Otello von Gioachino Rossini an der Oper Frankfurt – „Die sechs Tenöre“

Oper Frankfurt/OTELLO/Enea Scala (Otello) und Theo Lebow (Jago)/Foto @ Barbara Aumüller

Otello ossia il Moro di Venezia ist ein Dramma per Musica in drei Akten von Gioachino Rossini (geb. 29.2.1792 in Pesaro, gest. 13.11.1868 in Passy). Das Libretto verfasste Francesco Maria Berio nach „Othello ou le more de Venise“ von Jean-François Ducis (1792) und Giovanni Carlo Baron Cosenzas „Otello“ (1813) sowie „The Tragedy of Othello, the Moore of Venice“ von Shakespeares (1603). Die Uraufführung fand am 4. Dezember 1816 im Teatro del Fondo in Neapel statt und entwickelte sich schnell zu einem richtigen Intendantenschreck. Sechs Tenöre braucht diese Oper, der Leiter der Oper in Neapel hatte sechs Tenöre gleichzeitig zu beschäftigen und verlangte von Rossini eine entsprechende Ausstattung seiner Oper. ( Besuchte Vorstellung: Premiere am 8. September 2019

 

Berios Libretto weicht deutlich von Shakespeares Othello ab. Die Handlung wurde verändert, der Ort von Zypern nach Venedig verlegt und die Charaktere Shakespeares behalten kaum mehr als ihre Namen. Dieses Vorgehen war zwar damals nicht unüblich, führte aber schon bei Zeitgenossen zu teilweise scharfer Kritik.

Beispielsweise bei Byron, der über eine Aufführung von 1818 schrieb: „Sie haben Othello zu einer Oper verunstaltet, Musik gut, aber unheilvoll, doch was den Text betrifft!, alle echten Szenen mit Jago gestrichen und stattdessen der größte Unsinn: Das Taschentuch hat sich in einen Liebesbrief verwandelt. Bühnenbild, Kostüme und Musik sehr gut.

Stendhal, der die Oper 1817 gehört hatte, schrieb: „Der üble Librettist muss eine Art Genie gewesen sein, um die überwältigendste Tragödie, die je auf der Bühne zu sehen war, zu so einem faden Stück Abgeschmacktheit zu reduzieren. Andererseits hat Rossini ihm, soviel er konnte, dabei geholfen.“

Auch der Rossini-Biograph Richard Osborne kritisierte das Libretto: „Sein Umgang mit dem Hauptthema des Stückes ist albern. Die Handlung ist reduziert auf das Muster eines empfindlichen Vaters, einer vor Liebe vergehenden Tochter, eines heroischen Liebhabers und eines ränkevollen Rivalen.“ Es gibt weder eine Auftrittsarie Desdemonas noch ein Liebesduett. Der dritte Akt dagegen sei „so etwas wie der triumphale Höhepunkt“. Richard Osborne zufolge steht nicht die Titelfigur Otello im Mittelpunkt der Oper, sondern Desdemona, „eine der überzeugendsten Heldinnen des Ottocento“.

Giacomo Meyerbeer schrieb am 17. September 1818 aus Venedig: „Die alten Theaterroutinisten sprachen schon das Wort Fiasco aus, besonders da man wusste, dass der dritte Akt nur drei Stücke enthielt, wovon zwei (eine Romanze und eine Preghiera) noch obendrein ganz klein waren. Und doch haben diese beiden kleinen Stücke nicht nur die Oper gerettet, sondern sie zu einem solchen Fuoror gebracht, desgleichen man seits 20 Jahren sich nicht erinnert.“

Die Personen

Otello, ein muslimischer Geschäftsmann (Tenor)
Elmiro, Senator von Venedig (Bass)
Desdemona, Elmiros Tochter (Sopran)
Emilia, Zofe und Vertraute (Mezzosopran), hier die Schwester von Desdemona
Der Doge (Tenor)
Jago, Offizier (Tenor), hier der Cousin von Rodrigo
Rodrigo, Offizier (Tenor), der Sohn des Dogen
Lucio, in Otellos Gefolge (Tenor), hier der Arzt
Ein Gondoliere (Tenor)
Venezianische Edle, Offiziere, Soldaten, Volk

Venedig im 15. Jahrhundert

 

Die Inszenierung

Eine bebilderte Ouvertüre, in der diese Personen wirklich auf die Bühne treten, man fühlt sich an eine Familienaufstellung erinnert, ihre Namen werden auf den Gazevorhang projiziert, das ist ein schöner Einstieg in den Abend.

