Staatstheater Wiesbaden – „Der Ring des Nibelungen“ / Ein Ring voll Chaos und Heldentaten

Staatstheater Wiesbaden/DIE WALKÜRE/Foto: Karl und Monika Forster

Mitten in der Parsifal-Saison, unter nicht-Wagnerianern auch „Ostern“ genannt, zeigt das Staatstheater Wiesbaden eine Wiederaufnahme von Richard Wagners Ring des Nibelungen in der Inszenierung Uwe Eric Laufenbergs. Dieser Ring ist eine der vielen Inszenierungen, die dem Staatstheater Wiesbaden von seinem nunmehr Ex-Intendanten Laufenberg bleiben. Und während im Haus nach dem Weggang Laufenbergs nach monatelangen Streitigkeiten zwischen Intendanz, Politik und Geschäftsführung – zumindest gemessen an der Anzahl an Medienberichten – wieder so etwas wie Alltag einkehrt, könnte man mit diesem Ring eine ganze Feuilleton-Seite füllen. (Gesehene Vorstellungen – 2. Ring-Zyklus/Ostern – vom 28.03.2024 bis zum 01.04.2024)

 

Zu Beginn ist der Wiesbadener Ring noch ganz konventionell, vor allem in Hinblick auf die nunmehr sieben Jahre alte Inszenierung. Im Rheingold stützt Uwe Eric Laufenberg sich ganz auf den Aspekt der beginnenden Zivilisation, den Wagner mit dem Vorspiel des Werks und dem Gesang der Rheintöchter in sein Werk hineinkomponiert hat. Die Kostüme Antje Sternbergs deuten auf eine Handlungszeit irgendwann in der griechischen Antike hin, Walhall ist in der Version des Bühnenbildners Gisbert Jäkel ein griechischer Tempel. Sicherlich ist das antike Griechenland nicht die erste menschliche Zivilisation, spätestens zusammen mit den Programmhefttexten versteht man aber, worauf Laufenberg hinauswill: Auf den Anfang der zivilisierten, kapitalistischen Menschheit. Aus der antiken Ästhetik stechen nur Alberich und die Rheintöchter hervor: Das Kostüm des Ersteren wirkt moderner, wie aus dem späten 19. Jahrhundert, letztere sind nackt. Mit fleischfarbenen Anzügen, die im Bühnenlicht leicht schuppig schimmern und überlangen lockigen Haaren stellt Sternberg bei ihnen die Urzeitlichkeit des Ring-Anfangs nochmals heraus. Erda erscheint ebenfalls als eine Art Urzeit-Göttin.

Laufenbergs Walküre spielt eine geraume Zeit nach dem Rheingold. Wotan ist kein reicher, griechischer Händler mehr, sondern passend zu den doch bisweilen martialischen Untertönen des Werks ein militärischer Anführer im zweiten Weltkrieg. Die Nation wird aber nicht spezifiziert, sodass dieser Ring dankenswerterweise ohne unerklärte NS-Bezüge auskommt. Von dieser Position aus überwacht der Gott die Arbeit der Walküren, die mit ledernen Mänteln und Hauben als eine Art Fliegertruppe auftreten. Ein so großer Zeitsprung ist von Wagner durchaus vorgesehen, denn irgendwann zwischen Rheingold und Walküre muss Wotan ja Zeit gehabt haben, elf Kinder zu zeugen und – mehr oder weniger – großzuziehen. Gleichzeitig deutet sich durch den großen Abstand zum Rheingold Laufenbergs inszenatorische Intention an: Der Ring wird in Wiesbaden als epochenübergreifendes Epos über die Möglichkeiten und Gefahren des technischen und zivilisatorischen Fortschritts präsentiert. Das funktioniert so weit gut, auch wenn es gewiss nicht die ungewöhnlichste und neuste Ring-Interpretation ist.

