Die Menschwerdung Christi, das „Benedictus“ in klanglicher Wahrhaftigkeit: Beethovens „Missa Solemnis“ in der Basilika Ottobeuren

BRSO-Basilika-Konzert am 26.9.21 / Foto @ Helmut Scharpf

Seit nunmehr 70 Jahren spielt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in der Basilika zu Ottobeuren einmal in der Spielzeit ein Gastkonzert mit geistlich anmutendem Programm. Die imposante, spätbarocke Kirche ist von einer einer weitläufigen Klosteranlage umgeben. In ihr leiteten schon legendäre Dirigenten wie Leonhard Bernstein oder Lorin Maazel das BRSO. Es gilt als eines der führenden Klangkörper Deutschlands. Anlässlich des Beethoven-Jahrs 2020 erklang nun, wenn auch verspätet, die „Missa Solemnis“ unter der Leitung von Sir John Eliot Gardiner. Ihn begleiteten ein auserlesenes Vokalquartett (Lucy Crowe, Tareq Nazmi, Gerhild Romberger, Julian Prégardien) und der Chor des Bayerischen Rundfunks. (Rezension des Konzertes v. 26.09.2021)

 

Sir John Eliot Gardiner ist einer der wenigen Dirigenten, der sich in seiner langjährigen Karriere kontinuierlich der „Missa Solemnis“ mit unterschiedlichsten Orchestern, auch in historisch informierter Aufführungspraxis, gewidmet hat. Kaum einem anderen ist dieses Werk so vertraut wie ihm. Als Spätwerk Beethovens mit opulenter Orchesterbesetzung, mehrstimmigem Chor, dabei komplexen Stimmverläufen der vier Solist*innen, erschließt es sich dem Zuhörer nicht sofort. Es bedarf einer intensiven Beschäftigung. Riccardo Muti bezeichnete die „Missa Solemnis“ erst kürzlich als die „Sixtinische Kapelle der Musik“, ein einziges Menschenleben sei gar nicht ausreichend, um ihren Gehalt und die Bedeutung vollends zu durchdringen. Streng genommen ist sie auch keine Messevertonung im herkömmlichen Sinn, sondern vielmehr das subjektive Bekenntnis Beethovens im Zwiespalt mit sich selbst und in der Auseinandersetzung mit seinem christlichen Glauben und der Kunst.

BRSO-Basilika-Konzert am 26.9.21 / Foto @ Helmut Scharpf

Gardiner wusste auch um die akustischen Herausforderungen des Abends, denn bei einer äußerst langen Nachhallzeit von etwa sieben Sekunden wählte er in der Basilika zu Ottobeuren einen vollkommen anderen Dirigieransatz als in einem Konzerthaus. Als Rezipient*in musste man sich zunächst in den Kirchensaal der Basilika „einhören“, denn in ihr klingt ein Orchester ganz andersartig, klanglich umfassender und offener, gleichwohl in den Details distanzierter und unnahbarer. Im einleitenden „Kyrie“ wurde deutlich, dass Gardiner die Akustik zunächst zu meistern wusste. Er bildete mit seinem stark besetzen Streicherapperat einen raumerfüllenden Klangteppich und ließ diesen in Stufen anschwellen, Interferenzen konnte er geschickt vermeiden. Auf diesen Klangteppich verstand er, äußerst bedacht und umsichtig, den Chor im Piano zu betten. Problematisch wurde es jedoch im sich anschließenden prachtvoll-jubelnden „Gloria“.  Dort wechseln sich die Chor- und Soli-Einsätze schnell ab oder greifen ineinander, die Holzbläser schmettern dazu im kraftvollen Tutti. Aufgrund des lauten Klangvolums bildete sich in der Basilika ein starker Nachhall in dessen Wogen kaum mehr Einzelheiten des Sologesangs oder im Orchesterspiel wahrzunehmen waren. Auf eine weitere Wertung des distinguierten Solisten*innenquartetts wird daher verzichtet.

Basilika Ottobeuren / Foto @ Louis Zuchtriegl

Das „Sanctus“, mit seinem allumfassenden und jegliche Konventionen sprengenden „Benedictus“, wurde wahrlich zum spirituellen Höhepunkt des Nachmittags. Radoslaw Szulc, der 1. Konzertmeister des BRSO, erhob sich zu seinem ausgedehnten Geigensolo. Bei seinem innigen Spiel entstand zugleich ein Klang, wie man ihn in keinem Konzertsaal je zuvor von einer Violine zu hören bekam. Ein einzelner Instrumentalist, gefühlvoll und gesegnet, mit einer Tonfolge die direkt vom Himmel zu kommen schien, füllte überirdisch die gesamte Basilika aus.

Das Publikum erlebte mit dieser Aufführung der „Missa Solemnis“ einen bewältigenden, ja geradezu spirituell-religiös erlabenden Konzertabend. In alter Tradition verzichtete das Publikum auf einen Schlussapplaus und lauschte dem Glockengeläut zum ausklingenden Sonntag. Mit Spannung wird erwartet, mit welchem Programm der neue Chefdirigent Sir Simon Rattle in der Basilika zu Ottobeuren debütieren wird.

 

 

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