Oper Frankfurt/ OTELLO/Nino Machaidze (Desdemona)/ Foto @ Barbara Aumüller

Ein großer feststehender Bühnenraum, ein kühler Palazzo, der wechselnd im vorderen und hinteren Bereich bespielt wird. Ein grünes Sofa spielt eine wichtige Rolle. Immer wieder wird es als Rückzugsort genutzt, ich glaube, jede und jeder sitzt dort mal, es steht schließlich auch links an der Wand, bietet Rückendeckung. Der einzige Wandschmuck ist ein Bild von Paolo und Francesca, einem Liebespaar aus Dante Alighieris Göttlicher Komödie. Im 2. Höllenkreis büßen Paolo Malatesta und Francesca da Rimini für die Sünden der Wollust. Francesca war mit Giovanni („Gianciotto“) Malatesta verheiratet, der als kriegerisch und grausam, aber auch als verkrüppelt oder lahm beschrieben wird, und hatte mit dessen Bruder Paolo („il Bello“) Ehebruch begangen. Gianciotto soll die beiden ertappt und anschließend ermordet haben. Ein Schwert hat die beiden Liebenden gemeinsam durchbohrt. Die Personen aus diesem Bild spielen eine Rolle in dieser Inszenierung.

 

Die Handlung nach Berio

 

Erster Akt

Der siegreich aus dem Türkenkrieg heimkehrende Otello wird vom Dogen und Venedigs Senatoren freudig begrüsst und als Sohn der Republik aufgenommen. Jago und Rodrigo hassen ihren Feldherrn und missgönnen ihm seinen Ruhm. Elmiro, Desdemonas Vater, neidet dem Mohren seine Macht, weiss aber nicht, dass seine Tochter Otello liebt. Desdemona vertraut Emilia an, dass sie die Haltung ihres Vaters Otello gegenüber beunruhigt. Ihr Vater hat einen Brief und eine Locke, die sie Otello als Liebespfand schicken wollte, an sich genommen. Er hat Rodrigo als Dedemonas Gatten erwählt. Otello kommt dazu, als Elmiro die Verlobung seiner Tochter mit Rodrigo bekannt geben will und erklärt, dass Desdemona ihm ewige Treue geschworen hat. Als diese Otellos Worte bestätigt, wird sie von ihrem wütenden Vater mit Rodrigo zusammen fortgezogen.

Zweiter Akt

Rodrigo bittet Desdemona noch einmal, ihn zu erhören, doch diese bedeutet ihm, bereits mit Otello vermählt zu sein. Der Mohr zweifelt bereits an der Treue seiner Frau, da er lange nichts von ihr gehört hat. In diesem Glauben wird er von dem tückischen Jago noch bestärkt, der Brief und Locke vorzeigt, die er von Rodrigo bekommen hat. Wütend beginnt er mit Rodrigo, der sich mit Otello versöhnen wollte, Streit und fordert ihn zum Duell. Die hinzueilende Desdemona weiß nicht, warum Otello sich so sonderbar benimmt, atmet aber auf, als sie hört, dass er bei dem Duell unverletzt blieb. Da erscheint plötzlich ihr Vater und verstößt sie. Otello fordert Jago auf, seinen angeblichen Nebenbuhler zu beseitigen.

Dritter Akt

Desdemona ist unglücklich, weil Otello ihr Haus nicht mehr betreten darf und ihr Vater sie meidet. Betrübt schläft sie ein, ohne dass Emilia sie trösten kann. Da tritt Otello durch eine Geheimtür, beschuldigt sie heftig des Verrats und erzählt, dass Jago ihren Liebhaber Rodrigo töten werde. Als Desdemona bei dieser Nachricht zusammenbricht, nimmt der Mohr fälschlich an, dass sie um Rodrigo weint und ersticht sie in rasender Eifersucht. Da meldet Lucio, dass Jago, von Rodrigo erschlagen, den Verrat gestanden hat. Otello, der sein Verbrechen erkennt, ersticht sich.