Staatstheater Wiesbaden/Foyer Großes Haus/
Foto: Sven-Helge Czichy

Einige Schwächen von Laufenbergs Regie – oder auch der Wiederaufnahme – werden allerdings an diesen ersten beiden Abenden bereits offenkundig. Dass Alberich ohne erkennbaren Grund zumindest modisch ein paar Jahrtausende nach den Göttern lebt, zum Beispiel. Außerdem neigt Laufenberg dazu, Statisterie einzusetzen, die auf der Bühne überhaupt keinen Zweck erfüllt. So lebt Sieglinde in der Walküre in Hundings Hütte zusammen mit zwei blond bezopften Mädchen. Wer die beiden sind, und vor allem warum sie da sind, bleibt aber offen. Im Rheingold folgt den Göttern sogar ein ganzer Tross an Menschen. Immerhin helfen die gelegentlich beim Bühnenbildumbau. Außerdem kommt durch die Statisterie ein wenig Bewegung ins Bühnengeschehen, was dringend notwendig ist: Bisweilen spart Laufenberg sehr an der Personenführung. Einzelheiten, wie die Beziehung zwischen Freia und ihrem Entführer Fasolt, werden zwar differenziert und auch durchaus unkonventionell ausgestaltet, vor allem aber besteht Laufenbergs Ring aus viel Herumgestehe. Wenn Figuren etwas Wichtiges zu singen haben, tun sie das grundsätzlich zum Publikum gewandt an der Rampe – auch wenn die Figur, an die sie ihre Worte gemäß Libretto richten, direkt neben ihnen steht.

Die Besetzung geht mit dieser mageren Personenregie unterschiedlich um: Thomas Blondelle ist als Loge immer in Bewegung. Sängerisch wie darstellerisch auf ganzer Linie überzeugend nimmt er die komischen Aspekte seiner Partie voll an, hat keine Angst davor, alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und scheut sich vor allem nicht, die vierte Wand zu brechen: Wenn er an der Rampe steht, dann nicht, weil ein Regisseur ihn dort abgestellt hat, sondern weil er dem Publikum etwas zu sagen hat. Loge führt nach Wagner oft Selbstgespräche, Blondelle spricht überzeugend mit dem Publikum. Sein Gegenbeispiel ist Simon Bailey als der Göttervater Wotan. Ihm hätte Laufenberg gern mehr zu tun geben können, denn Wotan steht in Wiesbaden mit Abstand am häufigsten ohne szenische Aufgabe herum. Bailey aber zieht gerade aus dieser Steifheit seine schauspielerische Stärke und schafft es zum Beispiel, das zufriedene „Heut‘ hast du’s erlebt“ auf Frickas Klage über den Inzest der Wälsungen so unvermittelt glücklich zu singen, dass das ganze Theater über Wotans Nonchalance lacht. Auch gesanglich imponiert Bailey, obwohl er im Siegfried lautstärkemäßig an seine Grenzen kommt. Bei allem Bariton-Donner versteht man auch ohne Kontrollblick in die Übertitel jede gesungene Silbe. Bei einem Wotan ein seltenes Vergnügen. Faszinierend ist auch, dass Bailey im Siegfried kein bisschen erschöpft wird, obwohl Rheingold, Walküre und Siegfried in Wiesbaden ohne Pause an drei aufeinanderfolgenden Tagen gespielt werden.

Obwohl die Inszenierung jetzt schon ihre Schwächen hat, ist sie nach diesen zwei Abenden noch in sich schlüssig. Und doch ist bereits nach der Walküre klar: Der Wiesbadener Ring bleibt weniger durch die Regie, sondern vor allem musikalisch im Gedächtnis. Im Rheingold und der Walküre hat Michael Güttler die musikalische Leitung inne und schafft ein klanglich äußerst ansprechendes Gesamtbild. Sein Dirigat ist ein wenig zügiger als bei anderen Dirigenten, bisweilen doch sehr konventionell – doch es hat Biss. Am besten gelingt Güttler der dritte Akt der Walküre: Auf einen schwungvollen, lebendigen Walkürenritt folgt eine herzzerreisende Abschiedsszene, in der Güttler die lauten wie die leisen Emotionen souverän zu gestalten weiß. Vom Rheingold-Vorspiel an wird das musikalische Erlebnis allerdings dadurch geschmälert, dass die Wiesbadener Blechbläser, vor allem die Hörner, mit Intonationsproblemen zu kämpfen haben. Gewiss, Blechblasinstrumente sind höchst anspruchsvoll zu spielen und kleinere Fehler in der Intonation lassen sich kaum vermeiden, in Wiesbaden aber häufen sich auch für Laien erkennbar unsaubere Töne in einem Maß, das für ein Staatstheater eigentlich nicht tragbar ist – und das nicht nur in Rheingold und Walküre, sondern auch an den folgenden Ring-Abenden unter Holger Reinhardt.

