeihung und sein künftiges Eheglück glaubhaft.

Einige Striche wurden aufgemacht, dadurch profitierte Matteo, der mehr Kontur gewann als meistens üblich, die Partie ideal besetzt durch den hell timbrierten Charaktertenor Martin Koch aus dem Ensemble der Kölner Oper, den ich zuletzt noch mit Kreisler-Liedern und als Siegfried in der „Götterdämmerung für Kinder“ in Köln erleben konnte. Gast Julia Bauer als Fiakermilli ist auf diese Rolle spezialisiert und trällert als peitschenschwingende Domina ihre halsbrecherischen schrägen Koloraturen. Sie hat in Bonn schon die Schneekönigin in der gleichnamigen Familienoper von Marius Felix Lange gesungen. Rittmeister Graf Waldner war Martin Tzonev aus dem Ensemble, der das Schmierige und Zwielichtige dieses notorischen Zockers, der seine Tochter an einen alten Mann verschachern wollte, gekonnt rüberbrachte. Er sah mit aufgeklebter Glatze dem Pariser Waldner Kurt Rydl verdammt ähnlich, hätte aber auch mit seinen eigenen Haaren einen mehr als respektablen Waldner abgegeben, zumal er vom Alter her viel besser passte. Seine Frau Adelaide im eleganten Kostümchen, die sich diskret mit Arabellas abserviertem Verehrer Graf Dominik zum Rendezvous verabredet, verkörpert Susanne Blattert, zuletzt als Prinz Orlovsky in der „Fledermaus“ zu sehen mit angemessener Exaltiertheit. Arabellas Verehrer (Santiago Sanchez, Elemer, Mark Morouse, Dominik und Pavel Kudinov, Lamoral) und auch die Kartenaufschlägerin Yannick Muriel Noah sind hochkarätig aus dem Ensemble besetzt.

Die kurze Chorszene mit der Fiakermilli im 2. Akt gestaltete der Chor unter Marco Medved mit großer Spielfreude, und Dirk Kaftan holt aus dem groß besetzten Beethovenorchester Spitzenleistungen heraus. Nicht zu vergessen die tanzenden Statisten und Statistinnen, die als vervielfältigte Arabella Mandryka narrten.

Oper Bonn/ARABELLA/Giorgos Kanaris (Mandryka), Susanne Blattert (Adelaide), Barbara Senator (Arabella), Nikola Hillebrand (Zdenka),, Martin Tzonev (Waldner)/© Thilo Beu

Bühnenbild und Regie von Marco Arturo Marelli zeigen eine zeitlose Komödie, bei der die Angst der Protagonisten vor dem sozialen Abstieg für die dramatische Tiefe sorgt. Zum Glück hat sich die Rolle der Frau mittlerweile gewandelt, aber Zdenka und Arabella sind in der Rolle der Frau gefangen, der nichts bleibt als auf den Richtigen zu warten, der sie haben will. Der Ansatz, das Ganze als Märchen zu inszenieren und nicht mit Interpretationen zu überfrachten, ist absolut angemessen. Es ist alles ein Glücksspiel, bei dem Zdenka und Arabella alles eingesetzt und gewonnen haben – die Sehnsucht nach der heilen Welt wird hier beschworen, die es in Wirklichkeit wohl nie gegeben hat. „Arabella“ hat sich zu Recht im Repertoire gehalten, weil es zeitlose Probleme aufgreift und sich an eine Erfolgsserie aus „Salome“, „Elektra“ und „Rosenkavalier“ anschließt, die sich alle durch literarisch hochkarätige Libretti und die üppige eingängige an musikalischen Einfällen reiche Musik von Richard Strauss auszeichnen. Der Reiz dieser hochromantischen Musik erschließt sich allerdings nicht sofort.

„Arabella“ wird im Rahmen des „Projekt 33“, für das die Oper Bonn einen Landeszuschuss von 1,25 Millionen Euro bekommen hat, kontrastiert mit vier Werken, am nächsten Sonntag mit „Leonore 40/45“ von Rolf Liebermann, die sich nicht im Repertoire halten konnten und – vielleicht zu Unrecht? – vergessen sind. Besonders positiv fällt das üppig bebilderte Programmheft auf, das auch das komplette Libretto enthält.

Die Bonner Oper darf wieder voll besetzt werden. Es gilt 3G, was am Eingang kontrolliert wird. Die Besucher zur ersten Oper nach langem pandemiebedingten Entzug sind zahlreich, aber sie ist nicht ausverkauft, was auch daran liegen mag, dass es Abonnements erst ab Januar 2022 gibt.

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Bonn / Stückeseite
  • Titelfoto: Oper Bonn/ARABELLA/Giorgos Kanaris (Mandryka), Susanne Blattert (Adelaide), Barbara Senator (Arabella), Nikola Hillebrand (Zdenka),, Martin Tzonev (Waldner)/ © Thilo Beu

2 Gedanken zu „Spektakuläre Eröffnung der Spielzeit 2021/22 mit „Arabella“ in der Oper Bonn&8220;

  1. Wer bitte ist Susanne Bauer?
    Sie meinen bestimmt JULIA Bauer oder?
    Schade, dass so eine spezialisierte Publikation solche grobe Fehler durchgehen lässt.
    Aus Respekt für die Künstlerin wäre es schön wenn Sie dies korrigieren würden.
    Danke.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.