Richard Wagners „DIE WALKÜRE“ in der Staatsoper Hamburg: berührend – stimmschön – ergreifend!

Staatsoper Hamburg/ DIE WALKÜRE/ Foto @ Monika Rittershaus

Freudiges Entzücken, lang vor dem Feuerzauber entfacht, denn stimmschön waltet nicht allein Wotan…

Richard Wagners vierteilige, musikalische Version der Nibelungensaga „Der Ring des Nibelungen“ besteht bekanntermaßen aus „Das Rheingold“, dem Vorabend, wie den drei Abenden: „Die Walküre“, die gestern in der Staatsoper Hamburg aufgeführt wurde, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“. Viele Besonderheiten zeichnen Wagners imposantes Werk aus. Da sind zu einem die annähernd 200 Leitmotive. Dabei werden viele Motive nicht alleine in einem der vier Stücke zu hören, sondern begrüßen den Zuhörer auch in den anderen wie ein guter Bekannter oder nimmt zu Erwartendes vorweg. Die Bekanntesten dieser Leitmotive sind sicherlich das „Ringmotiv“, das „Loge/Feuermotiv“ und unter vielen anderen nicht zuletzt das Motiv des Walkürenritts. (Rezension der Vorstellung vom 11. November 2018)

 

Wie auch in den meisten anderen seiner Opern, beschäftigen sich auch „Der Ring“ – und somit auch „Die Walküre“ – inhaltlich mit viel mehr als Liebesverirrungen und -leid. Hier geht es in erster Linie um das Welt(-en)geschehen, die Welt(-en)macht. Dies zeigt sich auch in der Sprache, denn kaum ein anderer Komponist setzt so auf das Stilmittel der Alliteration wie Wagner. Da bietet sich ein Inhaltsumriss, der sich ein wenig Wagners Sprachstil anpasst, geradezu an.

Weltvater Wotan, der den Ring der Macht an die maßlosen Riesen verlor, wählte Siegmund, den Sohn, zum Helden. Auf der Flucht vor Verfolgern sucht Siegmund Schutz an Hundings heimischen Herd. Sieglinde, dessen Weib, lässt ihn ein. Erkennt in dem Fremden den Zwilling, wie Hunding in ihm den Feind. Bruder und Schwester finden das von Wotan verhießene Schwert und fliehen fortan als Geliebte. Wotans Frau Fricka, die Hüterin von Herd und Ehe, zwingt Wotan, Siegmund Hunding im Kampf zu opfern. Nach langem Zaudern, richtet Wotan sich nach Frickas Sinn, befielt der Walküre, den Helden zu fällen. Brünnhilde aber widersetzt sich Wotans Wunsch, flieht mit Sieglinde. So tötet Wotan widerstrebend den Sohn selbst, verfolgt Brünnhilde und bannt sie im Schlaf auf einen Felsen, von einem Feuerringe umgeben, auf dass, ein hehrer Held, die Holde erweckt und so zum Weib sich gewinnt.  (Text im Stile des Meisters von Birgit Kleinfeld) 

Regisseur Claus Guth und Bühnenbildner Christian Schmidt versetzen die Handlung in ihrer Version in ein zeitloses Hier und Jetzt, machen oberflächlich betrachtet daraus das Drama einer großbürgerlichen Familie, die weder Einfluss noch Macht verlieren will: Gehorsam wird erwartet, Ungehorsam, auch wenn er edle Motive hat, bestraft. In Personendarstellung und -führung setzt Guth auf klare, wie auch subtile Gesten. So betritt Siegmund im ersten auf einen Wink Wotans Hundings Haus und auf ein Fingerschnipsen hin  beginnt Sieglinde zu handeln. Hunding zieht Sieglinde rüde auf seinen Schoß und macht so klar, wer Herr von Haus und Frau ist. In der Konfrontation mit seiner Gattin, wird aus dem souveränen Gott der gefügige Gatte. Die kämpferische Brünnhilde nimmt endlich gehorsam die Strafe an, bereitet sich ihr Lager selbst.

Staatsoper Hamburg/ DIE WALKÜRE/ Foto @ Monika Rittershaus

Befanden wir uns in „Rheingold“ noch in eben jener großbürgerlichen Villa, in der anstatt einer überdimensionalen Modellbahnanlage ein Weltenmodell viel Raum einnimmt, so finden wir uns nun im 1. Akt in Hundings einfach gestalteter Wohnküche wieder. Der zweite Akt zeigt Wotans Büro, samt das an die Wand gelehntem Weltenmodel und auch Miniaturausgaben von Hundings Haus und dem Schlafsaal der Walküren mit Stockbetten in einem Abrisshaus. Mag man der Szenerie auch skeptisch gegenüberstehen, so sind die Schatten werfenden Lichteffekte und der Feuerzauber mit echter „Waberlohe“ beeindruckend.

Durchweg faszinierend jedoch waren die Leistungen sämtlicher Protagonisten und nur Brünnhildes Schwestern – die Walküren, (Maida Hundeling, Hellen Kwon, Gabriele Rossmanith, Irmgard Vilsmaier, Katja Pieweck, Ida Aldrian, Ann-Beth Solvang, Marta Swiderska) klangen an wenigen Stellen nicht ganz so einhellig, wie es für gemeinsam Kämpfende sein sollte. Auch Mihoko Fujimuras Fricka mangelte es hier und da an stimmlicher Überzeugung, wie auch an textlicher Verständlichkeit, jedoch nicht an der Darstellung einer energischen Göttin und Ehefrau. Doch sind diese Beanstandungen gering und nur der Vollständigkeit wegen, der Erwähnung wert. 