Es ist ungewöhnlich, dass ein Ring unter zwei Dirigenten aufgeteilt wird. Auch in Wiesbaden war eigentlich geplant, nur einen zu haben und Güttler alle vier Opern leiten zu lassen. Doch der Dirigent muss den Siegfried krankheitsbedingt sehr kurzfristig absagen – und Holger Reinhardt, der die musikalische Assistenz und Studienleitung des Rings innehat, übernimmt das Dirigat mit einer Vorlaufzeit von gerade einmal zwei Stunden. Der Abend übertrifft alle Erwartungen. Natürlich, nicht alles geht glatt – wie denn auch, mit dieser Vorlaufzeit? Besonders im ersten Akt müssen sich Ensemble und Dirigent noch finden, sogar der routinierte Siegfried Stefan Vinke braucht einige zugerufene Stichworte. Und natürlich ist Reinhardts Dirigat auch noch sehr vorsichtig und ohne künstlerische Experimente. Vor dem Hintergrund der im Grunde fehlenden Vorbereitungszeit aber ist dieser Siegfried überragend. Reinhardt wird zurecht mit Standing Ovations umjubelt. Vor der Götterdämmerung hat der junge Dirigent dann ein wenig mehr Vorbereitungszeit, aber auch nicht zu viel. Und auch dieser Abend wird in die Annalen des Staatstheaters Wiesbaden eingehen. Reinhardt traut sich nun mehr, arbeitet die zahlreichen Leitmotive herrlich scharf heraus und gestaltet eine wunderschöne, wogende Rheinfahrt, die in dieser Form im Grunde schon konzertreif ist. Es bleibt zu hoffen, dass Reinhardt die beiden Neuzugänge in seinem Repertoire noch lange beibehält und vielleicht schon bald auch Rheingold und Walküre dirigiert.

Auch Stefan Vinkes Auftritt im Wiesbadener Ring war nicht geplant. Eigentlich hätte Klaus Florian Vogt die Partie des Siegfried singen sollen, aber auch der war erkrankt. Nun hat Stefan Vinke nicht mit zwei Stunden Vorlaufzeit debütiert, im Gegenteil:  Vor dem Siegfried wird er aufgrund seiner langjährigen Erfahrung mit der Partie als „der Siegfried schlechthin“ angekündigt. Und doch gehört einiges dazu, mal eben diese Partie singen zu können. Auch wenn Vinke sich die Schwierigkeit der Partie wirklich nicht anmerken lässt: Er singt seine Rolle lebendig und leicht, spielt den im Wald aufgewachsenen, ungezogenen Teenager so, als hätte er Wochen für diese Produktion geprobt und schließt das Duett mit Brünnhilde über jegliches Symptom sängerischer Erschöpfung erhaben mit einem nicht in der Partitur vorgesehenen hohen C. Am Abend nach diesem Spontan-Siegfried singt er in Athen, um dann zurück nach Wiesbaden zu kommen und am Ostermontag, ohne auch nur einen Tag Pause zu machen, in der Götterdämmerung erneut einzuspringen. Die Stimme ist nicht mehr ganz so frisch, und doch meistert Vinke scheinbar mühelos alle Facetten des Götterdämmerungs-Siegfried: Vom draufgängerischen Helden, über den unbedarft vom Waldvögelchen erzählenden jungen Siegfried, bis zum sterbenden, plötzlich gefühlvollen Siegfried. Er und Holger Rheinhardt sind ohne Zweifel die Helden des Wiesbadener Rings.