 

Die Inszenierung

Die Geschichte, wie Damiano Michieletto sie inszeniert, weicht in den Eifersuchtsszenen nicht von Berios Libretto ab. Auf diesen Macho-Phantasien beruht schließlich die Geschichte, zwei Kerle kämpfen um eine Frau, sie wird natürlich nicht gefragt. Aber Michielettos Sicht ist eine moderne Version.

Den Türkenkrieg gibt es nicht, Otello ist ein arabischer Geschäftsmann, sein Geld ist in den snobistischen venezianischen Kreisen hoch willkommen. Vom Dogen erhält er das Bürgerrecht. Wenn es aber darum geht, persönlich akzeptiert zu werden als möglicher Ehemann einer venezianischen Senatorentochter, dann ist das völlig indiskutabel. Längst gibt es die Ehe-Absprache zwischen dem Dogen und Elmiro, dass die Kinder Rodrigo und Desdemona heiraten. Sie zumindest wurde wieder nicht gefragt.

Oper Frankfurt/ OTELLO/Nino Machaidze (Desdemona) und Enea Scala (Otello) , Ensemble/ Foto @ Barbara Aumüller

Otello schenkt Desdemona ein schwarzes Tuch und wie um seine Ansprüche und auch seine religiöse Ausrichtung zu demonstrieren, drapiert er es ihr um den Kopf. Sie wirkt zwar irritiert, belässt es aber dort. Eine kleine, scheinbar harmlose Geste, die aber zum gesellschaftlichen Aufruhr führt. Erst ihr Vater befreit sie von dem Tuch. Im zweiten Akt rollt Otello dann auch seine Sajada, den Gebetsteppich, zu seiner Verzweiflungsarie „Che feci?.. ove mi trasse“ aus.

Oper Frankfurt/OTELLO/Theo Lebow (Jago) und Nino Machaidze (Desdemona)/Foto @ Barbara Aumüller

Immer wieder betritt Jago die Szene, ein Intrigant durch und durch, er wirkt mit seinem hyperaktiven Auftreten und den schwarzen Lederhandschuhen wie eine Katze auf Beutefang, die sich dabei die Krallen wetzt. Alessandro Carletti, der für das Licht verantwortlich ist, wählt für diese Szenen ein fahles graugrün.

Emilia, der sich die verzweifelte und sehr unsichere Desdemona immer wieder anvertraut, ist als hochgradig boshafte Schwester inszeniert. Francesca aus dem Dante-Bild, wir erinnern uns, tritt in einer stummen Rolle auf, sehr elegant wie eine Tänzerin. Sie reicht den Schwestern das Schwert (aus dem Bild), die beiden könnten etwas damit unternehmen, so weit kommt es aber nicht.

Oper Frankfurt/OTELLO/Nino Machaidze (Desdemona), Thomas Faulkner (Elmiro Barberigo), Enea Scala (Otello; mit Turban) und Ensemble/Foto @ Barbara Aumüller

Dass es sich bei diesem Otello um ein Psychodrama handelt wird so richtig deutlich, als die Verlobung von Desdemona und Rodrigo gefeiert werden soll. Jago ist es, der Desdemona das Verlobungskleid reicht, und sich mit diesem Kleid auf dem Boden wälzt, als sie es nicht annehmen will. Eine Szene wilden Begehrens.

Die Festgesellschaft in einem großartig geschmückten Bankettsaal mit riesigem Kronleuchter agiert so subtil bedrängend, dass einem die Haare zu Berge stehen, eine wunderbare Personenregie.

Oper Frankfurt/OTELLO/Kelsey Lauritano (Emilia; im roten Kleid), Enea Scala (Otello) und Jack Swanson (Rodrigo), Ensemble /Foto @ Barbara Aumüller

Zum Ende des ersten Aktes beschmiert Jago dann Otellos Hände mit schwarzer Farbe aus einer Kaviarschale, Erdöl womöglich symbolisierend? Jeder, der Otello nunmehr berührt oder von ihm berührt wird, wird nun auch besudelt, unrein.