Alexander Tsymbalyuk zeigte ein Mal mehr, wie bereichernd ein einspringender Sänger für den gesamten Abend sein kann. Der Hüne gab einen herrsch- und rachsüchtigen Hunding, dessen Bass jedoch in seiner Fülle und Eindringlichkeit sofort in den Bann zog. Faszinierte Tsymbalyuk bereits als Graf Gremin in Tschaikowskys „Eugen Onegin“, so weckte seine gestrige Darstellung endgültig den Wunsch, ihn in einer abendfüllenden Partie erleben zu dürfen.

Staatsoper Hamburg/ DIE WALKÜRE/ Foto @ Monika Rittershaus

Robert Dean Smith als Siegmund erinnerte in seinem übergroßen Parka und seiner gebückten Haltung wahrhaftig an einen Verfolgten. Erst durch Sieglindes anfangs zaghafte Berührung wird er allmählich ein anderer, ändert Haltung und Attitüde, bis er endlich zum selbstlosen Helden wird, der für die Liebe auf Walhall verzichten will. Smith hat biegsamen „wagnerischen“ Stahl in seinem Tenor und bis zum letzten Ton, dank guter Stimmführung bewunderungswertes Durchhaltevermögen. Smiths „Wälse-Rufe“ schienen nicht enden zu wollen. Seine „Winterstürme …“ klangen so gefühlvoll, wie sein „Ein Schwert verhieß mir der Vater …“ und auch sein „Grüß mir Walhall …“ voller Kraft und Entschlossenheit waren.

Jennifer Holloways zarte Erscheinung passt zu der devoten Schicksalsergebenen Sieglinde. Doch auch ihr gelingt die Entwicklung zur starken, liebenden Frau, die bereit ist, erst für den Geliebten, dann für den ungeborenen Sohn Siegfried alles auf sich zu nehmen. Stimmlich berührte sie mit wandelbaren Sopran und einem großen Tonregister. So gehören zu ihren Rollen, der Oktavian im „Rosenkavalier“, genauso wie die Musetta. Ihre Sieglinde ist zart und kraftvoll zugleich und allein ihr: „O hehrstes Wunder! Herrlichste Maid!“ verursachte Gänsehaut. Auch umgab sie schon als schüchterne Ehefrau ein Strahlen, das von großer Bühnenpersönlichkeit zeugt.

Lise Lindström beeindruckte als eine Brünnhilde, die durch und durch Soldatin/Walküre, aber dennoch auch Tochter ist: Kühl beherrscht im Gehorsam wie auch im Ungehorsam, stets eher überlegt als leidenschaftlich und empathisch. So fehlte ein spürbarer Bruch, wenn Brünnhilde sich entscheidet, Siegmund doch zu schützen, wider aller Befehle. Die Ergebenheit jedoch, als sie sich das Gesicht an einem alten Waschbecken wäscht und sich das Straflager selbst bereitet, hat etwas Berührendes, da auch hier der Wunsch nach Beherrschtheit, spürbar ist. Stimmlich hatte sie, besonders in den ersten „Hojatoho“-Rufen eine gewisse – passende?- Schärfe, doch ansonsten bezauberte sie durch die klare Reinheit in allen Lagen. Sie wird auch die Siegfried- und die Götterdämmerung-Brünnhilde singen. Etwas, was das Publikum sicher mit großer Spannung erwarten darf.

Staatsoper Hamburg/ DIE WALKÜRE/ Foto @ Monika Rittershaus

John Lundgren endlich, war ein „stimmschön waltender“ Wotan. Schon als „Der fliegende Holländer“ in Wagners gleichnamiger Oper, fiel der Bariton durch seine besondere Ausstrahlung, sein intensives Spiel und einer Stimme, die man nicht anders, als „einfach wunderschön“ bezeichnen kann, dem Hamburger Publikum auf. Lundgren verfügt nicht nur über einen nicht geringen Stimmumfang, seinem Bariton wohnt dabei noch eine warme Klarheit inne, die ihn zusammen mit seiner Fähigkeit, scheinbar mühelos Gefühl durch Töne und nicht nur Worte auszudrücken, zu einem ganz besonderen Wotan macht. Es fällt Lundgren leicht in einem Moment der despotische Gott und dann wieder der zerrissen liebende Vater zu sein. Der seine Lieblingstochter straft und dann doch zärtlich küsst. Selten – nein, noch nie – war ich den Tränen bei einem „Abschied und Feuerzauber“ so nah wie am gestrigen Abend.

Kent Nagano führte sein Philharmonisches Staatsorchester Hamburg mit Verve und besonders im Finale mit unerwartet viel Einfühlungsvermögen, und sie folgten ihm und auch hier galt, gerade die wenigen Patzer in den Bläsern trugen dazu bei, dass dem Publikum der Anspruch, den dieser Abend an alle Beteiligten stellte, bewusst wurde. Sodass es leicht fiel, das Gesehene und Gehörte zu schätzen und mit gebührendem Applaus zu honorieren.

 

  • Rezension der Vorstellung vom 11.11.2018 in der Hamburgischen Staatsoper von Birgit Kleinfeld
  • Die Staatsoper Hamburg im Internet
  • Titelfoto und alle weiteren: Staatsoper Hamburg/ DIE WALKÜRE/ @ Monika Rittershaus

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