Staatstheater Wiesbaden/SIEGFRIED/Foto: Karl und Monika Forster

So überragend der Siegfried musikalisch ist, so enttäuschend ist die Inszenierung. Laufenbergs zwei Opern lang noch einigermaßen vielversprechendes Konzept fällt jetzt endgültig auseinander. Wie nach der Walküre zu erwarten, geht die Zeitreise weiter, nun in die Gegenwart. Doch es dauert nicht lange, da schlägt Laufenberg auch futuristische Töne an: Siegfried gestaltet er als eine Art Technikgenie. Das Schwert Nothung wird zwar auf der Bühne geschmiedet, aus einer das Bühnenbild dominierenden Videoeinblendung geht aber hervor, dass Siegfried die Waffe eigentlich programmiert. Dementsprechend wird Fafner im zweiten Akt dann nicht klassisch erschlagen, sondern der Drache in einem von Falko Sternberg mäßig verständlich animierten Videospiel besiegt, Nothung funktioniert praktischerweise als Controller, woraufhin der Mensch Fafner eines plötzlichen, aber offenbar natürlichen Todes stirbt und Siegfried seinen Tresor ausräumen kann. Warum Fafner seinen Hort durch ein Videospiel beschützt, bleibt unklar, genauso, warum Siegfried für den Tod des betagten Herrn gefeiert wird: Eine große Gruppe von Statist:innen erscheint, es wird Sekt gereicht und eine Reporterin interviewt Siegfried und den Waldvogel. Dieser zweite Akt wirft Fragen auf. Unnötige Fragen, denn Laufenberg hätte genug Gelegenheit gehabt, ihn so vorzubereiten, dass er im Kontext des Rings schlüssig ist: Im ersten Akt des Siegfried spielen Wotan und Mime ein makabres Ratespiel, in dem die Verhältnisse der Welt für alle, die Rheingold und Walküre verschlafen haben, erläutert werden. Doch anstatt tatsächlich zu inszenieren und vielleicht anzudeuten, warum der zweite Akt in dieser Inszenierung so ist, wie er ist, zeigen Laufenberg und Sternberg dem Publikum lieber ein Sammelsurium an Filmmaterial von Bergleuten, Superreichen und Politikern.

Den für die Handlung eigentlich noch wichtigen Tarnhelm ohne jede Erklärung vor Fafners Höhle zurücklassend, macht sich Siegfried nun auf den Weg zu Brünnhilde und in die Götterdämmerung, die letzte der vier Ring-Opern Deren erste beiden Akte haben in Laufenbergs Inszenierung so gut wie nichts mit den bisherigen Abenden gemein, was im Hinblick auf den Zykluscharakter des Rings natürlich eine Schwäche ist, sich in der Praxis aber doch als größte Stärke des finalen Ring-Abends herausstellt. Denn auf diese Weise ist Laufenberg nicht gezwungen, was auch immer er im Siegfried begonnen hat, fortzusetzen, sondern kann sich neuen Geschichten und auch einem neuen Stil widmen: Denn besonders gelungen ist – zum ersten Mal in diesem Ring – die Personenregie. Das Bühnengeschehen ist durchweg dynamisch, die Tendenz, wichtige Textstellen ausschließlich an der Rampe zu singen, auf ein Minimum reduziert. In Erinnerung bleibt vor allem die Beziehung Gunthers und Gutrunes, die, nicht ohne inzestuöse Tendenzen, fast noch hingebungsvoller erscheint als die der Wälsungenzwillinge. Ausgerechnet die oftmals als langweilig verschrienen ersten beiden Akte der Götterdämmerung sind der spannendste Teil dieses Rings.

Letzteres ist aber nicht nur Laufenberg, sondern auch den hervorragenden Sängerdarsteller:innen auf der Bühne zu verdanken. Da ist Manuela Uhl in Bestform als Brünnhilde, natürlich der herausragende Stefan Vinke, daneben Albert Pesendorfer, schon seit Jahren ein gefragter Hagen. Seine Erfahrung merkt man ihm an: Pesendorfer ist routiniert, weiß genau, wie er seine Kraft einteilen muss, meistert jede stimmliche Herausforderung. Dass sein Hagen natürlich nicht mehr so frisch klingt wie noch vor acht Jahren in Bayreuth, ist dann Nebensache. Auch Pesendorfers Schauspiel und vor allem die düstere Hagen-Ausstrahlung können sich noch immer sehen lassen. Astrid Kessler singt eine sehr selbstbewusste Gutrune. Überragend ist Birger Radde als Gunther. Man wünscht sich fast, Wagner hätte für diese Figur noch mehr Text geschrieben, denn Raddes kerniger Bariton will gehört werden. Außerdem spielt Radde den Gunther so facettenreich – besessen von Macht und seiner Schwester, von sich selbst überzeugt und trotzdem unsicher, und bei aller Geltungsgier noch mit einem Gewissen – dass er die spannendste Figur des gesamten Ring-Zyklus wird.