Rodrigo will seinen Vater, der die Verbindung mit Desdemona verlangt, nicht enttäuschen und gehorcht ihm, auch wenn er sich in Wahrheit zum anderen Geschlecht hingezogen fühlt. Aber ausgerechnet Jago? Bevor sie sich küssen singt Rodrigo „Deine Lippen geben meiner Seele Ruhe“. Was ist an diesem schmierigen, verhaltensauffälligen und intriganten Jago attraktiv? Allerdings ist Jagos Zeichnung durch Michieletto auch eine schlüssige Erklärung für jenen Selbsthass, den Jago letztendlich am erfolgreichen Moslem Otello und an der unschuldigen Desdemona auslebt. Elmiro sagt sich von seiner Tochter Desdemona los, indem er ihr Bild mit schwarzer Schleife wie bei einem Begräbnis mit weißen Lilien drapieren lässt.

Otello soll in die Verbannung. Desdemona glaubt nicht mehr an die Liebe, sie gibt sich völlig ihrem Schmerz hin, als sie Dantes Worte hört: „Nichts schmerzt so sehr, als sich an das Glück zu erinnern, wenn man in Not ist.“ In Erinnerung an ihre Freundin Isaura, die ihr Schicksal teilt, singt sie deren Lieblingslied von der Weide, begleitet von einer Harfe.

Oper Frankfurt/OTELLO/Kelsey Lauritano ( Enea Scala (Otello) und Nino Machaidze (Desdemona) ,Ensemble /Foto @ Barbara Aumüller

Wenn sich Desdemona im Finale erschießt, so ist es das ganze Familiengeflecht, das sie auf dem Gewissen hat. Am wenigsten Otello selbst. Denn der praktizierende Moslem ist definitiv der charismatische Sympathieträger in einer Welt voller profit- und prestigegieriger sowie elitär selbstgefälliger Oberschichtler.


Die Sängerinnen und Sänger

Enea Scala als Otello, Jack Swanson als Rodrigo und Theo Lebow als Jago, ich stelle sie hier in eine Reihe. Große Stimmen, phantastisch gute Schauspieler alle drei. Rossini hat eine Belcanto-Oper geschrieben, eine Nummern-Revue. Dank dieser wunderbaren Tenöre ist das Bösartige hinter dem Schöngesang zu hören und zu sehen.

Nino Machaidze als Desdemona, sie ist die Einzige, die diese Rolle bereits in der vom Theater an der Wien übernommenen Inszenierung gesungen hat. Besonders kraftvoll ist ihr schöner Sopran in den ganz leisen Tönen.

Kelsey Lauritano als Emilia, eine boshafte kleine Schwester

Hans-Jürgen Lazar singt und spielt den im Rollstuhl sitzenden Dogen weit weniger clownesk, als er sonst seine Rollen gestaltet.

Thomas Faulkner ist Elmiro, stocksteif in seiner Rolle, ein standesbewusster Senator.

Michael Petruccelli hat als Lucio, der Familienarzt, nur eine kleine Rolle, ist aber der sechste Tenor in der illustren Runde.

Unter der musikalischen Leitung von Sesto Quatrini spielte das Frankfurter Opern-und Museumsorchester, es sang der Chor der Oper Frankfurt, einstudiert von Chorleiter Tilman Michael.

Inszeniert hat Daminiano Michieletto, der mich nach seinem „Der Ferne Klang“ einmal mehr begeistert hat.

Bühnenbild von Paolo Fantin, Kostüme Carla Teti, Licht Alessandro Carletti.

 

  • Rezension von Angelika Matthäus / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Frankfurt / Stückeseite
  • Titelfoto: Oper Frankfurt/OTELLO/Kelsey Lauritano (Emilia; im roten Kleid), Enea Scala (Otello) und Jack Swanson (Rodrigo), Ensemble /Foto @ Barbara Aumüller

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