Staatstheater Wiesbaden/GÖTTERDÄMMERUNG/Foto: Karl und Monika Forster

Unabhängig von Dirigat und Ensemble – spätestens im dritten Akt der Götterdämmerung wird klar, dass Laufenberg seinen Ring nicht mehr retten kann. Im Finale sollte ja eigentlich die Welt untergehen. Laufenberg hat es aber nie geschafft, eine aufzubauen. Was nach der Walküre noch in Ansätzen vorhanden war, ist im Siegfried verloren gegangen. Und so singt Brünnhilde ihren Schlussgesang auf einer leeren Bühne, im Hintergrund laufen Videos von Straßen, Raketen und irgendwann auch zerstörten Häusern. Keines davon wirkt, als sei es speziell für diesen Ring produziert worden. Zu den letzten, hoffnungsvollen Klängen des Orchesters kommt Gutrune auf die Bühne und späht durch ein Fernglas ins Publikum. Die Bedeutung dieses Bildes ist klar: Die Zukunft der Welt liegt in den Händen der Menschen, die jetzt gerade diese Oper ansehen. Doch die Wirkung des Moments verpufft. Denn Laufenberg hat zwar klargemacht, dass er den Ring als ein Gleichnis für den Zustand der Welt sieht, beziehungsweise als ein Symbol für die Gefahren durch zivilisatorischen und technischen Fortschritt, es ist ihm aber nicht gelungen, diese Verknüpfung zwischen Oper und Realität sinnvoll zu inszenieren. Denn durch mehr oder minder zufällig ausgewählt wirkende Videos Parallelen anzudeuten, ist keine gelungene Regie.

Und doch, am Ende dieses Rings ist man glücklich. Nicht nur, weil man Wagners Monumentalwerk einmal (wieder) „geschafft“ hat, sondern auch wegen der grandiosen Besetzung, die durch geschickte Mehrfachbesetzung ungewöhnlich klein gehalten ist: So singt Aaron Cawley  mit metallisch strahlendem Tenor nicht nur Siegmund, sondern auch Froh. Betsy Horne singt als indisponiert angekündigt krankheitsbedingt „nur“ Sieglinde, hätte aber eigentlich noch Freia, die dritte Norn und Gutrune singen sollen – in allen drei Partien glänzt dafür Astrid Kessler. Young do Park überzeugt nicht nur als Fafner in Rheingold und Siegfried, sondern auch als wunderbar düsterer Hunding. Mehrere der, im übrigen musikalisch sehr starken, Rheintöchter treten auch als Walküren auf. Sicher, ein gewisses Maß an Doppelbesetzung ist für einen Ring normal, denn anders ließen sich die vier Abende wohl kaum aufführen. In Wiesbaden haben die Sänger:innen aber durchaus noch ein bisschen mehr zu tun, als in anderen Ring-Zyklen. Diese Entscheidung mag aus ökonomischen Gründen getroffen worden sein, für die Aufführungen hat sie aber den Effekt, dass sich die vier Opern, dadurch, dass man immer wieder bekannte Gesichter sieht, noch mehr wie ein in sich geschlossenes, großes Werk anfühlen.

Natürlich sind es dennoch zu viele Sänger:innen, um sie alle einzeln zu besprechen. An dieser Stelle sei nur gesagt: In diesem Ring tritt nicht eine Sänger:in auf, der oder die seiner Partie nicht voll und ganz gewachsen ist. Besonders hervor sticht, neben den bereits genannten Personen, selbstverständlich noch Manuela Uhl als Brünnhilde, die in der Höhe mitunter ein wenig schrill gerät, aber dafür in der Tiefe mit einem sehr angenehmen, warmen Timbre aufwartet. Kathrin Wundsam überzeugt mit leichtem, und doch kräftigem Mezzosopran als Fricka genauso wie als erste Norn und Waltraute. Paul Kaufmann ist ein äußerst souveräner Mime. Zuletzt ist da noch Ks. Thomas de Vries als Alberich. Sein Titel sei in diesem Text erwähnt, denn kaum jemand hat den so sehr verdient wie de Vries. Sein Alberich ist schlichtweg großartig. Er singt die Rolle mit herrlich dunkler und doch strahlender Baritonstimme, sowie einer Kraft, die auch einem Wotan durchaus gerecht würde. Seine herausragende Phrasierung und ausgefeiltes Schauspiel machen ihn zu einer nahezu idealen Besetzung für den Nibelung, der die Ring-Handlung erst ins Rollen bringt. Die Regie mag chaotisch sein, vor allem im Siegfried. Aber für das, was die vielen beteiligten Künstler:innen und Künstler allem Regie- und Umbesetzungschaos zum Trotz an vier Abenden auf der Bühne leisten – dafür lohnt sich sogar eine längere Anreise nach Wiesbaden.

 

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